„Freiheit und Recht!"
•42 222. Wiesbaden. Dienstag, 18. September I®^©4
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^^ Zur Charakteristik der konstitutro- uellen Partei.
Die große Mehrzahl der Herrn Constitutionellen in dec nassauischen Kammer hat eine Vergangenheit, die sie in einer ganz andern Gesellschaft vermuthen ließe, als in der sie sich jetzt befinden, und ist gewählt von einer Bevölkerung, die ihre Ansichten so wenig' theilt, daß nur eine ungeheure Beschränkung des allgemeinen Stimmrechts ihre Wiederwahl sichern würde. Im Anfang ihrer Thätigkeit hatten diese Herren noch einen Begriff von den Beschwerden und Bedürfnissen des Volks. Sie wagten es noch nicht, die öffentliche Meinung unerhört gering zu achten, und waren noch nicht alle so konstitutionell, daß sie die Regierung in Allem stützen zu müssen glaubten. Einige der Herrn gehörten im vorigen Jahre noch zu der entschieden freisinnigen Partei, und sind wie z. B. Herr Jost Schmidt heute noch Mitglieder von demokratischen Vereinen. Von den Wühlereien, die viele der Herrn vor ihrem Eintritt in die Kammer trieben, von ihren Revolutionsgelüsten und Volksreden rc. wollen wir hier ebensowenig reden, als von den Mißtrauensvoten, mit denen die Herrn ob ihrer Entschiedenheit und Consequenz von ihren Wählern bedacht worden sind. Besonders interessant ist das Verhalten der Constitutionellen in der Domänenfrage, einer Frage, in der bei Eröffnung des Landtags noch alle Mitglieder desselben einerlei Ansicht und mit dem Volke in vollständiger Harmonie waren. Die Regierungzhat kn der von ihr vorgelegten Zusammenstellung des nassauischen Staatsrechts bekanntlich die in der Proklamation vom 5. März v. I. dem Volke zugesichertcn Rechte an den Domänen nicht gehörig berücksichtigt; ja sogar so wenig, daß in dem ganzen Lande und sogar in der Kammer die Fassung der Regierung mit Unwillen ausgenommen wurde. Nur Herr Heydenreich war so konstitutionell, im Anfang selbst diesen Vorschlag der Regierung zu vertheidigen. Bald aber schlug der konsequente Mann andere Saiten an. Der Negicrungs- vorschlag war denn doch nicht allen nassauischen konstitutionellen Kammerhelden genügend. Man mußte also einen andern Weg einschlagen. Die Häupter der Constitutionellen machten Opposition gegen die Regierung und sofort griff der konstitutionelle Club diese Sache mit der größten Lebhaftigkeit auf und re- nammirte nicht wenig, wie energisch er oppomre, wenn es gelte, die Rechte des Landes zu wahren. Die ganze Kammer war einig. „Wir wollen die Proklamation, die ganze Proklamation, und Nichts, als die Proklamation!" so tönte es aus aller Constitutionellen Mund. Herr Heydenreich schrieb dickleibige Abhandlungen gegen dieselbe Regierung, die er in derselben Sache 8 Tage vorher vertheidigt hatte. „Wir ver- willigen keine Steuern, die Regierung hat unser Ver
Die Naben.
Nooelle nach Madame Charles Rey band.
(Aus dem Bildermagazin.)
(Fortsetzung.)
Die Magd blieb wie eingewurzelt stehen und machte große Augen. Die Alte setzte deßhalb hinzu: „sag mir doch, meine Liebe, wie ist der junge Herr gestorben ?"
„Heilige Maria Magdalena! was weiß ich?" antwortete sie. „Er hat sich gestern Abend zu Bett ge- gelegt, die Aerzte kannten seine Krankheit nicht und heute morgen ist er gestorben." „
— „Man schickt doch immer zu spät nach uns! murmelte der Rabe; „er muß schon kalt sein.
Sie suchte in ihren großen Taschen nach Nadel und Schcere und stieg weiter die Treppe hinan. In dem ersten Zimmer befand sich Niemand. Die beiden Alten verschlossen die Thüre, winkten Gabriele da zn bleiben und traten in das zweite Zimmer.
Das junge Mädchen stützte sich auf den Kamin und verbarg ihr Gesicht in den Händen; sie schauerte vor Furcht. Ihre Kindervorurtheile wirkten dabei nicht mit; sie würde sich vor einer übernatürlichen Erscheinung nicht geschenkt haben; aber sie empfand im höchsten^ Grade jenen instinetmäßigen Abscheu, den alle lebende Wesen bei dem Anblicke des Todes jühlen. Ihr Verstand
trauen nicht!" das waren die Redensarten, vor denen man sich nicht erhalten konnte.
Der Streich war gelungen. Die Constitutionellen hatten sich das Ansehen gegeben, als wollten sie der Regierung gegenüber die Rechte des Volkes nicht aufgeben und zwar sw täuschend, daß die meisten Mitglieder der Linken an die Aufrichtigkeit der Redensarten glaubten, obgleich hier und da wegen des bisherigen Benehmens der Constitutionellen nud wegen ihrer Hoffnungslosigkeit bei einer etwaigen Kammerauflösung schon ziemlich bedeutende Zweifel erwachten. — Nachdem man sich mit der Negierung über acht Tage herumgestritten und von derselben die abweichendsten Ansichten, von denen die Regierung nicht abgehen zu können noch bis zuletzt erklärt hat, vernommen hatte, legte die Regierung die jetzt angenommene Fassung vor. Es kann um so weniger unsere Absicht sein, hier auseinanderzusetzen, daß diese Fassung Alles, ja sogar noch viel mehr'enthält, als Re Negierung ursprünglich beanspruchte, als dies die Kammerverhandlungen darthun und die Sache überhaupt so einfach ist, daß jeder sich durch nur oberflächliche Begutachtung der jetzigen Fassung davon überzeugen wird.
Nun aber lag plötzlich die Sache ganz anders: „Die Fassung der Regierung ist eine sehr glückliche und die Sache selbst so einfach, daß kaum zu begreifen ist, wie eine Diskussion darüber entstehen kann. Widerspruch gegen diese Fassung kann nur von denen erhoben werden, die den Herzog berauben wollen; die Rechte des Landes sind jetzt vollständig gewahrt rc." Das waren nun die Redensarten derselben Menschen, die vor acht Tagen ihr „Kreuzige" über die Regierung gerufen hatten, welche so gefährliche Grundsätze aufstelle, ja welche sogar die Proklamation antaste! So schrieb derselbe Heydenreich, der in sehr gelehrten Abhandlungen bewiesen hatte, daß die Kammer bei der Fassung in der Proklamation selbst stehen bleiben müsse, und daß diese Fassung durchaus Nichts Gefährliches für den Herzog enthalte! Und auf diese Gründe hin wurde die Fassung der Regierung angenommen von einer Majorität, die noch vor acht Tagen feierlich erklärt hatte, daß ein Abweichen von den Worten der Proklamation mit Pflicht und Gewissen nicht zu vereinbaren sei, und daß man einer Regierung, die solche Ansichten habe, keine Steuern verwil- ligen könne!
Mit einer Schamlosigkeit, wie wir sie nicht für möglich gehalten hätten, haben sich namentlich einige Herren der constitutionellen Partei in dieser Frage hinausgesetzt über Alles, was die Ehre erforderte und man hat im Allgemeinen keinen Anstand genommen, Alles dasjenige zu vergessen, was man wenige Tage vorher als die höchste Pflicht erkannt hatte.
So die constitutionelle Partei, die fortwährend Redensarten macht über Ehre, Pflicht, Consequenz, Auf-
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kämpfte vergebens gegen diese .Furcht; sie wußte recht wohl. daß sie keine Gefahr zu fürchten habe und doch empfand sie schrecklichere Angst, als wenn ihr Leben gefährdet gewesen. Sie hörte mit unwillkührlichem Beben die Tritte der Raben, welche in dem Zimmer nebenan umhergingen und je näher der Abend kam, um so höher stieg die schreckliche jFnrcht. Tausendmal stand sie auf dem Punkte, die Thüre zu öffnen, zu entfliehen und sich auf eine Nacht in das Kloster zu flüchten; aber das Gefühl dessen, was sie den Alten schuldig sei, die sie ausgenommen hatten, hielt sie zurück.
Nach einer Stunde öffnete Veronica die Flügelthüren des zweiten Zimmers und sagte zn Gabrielen:
„Es ist vorbei, wir haben alles in Ordnung gebracht. Schlage Dein Gebetbuch auf mein Kind und komm."
Sie versuchte, in dem Gebetbuche die Sterbegcbete zu finden, aber ihr Auge erkannte die Buchstaben nicht mehr und ihre zitternden Hände konnten die Blätter nicht umwenden.
„Komm!" sagte Veronica, indem sie das Mädchen sanft stieß.
— „Ich komme," antwortete Gabriele, die eine verzweifelte Anstrengung machte und eilig in das Zimmer trat.
Erst sah sie nichts; eine Wolke schwamm vor ihren Augen; ein schmerzliches Summen rauschte in ihren Ohren ; sie war einer Ohnmacht nahe.
richtigkeit rc. und sich fortwährend ergeht in Verdächtigungen und Schmähungen gegen die demokratische Partei.
Deutschland,
§"h Wiesbaden, 15. Sept. (Die Verlegung der Rechnungskammer.) — Unsere Stänvekam- mer, mehr als jemals für das Wohl des Volkes bedacht, sinnet dermalen, wie sie die Stadt Usingen für den Verlust des Hofgerichtes entschädigen solle. Die Ständekammer will aber dein Vernehmen nach verfügen, daß die Stadt Usingen für den Verlust des Hofgerichts, durch Verlegung der Rechnungskam- mer nach Usingen entschädigt werde. — Bis zum Jahr 1831 war in Ufingen keine Staatsbehörde. Daß das Hofgericht damals dahin verlegt wurde, hatte nur darin seinen Grund, daß der Herzog Wilhelm den Wiesbadnern zeigen wollte, „sehet, ich kann Euch schaden, wenn ich will!"
Als die Staatsbehörde darauf bedacht war, mit allen denkbaren Opfern die Stadt Wiesbaden zu vergrößern, ließ sie auch die dortigen Staatsdiener — unter den heiligsten Versicherungen, daß nie daran gedacht werde, eine Behörde von Wiesbaden zu verlegen, — dazu auffordern, sich bei den Neubauten zu betheiligen. Bei dem Personale der Herzogl. Nech- nungskammer befinden sich neun solcher Staatsdienec, welche — diesen heiligsten Versicherungen trauend — sich in den Besitz von Häusern gesetzt haben. Diese neun Staatsdiener würden durch die Verlegung der Rechnungskammer nach Usingen in einen, für ihre Vermögens- und Familienverhältuisse bedeutenden Verlust versetzt, der weit den Vortheil überwiegen würde, welchen die RechnungSkammcr den Bewohnern der Stadt U singen verschaffen würde. — Erinnern wir uns ja noch so genau, wie die Bewohner von Usingen schon nach so kurzer Zeit, nachdem das Hofgericht dahin verlegt wurde, einstimmig erklärten, sic hätten sich davon einen weit fühlbareren Vortheil versprochen.
O Kamberg. Unsere Bürgermeisterwahl ist abermals vorüber, und abermals mußte die Demokratie erliegen, so glänzend auch ihre Aussichten schienen. Die Demokratie hatte Gemeinderath Boufier als Kadi- dat ausgestellt, die Jesuitenpartei konnte keinen Kandidaten entgegenstellen, der auch nur einigermaßen gleiches Ansehen in der Gemeinde genösse, sie nahm deßhalb einen solchen, der ganz unbekannt war.
„Aber im Kabinette herrschte ungewöhnliche Thätigkeit" und Werber gingen hausirett. Es galt zu un- terzeignen--oder allerhöchstes Mißfallen.
Wohl haben wir der entschieden freisinnigen Männer grade nicht viel, aber auch der entschiedenen Jesuiten gibt cs nur eine kleine Zahl. Die große Mehrzahl beklatscht die Bestrebungen der freien Männer, aber sie mag nichts wagen, wenn der Mächtige
„Es gibt nichts zum Fürchten hier!" sagte Susanne, indem sie daS Mädchen auf einen Stuhl au der TH re führte. „Heilige Jungfrau!"
Gabriele versuchte von neuem, ihre Furcht zu be- meistern; sie richtete den Kopf empor und überblickte das Zimmer. Und wirklich, was sie sah, war w rk- lich mehr ein trauriger als entsetzlicher Anblick. Vier Kerzen brannten an den vier Ecken des Bettes, dessen Vorhänge zurückgeschlageu waren, und daneben befand sich ein Gefäß mit Weihwasser, in welchem ein Buchs- baumzweig lag, der zum Besprengen diente. In der Mitte dieses Trauergerüstes ruhete eine unbewegliche und weiße Gestalt gleich den scheinen Marmorstatuen, welche auf den Gräbern schlafen. Sie war bis an den Hals in ein Tuch gehüllt; die auf der Brust znsammcngc- legten Hände hielten ein Krenz; ein Kranz von Immortellen und weißen Felsen umschlang die Stirn.
Allmätig wich die Furcht Gabrielèn's einem tiefen Gefühl von Traurigkeit; der Jnstinct wurde durch den Verstand beherrscht und daS junge Mädchen kniete nieder um das Gebet für die Todten zn beginnen. Susanne kniete neben ihr und sagte zufrieden:
„9hm bist Du ruhig. Du siehst, daß dies nicht schrecklicher ist, als etwas anderes. Komm, Kind, lies schnell das Gebet; ich werde die Antworten lesen; dann gebe ich Dir ein Täßchen Kaffee und dies wird Dich diese Nacht wach erhalten."