reif Zeitung
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„Freiheit »nd Ueeüt!"
Miesöaderi. Samstag, 29. September
MM.
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Offene Briefe.
K Wiesbaden, 28. September.
II.
M e i n Freund! Mein letzter Brief hatte mit der Behauptung geendet, daß in gleichem Grade, wie Deine Erwartungen von dem amerikanischen Glücke überspannt sein möchten, Deine Hoffnungslosigkeit bei der dermaligen momentanen Niederlage der deutschen Demokratie eine vollständig unbegründete sei.
Es soll die Aufgabe dieses Briefes sein, näher zu entwickle«, wie die Aussichten, welche die Demokratie in Europa für einen endlichen Sieg hat, keineswegs durch die Ereignisse der jüngsten Zeit an Stärke verloren, sondern vielmehr an letzterer nur gewonnen haben.
Mein Theurer, Du bist, wie ich fest überzeugt: es geht dermalen ein neues Sehnen durch alle Völker der civilisirten Welt: Du glaubst mit mir, daß es sich setzt nicht bloß handle um die Kettenabnahme bei diesem oder jenem Volke, nein, daß jetzt gearbeitet werde an der wirklichen Befreiung der ganzen civilisirten Menschheit; daß jetzt das wunde Her; der ganzen Menschheit mit heißem Verlangen nach dem Tage sich sehne, von welchem an beide — einestheils der der Wollust und allen häßlichen Begierden, die der Besitz des unumschränkten Geldsacks einflößt, unrettbar zum Sklaven verfallene Reiche, und anderntheils der von dem Verführer, welcher Steine statt Brod anbietet, leider so oft geblendete und gefangene Arme — in nie ermessener Freude als wahrhaft Freie sich fühlen und begreifen; Du glaubst mit mir, daß unsere /eit berechtigt ist, der baldigen Geburt eines neuen Messias: d. h. einer die ganze Welt befruchtenden großen Idee, entgegenzuschauen, und oftmals hast Du ja auch mit mir unsre verlangende, zerrissene und an sich selbst verzweifelnde Gegenwart mit der weltgeschichtlichen Epoche, die unmittelbar der Erscheinung des Weltheilands vorherging, verglichen, und in den Erscheinungen jener Epoche und denen unserer Jetztzeit, die überraschendste Uebereinstimmung gefunden.
Da aber, wo die Noth am größten, am schreiendsten ist, da muß auch natürlich die rettende That am nächsten stehen.
Gerade weil in Europa uns alle Verhältnisse so trostlos erscheinen, gerade weil daselbst alle Freuden des Lebens Gefahr laufen, durch bittern Groll getrübt, durch hämischen Neid vergiftet, durch die immerquälende Nahrungssorge und die bleiche Angst „um das tägliche Brod" gebeugt werden, gerade deßhalb wird Europa, vor der neuen Welt jenseits des Oceans, die neue Welt der Ideen aus seinemSchooße gebären.
Aus den Gräbern erblühen die schönsten Blumen, aus Moder und Schutt erheben sich am üppigsten die Nosengewinde, und nie solltest Du vergessen, daß Ehn- stus von einer armen Mutter geboren wurde und in einem Stalle, in einer Krippe zuerst das Licht der Welt "^Wenn Du auch ferner erwägst, daß ganz Europa nahe an 300 Millionen Einwohner zählt, ganz Amerika aber nur gegen 50 Millionen: so wirst Du weiter geneigt sein, zuzugeben, daß die Geschicke Europas viel schwerer in der Waage der Menschheit wiegen müssen, als diejenigen Amerikas. — So viel steht nun frei ick fest: daß, während das Leben eines Menschen in der transatlantischen Republik dermalen ohne Kampf und bei einiger Thätigkeit in großer Behaglichkeit fiel) abspinnen mag, hier in Europa für jetzt und vielleicht auch noch für eine lange Zukunft nur Kampfe und Schlachten — solche der Geister, wie der Leiber — in Aussicht stehen.
Entnervte , verweichlichte und weibisme Naturen mögen deßhalb jetzt wohl einen großen Drang verspüren, dem geharnischten Europa Lebewohl zu sagen: allein so wie ich Dich kenne, dessen große Willens-
Aufopferungsfähigkeit und kecke Kampfeslust ich oftmals bewundernd angestaunt habe, kann ich mir nie teilten, daß Dich die Furch vor drohenden Gefahren von Europa vertreiben könnte.
Das bedenke aber wohl, mein Geliebter, das wa- ckere Herz eines Mannes, und sei es auch nur eines Mannes , es wiegt schwer, unendlich schwer in einer
I è, unhèè M und das laste nie außer Acht. [ nichts weniger als Nachbeter des ruMschen L-Svdtismus daN innerer -leit. und loeriell unserem theuren i , , .' • — copolumus,
daß unserer Zeit, und speziell unserem theuren Vaterlande, vor allem feste, biedere Männer mit geradem Sinne noththun und daß wir jetzt große Herzen haben müssen, die den Muth zur Ausführung besitzen.
Ich habe bisher vorzugsweise von der sozialen Frage geredet, und folgeweise ganz Europa immer vor Äugen gehabt, da ja eben diese Frage keine Frage eines bestimmten Volkes, eines bestimmten Landes, sondern eine solche der ganzen europäischen Menschheit ist.
Die nationalen Fragen eines einzelnen Volkes sind dem letztren nun zwar in der Regel ganz ausschließlich eigen: allein wenn man erstens erwägt,
daß dermalen alle Staaten Europas wieder gleichsam einen großen europäischen Staat bilden, welchem in unsern Tagen die Diplomatie der fünf Großmächte Gesetze vorschreibt, und zweitens, daß die sozialen Fragen so viele Momente in sich tragen, welche ebenso- viele Verbindungsglieder zwischen jenen Fragen und den rein nationalen Angelegenheiten abgeben, so wird man sich wohl ohne Zweifel damit einverstanden erklären müssen, daß auch die nationalen Fragen der einzelnen Länder Europas heutzutage mehr als je in ihrer Fortentwicklung sich gegenseitig bedingen.
Bei dieser Herrschaft der fünf Großmächte, dieser Pentarchie, erlaube mir nun noch eine kleine Zeit zu verweilen.
Ich habe gesagt: die fünf Großmächte bestimmen die Geschicke Europas, ich füge hinzu: unter diesen fünf wird selten Einhelligkeit der Meinungen bestehen, es wird also die letzte Entscheidung von einer bloßen Mehrheit unter den fünf — schon von vier oder gar drei — abhängen.
Seit der Niederwerfung Napoleons hat sich nun in der That eine ganz konstante Mehrheit gebildet und diese Mehrheit besteht aus den drei Großmächten: Rfußland, Preußen, Oesterreich: oder aus der sog. heiligen Allianz. Diese heilige Allianz bestimmt seit 18I5 ununterbrochen und maßgebend die Geschicke Europa's. Frankreich und England sind hinlänglich im Stande, gegen die Bestrebungen der heiligen Allianz ein vollkommen genügendes Gegengewicht herzustellen, allein nur, wenn sie beide einig sind. Da nun aber schon seit undenklichen Zeiten zwischen dem französischen und englischen Volke starke Rivalitäten stattgefunden, und im Augenblick noch keineswegs ganz aufgehört haben, so hat nie zwischen denselben eine eigentliche entente cordiaie ein herzliches Einverstänvmß sich befestigen wollen: und deshalb konnte denn auch die heilige Allianz das Ruder des europäischen Staats, wenn Du mir diesen Ausdruck gestatten willst, bereits so lange Zeit und ziemlick unbeschränkt führen. Räumst Du mir die Herrschaft der heiligen Allianz in Europa von dem angegebenen Zeitpunkte an ein, so wirst Du gewiß auch den weitern Schritt mit mir thun und erklären, — daß, da — was fast jedes Kind auf der Straße sich heuer erzählt — Rußland, in der heiligen Allianz selbst wieder, als der mächtigste und konsequenteste Staat, dem Preußen und Oesterreich als willige Diener bisher folgten, — bei allen Fragen allein die Entscheidung gegeben hat, und bei unveränderter Sachlage auch ferner geben wird, eben schon jetzt dies Rußland ganz Europa förmlich beherrscht.
So haben also alle civilisirten Volker Europa's das eine nationale Interesse, das Ab schütteln der eisigen Jesseln Rußlands, gewiß gemeinsam, und da in der That dieses Äbschleudcrn der russischen Knechtschaft als ganz gleichbedeutend erscheint mit der Erlangung Der politischen Freiheit für die gebildeten Völker Europa's: so steht auch folgeweise fest, daß jeder einzelne Freiheitskampf eines einzeln Volks für die Freiheit aller Völker Europa's bedeutsam ist, und weiter, daß dasjenige Volk ganz besonders in der Erringung der Freiheit für alle Völker Europa's sich unsterbliche Verdienste erobern wird, welches mit jenem Koloß Mann gegen Mann und Aug in Auge den Kampf auf Leben und Tod aufzunehmen wagt. Das Land aber, welches vor allen andern den Beruf zu haben scheint, diesen Kampf gegen den russischen Despotismus aufzunehmen, es ist, mein Freunv, u nj e r theures Vaterland, unser geliebtes Deutschland. Oestreich und Preußen, bisher nichts mehr und
Haben durch den Beistand des federn einesteils ihre eignen Volker m steter Unterwürfigkeit erhalten, und sodann in dankbarer Anerkennung nach russischen Win- ken andere Völker — die Polen, die Ungarn, die Ezechen^dle Südslaven (Illyrier) die Italiener, unter- jochü Gr Oestreich wie in Preußen bilden aber die Deutschen das herrschende Element; die Schmach, welche der Dienst für russischen Despotismus mit sich
'"IM auf den deutschen Namen selbst zii- Nick. Aber die deutsche Nation wird diese Schmach abwaschen; sie wird den großen Kamps mit Rußland aufnehmen, und durch diesen Kampf w erde n in der That Oestreich und Preußen durchaus in Deutschland aufgeh e il, uuv aus diesem Kampf e wird r e i n und klar die deutsche Einheit erstehen, und a in E n d e d i e s e s K a m p f e ö wird u n s ein freies und demokratisches Deutschland entgegen- ftrahlen! 3 d
Doch ich höre Dich staunend fragen: „wie? von diesem entarteten Geschlecht hoffst Du also wirklich noch; fiepe doch hm nach Frankreich: welche Erschlaf- sung;Ziehe hin nach Deutschland: welche Ohnmacht!!" Und ich erwiedere Dir: o Freund, Du verlangst Unbillige«.', Du stellst die Forderung der Unmöglichkeit: wenn Du begehrst, Deutschland solle in einem Jahre neu sich gestalten. Erinnere Dich doch einmal eine Weile daran, was Deutschland vor dein März 1848 war, und ferner: welch hohes Ziel sich die deutsche Deinocratie vorgesteckt hat: und dann urtheile! ^em Volk der Erde hat faum je für seine Freiheit mit» E.nheit unter ungünstigeren Verhältnissen gesock-
' a‘v ^ deutsche: denn ist nicht das deutsche ^olr einem Körper gleich, dessen Glieder man von einander getrennt hat, und einzeln mit eisernen Klammern gefangen hält! Welche Mühe, welche Anstrengungen sind erforderlich, um diese zerfetzten, los- gerissenen Glieder wieder harmonisch an einander zu fügen, welche Geduld, um allen einzeln Glieder w e- der die freie Bewegung zu verschaffen!!
Wie eine Eiche in einem Jahr nicht auswächst, wie der Ehimborasso in einem Tage nicht erstiegen werden und wie der Tejo bei Lissabon nicht in einer Minute durchschwommen werden kann: so kann auch in einem Jahre ein großes Reich nicht zur größtmöglichen BlüZhe sich entfalten.
lind sag an, theurer Freund! haben wir nicht wenigstens zwei große Erfolge, über welche ich mich in einem späteren Briefe noch weiter zu verbreiten gedenke, für uns: 1) die Thatsache einer großen demokratischen Partei, deren Grundsätze die deutschen Herzen erobert haben und erobern, und die ebenso sehr vertreten ist in dem früher von seichten Schwätzern so sehr bespöttelten Oesterreich, als in Baden, und welche in der Königsstadt Berlin unmittelbar vor den Augen des König^ihr Zelt so gut aufgeschlagen hat, als in Rheinland, Sachsen, Thüringen, Schwaben und anderwärts; und 2) die völlige Vernichtung der deut- Zchen konstitutionellen Partei/welche eben in Berlin den letzten Fußtritt von der Diplomatie erhält, nach dem dieser Partei das Volk schon lange den Rücken verächtlich zugekehrt hat? —?
Alle Ereignisse in Deutschland waren bisher nur Vorbereitung e n zu jenem großen, direkten Kampfe mit Rußland, den natürlich die preußische und österreichische Diplomatie auf jede Weise zu hintertreiben sucht, und namentlich auch im Frankfurter Par- I am ent hintertrieben hat; und wenn Du nun gleichwohl, ehe noch jener große Kampf um die deutsche Ehre einmal begonnen hat, ausrufst: ßnis germaniae! — so bekundest Du damit, verzeihe den Ausdruck einem warmen Freunde, einen sehr bedauerlichen Kleiumuth.
Doch ich weiß, Das Vaterland hat wenig Söhne, die ihm so mit voller Seele zugethan sind, wie Du, ich weiß auch, daß Du eine unglückliche Mutter nicht wirst verlassen können: und so gebe ich mich denn mit froher Zuversicht der Hoffnung hin, Du werdest Deinen Entschluß, auszuwanbern, wieder anfgeben, und statt dessen vielmehr die große Zeit, welche uns noch bevorsteht, vorbereiten helfen.