„Freiheit und Neeht!"
.^Z 221. Wiesbaden. Sonntag, 16. September ZKLÄ.
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*^ Bourgeoisie und Proletariat.
III.
(Schluß.)
An eine vollkommene Restauration der alten Fürsten- und Adelswirthsschaft wird wohl Niemand denken. Die Geschichte pflegt sich bitter an Denen zu rächen, die sie eigensinnig zurückschrauben möchten; das Rad, das dieselben rückwärts gedreht, wird bald wieder seinem natürlichen Laufe folgen, und jene unter seiner Wucht zermalmen. Die Grundsätze der neuen Zeit sind zu tief in alle Herzen eingegraben, als daß der Absolutismus lange seine Orgien feiern könnte. Die unendliche Theilbarkeit und freie Beweglichkeit alles Eigenthums bricht sich mehr und mehr Bahn; Grund und Boden, in die mannigfaltigsten Parzellen zerschnitten, wandert von Hand zu Hand; jede Arbeitskraft sucht sich beliebig ihre Stätte; das Kapital aber macht sich Alles untertänig, die Arbeit wie den Grundbesitz, und von sei- nen Höhen blickt es mitleidig auf die adeligen Ueberbleib- sel herab, die eine gänzlich veränderte Produktionsweise nach und nach aus ihrem Besitze verdrängt hat, es fluthet an gegen alle Hemmnisse der Produktion,- gegen die Steuern, die Zölle, die Zünfte, die Beschränkungen des Grundeigenthums ; es ist das Oel, mit dem die Räder des Staatswagens geschmiert werden müssen. Der Absolutismus lebt vorzugsweise von den Bajonetten, und die Bajonette leben — vom Geld: das Capital braucht nur einmal zu sagen: ich will nicht! und die ganze Feudalwirthschaft bricht zusammen, „wie mürber Zunder."
Aber das Capital wird dieses sein Veto nicht einlegen, wenigstens nicht laut und öffentlich. Es muß jeden offenen Konflikt mit den Feudalen scheuen — denn im Hinterhalte lauert, wie die Katze zum Sprunge, das Proletariat. Die Dinge müssen sich mehr so zu sagen von selber machen, das Capital muß in aller Ruhe seine Eroberungen vollenden, sodaß sich das Proletariat plötzlich in seinen eisernen Armen findet, ehe es auch nur einen einzigen Vortheil von dem Streite der beiden Gegner ziehen konnte. Aber zum Glücke ist die demokratische Parthei schon so weit organi- sirt, daß sie vor einem solchen Falle sich nicht zu fürchten braucht. Nach der bisherigen Geschichte der Bourgeoisie zu urtheilen, gehen diese Eroberungen so langsam vor sich, daß in demselben Moment, wo die letzte Position der Feudalen verloren geht, das Proletariat die Bed ingu ngen d es S i ege s wird diktiren können. Wäre die Geschichte eine ruhige und friedfertige, — die Konstitutionellen würden sich zuletzt als Sieger- finden. Aber die Revolution ist trotz dem weißen Czaren und trotz dem Prinzen von Preußen so wenig ans- gegohren, daß von nun an alle Eroberungen werden im Sturmschritt gemacht werden. Auch für sich allein wäre das Dürgerthum zu siegen fähig — aber die Cristenz einer über seine Forderungen hinausgehenden
demokratischen Parthei treibt es beständig dem Rückschritt in die Arme. Es liegt dies in der 9iahtt der Sache: der Revolutionär wird konservativ, sobald sich eine Opposition der Ultra's bildet. So macht also die Eingeklemmtheit dieser Klaffe zwischen zwei Gegnern, die Ueberholtheit von der Demokratie, die zum Theil zwar dieselben Forderungen stellt, wie sie selber, mit der sie aber dennoch jede Gemeinschaft abbrechen muß; dabei zugleich die natürliche Trägheit, die theil- weise Unbeholfenheit, eine Klaffenregierung in ihrem Sinn unmöglich. Die ganze Geschichte der Konstitutionellen ist eine fortwährende Niederlage ihrer Grundsätze. Das ist die gerechte Strafe dafür, daß das deutsche Bürgerthum in seiner Entwicklung um viele Jahrzehnte zurückgeblieben ist, daß es nicht den Muth hatte, im entscheidenden Augenblicke selbstthätig in die Geschichte einzugreifen, sondern sich mit der erbärmlichen Nolle eines Anhängsels der Feudalen begnügte. Es muß weit mit einer Parthei gekommen sein, von der Einer ihrer ausgezeichnetsten Vertreter sagt, daß sie in Preußen unmöglich sei.
Die Deinokratie endlich wirbt ihre Anhänger vorzugsweise aus dem noth leid enden Volke. Sie schreitet in die Hütten der Armuth und leuchtet dem Hoffnungslosen als letzter ersehnter Stern. Sie flüstert dem armen Handwerker, der mit Noth und Drangsal kämpft, der kaum so viel erwirbt, als zu seiner Eri- stenz nothwendig ist, Trost und Linderung zu. Gleichwie Christus diejenigen tröstete, die zumeist des Trostes bedürfen, so spricht auch sie zum armen Volke, und zeigt ihm seine Bedrücker, und wie es sich aus ihren Armell befreien könne. Wohl mag cs außerdem Manche geben, die das Elend des Volkes tief betrauern, denen seine Unwissenheit tief zu Herzen geht, die jeden Streich mitfühlen, der auf es geführt wird — wohl mag es Manche geben, für die es Bedürfniß ihrer Bildung, ihrer Menschenliebe ist, als Fürsprecher der Armuth aufzutreten. Aber das eigentliche Element dieser Parthei ist das Proletariat — d. h. diejenigen, deren Arbeitskraft um den geringsten Preis verkauft ist an die Kapitalisten. Die Demokratie hat alle die Forderungen mit der Bourgeoisie gemein, die wir oben berührt haben: wir meinen Alles, was dazu dient, die starren Formen des Mittel alters zu beseitigen. Sie jauchzt jedem Siege Beifall zu, den die Bourgeoisie nach dieser Seite erringt — aber sie ist zugleich bemüht, die Bourgeoisie nicht zu einer ruhigen Ausbeutung des Sieges gelangen zu lassen. Woran der Demokratie vor Allem gelegen sein muß, das ist das Authören der deutschen Kleinstaaterei. Mit der Verringerung der vielen verschiedenen Staatshaushaltungen hört eben auch die Zersplitterung Deutschlands mit ihren unseligen Folgen auf, ist dem Partikularismus und der StammeSbor- nirtheit die Nahrungsqnelle abgeschnitten, ist eine ungeheure Summe jetzt unfruchtbar verwendeter Capitalien der produktiven Verwendung zurückgegeben, wird
— das ist des Pudels Kern *- die Zahl der unproduktiven Konsumenten, an denen Deutschland solchen Ucberfluß hat, d. h. die Zahl derer, die das Volk um die Früchte seiner Arbeit schmälern, die sie selber verzehren, ohne eine Hand gerührt zu haben, um ein Beträchtliches vermindert.
Wie die Industrie zentralisirt, um billig zu produ- ziren, so muß auch die Staatsverwaltung nach Zentralisation anstreben. Man sollte meinen, in diesem Punkte müsse die Bourgeoisie mit dem Proletariat einverstanden sein. Allein innerhalb der Bourgeosie sind die Interessen selbst wieder so getheilt, hat ein Theil durch die Stagtenzersplitterung ein Interesse, dieselbe aufrecht zu erhalten, wehrt sich der Mittelstand gegen die Macht deS großen Kapitals, das auch ihn zu unterwerfen droht, und endlich sind die Folgen einer solchen Gestaltung so unübersehbar — daß es die Bourgeoisie lieber beim Alten läßt, und sich höchstens mit der Einschmelzung der ganz kleinen Staaten begnügt. Dem Feudalismus gegenüber, der es am liebsten sâhe, wenn die alten Stände, geschieden von einander, sich wie Felsen anglotzend, wieder zu restauriren wären, der die versteinerten, krystallisirten Formen liebt, der Jedem einen bestimmten Kreis anweisen möchte, aus dem er nicht heraustreten dürfte, bejaht die Demokratie den Grundsatz der freien Beweglichkeit, der freien Konkurrenz, des uneingeschränkten Wetteifers aller Kräfte; der Bourgeoisie gegenüber, die die freie Konkurrenz nur zu ihrem Vortheil ausbeuten will, die die untereinander konkurrirenden Arbeitskräfte auf die leichteste Manier erploitirt, die endlich selbst das niedere Capital sich dienstbar mad)t, und allen Gewinn zuletzt auf die eisige Höhe einiger wenigen Kapitalisten hinaufschranbt — der Bourgeoisie gegenüber muß die Demokratie nothwendig das Prinzip der freien Konkurrenz verneinen. Was aber vor Allem die Demokratie zu einer hoffnungsvollen Zukunft berechtigt, das ist die Widerspenstigkeit der Feudalen, die nicht einsehen wollen, daß ihre Uhr längst abgelaufen ist.
Der Glanz der guten alten Zeiten hat unsre Fürsten theilweise so geblendet, daß sie es eben nicht zugebcn können, daß sich „die königliche Sonne in eine bürgerliche Australlampe" verwandeln soll. Hochmüthig behandelt man die Bourgeoisie — man hat freilich keine Ursache, sie zu achten; aber wo die gänzliche Veränderung der Zeiten und Sitten einen solchen Bund gebietet, da ist es thöricht, sich eigensinnig auf seine Launen zu steifen. Wären unsere Könige konstitutionell — im modernen Sinne —; gäben sie ihre Einwilligung zur Vernichtung der Adelsprivilegien, gäben sie dem Bürgerthum die Verwaltung seiner Interessen in die Hand, zufrieden damit, ihre jährliche Zivilliste zu erhalten, wahrhaftig die Demokratie hätte nun einen wenigstens doppelt so starken Feind: denn die Bourgeoisie hätte sich ja ans einem Gegner einen Freund erworben. Aber im Rathe der Götter scheint es anders beschlossen: die Feudalen, wie die Konstitutionel-
Die Raben.
Novelle nach Madame Charles R e y b a u d.
(Aus dem Bildermagazin.)
(Fortsetzung.)
Gabriele hatte diese Erzählung mit gespannter Aufmerksamkeit angehört, denn sie hörte zum erstenmale von dem Unglücke ihrer Familie sprechen. BiS dahin hatte sie sich für die Tochter eines wohlhabenden und glücklichen Kaufmanns gehalten, kein anderes Leid gekannt als das, seit so vielen Jahren von ihrem Vater getrennt zu sein und mit ungeduldiger Hoffnung auf den Augenblick gewartet, der sie zu ihm bringen sollte. Als sie erfuhr, er sei fern von ihr nach einem kummervollen Leben gestorben; alS sie sich so allein in der Welt und ohne Stütze, außer den beiden Alten sah, die zwar gütig gegen sie waren, deren Alter, Gesicht und Wesen aber einen gewissen Wiederwillen in ihr erregten, versank sie in einen stummen Schmerz, welcher der Ergebung glich.
„Nun, komm her zu mir/ sagte Susanne, als sie das Mädchen ruhiger sah, „wir wollen uns berathen, wie wir einen Traueranzug für Dich erhalten, der uns nicht zu theuer kommt. Meine Schwester hat schon unsere besten Habseligkeiten herauSgesucht, denn wir wünschen, daß es Dir an nichts fehle."
Veronica legte ein Packet fast neuer, aber in dem ’ Schnitt und der Große ganz verschiedener Kleidungsstücke auf den Tisch, — Anzüge von Todten. welche j man nach der Gewohnheit den beiden Raben überließ. Gabriele betrachtete dieses Gemisch von Zeugen und Spitzen ganz gleichgültig, während Susanne dieselben Stück für Stück musterte und dabei murmelte: „das ist sein, das ist schön. Da ist ein Atlasrock, ^cr gewiß zehn Thaler kostete; er ist zwar neu, aber Seide trägt man nur zur Halbtrauer; cs paßt nicht. Da ist schwarz auf -schwarz broschirter Gros de Tours; — aber zu reich. Wir wollen doch einmal das Etamin-Kleid besehen, daS wir letzthin erhielten."
Es war ein Traueranzug mit langer Schleppe und großen offenen Aermeln, welche Fledermausflügeln glichen.
„DaS werden wir zurecht machen, sagte Veronica,; „die arme Marquise von Flassans war ja fast von Deiner Größe."
— „Ganz von ihrer Größe," wiederholte Susanne, indem sie daS junge Mädchen musterte.
Gabriele schauderte; eS war ihr, als solle sie ein Leichentuch annehmcn. „Ach!" sagte sie, „cS ist vielleicht das Kleid von einer Todten."
— „Allerdings; aber was schadet dies? die Marquise ist ja nicht an der Pest gestorben," antwortete der Rabe trocken.
DaS junge Mädchen hob daS Kleid, daS sie hatte fallen lassen, wieder auf und Veronica sagte freundlich:
„Wir wollen dies morgen vornehmen. Ich habe Dir neben dem unsrigen ein kleines Bett aufgeschlagen; sage Dein Gebet und lege Dich schlafen."
in.;
Gabriele blieb eine Woche in dem Hause der beiden Alten, ohne die Beschäftigung zu ahnen, der sie oblagen. Sie verließ daS große Zimmer nicht, in welchem eS an Regentagen im Winter schon zu Mittag finster war. Die Fenster dieser Art von Kerker gingen auf einen großen Hof mit so hohen Mauern, daß man den Kopf zurücklegen mußte, um ein Stückchen Himmel zu sehen. DaS arme junge Mädchen arbeitete schweigend an dem dunkeln Fenster, das einen ungewissen Schein auf ihre Arbeit fallen ließ. Ohne Zweifel sehnte sie sich nach dem Kloster, wie nach einem fröhlichen, heiteren Aufenthalte zurück. Die Raben ließen sie fast alle Nächte allein in diesem Hause, ohne ihr den Grund ihrer Abwesenheit zn sagen.
Am folgenden Sonntage führte man sie ganz früh zur Messe und als sie zurückkamen, sagte Veronica ohne Einleitung: —
„Gabriele, licbeS Kind, diese Woche wirst Du uns begleiten."
^An demselben Tage Nachmittags klopfte man an die Thüre dieses Hauses, in welches Niemand eintrat