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Freie Zetlun

Freiheit und Neeht!"

Wiesbaden. Freitag, 21. September

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DieFreie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 kr , auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspalttge Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.

8^ Einladung zum Abonnement. -^$

Mit dem 1. Oktober beginnt ein neues Abonnement auf dieFreie Zeitung". Der Preis bleibt der bisherige. Die Bestellungen auf das mit dem 1. Oktober beginnende neue OuartaL beliebe man baldigst zu machen; hier in Wiesbaden in der H. W. ALtter'fchen Buchhandlung, auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern.

Die Richtung des Blattes bleibt dieselbe.

Die Dac^etMion

69 Die Didaskalia und Minister Laden­berg über die Volksschullehrer.

Die Frankfurter Didaskalia sucht die Volksschul­lehrer in Betreff der Anschuldigungen des Ministers Ladenberg zu entschuldigen mit derschlechten Stellung dieser Leute." Demnach glaubt denn doch die Frankfurterin auch, daß die Volksschullehrer unrecht gehandelt. Wahrscheinlich besteht das Unrecht der Lehrer darin, sich nicht schnell genug, wie das Journal, auf die Seite der Reaktion gestellt zu haben, nachdem der Märzrausch vorüber. Der Lehrer­stand hat zu dem Volke gestanden, zu dem er gehört, mit dem er darbet und leidet. Dafür wird ihm die Anklage eines Ministers und, was noch trauriger ist, die Entschuldigung des Jour­nals mit einer Hindeutung auf die materielle Noth. Die Lehrer sollen statt Religion und Anhänglichkeit an den König das Gegentheil gelehrt haben. Aber so lauteten ja schon die Anklagen gegen der Menschheit größten Lehrer, gegen Jesus von Nazareth.Was brauchen wir weiter Zeugniß, er hat Gott gelästert!" sagte Kaiphaö. Und Gott und König sind doch wohl bei allen wohlgesinnten Kaiphasen gleichbedeutend.

Sollten denn die Volksschullehrer einer Entschuldi­gung bedürfen, wenn sich ein Ministerin die lange Reihe der Kaiphase von Christus bis hieher stellt", wie Uhlich sagt, und die Lehrer anklagt, daß sie in die Fußtapfen Jesu getreten! Die Lehrer werden we­nigstens der Didaskalia nicht danken. Wenn sie sittliche Kraft genug hatten, wirkend für die Freiheit aufzntreten, werden sie auch ausharren, und in der Stunde der Finsterniß nicht ihren Meister verlassen. Der Fürst dieser Welt ist gegen mich!" sprach der Heiland, und der Fürst dieser Welt wird auch gegen seine Nachfolger sein. Das Standrecht in Baden ist die Fortsetzung, die ununterbrochene Fortsetzung des Opfers aus Golgatha. Noch ist das Himmelreich nicht gekommen, obgleich Christus sagte:der Fürst dieser Welt ist schon gerichtet." Das Bewußtsein der Frei­heit, die Lehre Jesu hat den Despotismus in dem Glauben vernichtet, aber nicht in der Wirklichkeit. Doch wird Christus auch hierder Schlange den Kopf zer­treten." Achtzehnhundert Jahre schon dauert der Kampf, noch gibt eS Hohepriester und blutdürstige Herodeö, noch gibt es schwache Pilatus, die den Schuldlosen aus Furcht verurtheilen, aber die Stühle der Hohepriester sind vom Wurm zerfressen und die sieben Hügel wollen den Thron Babilons nicht mehr tragen, und mit Ba- bilon fallen die Könige. Wohl glauben die Ge­waltigen an keinen anderen Gott, als an den König, und wähnen sich sicher vor der rächenden Nemesis. Dochdas Blut deines Bruders schreit von der Erde herauf zu mir um Rache" sprach Gott zu dem er­sten Mörder und in der Offenbarung Johannes sagt der Prophetengeist:die Schaale des Zornes wog auf die Schaale, voll von dem Blute der Gerechten." Unaufhaltsam geht der Schritt der Nemesis durch die Geschichte;wer mit dem Schwerdte tödtet, wird mit dem Schwerdte getödtet werden."

Noch herrschen in der Natur und in der sittlichen Welt dieselben Gesetze. Aber jede scheinbare Unter­drückung der Freiheit brachte sie einen Schritt weiter zum Leben, und die sittliche Wiedergeburt der Mensch­heit ist vielleicht nicht so fern, als die Reaktion wähnt. Tausend und nicht mehr tausend!" sagte der begei­sterte Seher.

Aber sollte die Ankunft der Freiheit auch noch so ferne sein: die sie erkannt, bleiben ihr treu, trotz aller Verfolgung. Die Didaskalia mag also mit Pilatus sagen:wir finden keine Schuld an ihnen!" das wird Kaiphaö nicht beirren und Pilatus wird sich fügen. Wir verdammen jede Halbheit.

Deutschland.

AG. Wiesbaden. Bekanntlich bestand seither in Nassau die Einrichtung, daß mehrere Medizinalräthe als Nekrutirungsärzte der Conscription beizuwohnen hatten eine Einrichtung, die pecuniären Nachtheil für den betreffenden Melizinalbeamten und Nachtheil für den betreffenden Medizinalbezirk mit sich führte. Dieser doppelte Nachtheil wird nun in der Folge da­durch vermieden werden, daß der Regierungsreferent, Herr Obermedizinalrath von Franque künftig als einziger Nekrutirungöarzt allen einzelnen Conscriptionen beizuwohnen hat. Da Herr v. Fr., als tüchtiger Arzt und vertraut mit den neueren Untersuchungs-Methoden sich für diese Dienstleistnnz qualifizirt, da er auf 23 Monate bei den Regierungsarbeiten entbehrt werden kann, er als seitheriges Mitglied der Prüfungs-Commis­sion bei der Prüfung der Mediziner nicht unbedingt nöthig ist, da er sogar durch seine Abwesenheit keine Einbuße an Praxis erleidet, so hätte' die Regierung keine bessere Wahl treffen können. Wir begrüßen daher diese Aen­derung als eine zeit- und sachgemäße und hoffen, daß sie die Regierung auch mit Energie durchsetzen werde.

M. Von der Usquell. (Dem Verdienste seine Krone.) Seit einigen Tagen herrscht reges Treiben in unserem Thale; Alt und Jung, Alles ist freudig aufgeregt, in Gruppen steht man beisammen, ernstlich einen Gegenstand berathend. Was mag es wohl sein, was unsere ländliche Thalbevölkerung so sehr in An­spruch nimmt? Ein für Wahrheit und Recht begeister­ter Mann gibt Aufschluß über den wichtigen so höchst, interessanten Gegenstand.

Der Landtag geht zu Ende, unsere Abgeordneten kehren zurück in unsere Mitte. Aha! die großen Männer: Preiß und v. Eck; v. Eck und Preiß! Was will man nun eigentlich beginnen? Man berathet eben die Art und Weise eines würdigen Empfangs. Eine Deputation soll nach Wiesbaden gehen, die großen, weisen Volksvertreter zu bitten: dieselben möchten geruhen, über Höchst, Frankfurt a.M, Hessen-Homburg in unsere Mitte zurückzukehren. Auf der Gränze des Herzogthums (der Höhe) soll ein Triumphbogen erbaut werden mit der Inschrift: -^Heil Euch im Liegerkranze, Männer für BKahrheit, Freiheit und VolkSthum. Ein Musikchor wird in dem Augenblicke, wo unsere gewich­tigen Vertreter die Gränze überschreiten, die Marsail- laise anstimmen und dem Zuge voran den Takt des Marsches angeben. Die ausgestellte Menge wird dann auf beiden Seiten als Spalier den Zug begleiten; Wehrheims Glocken in den Jubel der Anziehenden einstimmen. Auf der Gränze zwischen Wehrheim und Usingen werden zwei Pyramiden, nach der Chaussee hin, in zwei Kronen vereinigt und mit folgenden Inschriften geschmückt, ausgestellt werden:Willkom­men!! Die holde Eintracht zu erhalten, war alS Volksvertreter Deine höchste Aufgabe! und will­kommen! Stille sein und dem Herrn vertrau'n, war die schönste Tugend, die Lich geschmückt!! Ein Sängerchor wird das ABC von Zöllner anstimmen. Usingen, mit Bäumen, Bögen, Kränzen rc., wird un­ter Glockengeläute seine Größen aufnehmen. Der ganze Zug soll nach dem Schloßhof gehen und das Schloß mit Laubwerk verziert werden, und mit großen Buch­staben an demselben die Anträge ausgezeichnet sein, für die die großen Vertreter gestimmt. Redner, die Größe, das Gewicht unserer Vertreter zu preißen, haben sich noch nicht angemeldet. Das ganze Fest in seiner wei­ten Ausdehnung soll ein Banquett und Ball beenden, und zwar ein Polka: weil man sich in diesem Tanze zwei Schritte vorwärts, zwei zurück bewegt und zwei­mal um sich selbst dreht. Näheres Bestimmteres später; Gott gebe seinen Segen, und uns unser täglich Brod, wie wir es ihnen bisher gaben.

Hamburg, 15. Sopt. (Nat.-Z.) Schon seit eini­ger Zeit liefen im Publikum Gerüchte über eine Spal­tung innerhalb des Senats um; daß diejenigen Sena­toren, welche an dem Verfassnngswerk der Konstituante Theil genommen haben, mit der schroffen Stellung, welche die Majorität des Senats seit dem Einzüge der Preußen diesem Werke gegenüber einnimmt, nicht zufrieden sein konnten, war vorauszusehen, ebenso aber, daß man sich hüten werde, von dieser Meinungsdiffe­renz , etwas laut werden zu lassen. Jetzt scheint cs unmöglich geworden zu sein, die Sache zu verbergen, denn sie wird allgemein erzählt und durch die augen­scheinliche Unsicherheit im Benehmen unserer obersten Behörde bestätigt. Uebrigens stemmen sich den Absich­ten der unverbesserlichen Konservativen im Senat wahr­scheinlich auch sachliche Schwierigkeiten entgegen, an die man vorher nicht gedacht hat. Diesen Männern kommt es nämlich hauptsächlich aus zwei Punkte an: Beibehaltung der erbgesessenen Bürgerschaft und der Selbstergänzung (Optation) für Creirnng von Scnats- mitKiedern. Höchstens wollen sie der erbgewssenen Bürgerschaft einer Minorität von Beisitzern zuordnen, die von der übrigen Bevölkerung gewählt werden sol­len. Die Bestimmungen der Dreikönigsverfassung sind aber diesen Wünschen eigentlich durchaus nicht günstig, denn sie macht in Betreff der Verfassung der Einzeln­staaten die Einführung des RepräsentativsystemS zur Pflicht.

Leipzig, 17. Sept. (F.J) Der gestrige Sonn­tag brachte uns einige Aufregungen. Nachmittags brach bei einem Bäcker Feuer aus, das jedoch bald wieder gedämpft wurde; am Abend einiges Blutver­gießen. Die Sache wird so erzählt. Ein Schütze von der hiesigen Garnison attakirt ein Dienstmädchen auf der Straße (am Ausgange deS Barsüßergäßchens in den Markt); von dem Mädchen unsanft 'zurückge­wiesen, zieht er blank und verwundet das Mädchen, dessen Geschrei bald Leute um die Beiden herbeizieht. Der Schütze haut einem Anderen einen Finger ab und wird erst, nachdem Polizei herbeigeeilt, entwaffnet und in das Polizeigefängniß gebracht. Es ist dies nicht die erste kühne That, welche Leute dieser Truppen­gattung hier sich erlauben durften. Wie beklagens- werth das aber auch ist, wir finden es nur zu natür­lich, und würden uns nicht wundern, wenn solche Skandale noch öfter vorkämen. Das Ende von den gestrigen Spektakeln machte eine Prügelei zwischen Schützen und demokratischen Turnern an einem öffent­lichen Tanzlokale. Auch dort floß Blut. Die Messe macht sich schon sehr bemerklich; Leute von Fach spre­chen sich dahin ans, daß die Messe eine sehr gute werden würde. Die Cholera hat ungemein nach­gelassen. In den 4 Tagen vom 11. bis 14. sind nur 9 Personen daran gestorben.

München, 15. Septbr. Unsere Kammer ist mit der üblichen Partcibilvung noch immer nicht zu Stande gekommen. Eine Linke hat sich nach dem Wallerstein- schen Programm konstituirt; aber etwa 6 Mitglieder sind ausgetreten, um eine äußerste Linke zu bilden, weil ihnen das Programm nicht weit genug geht und zu un­bestimmt ist. Einem andern Theile geht es wieder zu weit und dieser wird wahrscheinlich unter Herrmann und Kirchgeßner ein linkes Centrum bilden. Der eigentliche Grund dieser Trennung ist, daß sich die Herrn Hermann und Wallerstein nicht um die Führer- stelle vertragen können. Aus der Rechten ist nun wie­der Lerchenfeld mit seiner Fraktion ausgetreten, um sich neben dem linken Zentrum, halb links, halb rechts zu konstituiren, was indessen bis jetzt nicht geschehen ist. Kurz, hier ist bald jeder Mensch wieder eine Nuance und bildet seine eigne Fraktion, wie das in deutschen parlamentarischen Versammlungen üblich ist. Eine ganz separate und apparte Nüance bilden die Pfälzer, Liberal-Konservative, bekanntlich die allervcrrücktefte Menschenrace. Sie stimmen mit der Rechten und Hof-