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JK 220. Wiesbaden. Samstag, 13. September ZGÄU.
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afft Bourgeoisie und Proletariat.
II.
(Fortsetzung.)
Etwas anders verhalten sich die Dinge in Deutschland. Wir haben es hier nicht mit einem Bürgerthum zu thun , das seine Kraft bereits in Revolutionen erprobt hatte. Vielmehr erblicken wir in seinen Führern nur Leute, die mit den bestehenden Gewalten nur liebäugeln, und sich höchstens zu einem erfolglosen gesetzlichen Widerstande entschließen. In dem größeren Theile Deutschlands bestehen die Adelsvorrechte noch ungehindert fort; das Grundeigentum ist nicht überall getheilt, d. h. dem Kapitalbesitz unterworfen; Majorate und Fideikommisse stehen der freien Beweglichkeit des Eigenthums entgegen; eine großartige Industrie mit einem Achtung gebietenden Handel ist nicht vorhanden; 34 Fürsten mit ihrem Gefolge, mit ihren Regierungen und Kammern , kurz mit ihren 34 Staatshaushaltungen, verwenden jährlich eine ungeheure Summe auf inproduktive Weise; von einem Schutz der nationalen Arbeit, von einer einheitlichen Handelspolitik ist keine Rede; die innere Regierungspolitik wird uns von Rußland, die auswärtige Handelspolitik von England vorgeschric- ben. Das Interesse der Bourgeoisie wird also dem der Feudalbarone geopfert; und wo die Bourgeoisie die Arbeiterklasse ausbeutet, da geschieht es nur, weil kein Fendalittteresse entgegensteht. In dieser erbärmlichen Stellung muß sich aber das deutsche Bürger- thum ganz wohl befunden haben — wenigstens woh- ler, wie unter der Demokratie, obgleich diese alle ebengenannten Interessen mit ihm theilt. Wäre Ersteres nicht der Fall, so hätte die Revolution wenigstens unter den Feudalen gesäubert: sie hätte das, was noch von der Starrheit und Unbeweglichkeit des Mittelalters übrig war: die Unteilbarkeit von Grund und Boden rc., vollends vernichtet, sie hätte dem Geburts- adel seine Vorrechte genommen, und sie dem Geldadel übertragen, sie hätte einen billigen Staatshaushalt hergestellt, die Verwaltung ihrer Interessen der Bürokratie aus der Hand genommen, sie hätte Maßregeln getroffen, um die deutsche Industrie von ihrer Abhängigkeit von England zn befreien, dem Handel selbsteigne Bahnen zu eröffnen; sie hätte endlich, so weit es ihr einstweilen Vortheil brachte, dem Grundsatz der freien Concurrenz Geltung verschafft.
Aber das Bürgerthum hatte weder die Kraft, noch den Muth sich eine eigne) von Andern ungestörte, Verwaltung seiner Angelegenheiten zu erkäinpfen. DioRomantik, d. h. jedweder mittelalterliche Blödsinn, hatte verschiedene deutsche Regierungen benebelt; Romantiker saßen auf verschiedenen Thronen, und opferten Alles ihren abenteuerlichen Plänen. Ständische Verfassungen, fußend auf den Ständennterschieden des Mittelalters, wurden errichtet. Kurz der Feudalismus regierte — und die Bourgeoisie war ihm un
ter thänig. Aber während das deutsche Bürgerthum nur schneckenartig vorwärtsschritt, während es den Fen- dalen Schritt für Schritt ruhig das Terrain abzucr- obern glaubte — währendem erwuchs ihm allmählig ein Gegner, den es bisher nicht anders kannte, als durch die Schrecken des Konvents, ein Gegner, dessen Forderungen weit über die der Bourgeoisie hinausgingen, der zum mindesten die Abschaffung aller deutschen Fürstenthümer verlangte, und der seine erste Nahrung durch die Handwerkervereine Frankreichs und der Schweiz erhielt. Das Bürgerthum stutzte; es wurde gewahr, daß es nun einer doppelten Kraft- anstrengung bedürfe, daß es zwischen zwei Feuern stehe, und, kaum der Scylla entronnen, der Charibdis in die Arme gejagt würde. Aber diesem zweiten Feinde, den eigentlichen Radikalen, Revolutionären, Republikanern, Sozialisten gegenüber, war es doch in einem natürlichen Vortheile. Letztere stützten sich auf das Proletariat und den geringeren Mittelstand, d. h. auf die Klassen, die in den Kammern nicht vertreten waren, denen es nicht gestattet war, Vereine zu bilden, ihre Ansichten durch die Presse zu verbreiten. Das Bürgerthum dagegen konnte seine Angelegenheiten in den Zeitungen besprechen, es hatte seine Vertreter in den Kammern, die dort laut seine Interessen verfochten. Wir sehen also eine feudale Parthei, die durch eine geschickte Benutzung der Besiegung Napoleons, durch Hervorrufung und Begünstigung der national-romantischen Ideen ihr Leben ungebührlich zu verlängern wußte; ein Bürgerthum, das in seiner Entwicklung weit zurückgeblieben war; ein Proletariat, das mit seinen Forderungen hervorrückte, noch ehe die feudale Parthei der des Bürgerthums unterlegen war. Die Regierungsform der Feudalen ist der Absolutismus; die der Bourgeoisie, die konstitutionelle Monarchie — denn der Fürst nimmt famos die Streiche auf, die eigentlich der Bourgeoisie gelten; und die des Proletariats — die demokratische Republik. Da kam die Revolution. Die feudale Parthei mußte einstweilen zurücktreten, der Kampf um die Früchte des Sieges entspann sich zwischen der konstitutionellen und der demokratischen Parthei, aber die letztere noch nicht genug organisirt, noch nicht gereinigt von allen schädlichen Elementen, noch ohne alle selbstgemachte Erfahrung, mußte den Kampfplatz räumen. Sie zog jedoch ihren Gegner mit m ihren Fall, und Beide wurden die Beute der lauernden Feudalen. Wir können es nicht unterlassen, hier einen Augenblick eine Richtung der Konstitutionellen zu betrachten, die diese ganze Parthei am tiefsten in den Koth gefahren hat: die Doktrinäre. Ihre Hauptvertreter waren die „Professoren." Sie lehnten sich zumeist an die Englische Verfassung an; diese in Deutschland heimisch zu machen, war ihr beständiges Bestreben. Ein Oberhaus der reichen Lords, I d. h. der üblichen Gruudeigentyümer, ein Unterhaus I der reichen Fabrikherrn, Kaufleute, Gewerbtreibeuden
und Banquiers, eine aus der jeweiligen Kammermehr- Heit hervorgegangene Regierung war ihr Ideal. Für Deutschland im Ganzen schwebte ihnen die alte Neichs- verfüssung vor: der König von Preußen als deutscher Kaiser, die übrigen Fürsten mit erblichen Sitzen im Obernhaus, Vertreter der hohen Bourgeoisie im Un- teehaus. Bu den bereits oben berührten Schwierigkeiten der Stellung welche die Konstitutionellen inne hatten, gesellte sich hier die, Institutionen des Auslandes nach Deutsch land zu verpflanzen, wo die Geschichte einen ganz andern Gang genommen, — indem sie keinen dem König unter ww r fc n c n Adel, sondern vielmehr eine Reihe unabhängig geworbener Fürsten aufzuweisen hatte —■; und die fernere Unmöglichkeit bereits Dagewesenes und Abgestorbenes die alte deutsche Reichsverfassung — von Neuem ju beleben. Die Blamage der Bourgeoisie kommt zum großen ^heil auf Rechnung dieser Doktrinäre.
Schluß folgt.
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Wiesbaden. (Nassauischer Landtag. — Sitzung. vom 13. September.) Wintzinger0da übergibt einen Gesetzentwurf, durch welchen die Militärfunktionsgehalte nach Maßgabe des Beschlusses vom 12. August regulirt werden. Preiß und Eck beantragen, daß gleichzeitig mit Verlegung des Hofgerichtes von Ufingen nach Wiesbaden die Rechnungskamnrer von Wiesbaden nach Usingen verlegt werde. Schlemmer beantragt, daß auch für Montabaur etwas gethan werde und verweist dabei auf früher von ihm hierüber gehaltene Reden. (I?) Beide Anträge werden an einen Ausschuß verwiesen. Habel berichtet über die bisherige Erledigung der Petitionen, deren im Ganzen 2831 totücf eingegangen sind, und legt einen Plan über deren fernere abgekürzte Behandlung Vor, welcher genehmigt wird. Iungl. fragt an wegen Beitreibung der Steuern vom Schloß Johannisberg. Es wird Antwort zugesagt. — Sodann wird zur Berathung der „Zusamm-nstellung des nassauischen Staatsrechts" (der sogenannten Schmidt'schen Copifikation) geschritten. Die von Wimpf beantragte zweifache Lesung wird verworfen. Heydenreich erstattet Bericht. Die Linke legt nochmals Verwahrung ein gegen diese Art, das Zustandebringen des Verfassungswerks hinauszuschieben oder ganz zu vereiteln. Der Entwurf der Regierung erleidet wesentliche Abänderungen, namentlich werden die Grundrechte in ihrer Vollständigkeit wiederhergestellt und die Rechte des Landtags erweitert. Sehr lebhafte Debatten rufen die Bestimmungen über die Domänenfrage hervor. Trotz der energischen Bestrebungen der Linken werden die Anträge'der Regierung angenommen. Wir werden eine ausführliche Darstellung der Verhandlungen baldmöglichst in einer Beilage geben. Das Ganze wurde mit 22 Stimmen ge-
Die Naben.
Novelle nach Madame Charles Reybaud.
(U«o dem Bildermagazin.)
(Fortsetzung.)
„Wir müssen einige Messen für die Ruhe seiner Seele lesen lassen. Aber, Schwester, was fangen wir mit Gabrielen an?"
„Wir können sie nicht im Kloster lassen."
— „Könnten wir es auch, so ist doch dort ihr Platz nicht. Sie wird es machen müssen wie wir; sie muß arbeiten, um sich durch das Leben zu helfen. Vor allen Dingen nehmen wir sie zu uns."
Susanne nickte zustimmend mit dem Kopfe und sagte nach einigem Nachdenken:
„Wie mich dünkt, könnte das Kind uns bei unserer Arbeit an die Hand gehen; während eine von uns ein wenig ruhet, wachet die andere mit ihr. Vielleicht grauet eS ihr im Anfänge ein wenig, die Todten zu berühren, aber das wird sich geben."
— „Man hat sie als ein Fräulein im Kloster der Heimsuchung erzogen," sagte Veronica; „wer weiß, ob sie sich leicht an das gewöhnt, was wir von ihr verlangen."
— „Was kann sie aber anders beginnen? Unent- geldlich wird man sie im Kloster nicht behalten; und was wird aus ihr, wenn sie das Kloster verläßt und
wir uns ihrer nicht annehmen? Gewiß ihr armer Vater that recht daran, daß er aus uns rechnete; wir wollen sie nicht verlassen, aber sic muß auch arbeiten, um ihr Brod bei uns zu verdienen."
„Morgen wollen wir die Messe im Kloster hören und dann mit der Frau Abtissin sprechen," sagte Veronica, indem sie den Brief wieder nahm. „Heilige Jungfrau! daS arme Kind ahnet nichts von der Nachricht, die ihm das neue Jahr bringt. Seit einem Jahre haben wir sie nicht gesehen, Schwester."
— „Ein Jahr und zwei Monate," murmelte Susanne, „und die beiden letzten Monate müssen wir von unserm Gelde bezahlen. Jesus Maria! es ist ein schönes Geld."
„Viel Geld ," bestätigte Veronica mit einem Seufzer; seit zwei Monaten haben wir zu kostbar gelebt, wir müssen uns von morgen an einsewänken."
— „Von morgen," wiedertolle der andere Rabe. „Nun aber laß uns geschwind en De profiindis für die Seele des Verstorbenen been und dann schlafen gehen."
II.
Den nächsten Tag Abends un dieselbe Stunde saßen drei Personen vor dem alterthünlichen Kamin, wo die Raben seit dreißig Jahren sich normten. Zwischen den
beiden spitzigen, runzeligen und pergaWentartigen Gesichtern mit den bebrillten Augcp zeigte sich das blonde
Köpfchen eines Mädchens von etwa sechzehn Jahren. Sie hatte große hellblaue Augen, ein seines Stumpfnäschen , einen kleinen Mund , dessen natürlicher Ausdruck der des Lächelns war, kurz eines jener allerliebsten Gesichter, die Grenze auf seinen Gemälden so gern malte. Jetzt freilich lächelte dieser hübsche Mund nicht mehr und große Thränen flossen langsam über die runden frischen Wangen. Die /arme Kleine hielt den schrecklichen Brief in der Hand und murmelte zwischen ihrem Schluchzen:
„Mein Gott! es ist also geschehen! Mein Vater ist todt! Mein armer Vater, der mich so sehr liebte! Er hatte mir geschrieben, er würde mich abholen und ich erwartete ihn. Und mm?. — ach er wird niemals kommen. —"
Die beiden Raben hörten diese Klagen eines trostlosen Herzens an; ohne etwas zu sagen; sie wußten, daß man einen solchen Schmerz sich selbst erschöpfen lassen muß und daß kein Trost in solchen Augenblicken etwas vermag. Sie dachten dann ruhig darüber »ach, was sie wohl mit Gabrielen begännen und berechneten, wie sie ihr mit den möglichst geringen Kosten Gutes erzeigen könnten. Die Alten waren deßhalb nicht hartherzig; sie hatten aber so viele Begräbnisse gesehen, hatten so vielen Auftritten der Trauer und der Verzweiflung beigewohnt, daß der menschliche Schmerz keinen Eindruck mehr auf sie machte.
„Nun, mein Kind," sagte Veronica, „man muß