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Freie Zeitung.

Freiheit und Neeht!^

Wiesbaden. Donnerstag, 27. September

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Die Richtung des Blattes bleibt dieselbe.

36te Eac^eMtioat

Offene Briefe.

i? Wiesbaden, 26. September.

1.

Mein Freund! Du schreibst mir in keinem letzten Briefe: ich solle mit dir nach Ainerika wan­dern, nach dem Lande, in welchem die Freiheit ihre sichere Stätte gefunden habe; ich solle mit Dir ziehen in jene transatlantische Republik, da ja doch hier im alten Europa unsere Träume stets Träume bleiben würden. da unsere Zustände dermalen so tröst- und hoffmulMos seien, daß nur ein fieberhafter Wahnsinn noch schöne und herrliche Tage erwarten könne." Mein Theurer! diese Deine Worte haben mich tief betrübt: einmal, weil sie mich entschieden belehrten, daß Du Unserm geliebten Vaterlauve oeu Rucken zu kehren nunmehr unabänderlich entschlossen zu sein scheinst; und sodann weil ich aus ihnen ersehen habe, daßTrost- und Hoffnungslosigkeit sich selbst in die Herzen der wärmsten Patrioten einzuschleichen beginnen. Ich hoffe kaum, durch nachfolgende Zeilen Dich von Deinem Entschlusse abwendig machen zu können: allein unend­lich glücklich wurde ich mich schätzen, wenn ich Dein großes warmes Herz für unser gebeugtes Vaterland zu retten vermöchte, für dieses arme Land, dem in der letzten Zeit so viele, viele treue Söhne ein Lebewohl sagen mußten.

Du wirst Dich gewiß nicht wundern, wenn Dir meine Antwort in dieser Weise zukommt: denn die Angelegenheit, welche wir eben verhandeln, ist in der That eine solche ganz Deutschlands, und es hat mich schon lange gedrängt, zu unserm Volke in dieser Sache ein Wort zu reden.

Du irrst, mein Freund, vorerst sehr, wenn Du glaubst, Du würdest in den Vereinigten Staaten alle Deine Träume verwirklicht finden; Du würdest viel­mehr die bittersten Erfahrungen machen, wenn Du glauben solltest, in jener transatlantischen Republik würden alle die heißen Wünsche, welche Dein edles Herz je gehegt, ihre glänzende Erfüllung finden.

Und besonders Dir, mit dein aufopfernden Sinn, Dir, mit dem uneigennützigen Wesen, Dir, der Du stets so rein bestrebst warft, das Glück Deiner Mit­menschen, Deiner Brüder zu fördern: besonders Dir würden sich die grausamsten Enttäuschungen entgegen«

thürmen.

Du betrittst dort allerdings den Boden einer Re­publik: aber erinnere Dich, mein Freund, wie oft wir darin einverstanden waren, die republikanische Form eben nur für eine Form zu halten, die uns -allerdings stets zur/unbedingtei^Fortentwicklung abso­lut nothwendig dünkte: die uns aber ohne den leben­dig in ihr regen Geist der Gleichheit und Brüderlich­keit einem schönen Mädchen ohne Herz zu glei­chen schien.

Mein Freund! Die Vereinigten Staaten sind eine herzlose Republik! Ich sehe Dein ungläubiges Lächeln, und ich sehe, wie Du mich fragend um nähern Auf­schluß anschauest, ich sehe zugleich den bekannten schalk­haften Zug um Deine Lippen schweben, der mir zu sagen scheint:0 Freund, willst Du denn stets ein unverbesserlicher deutscher Schwärmer bleiben!"

Doch Du weißt, ich habe nie unbedingten Glauben verlangt und werde es nie verlangen: ich werde Dir meine Gründe entwickle«.

Als die Nordamerikaner sich von ihrem Mut­terlande England lossagten: stellte sich ihnen als die natürlichste, ja noch mehr, als die für sie allein mögliche Staatsform: die republikanische dar und so überkamen sie die welthistorische Aufgabe, den prak­tischen Beweis zu führen, daß der Staatsorganismus selbst eines sehr großen Volkes der modernen Welt, durchaus nicht eines erblichen Herrscherhauses nothwendig bedürfe; um allen gebildeten Völkern der Erde handgreiflich die Thatsache vorzuführen, daß der

Staat sehr gut berathe» sei: au dessen Spitze stets ein weiser und geachteter Mann, dessen Energie zugleich noch nicht durch die Wucht der Jahre gebeugt, steheu müsse, und dessen Geschicke nie in der Hand eines schwachen Weibes, oder eines unmündigen Kindes, oder eines verlebten Greises, oder gar in der eines Blöd­sinnigen, wie dieses Alles in den erblichen Monar­chien vorkommen kann und zum großen Unheil der Völker oft genug vorgekommen ist, ruhen könn­ten. Denn was heißt es in der That: ein Präsident durch Wahl steht an der Spitze der nordamerikanischen Republik: als die nordamerikainschen Staaten werden stets von einem Könige regiert, der in der Vollkraft seiner Jahre steht, und allen Edel» des Landes durch Bürgertugenden und politische Weisheit voranstrahlt; und Du weißt auch so gut wie ich, daß die Thatsache, daß jetzt so ein beispielloser Hohlkopf an der Spitze der französischen Republik steht, sich nur aus der wei­tern erklären läßt, daß Frankreich noch zu viele Ver- räther in seinem Schooße birgt, welche nichts sehn­licher als den baldigen Untergang der jungen Repu­blik wollen.

In dieser »ordamerikanische» Republik nun wer hat dies je zu leugnen gewagt hat allerdings die Freiheit sich ebenso fest ihre Burg gebaut, als in Eu­ropa der Despotismus seit langen Jahren seine Zwing- uri's fest begründet hat.

Unter dem mächtigen Schutz dieser Freiheit können sich alle die reichen 2ßof)lftanbbqueUeii der Natur in Nordamerika, in üppigster Weise entfalten, und ge­nährt und gezügelt zugleich von geschickten und fleißi­gen Menschenhänden, wachsen diese Quellen täglich mehr zu prachtvollen Strömen an, die weithin Glück und Segen über das ganze Land verbreiten.

Amerika hat Ueberfluß au allem, was uns so wüu- schenswerth deucht: es hat kraftvolle, und kernige Men­schen; reiche Städte, üppige Dörfer und Weiter; sein Handel und seine Industrie entfalten sich jeden Tag mehr und mehr zu einer staunenswertheu Größe, sein Ackerbau nimmt einen vorher nie geahnten, nie für möglich gehaltenen Aufschwung.

Aber zweierlei ist, was ich besonders in jener Republik auszusetzen habe: einmal, daß es in ihr noch Sklaven gibt, d. H. Menschen, die den Thieren gleich geachtet werden, uno zweitens, daß es feilte Pro­letarier gibt, d. h. solche Sklaven, welche zwar der Form nach die Menschenrechte erobert haben, denen aber ihrer Armuth und-tz«'^bedingte» Abh â ng ig­le itwegen, diese Menschenrechte keinen praktischen Nutzen gewähren können. So natürlich Dir die erste, so sonderbar mag Dir wol die zweite Be­hauptung vorkommen. Doch ich will etwas tiefer auf die Sache eingehen. Bei den meisten Staaten, die noch auf der Stufe der ersten Entwicklung stehen, be­gegnen wir der Sklaverei, so finden wir sie in den Staaten des Alterthums, so heute noch in Rußland, und in den mohamepanischen und buddhaistischen Staa­ten Asiens und Afrika's.

Hielt doch selbst der große Philosoph Aristoteles die Sklaverei für nothwendig und nach dem Na­turrechte geboten! Nun, diese Sklaven sind den Hausthieren und Maschinen gleich, welche für den freien" Bürger die mechanische Arbeit verrichten, während der letztre nur geistig arbeitet, b. h. aber, nur allein genießt. In der weitern Entwicklung werden diese zu den Thieren herabgewürdigten Men­schen, frei d. h. sie verlieren die Eigenschaft einer Sache und werden der allgemeinen Menschenrechte theil­haftig erklärt. Diese Freiheit ist aber nur eine schei n- bare: denn da die freigewordenen Sklaven in der Regel vermögenslos bleiben, so bleiben sic abhängig und können von der Freiheit keinerlei Gebrauch machen. Mit andern Worten, diese Sclaven t^r e t e n bei der weitern Entwicklung in den Stand der Proletarier übe r.

Wenn Du das bisher Gesagte zugibst, so wirst

Du auch weiter mir beistimmen, wenn ich mit spezieller Anwendung auf die nordamerikanische Republik be­hauptet, letztere stehe, wenn auch politisch sehr ausgebildet, noch sehr tief in d er socialen E ntw icklun g, unb zwar n och auf bet unter­sten Stufe der letzter», in welcher man eine Klasse von Menschen, rein und absolut den Thiere» gleich a » s i e h t.

Ich komme nun zu der zweiten, gewiß auf den ersten Augenblick sehr paradox klingende» Behauptung: nämlich es sei ein Zeichen der rückständigen Ent­wicklung, daß Amerika noch kein Proletariat habe."

Ich setze voraus, daß Du, indem ich den letzten Satz aufstclle, mit mir von der Ansicht ausgehst, daß in der sozialen Entwicklung eines Volks die Hervor­bi l d u » g d e s P r 01 e t a r i a t s eine nothwendige Erscheinung, ei 11 unvermeidliches Uebel sei unb so darf also relative, mit Beziehung auf die Staa­ten Eur0pa's, die ein ausgebildetes Prole­tariat bereits haben, von einem Nachstehcn in der Entwicklung der nordamerikanischen Republik ge­redet werben. Denn es kann mir natürlich die Dumm­heit nicht einfallen, das Nichtvoxh and eilsein des Proletariats für ein Gebrechen auszugeben, da hin­gegen ich das Endziel unserer europäischen Kämpfe gerade in die absolute Aufhebung des Proletariats, v. h. in die wahrhafte Freimachung des vierten Stan­des: der armen Bauern und Handwerker, der Arbeiter und Taglöhner setze; unb ich behaupte nun wieder­holt: daß, da in jedem Staat die endliche Heraus­bildung eines Proletariats eine N a t u r n 0 thwend i g- keit, ein Staat, der noch kein Proletariat hat, aber noch haben wird, viel weiter in der Entwick­lung einem andern Staate nachsteht, der schon ein Proletariat besitzt und bereits alle Hebel zur Freimachung dieses u n g ü ckl i ch e n vierten Standes anzusetzen Miene macht. Es gibt nun Leute, welche läugnen, daß Amerika je ein Pro­letariat besitzen werde. Diese irren gewaltig. Ich habe schon oben gezeigt, daß schon nothwendig aus der Sklaverei in der weitern Fortbildung ein Proletariat entstehe, und in so fern fallen die beide» Sätze: 1) Nordamerika hat leider Sklaven und 2) noch keine Proletarier, da ja in der nächsten Entwicklung die Sklaven nur Proletarier werden können gewisser­maßen zusammen.

Amerika wird aber nicht nur aus seinen Sklave», fonbern auch in Folge der Concurrenz unb der >-M»E bedingten Herrschaft des Capitals, seine Proletarier erhalten. Jetzt freilich kann noch jeder in Nordamerika mit Leichtigkeit Grundeigenthum erwerben, aber dies wird einmal aufhören und dann wird das Capital mit raschen Schläge» seinen Thron auf einen geknechteten vierten Staub, der aus freien, aber armen oder durch die Coucürrenz verarmten Leute» besteht, aufbauen. Die unbeschränkte Concur- renz, eine nothwendige Epoche in der sozialen Ent­wicklung eines Volkes, ist im Grunde ein Kampf Aller gegen Alle, welcher damit endet, daß einige Alles, und die meisten gar kein Gut haben: uno diese Concurrenz wird auch aus der gro­ße» Masse freier Männer, Proletarier schaffen. Je größer nun die Fläche unkultivirten Landes in den vereinigten Staaten ist, um so weniger rasch entwickelt sich das Proletariat, und um so mehr ist dieser Staat in der sozialen Entwickelung gegen Europa zurück. Du wirst mir freilich entgegenhalten: die republi­kanische Form werde die gedeihliche Entwicklung der sozialen Verhältnisse unendlich fördern, und ich leugne dies auch keineswegs; aber Du wirst mir auch zugeben, daß die politische Form je nach ihrer Gestaltung die soziale Entwicklung hemmen und fördern, daß aber nie diei/lbe die Entwickelung we­der hindern, noch auch ersetzen kann. Ganz dem