Freie Zeitung.
„âeiheit und Neeht!"
Wiesbaden. Freitag, 28. September
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Bestellungen auf das mit dem I. Oktober beginnende neue Quartal beliebe man baldigst zu machen; hier in Wiesbaden in der H. W. Nitter'schen Buchhandlung, auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern.
Pfaffen und Christus.
O Diez, 21. Sept. Die bunten Röcke haben ihre Pflicht erfüllt: jetzt kömmt die Reihe an die schwarzen. Noch dampfen die Gefilde Ungarns von dem Blute so vieler gefallenen Freiheitshelden, und schon ist in Deutschland das Werk so weit vollendet, daß man mit Muße an die systematische Verthierung des Volkes denken kann. Daher richtet jetzt überall das Volk instinktmäßig seinen Haß auf die bekutteten Diener des Despotismus, daher werden überall die Sturmleitern augelegt gegen den Wall von Heuchelei, Verschlagenheit, aufgeblasener Frömmelei, Aftertugend und scheinheiliger Weltlustverachtung, dahinter sich das Heer der Jesuiten und Mucker verschanzt. Daher wird Bresche auf Bresche geschossen in das alte satanische Pfaffengebäude, daher wird von allen Seiten Aetzwas- ser und Eisen herbeigeschlcppt, um den Rattenkönig auscinauderzustäuben. Hätten wir es nur mit Meinungen zu thun, mit Ansichten, die am liebsten die menschliche Vernunft für ewige Zeiten verstümmeln möchten, wir würden in den von ihnen Besessenen nur bcmitleidenswerthe Tollkühnheit erblicken; aber wir kämpfen am wenigsten gegen Meinungen und Ansichten, wir kämpfen gegen Interessen. Ansichten können sich unsertwegen breit machen, so viel sie Lust haben, aber wenn die unter der Firma von Frömmigkeit und Christenthum auftretende heuchlerische Selbstsucht j die Hülfe der Staatsgewalt in Anspruch nimmt, wenn sie die Jugend unterrichtet, die Kauzelstühle einnimmt, dann hört die Geduld auf, dann gilt es, ununterbrochen die Fackel des Geistes durch die von satanischen Gerüchen verpestete Luft zu schwingen. In Wittenberg, wo Luther feine Theses anschlug, in Wittenberg hat jetzt ein Congreß „unserer lieben evangelischen Brüder" getagt. Der kirchliche Professor Stahl bewies, wie durch die Trennung von Kirche und Staat die Entsittlichung des letzteren erfolgen müsse. Unter vielem andern Unsinn wurde auch beschlossen, wie im vorigen Jahre einen Bußtag, so jetzt ein Dankgebet anzuordnen „für die glückliche Besiegung der Revolution"; aber auch zugleich ein Gebet an den Herrn, daß er die Wunden wieder heile, die die Revolution allenthalben der christlich-frommen (zu deutsch im Sinne „unserer evangelischen Brüder" schaafsköpfigen) Gesinnung des Volks geschlagen. Wir zweifeln garnicht, daß allein durch den vorjährigen Buß- und Bettag die revolutionäre Kraft der Nation gebändigt worden ist, und so hegen wir auch die feste Zuversicht, daß jene beschlossene Bitte um Vernarbung gewisser Wunden ihren Zweck nicht verfehlen werde. Einstweilen diene „unsern Brüdern in Christo" zur Nachricht, daß auch wir, soviel an uns ist, jenes Dank unb Bittgebet zu Gott dem Herrn zu entsenden gesonnen sind.
Was hat doch das Christenthum mit dem Pfaffenthum gemein? so hört man oft die Frage aufwerfen; und in der That, wenn man genauer zusieht, so begreift man nicht; wie unsere Pfaffen so keck sein können, sich Christen zu nennen, vielleicht auch in allem Ernste dafür zu halten. Wir blättern das Leben Jesu durch, und indem wir Christus mit seinen Jüngern vergleichen, finden wir, daß sich Windischgrätz mit größerem Rechte einen rothen Republikaner, wie ein Pfaffe einen Christen nennen könnte. Christus sprach zum Volke, wählte seine Jünger aus dem Volke, fühlte mit dem Volke, lebte und starb für das Volk, Christus ging in die Hütten der. A r in u t h, er erquickte die Mühseligen und Beladenen; — und unsere Pfaffen flehen von den Kanzeln für das Volk die Knute herunter, nennen die „Herren" von Gottes Gnaden, preisen heilig die rohe Gewalt, wenden sich weg im bürgerlichen Leben, weit weg vom Volke, das sie nur des Sonntags in der Kirche anreden, um ihm Strafpredigten zu halten über sein „Murren", und ihm den Teufel, d. h. den Geist der Freiheit auszutreiben. Christus erschloß dem Volke, bei der damaligen gänzlichen Verfaultheit des politischen und sozialen Lebens, die Herrlichkeiten des Gemüths, er zeigte ihm eine Welt voll hoher himmlischer Gefühle, er entschädigte es auf diese Weise für den gänzlichen Verlust dieser Welt, Christus verstand seine Zeit, und bildete über den Ruinen des Alterthums
und über den Trümmern der heidnischen Menschheit | formet lautet: je ärmer die Erde, desto reicher der ein neues Mrtnrt« h^ ^ «^f^^ —* - Himmel! je unglücklicher das Diesseits, desto entzücken
der das Jenseits! — sie fürchten die Durchlöcherung des Schildes, dahinter ihre weltlichen Privilegien so gut schmecken; sie fürchten, dann vielleicht als überflüssig bei Seite geschoben zu werden, mit Einem Worte: sie fürchten für ihren irdischen Besitz, für ihr weltliches Reich!
Sind also die Pfaffen dem großen Vorbilbe Christus, zu dessen Namen sie sich bekennen und zu dessen Nacheiferung sie auffordern, im Mindesten ähnlich? Nein! Ist der Unsterblichkeitsglaube bei den Pfaffen ein wirklicher Bestimmungsgrund ihrer Moral? Nein!
Wir haben gesehen, wie weit das pfäffische Christenthum vom wahren Christenthum entfernt ist. Wir haben die Pfaffen zersetzt, nud wir haben nichts gefunden, als Scheinheiligkeit, Augendienerei der Gewalt Haß, Verfolgungssucht und totale Verweltlichung, — anstatt der Herzensreinheit, dem nnzaghaften Muthe gegenüber der herrschenden Macht, der Alles überwindenden Liebe fürs Volk, für de Menschheit, dem unwandelbaren Vertrauen auf die Wahrheit seiner Lehre und deren Verbreitung durch b.e bloss Gewalt des Wortes, der von der entsittlichten Erde abgewandten, allein auf das Jenseits gerichteten Gesinnung, w e wir sie bei unserm großen Herrn und Meister finden. Aber gerade deshalb ist den P affen so schwer beizukommen, gerade deshalb möchten wir sie die ganze Wucht unseres Hasses und unssrer Verachtung fühlen lassen, weil sich ihr weltliches Herz hinter die Maske christlicher Tugend ui? Frömmigkeit versteckt, weil ihre Habsucht und Herrsysucht, ihr stinkender Eigennutz sich umhüllt mit dem heiligen Gewände der Religion, weil der Wolf auftrttt im Schafspelze, weil es schwer ist, das Gewand der Religion wegzuziehen und den Heuchler in seiner nackten Bl ße zu zeigen, ohne jenes in den Augen des Volkes zu verletzen. Wie lange hat nicht schon unter den Deckmantel der christlichen Religion die Schlechtigkeit ihr Wesen getrieben ? Weltliche Herrschaft des Papstthums, Absolutismus, heilige Allianz, sie Alle sind, gleich dem Pfaffenthum, Produkte jener schamlosen Heuchelei. Hätten wir nicht einen nicht zu erschütternden Glauben an des Volkes unzerstörbaren sittlichen Kern: wir hielten es für möglich, baß cs den Pfaffen im Bunde mit allen übrigen Heuchlern gelänge, die Volker auf den Culminationspunkt der Entsittlichung, der Armuth, der geistigen und moralischen Verderbtheit zu bringen. — Aber schon gehen dem Volke die Augen auf: die Herren des Standrechts und der Kanzel, das sind die Gegner, auf die sich jetzt all sein Haß konzeutrirt, auf die dereinst der Hagel der neuen Erhebung niederreg- uen wird. Die Pfaffen haben Leiber wie Schildkröten ; alle Angriffe prallen an ihrem Panzer ab; du magst sie hauen, stechen, schneiden, schinden, sie rühren sich nicht, höchstens senden sie in weinerlichem Tone auf der Kanzel ein Gebet zum Herrn, daß er die böse Menschheit bekehre. Aber wir schreiben auch nicht, etwa die Pfaffen aus ihrer süßen Ruhe aufzuschrecken, wir schreiben für's Volk, und einst kommt — deß sind wir gewiß! — einst kommt der Tag, wo das Volk Mittel finden wird, jene schilbkrötigen Panzer zu durchdringen, wo es die Reiter, die jetzt so fest zu sitzen wähnen, wird aus den Sätteln heben. Das Volk ist der Christus, der daS Heer jener modernen Pharifäer aus den entheiligten Tempeln vertreiben wird. Einstweilen nisen wir ihnen die Worte zu, die Christus, nur von den Reichen, gebrauchte: „Eher ist's möglich: daß e i n S ch i f f s t a u durch e i u N a d e l ö h r gehe, denn daß ein Pfaffe in's Himmelreich k o m in e.
ein neues Princip, das der Geschichte des Abendlandes in ferne Jahrhunderte den Weg vorzeichnete, er zerschmetterte den Gott der Juden, Jehovah, den selbstsüchtigen nationalen Gott, er zerriß die Unterschiede der Völker, und baute einen Altar der Menschheit, Christus war ein Prophet im großartigsten Sinne des Wortes; — und unsere Pfaffen wollen den durch Jahrtausende vorwärts gerollten Wagen der Menschheit in die neblichsten Urzeiten zurückrollen, wollen die auf dein Wege der christlichen Entwickelung zur Kraft der Selbstständigkeit und Freiheit erstarkten, aber darum auch um die ganze Welt des Christenthums bereicherten Nationen wieder in ihr früheres Nichts zurückschmettern, wollen tabula rasa machen mit dem Inhalte einer fast zweitausendjährigen Vergangenheit, den Messias der Neuzeit in der Wiege erwürgen, gleichwie einst die Pharisäer Christus, den Messias an's Kreuz geschlagen haben. Christus kannte kein höheres Gebot, als die Liebe, er sprach: Gott ist die Liebe! er befahl, seine Feinde zu lieben, er selber war nur reines göttliches Gefühl, sein Herz wargroß und weit: es umfaßte die Menschheit, die Liebe, das war das Geheimniß, dahinter sich die von ihm emporgerichtete neue Welt barg; — und unsere Pfaffen kennen keine größere Wollust, als den Haß, sie verfolgen, uneinge- dcnk des Beispiels vom verwundeten Samaritaner, jeden Andersgläubigen, sie beschwören alle Gluthen der Hölle auf die Häupter der f. g. Volksverführer, sie stürzen, die alleinigen Pächter des wahren Ehristeu- thnms, wie tolle Hunde auf diejenigen los, die sich die Bibel anders auSlegen, als sie selber. Christus einziges Schwert war das Wort, und das Wort, das liebende Wort, das von seinen sanften Lippen floß, cs ergriff die Menschheit, eS traf auf ihre geheimsten Gedanken und Regungen, es allein vermochte die Herzen mit Allgewalt an seinen Verkünder zu fesseln; — und unsere Pfaffen umgürten sich mit dem Schwerte der Gewalt, gewaltsam wollen sie die untreuen Herzen sich geneigt machen, gleich Vampyren hängen sie sich an das Leben der Einzelnen von der Wiege bis zum Grabe, sie saugen au des Volkes Marke, sie scheuen keine Mittel des Zwanges, sich dem Volke aufzudringen, das Wort genügt ihnen nicht: — freilich ihre bleiernen Phrasen waren nicht im Stande, eines Menschen Dasein zu packen.
Christus hatte nicht, sein Haupt hinzulegen, er fand es überflüssig, für den kommenden Tag zu sorgen, er empfand keine Liebe zum Weibe, all sein Leben und Wirken galt der Beglückung der Menschheit; — und unsere Pfaffen „halten lukullische Abendmahlzeiten, schauen sich um nach reichen, sehr reichen Weibern", klagen und schreien über Verletzung der christlichen, d. h. kirchlichen Pflichten, wenn man ihnen ein Haar an ihren irdischen Privilegien krümmen will, sorgen mehr für sich selber, wie für das Volk, unsre Pfaffen sind — verweltlicht, schwören aber dabei auf Himmel und Hölle, daß sie gute Christen, ächte Jünger Jesu seien. Unsre Pfaffen sind auch voll des Glaubens an die persönliche Unsterblichkeit, sie bilden sich Gott weiß was darauf ein: aber welche Bedeutung hat dieser Glaube bei den Pfaffen? Wer an die Unsterblichkeit seiner Seele glaubt, der glaubt auch an deren ewige Glückseligkeit. Was nur die Erde Hohes, Heiliges, Schönes, Entzückendes bietet, w«s hier des Menschen Herz erfreut, bas findet sich im Sinne des also Gläubigen dort im Himmel wieder, nur befreit, nur abgelöst von allen Unvollkommenheiten der Erbe: dort ist Alles Freube, Schönheit, Harmonie. Wohl was des Pfaffen Herz hier auf der Erbe erfreut, wir haben es gesehen, sein Himmel ist so weltlich, wie sein Herz, sein Glaube an die Unsterblichkeit ist nichts anders, als der Wunsch, in alle Ewigkeit hinein in seinen himmlischen Freuden (die himmlischen Freuden eines Pfaffen: man bedenke!) schwelgen zu können. Und welche Bedeutung hat es, wenn die Pfaffen ein solch ungeheures Gewicht auf diesen Glauben beim Volke legen, wenn sie Alles: Glück, Moral, Seligkeit von diesem Dogma abhängig machen, wenn sie Zeter und Mordjo schreien über die leiseste Antastung desselben und die Zweifler wie Verpestete fliehen? Sie fürchten den Verlust des Talismannes, mit dem sie die leichtgläubige Masse berücken, und dessen Beschwörungs-
Ist Wiesbaden, 21. Septbr. Wir hören soeben, . daß an dem Tage nach der Vertagung der Kammer das Bureau derselben, nämlich der Präsident Wirth und die Schriftführer Keim und Bellinger, bei Seiner Hoheit dem Herzog eine feierliche Audienz in Biebrich nachgesucht und erhalten, diesen Schritt jedoch nicht im Auftrage, ja nicht einmal mit Genehmigung der Kammer gethan, sondern ihn sogar den Abgeordneten einer gewissen politischen Richtung verheimlicht