„Freiheit und Leckt!“
^U 223. Wiesbaden. Mittwoch, 19. September LKLV.
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Auch eine Märzerrungeuschaft.
C Wiesbaden, 12. Septbr. Wenn wir vor der Zeit der Märzrevolution davon hörten, wie man in Preußen unter dem Kultusminister Eichhorn ge- gen freisinnige Prediger, wie Uhlich, Wislicenus, Baltzer u. A. Untersuchungen einleitete, und dadurch diejenigen, welche grade das Sal; und der treibende Sauerteig der Kirche hätte werden können, aus derselben hinansvrängte: dann lief es uns eiskalt über den Rücken, wir verfluchten diese Verfolgungssucht und InquisitionSwuth und priesen uns glücklich, daß wir nassauische Protestanten, wenn auch das kirchliche Leben tief darniedcrlag, doch wenigstens unter einem so „milden" Kirchenregiment lebten. Die Revolution trat ein und nun hofften wir, auch unsrer Kirche, welche mehr erstarrt, als unterdrückt zu sein schien, durch eine freie Verfassung neues Leben einzuhauchen. Laien wie Geistliche forderten solches als ein unabweisliches Bedürfniß der Zeit, und die oberste Kirchenbehörde d. h. die Landesregierung schien auf diese vielfach ausgesprochene Forderung einzugehen, indem sie die Dekanatssynoden veranlaßte, welche der demnächst zu berufendeu Landessynode vorarbeiten sollten. Bei den kirchlichen Zerwürfnissen, welche vielfach ausbrachen und von den verrotteten Zuständen der Kirche lautes Zeugniß ablegten, bei den Mißhelligkeiten zwischen vielen Gemeinden und ihren Pfarrern, oder zwischen den verschiedenen, zu Einem Kirchspiele gehörigen Gemeinden selbst, bei den überall laut werdenden Klagen über den Druck der Kirchensteuern, beobachteten die kirchlichen Behörden vielfach das damals ganz entsprechend scheinende Verfahren, baß sie diejenigen, die sofortige Abhilfe ihrer Beschwerden verlangten, auf die nahe bevorstehende ucne Ordnung der kirchlichen Verhältnisse, insbesondere ans die bald zu berufende Landessynode vertrösteten. Indessen war schon bei der Berufung der Dekauats- synodeu wenig Eile und Eifer wahrzunehmen, so ließ die Landessynode trotz alles sehnsüchtigen Wartens des Volkes gar nichts von sich sehen oder hören. Erkundigte man sich nach der vielversprochenne und vielversprechenden Trösterin, so hieß es Anfangs, die Spezial- synoden seien noch nicht alle abgehalten, dann wieder: die Herrn Geistlichen seien mit dein Konfirmanden- unterricht beschäftigt, aber sogleich nach Pfingsten werde die ersehnte erscheinen. Das Fest des heiligen Geistes kam heran, die Zugend wurde konfirmier, und die Herrn Geistlichen traten, nachdem sie diese schwere Arbeit überstanden, in die gesegnete Ruhezeit der Trtintatrs- sonntage ein, wo's keine Feste und nur wenig Todesfälle und Kindtaufen gibt. Aber der helstge Geist, der in früheren Zeiten sich so oft in den Synoden der christlichen Kirche mächtig erwiesen hatte, wollte trotz Pfingsten und Trinitatiö nicht erscheinen, um unser Kirchenregiment zur Berufung der Generalsynode zu begeistern. Endlich nach langem Harren und nachdem auch in der Kammer wegen der Sache einmal inter-
pellirt und auf das steigende Mißtrauen im Lande hillgewiesen worden war, erschien im Monat August — nicht das ersehnte Kindlein der Hoffnung, sondern statt dessen ein häßlicher Wechselbalg, eine oktroyirte Kommission, bestehend aus Kirchenralh Otto, den Dekanen Grimm und Vogel, dem unvermeidlichen Staatsprokurator Reich m a n n und noch zwei andern Laien, Reinhardt von Usingen und Schra in in von Haiger. Diese Kirchenkommisfion wurde „berufen, um über dasjenige, was nach den vorliegenden Verhandlungen der Dekanatssynoden, zuin Behufe der Reform und weitern Entwicklung der Verfassung der evangelischen Kirche im Herzogthum, nunmehr zu geschehen habe, Gutachten zu erstatten." Die Commission sollte also die Beschlüsse und Gutachten der Dekanatssynoden nochmals begutachten. Ob und in welcher Welse sie dies gethan hat, — das weiß man nicht. Man hat die schwarzen Gestalten der sechs Kirchenreformatoren zwar eine Zeit lang in den Straßen Wiesbadens um« herwandeln sehen; von ihrer Thätigkeit aber haben dieselben, wenn man eine magere Notiz in No. 193 der „Nassauischen AUgem. Zeitung" abrechnet, Nichts kund werden lassen. War ihr Wirken vielleicht der Art, daß sie das Licht der Sonne nicht vertragen sann? — Sei dem, wie ihm wolle, wir müssen uns bislang auf bas beschränken, was „verlautet", und was „dem Vernehmen nach" im geheimen Schooße dieser Kommission vorgegangen ist.
Es „verlautet" aber unter Anderm Folgendes: Bei Verhandlung der Frage, ob dermaleil die Zeit sei, eine evangelische Landessynode zu berufen, äußerte ein Kommissionsmitglied, die Zeit sei „zu aufgeregt", cs würden jetzt „zu viele demokratische Elemente"Jn die Synode kommen, auch müßten überhaupt erst die Staats- verhältnisse geordnet sein; durchaus nothwendig sei es, wenigstens bis zu Pfingsten 1850 damit ^u warte»; denn mehr als je sei in unserer unkirchlichen Zeit der heilige Geist der Synode nöthig, und der werde in der Pfingstzeit am ersten sich auf dieselbe Herabsenken. Ein Anderer meinte, die Geistlichen müßten sich erst tüchtige Kirchenvorsteher als ihre geistlichen Gehülfen Heranbilven, wie dies von dem gottbegnadeten Kirchen- regiment in Preußen beantragt worden ist. Diese Gründe gingen bei, uild es wurde denn „begutachtet", daß die Nassauische Landessynode bis 1850 ausgesetzt werden könne.
Was das Wahlgesetz für die Synode betrifft, so soll sich die Kommission dahin geeinigt haben, daß aus jedem Dekanatsbezirk ein Geistlicher und ein Laie, der erstere durch die Geistlichen, der letztere durch die Laren zu wählen sei. Es soll endlich der Kirchenrath Otto mit Ausarbeitung eines Kirchenverfassungsentwurfs beauftragt worden sein, worauf die Kommission aus- elnanberging, um später wieder zusammenzutreten und jenen Entwurf zu berathen, welcher dann endlich der künftigen Landessynode vorgelegt werben soll. Welch' eine Kirchenverfassung wir von Otto zu erwarten
haben, das wissen wir schon, da derselbe bereits im vorigen Jahre einen solchen Entwurf im Druck hat erscheinen lassen. Otto aber gehört noch zu den freisinnigen Mitgliedern der Kirchenkommission, und es ist daher zu erwarten, daß der von ihm vorzulegende Entwurf aus der Berathung der Kommission keineswegs verbessert hervorgehen wird.
So steht's dermalen mit unserer protestantischen Kirche. Wenn es nicht so ist, wenn wir Unwahr- heiten vernommen haben, so lassen wir uns gerne eines Bessern belehren. Zuzwischen glauben wir Ursache zu haben, das Berichtete für wahr zu halten. Die Generallynode und mit ihr die „Reform und weitere Entwickelung der Kirchenverfassung" wäre also in weite ungewisse Ferne hinausgerückt; die Synode selbst würde so zusammengesetzt, daß die Geistlichkeit jedenfalls das Uebergewicht in derselben haben würde; eine freie Kirchenverfassung wird, wenn es überhaupt zum „Reformiren" kommt, n i ch t zu Stande kommen. O ihr eiteln Märzhoffnungen! O du gutes vertrauendes Volk.
Unterdessen geht die Hierarchie ihren alten Weg fort, unbekümmert um die Leiden, welche sie Hunderten und Tausenden zufügt, unbekümmert um die Wunden, welche sie der Kirche selbst schlägt. Die kirchlichen Zerwürfnisse bleiben ungeschlichtet, den Gemeinden werden nach wie vor Prediger oktroyirt, von welchen sie nichts, wissen wollen; solche Prediger dagegen, welche auf der Seite des Volkes stehen und mit ihren Gemeinden in einem wahrhaft christlich brüderlichen Verhältniß leben, werden versetzt und mit Suspension oder Dienst- entsetzung bedroht! — Za wir find sogar hinter die Mârzrevolution zurückgeworfen. Vor jener Zeit durften unsere freisinnigen Geistlichen ihre Ansichten über Gegenstände der Religion und Politik an öffentlichen Orten und in geselligen Kreisen ungenirt auSsprehen, ohne daß unser „mildes" Kirchenregiment davon Notiz zu nehmen für nöthig fand. Dasselbe befolgte ausgesprochener Maßen den Grundsatz, daß so lange von Seiten der Gemeinde gegen ihren Geistlichen reine Klagen einliefen, kein Grund zum Einschreiten vorhanden sei. Seitdem wir aber unsere glorreiche Märzrevolution erlebt haben, ist das (eben so wie auf dem Gebiete des Staates) Alles anders geworden. Jetzt kommt es nicht mehr auf die Zufriedenheit oder Unzufriedenheit der Gemeinden mit ihren Predigern an, jetzt walten „höhere Rücksichten" ob, welche über die Beurtheilungskraft der Gemeinden hiuausliegeu; jetzt ist unser Kirchenregiment sehr unmild und streng geworden; jetzt sind die freisinnigen Geistlichen überall von Spionen und Denunzianten umgeben, welche jedes freie Wort, versteht sich, gewöhnlich enstellt und verdreht am gehörigen Orte hinterbringen; jetzt werden sogenannte Disziplinaruntersuchungen gerade gegen solche Geistlichen eingeleitet, welchen vor dem 1848er März die kirchlichen Behörden sogar ihre besondere Zufrce-
Die Naben.
9tooeUe nach Madame Charles Reybaud.
(AuS dem Bildermagazin.)
(Fortsetzung.)
r Das junge Mädchen, das unbeweglich und bleich war wie der, dessen frühzeitiges Unglück sie beklagte, wendete die Blicke nicht mehr von dem Todtenbette ab; stumme Thränen rollten über ihre Wangen; sie war in die Betrachtung dieser Scene ganz versunken. Aber bald machte sich die Herrschaft frommer Gedanken in ihr geltend; sie wendeten sich auf das Leben in der andern Welt; sie bedachte, daß der Geist nicht gestorben sei wie der Leib und der, für welchen sie bete, dankbar vom Himmel auf sie hcruuterschaue. Ein starker Glaube eine lebendige Hoffnung belebten sie. Es war ihr, als würde sie ihn in jener Welt in menschlicher Gestalt und in ewiger Jugendkraft Wiedersehen. Sie hob die Augen gen Himmel, als öffne er sich vor ihr und zeige ihr das Ende dieses Geheimnisses, dessen Anfang sie hier unten vor sich sah.
In diesem Augenblicke ging der Nachtwächter vorüber und seine eintönige Stimme wiederholte: Mitternacht! Der Blick Gabrielens senkte sich von neuem auf das Bett und alsbald rief sie, während sie heftig zurückfuhr:
„Großer Gott! der Todte hat sich bewegt!"
Susanne fuhr aus dem Schlafe auf.
— „Was gibt es?" fragte sie; „was hast Du? Heilige Jungfrau, was ist Dir?"
Gabriele stand da steif, mit stierem Blicke und zitternden Lippen, zeigte mit dem Finger auf das Bett und wiederholte: —
„Der Todte hat sich bewegt!"
Und wirklich streckten sich die Hände, welche das Crucifix hielten, mit einer schwachen Bewegung aus.
— .Der Mann ist nicht todt !" rief Susanne, indem sie an daS Bett eilte.
Diese Stimme schien den Todtgeglaubten zu erwecken; er richtete sich von selbst auf und blickte langsam um sich. Gabriele kniete an dem Bette nieder und streckte die Hände nach dem Manne aus, der vom Tode auferstand. Auch die Alte war sehr ergriffen, doch verlor sie den Kopf nicht.
.Es war eine Lethargie !" sagte sie, indem sie mit einem Fußtritte das Todtengerüst umstieß und den Jmmvrtellenkranz wegwarf; „zum zweitenmale sehe ich dies seit fünfzig Jahren. Fassen Sie Muth , junger Herr; kommen Sie zu sich!"
.Er friert, sagte Gabriele, welche die Hände zu berühren wagte, welche matt an dem Bette herabsanken.
„Geh, Mävcben! Laß mich machen," sagte Susanne, indem sie das Schweißtuch zerriß und den matten Körper mit noch ziemlich kräftigem Arme empvrrichtete. „Kommen
Sie an den Kamin, Herr; ich werde sie unterstützen; die Wärme wird Ihnen wohl thun.. Gabriele, liebes Kind, klingele so stark, als Du cs vermagst; rufe Leute; laß guten Wein bringen; vielleicht ist ein Aderlaß nöthig ; man soll den Arzt und den Barbier rufen... So, Herr, so werden sie wärmer werden. Halten Sie die Füße in das Feuer, wenn Sie sehr frieren; eS schadet Ihnen nicht."
— „Was ist mit mir geschehen?" flüsterte der junge Mann, indem er die Augen wieder schloß; „wo bin ich ?"
„In Ihrem Zimmer, das Sie nicht verlassen haben. Fühlen Sie Schmerz?"
— „Min, aber ich bin sehr matt," antwortete er und ließ den Kopf auf die Achsel der Alten sinken.
Gabriele hatte alle Thüren geöffnet und nach Hilfe gerufen; die Mägde, die noch in der Küche wachten, kamen bis unten an die Treppe, aber Niemand wollte herauf. — „In des Himmels Namen!" rief Gabriele, „bringt Wein, das rettet dem armen jungen Mamie vielleicht das Leben!"
„Der Rabe will uns Yiiianflocken, um und zu ängstigen," sagte eine alte Magd.
— „Lieber möchte ich die Hörner des Teufels sehen, als ihr Gesicht ," scyte eine andere hinzu.
„Die, welche durch ihre Lände gehen, sind todt und wenn sie wiederkommen, so wollen sie die Lebendigen nur peinigen," fuhr die Alte fort; „der Geist des Herrn Caspar von Grcoulx ist wiedergekommen."