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Freie Zeitung

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Freiheit und Neeht!"

Wiesbaden. Sonntag, 23. September

MLN

Freie Bettung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der AbonnementSpreiS beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 fr, auswärts an»* die '»oft betonen mit verhältnismäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem _ Die JnserationSgebühren betragen für die vierspaltige Petitzrile oder deren Raum 3 Kreuzer.

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Einladung zum

Mit dem 1. Oktober beginnt ein neues Abonnement auf dieFreie Zeitung". Der Preis bleibt der bisherige. Die Bestellungen auf das mit dem I. Oktober beginnende neue Ouartal beliebe man baldigst zu machen; hier irr Wiesbaden in der H. W. Ritter'schen Buchhandlung, auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern.

Die Richtung des Blattes bleibt dieselbe. Mie äiacpeslitiot^

*f* Die christliche Mildthätigkeit als Lösung der socialen Frage.

Es ist Christenpflicht, sagt man, seinen Nächsten zu lieben. Für den Reichen braucht diese Christenpflicht grade nicht schwer zu fallen. Die verschiedenen Unter­stützungen , die er dem Armen zu Theil werden läßt, berühren ihn in seiner Lebensweise nicht sonderlich; es sind keine Opfer, es sind Brodsamen , die von seinem Tische fallen, Gaben, die spielend verschenkt werden. Nur weil die Selbstsucht gegenwärtig an der Tages­ordnung ist, pflegen solche mildthätige Reiche bei der gewöhnlichen Masse in höherem Ansehen zu stehen. Wir unsrerseits haben nie viel Werth auf solche fromme Gaben gelegt; wir haben nie die Ausübung dieser so­genannten christlichen Liebe und Barmherzigkeit so hoch geschätzt, daß wir uns zu einer an stau »enden Be­wunderung hätten verleiten lassen. Ist es etwa ein Verdienst für den, der in den Grundsätzen der christlichen Moral erzogen ist wie wir es ja Alle sind und dem die Mittel zu Gebote stehen, diese Moral durch die That zu bekräftigen; ist es ein Ver­dienst, fragen wir, solchen von Jugend auf anerzogenen Empfindungen oder Grundsätzen zu gehorchen? Ihr sagt ja, und haltet die Selbstsucht, diesen Grundtrieb der menschlichen Natur, der in der christlichen Liebe untergeben müsse, entgegen. Wohl! Aber liegt renn nicht eine Befriedigung der Eitelkeit, des schönen Selbst darin, gewährt es nicht einen geheimen Kitzel, dem Triebe der christlichen Barmherzigkeit und Nächstenliebe zu folgen? Oder ist es wenigstens nicht angenehm, dadurch etwa einem leisen inneren Vorwurfe zu ent­gehen, den schönen Gleichklang der Seele zn erhalten? In den meisten Fällen ist diese vielgerühmte Nächsten­liebe nichts Anderes, als ein romantisches Sichsclbst-

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geuießcnwollen, oder die gezwungene Befriedigung eines I lästigen Begehrens der Moral, oder die Gleichgültig­keit der Gewohnheit. Und wie unverhältnißmäßig sind die daraus hervorgehenden Anforderungen! Wo die

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Unterstützungen nur einigermaßen bedenkend sind, bringt man sich da nicht sofort in das Verhältniß des Pa­trons gegenüber dem Klienten? Stellt man nicht tau­send Anforderungen an den Unterstützten, die in den Augen des humanen Denkers unendlich schwerer wiegen, als die Gaben des Unterstützers, die diesem ja so gar keine Schwierigkeiten machen? Und hier drängt sich uns die andere Seite des Gegenstandes auf, der zweite Grund, weßhalb die christliche Barmherzigkeit in un­sern Augen keinen besonderen Werth hat. Denn wir achten zu sehr die Würde des Menschen, als daß wir uns über die aus der angewandten Barmherzigkeit hervorgehenden Abhängigkeitsverhältnisse, und die in so vielen Fällen daraus resultirende Entwürdigung des menschlichen Selbst freuen könnten. Freilich in den Augen des christlich-frommen Reichen zählt dies nicht: er zählt die Schaar seiner Klienten, und je mehr er deren hat, desto wohler ist's ihm um's Herz, desto mehr findet sich sein eitles Inneres befriedigt.

Wir sehen: die christliche Barmherzigkeit bedingt Patrone und Klienten, Herr und Diener, Uebcrfluß und Mangel. Sie heiligt die Entwürdigung des Menschen und die Verketzerung seiner wahren Natur nach beiden Seiten: wie des reichen Gebers, so des armen Beschenkten. Sie läßt das Elend nach wie vor bestehen, indem sie dessen Beseitigung zu einer prekären- Moralpflicht macht sie hat nichts, als ein erbärm­liches kleines Pflästerchen auf die große klaffende Wunde der Gesellschaft.

Gegen diese christliche Barmherzigkeit führen wir das Gesetz der Humanität in die Schranken, dem es wahrhaft ernst ist um die Vernichtung des Elends. Nicht teilt ungewissen Mitleid des Neichen soll der Arme Tag für Tag Preis gegeben sein, nein er soll die Sicherung seines Lebens als ein Necht fordern kön­nen das Recht auf Eristen;, das Recht auf Arbeit

soll einem Jeden garantirt sein. So wird die Moral- pflicht der Nächstenliebe zum unumgänglichen Gesetz, zur eisernen Nothwendigkeit, die verschämte Bitte des Armen zum begründeten Recht, dessen Forderung keine Abhängigkeit, kein Erröthen mehr mit sich führt. Wir wissen wohl, was unsre Pfaffen dazu sagen, sie, die bisher den Armen nichts zu geben vermochten, als Wechsel auf die Sterne" und Appellationen an die Barmherzigkeit der Neichen, die aber auch schon längst das Gleichnis; der Bibel vom Kameel und vom Nadel­öhr vergessen haben.

Jüngst hörten wir Jemand auf die progressive Einkommensteuer schimpfen. Es war ein frommer rei­cher Mann, der jeden Sonntag die Kanzel besteigt, und viel an die Armen schenkt. Wir haben uns nicht darüber gewundert.

Fürst Schwarzenberg und die österreichisch- russische Politik.

Fürst Schwarzenberg erzählt die Weser­zeitung hat ein reiches, wechselvoUes Leben hinter sich, das häufig ans Abenteuerhafte streift. Schwar­zenberg ist in moskowitischer Schule groß geworden, er hat sich in seiner Jugend auf dem glatten Peters­burger Parkett bewegt. Der Revolution in allen ihren Gestaltungen ist er tief gram, besonders auch deshalb, weil sie ihn dupirte bekanntlich das Schlimmste und das Verdrießlichste, was einem Diplomaten be­gegnen kann. Vor nun fünfundzwanzig Jahren lebte Fürst Schwarzenberg als Mitglied der österreichischen Gesandtschaft am russischen Hofe. Eben war Alexan­der in Taganrog gestorben und Nicolaus bestieg den Thron des großen Peter. Auch in Rußland hatte der revolutionäre Geist des Abendlandes seine Anhänger gefunden, die adeligen Gardeoffiziere wollten den Kai­ser stürztn und wieder ein Beispiel geben, wie man es in Despotien zu halten pflegt, wodie Tyrannei durch den Meuchelmord gemäßigt wird." Man kennt die Verschwörung der Pestel, Murawieff, Zetjucheff und der übrigen Malkontenten. Die Fäden der Ver­schwörung liefen im Palaste der reichen, üppigen und gewandten Frau von Daschkoff zusammen; bei ihr ver­sammelten sich die Gegner des Kaisers, bei ihr wur­den Mittel und Wege berathen, die Revolution glück- lich durchzuführen. Frau v. Daschkoff, der man nicht vorwerfen kann, daß sie mit ihren Gunstbezeugungen sehr spröde gewesen und die unter andern Cavalieren auch mit dem Fürsten von der österreichischen Legation in enger Verbindung stand, Frau von Daschkoff also zog den jungen Schwarzenberg mit in die Konferenzen der Verschwornen. Sie bedurfte eines Deckmantels für diese Zusammenkünfte und Schwarzenberg, der teilt Kaiser durchaus und mit Recht unverdächtig war, war gerade der Mann, wie sie ihn brauchte. Er ahnte nichts von altem Verfänglichen, das bei der Fürstin verhandelt wurde; er war in der That ganz unschuldig. Als aber nach dem Mißlingen der Revo­lution die geheimen Fäden aufgedcckt wurden, ließ der ergrimmte Kaiser den fremden Diplomaten ins Ge­fängniß werfen; Nicolaus hielt es für unmöglich, daß ein Intimer der Frau von Daschkoff vollkommen un­eingeweiht gewesen sei und von all den Umtrieben ge­gen den Thron auch rein nichts gemerkt haben sollte. Und doch verhielt sich die Sache so: denn die sprüchwörtliche russische Schlauheit hatte so gewandt operirt, daß Schwarzenberg aus den Wolken fiel, als man ihn der Mitwissenschaft zieh. Der östreichische Diplomat war in der That ein Verschworner wider Wissen und Willen gewesen. Späterhin trat Fürst Schwarzenberg in London und Neapel wieder auf. Die englischen Zeitungen haben sich mit den Erleb­nissen des österreichischen Premiers auf englischem und neapolitanischen Boden viel zu schaffen gemacht. So-

viel ist gewiß, von diesem Aufenthalt in London schreibt sich der Haß des Fürsten Schwarzenberg gegen die stolze Aristokratie Großbrittaniens her, und nicht erst Palmerstons fulminante Rede *) oder das unbarm­herzige Kreuzfeuer der englischen Zeitungen haben die Wuth des österreichischen Ministers erregt. Die Ran- cune ist von älterm Datum. Es wird übertrieben sein, was von der Schuldenlast erzählt wird, die der österreichische Diplomat bei seinem Abgänge von London zurückgelassen habe. Dem Fürsten stand ein großmüthiger, wir lassen dahingestellt sein, ob auch uneigennütziger Gönner zur Seite, der Kaiser Nikolaus, welcher damals mit 40,01)0 Pfd. Sterling den dringendsten Verlegen­heiten abhalf mit man muß es gestehen, daß er sich kein undankbares Gemüth verpflichtet hat. Ueber den Umständen, welche die Thronentsagung des alten Kai­sers Ferdinand Hervorriesen und begleiteten, schwebt bekanntlich noch ein geheimnißvolles Dunkel ; die Ein­geweihten haben bisher aus guten Gründen geschwie­gen und die österreichische Presse hat, gleichfalls aus Motiven, die auf der flachen Hand liegen, von der Wahrheit nichts verlauten lassen. Ein wenig Enthül­lung wird hier am Orte sein, wäre es auch nur im Jntereye der Geschichte (!). Kaiser Ferdinand war schwach, aber er hielt an seinem Worte, das er den Ungarn gegeben hatte. Jellachich war für einen Ver- rätyer erklärt worden, und dann wieder für einen Retter" des Vaterlandes. Es hat im vorigen Jahre in Innsbruck die heftigsten Auftritte gegeben. Der alte Herr wollte die ungarische Constitution nicht an- getastet wissen, während die Hofpartei um jeden Preis sich der ebenso stolzen als lästigen Magyaren entledi­gen wollte, und deshalb auch vor den äußersten Schrit­ten nicht zurückbebte. Schwarzenberg, die Erzherzogin Sophie und Bach verständigten sich und kamen überein, daß der Kaiser Ferdinand beseitigt werden müsse. Der russische Einfluß unterstützte diese Pläne, und Kaiser Nikolaus erklärte ausdrücklich den jungen Erzherzog Franz Joseph für den Einzigen der ihm als Kaiser Oesterreichs genehm sei. In Ollmütz dauerten unter den Eingeweihten die Debatten über die Abdankung, ohne daß der alte Kaiser darum wußte, reichlich acht Tage, ehe ein fester Entschluß zu Stande kam. Sta­dion und Bruck wurden bei den Verhandlungen arg dupirt; die vielgenannten Herren Oertl und Pipitz, jetzt sehr einflußreiche Personen, können davon aus­führlich erzählen, wenn sie wollen. Bruck, denPreus­sen", betrachten die Vollblutösterreicher ohnedies als einen Eindringling; er ist ihnen unbequem und des­halb nach Italien geschickt worden, um den Friedens­abschluß mit Sardinien zu unterhandeln, den er nun endlich zum Abschluß gebracht: Er gilt in Wien für zu deutsch", und ich möchte mit einiger Bestimmtheit behaupten, daß er bei der ersten günstigen Gelegenheit aus dem Ministerium weggedrängt werden wird. Sollte eine russische Allianz, wie die Erzherzogin Sophie und Schwarzenberg sie wünschten, durchgesetzt werden, so mußte, wie gesagt, der alte Kaiser beseitigt werden. Als man ihm gegenüber endlich mit dein entscheiden­den Worte herausrückte, gab es in der Hofburg zu OUmiitz wunderbare Auftritte. Ferdinand wollte die Krone ferner tragen, so schwer sie ihn auch drückte; er gebettete sich wie ein Wüthender, und ein epilepti­scher Zufall folgte dem andern. Nach und nach wurde er freilich zermürbt, aber selbst, nachdem er Tag und Nacht reichlich und unterbrochen Thränen vergossen, widerstrebte er noch und man mußte ihn am Ende beinahe zur Abdankung noch physisch zwingen. In St.

*) Die Times erzählte, Schwarzenberg habe eine englische Note zu Gunsten Ungarns schnöd zurückgewiesen; ja es wurde behauptet, er habe erwidert, er wolle sich dafür in die (ziemlich ähnlichen) Angelegenheiten von Canada einmischen. Auf jenen Artikel der Times fiel ^Palmer­stons Organ in sehr undiplomatischen Ausdrücken über den österreichischen Minister her und die Behauptung der Times gewann hiedurch volle Wahrscheinlichkeit.