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Wiesbaden. Donnerstag- 20, September

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DF. Aufklärung oder Verdummung?

Eine Stadt wird »urIdadurch, daß sie Erziehung und Bildung bewahrt, zum Staate. Plato.

So lange die Erde in ihrer Bahn geht, wechselt auf ihr Licht und Finsterniß nach dem Gesetze der Na­tur; bei Gott allein ist nicht Wechsel des Lichts und der Finsterniß, er wohnet in ewigem Lichte. Der Mensch hat die hohe Bestimmung, Gott ähnlich zu werden; sein Geist ist ebenfalls zum Genusse des Lich­tes erschaffen, und darum ist die Aufklärung die Bedingung, unter welcher das Menschengeschlecht seine Bestimmung erreichen und glücklich werden kann. Und dennoch ein beständiger Kampf zwischen Licht und Fin­sterniß auch in der geistigen Welt? Nicht zu leugnen. Man muß sogar gestehen, daß die L i ch tl ö sch e r; u nft tu unserer Zeit ihr Metier auf eine eklatante Weise treibt.

Es dürfte daher nicht überflüssig erscheinen, die bei jener Zunft so verhaßte Aufklärung etwas näher ins Auge zu fassen.

Was ist der Zweck der Aufklärung? Die Auf­klärung will das menschliche Leben aus der sinnlichen Rohheit, aus den Fesseln der Gewohnheit, aus dem Geisteszwange todter Formeln und Lehren, aus der Dumpfheit und den Schrecknissen eines nilentwickelten oder aufgedrungenen Glaubens zur geistigen Regsam­keit erheben, dadurch die wahre Freiheit und mit die­ser Wohlstand und Glück der Gesammtheit, wie des Einzelnen, begründen. Sie steht demnach im Dienste der Demokratie, wie die Verdummung in dem der Aristokratie; denn jene will Licht, während diese be­strebt ist, einschauerliches" Dunkel zu unter­halten.

Die Aufklärung erschließt das Reich der Natur, die Geschichte der Menschenwelt, wie sie sich in Sprache, Wissenschaft, Glauben und Kunst darlegt; sie fördert die Wahrheit zu Tage und macht sie zum Gemein­gut. Nun ist t s aber die Wahrheit, die uns frei macht, und deßhalb läßt sich Freiheit nur in Verbindung mit Aufklärung denken. Während die Vorsteher der Licht­löscherzunft im Dienste der Tyrannei alle geistigen Kräfte der Menschen gewaltsam zu unterdrücken bemüht sind und ihre schwarzen Fittiche über die Welt auszu­breiten suchen, bilden sich im Stillen immer wieder Köpfe und Charaktere, welche die künstlich erzengte Finsterniß mit der Wahrheit Fackeln von Neuem er­leuchten und die, getäuschten Menschen zur Vernunft zurückführen.

Wundern muß man sich daher, wie eine so einfache Frage, als die von der Aufklärung ist, noch immer ein Gegenstand des Streites sein kann, daß sogar Schrift­steller die unfruchtbare Mühe übernehmen, sie zu be­kämpfen; denn dadurch, daß sie eben schreiben, reden sie zu Gunsten der Sache, welche sie bekämpfen wollen. Aufklärung kann nur mit den Waffen der Aufklärung

Die Raben.

Novelle nach Madame Charles Reybaud.

(Aus dem Bildermazujin.)

(Fortsetzung.)

Mâdcheu , nimm nun Dein Mäntelchen, schlage Deinen Schleier herunter und gehe nach Hanse. Sage meine Schwester möge hierher kommen, und schlafe bis gegen Abend."

Gabriele stand auf und gehorchte langsam; als sie an dem Bette vornberging, hob sie den Jmmortclleu- kranz auf, den Susanne weggeworfen, als der Todte sich aufgerichtet hatte, und verbarg ihn unter ihrem Mantel. Sie wollte gehen, aber auf der Schwelle stützte sic sich ohnmächtig an die Thürsäule und flüsterte wahrend sie die Hand an den Kopf legte:mein Golt! mir ist so unwohl!"

Die Alte eilte hinzu und fing die bewußtlose in ihren Armen auf.

Jesus !" sagte sie besorgt;das Mädchen ist so erschüttert, es kann üble Folgen haben; Frau Wirthin, lassen Sie doch eine Portcchaise holen, damit das Mädchen nach Hause gebracht werden kann."

VI.

Ungefähr vierzehn Tage später lag Gabriele in dem großen Bette hinter den Vorhängen von grüner Serge.

angegriffen werden. Ein Krieg aber mit Hülfe des nämlichen Feindes, welchen wir bekriegen, ist ein Un­ding. Und wenn man auch alle Bücher der Welt ver­brennen wollte, so würde dadurch die Aufklärung eben­sowenig verhindert werden, als durch die Zerstörung aller Pfeifenköpfe, welche Heck er's und Bl um's Bildnisse tragen, die Demokratie unterdrückt werden kann.

Oder haben diejenigen, welche gegen Aufklärung eifern, das ausschließliche Recht aufgeklärt zu sein? Ebensowenig als die Reaktion, deren Kinder, wie bei den Meerkatzen, noch häßlicher sind, als die Mutter, das ausschließliche Recht des Fortschritts hat.

Die Mitglieder der Lichtlöscherzunft, diese Geister der Finsterniß, suchen zwar das Gehässige und Empö­rende ihres Treibens gewöhnlich hinter dem Wort­klange:falsche Aufklärung" zu verbergen, und manche gutmüthige «Seele, die nichts natürlicher finden würde, als daß die Menschen das Recht haben, ver­nünftig zu sein, und nichts unnatürlicher, als sie hier­in stören und hindern zu wollen, läßt sich dadurch täuschen. Allein falsche Aufklärung ist eine eben­so widersinnige Wortzusammensetzung, als dunkles Licht. Man könnte allenfalls von einer halben Aufklärung sprechen, welche uns die Stufe bezeich­nen würde, auf welcher das Menschengeschlecht ebenso unumgänglich nothwendig vorhergestanden haben muß, ehe es weiter kommen kann, als nothwendig ist, daß dem reiferen Alter des Mannes die Kindes- und Jünglingsjahre vorhergingen. Die halbe Aufklärung ist in dieser Beziehung der einzige Weg zur ganzen vollen Aufklärung. Diesen Weg versperren zu wollen, ist nichts als ein Versuch, die ganze Aufklärung, soweit sie in den Grenzen der Möglichkeit liegt, hindern zu wollen, es ist ein Hochverrath an der Menschheit und die größte Beleidigung ihrer Majestät.

Doch getrost! Wenn auch ein Vertreter derLicht- löscherzunft in Beziehung auf die fortschreitende Ent­wicklung des Menschengeschlechtes sagen konnte:Kin­der, welche noch nicht sprechen und alleingehen können, laufen auf der Straße umher und führen die unsittlichsten Redensarten im Munde", so wird den­noch eine Verschwörung auch aller Dummköpfe und Tyrannen nicht hindern können, baß es in den Köpfen hell werde, nachdem die Vorbereitungen dazu einmal unaufhaltsam und nach unwiderstehlichen Bedürfnissen gemacht worden sind.

Der Volksverstand ist wie eine Stahlfeder! Man kann ihn lange beugen, zerren und drücken, aber end­lich springt er mit voller Kraft empor. Er wird auch in unserer Zeit die Achtung wieder erobern, welche der elende Spießbürgergeist oder dieschauerliche Bour­geoisie" dem Reichthume zuzuwenden trachtet; und die Thorheit wird zittern vor seinen Schlägen.

Die Welt ist rund. Ein ewiger Kreislauf bezeich­net den Gang der Natur, Heute mir, morgen dir! In England wurde aus den Todten des Schlachtfel­

Noch war sie so schwach, daß sie nicht aufstehen konnte; ! ein nervöses Fieber hatte sie an den Rand des Grabes gebracht und erst seit dem vorigen Tage war sie außer Gefahr. Die beiden Raben sprachen leise mit einander 1 am Kamine.

Wir können sie nicht wieder 'mit uns nehmen," sagte Veronica, indem sie den Kopf schüttelte;Sie ist zu jung für unser Gewerbe."

Ich bin zwar auch Deiner Meinung; wenn sie aber hier bleibt, ohne etwas zu thun, wird sie uns viel kosten."

Nun wir können ja diese Ausgabe wohl machen, wir verdienen genug und haben ja.."

So bist Du nun!" unterbrach sie Susanne; wenn man Dich so hört, könnte man glauben, wie hätten große Schätze und die Diebe brauchten nur zu kommen und zuzugreifen."

Sprich nicht so laut," entgegnete Veronica,sprech ich denn von Geld! Jesus! die Diebe wissen recht gut, baß bei uns nichts zu holen ist; aber wir müssen doch etwas für die Kleine thun."

Ich widerspreche nicht."

Wir kommen ja immer aus, und wenn es uns einmal fehlen sollte, so wenden wir uns an den Herrn Vincent."

Das werden wir nicht nöthig haben, fiel Su­sanne ein,nein wir werden es nicht nöthig haben. Gabriele ist sehr mäßig und wir können sie lange kleiden,

des von Waterloo Knochenerde gemahlen, in Westpha­len aus den Knochen der Franzosen Salmiak undBcr- linerblau, und ans letzterem wiederum Blausäure be­reitet. Welche Verschönerung des großen Naturzirkels! Der Mensch wird mit Schießpulver gctödtet und töbtet wiederum nach seinem Tode Andere als Blausäure. Herrliche Aussichten zur Hebung wenigstens dieses In­dustriezweiges im Hinblicke auf unsere an Tödtungen durch Schießpulver so überreichen Zeit! Ganz Deutsch­land wird mit B e r l i n e r b l a u bedeckt werden, und an Säure kann es dann nimmer fehlen.

Könnten Minister oder andere Fürstenräthe wirk­lich so thöricht sein, den Machthabern der Erde zu rathen, um Gesetz, Ruhe und Ordnung in ihren Län­dern zu sichern, Dummheit und Unwissenheit zu beför­dern, so könnten sie ebenso gut rathen, durch Ver­stümmelung der Leiber ihrer Regierten, diesen die phy­sischen Mittel zu Aufstand und Empörung zu nehmen. Der erstere Rath ist um nichts menschlicher und aus­führbarer als der letztere, wie die Erfahrung neuester Zeit hinlänglich beweist.

Regierungen aber, welche die Zunft der Licht­löscher begünstigen, müssen am Ende selbst im Dun­keln tappen. Die Krumm-Macher und Dumm-Ma­cher haben dein Rechte und der Wahrheit von jeher mehr geschadet, als alle Tyranneien der Machthaber.

Aber", sagt man,die Aufklärung bewirkt die politischen Revolutionen." Daß die Aufklärung Ein­fluß auf die Revolutionen habe, ist nicht zu verkennen,, ebenso wenig, wie daß die Revolutionen ihren Einfluß auf die Aufklärung äußen; aber jener zeigt sich mehr in Farbe und Zuschnitt, als im Stoffe. Ja man wird vergebens in der ganzen Geschichte ein Beispiel einer durch Aufklärung bewirkten politischen Revolution su­chen. Weder Athen, noch Rom, wo doch in der alten Welt die wissenschaftliche Kultur am höchsten gestiegen war, fielen durch sie. Dasselbe gilt von Frankreich. Die französische Revolution von 1789 wurde nicht durch die Aufklärung, nicht durch die Schriften von Voltaire und Rousseau hervorgerufen; ,sie wurde ver­anlaßt durch die unerträglichen öffentlichen Abgaben, die Verschwendungen des Hofes, den Uebermuth der Geistlichkeit und des Adels, die Verachtung des dritten Standes und die schlechte Administration des Landes und der Justiz. Aehnlichcs gilt von den Revolutionen anderer Zeiten nnd anderer Länder. Es laßt sich nicht läugnen, daß die veränderten Ideen, der Wechsel von Licht nnd Finsterniß, die Richtung, welche Gelehr­samkeit und Presse bei einem Volke nehmen, Einfluß auf dessen Staats- und bürgerliche Verhältnisse haben; allein diese Ursachen wirken nur allmählig, sie stürzen nicht um, sie zerstören nicht. Wenn ein Staat zu sei­nem Sturze reif ist, so fällt er, ob Philosophen, Prie­ster oder Armeen die Oberhand haben. Und was liegt am Ende auch daran, ob ein morscher Staat durch einen Freiheitsbaum oder ein Heiligenbild, ob durch eine rothe Mütze oder eine braune Kutte, ob durch

ohne daß cs uns einen Pfennig kostet. Sie hütet das Haus, wenn wir nicht da sind, und wir arbeiten. Gott sei Dank, es geht nun wieder besser mit ihr, und sie wird sich bald erholen; die Gesundheit kehrt schnell zu­rück, wenn man jung ist; freilich sind die Krankheiten auch heftiger. Wäre das Mädchen nicht in unsern Händen gewesen, würde sie sicherlich gestorben sein. Das hätte mir sehr leid gethan."

Mir anch. Das Geld dauert mich nicht, das uns ihre Krankheit gekostet hat und wir können sagen, daß wir nichts gespart habe». Ich werde noch einmal Opium- pillen bei dem Apotheker hole» und ihr zwei davon ein- geben, damit sie eine ruhige Nacht hat."

I» diesem Augenblicke wurde an die Thüre geklopft, so daß die Kranke erschrack und das Gespräch der Alten aufhörte. Susanne stand auf, um zu öffnen.

Heilige Jungfrau, Sie sind es Herr!" spiach sie mit einem Knie;Sie hätten Ihr Zimmer nicht so bald verlassen sollen. Wie geht cs Jhncn jetzt?"

Ziemlich gut; freilich bin ich noch schwach," antwortete dcr Herr von Grcoulx;aber ich mußte Sie sehen und Ihnen danken."

Treten Sie ein, treten Sie ein, Herr," sprach Veronica, die dem jungen Manne cntgcgenqing.Schwester, bring doch eine Handvoll Reisig, damit das Feuer leuchte. Herr, es freut mich sehr, Sie zu sehen, da Sic sich wieder erholt habe». Sie sehen wieder ganz wohl

' aus."