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^. Wiesbaden. Freitag, 1L. September »Si.«

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^ t ^ Bourgeoisie und Proletariat.

Jetzt sind es anderthalb Jahre, seitdem der Februar- sturm sich über Europa hinwälzte, und allen unter­drückten Nationen die Parole zur Erhebung wurde. Scheint es nun auch, als ob die ganze Erhebung nur ein Traum gewesen, so haben die Völker doch in die­ser geringen Zeit Fortschritte gemacht, zu denen sie sonst Jahrzehnte brauchten, und wenn man auch tausendmal von einer völligen Wiederherstellung in den alten Zustand spricht, so haben sich doch die Dinge so wesentlich geändert, und das Neue ist vom Al­ten so gänzlich verschieden, daß es nöthig scheint, jene Rückkehr zum alten Bundestag etwas tiefer zu be­leuchten. In Zeiten einer ungewöhnlichen Aufregung, in Zeiten heftiger politischer Kämpfe, pflegen die vor­handenen Gegensätze greller als gewöhnlich aufzutreten, die verschiedenen Meinungen ungestümeraufeinander- zuplatzen", als dies in ruhigeren Zeiten zu geschehen Pflegt. Fast jeder Einzelne wird gezwungen, sich zu einer Fahne zu bekennen, weil die Kämpfe sein Inte­resse mit berühren die öffentlichen Wirthshäuser und Tanzsäle, sonst nur die Orte fröhlicher, harm­loser Geselligkeit, nehmen den Karakter politischer Partheilokale an Jedermann wird nach seiner Farbe gefragt. Es ist aber nicht immer ganz leicht, die wirk­lichen Gegensätze von den bloßen Nüanccn zu unter­scheiden die Schattirungen von den Farben. Wir wollen darum versuchen, aus den gegenwärtigen poli­tischen Wirren den eigentlichen Kern herauszu­schälen; denn um zu einem Ziele zu gelangen, muß man sich dieses Zieles klar bewußt sein, und zugleich die demselben entgegenstehenden Hindernisse kennen. Es gibt viele Leute, die in allem Ernste alauben, dix fe­tzigen Kämpfe wenigstens in Deutschland hatten einen rein nationalen Karakter und wiederum Andre, die ihren eigentlichen Sinn kennen, dem Volke aber denselben gern unter der Firma der Nationalität verbergen möchten. Auf so schwachen Füßen nun auch diese Parthei steht, so ist sie doch darum gefährlich, weil ihre Anhänger gewöhnlich nie verfehlt haben, sich auf Seite der Reaktionäre zu schlagen, eben dahin ge­drängt durch die Konsequenz ihrer Grundsätze. Was will diese stock nationale Richtung besagen? Die An­hänger derselben faseln von einemgroßen, starken, mächtigen Deutschland, in dem keine Juden wohnen sollen"I! von einemdeutschen Kaiserreich" etwa in dem Glanze, wie zur Zeit Barbarossa's. Sie beschwört die alten deutschen Helden, von Herr­mann dem Cherusker an, aus ihren Gräbern, sie ent­falten einen rasenden Franzosen haß, sie sind wie von einer Toll wuth gegen die Dänen besessen, sie lassen das Mittelalter mit Paucken und Trom­peten aufmarschireu, mit seinen alten biderben Recken, mit seiner Treue und seinem Glauben, mit Einem

verhüllt, sich unter andern, fei es bewußt aus Politik, sei es unbewußt, verbergend; überall aber Kämpfe einer Klasse gegen eine andere, einen Klassen-, keinen Racenkrieg, Kampfe, deren Endresultate in einen all­gemeinen Bürgerkrieg verlaufen. Blicken wir zunächst auf Frankreich. Die Revolution der 90r Jahre hatte zum wesentlichen Gegner die Feudalaristokratie, die bevorrechteten Stände des Abeles und der Geistlichkeit. Zwar hat auch das Proletariat seine Glanzepoche, worin es scheinbar gegen die besitzende Klasse, das Bürgerthum, ankämpft ein Beweis, daß die Ele­mente des modernen Proletariats schon damals vor­handen waren. Aber dies war nur von kurzer Dauer.

Worte: sie sehen in einer Rückkehr zum Alten das Heil Deutschlands. Was Wunder, wenn diese Leute sich auf Seite derjenigen schlagen, die sich gegen eine totale Neugestaltung Deutschlands stemmen, die für sich selber keinen andern Beweisgrund anzuführen vermö­gen, als ihr historisches Dasein? Was Wunder, wenn die alten Burschenschäftler, die dereinst ihre schwarz- roth-goldnen Bänder heimlich auf der Brust trugen, wenn die Arndt, Jahn und Konsorten in der Demo­kratie ein wahnwitziges Gespenst erblicken, in der De­mokratie, die von nationalen Selbstüberschätzungen nichts weiß, und vielmehr die friedliche Entwicklung der Na­tionen möchte? Das arme Frankreich muß beson­ders herhalten, weil es uns das schöne Elsaß und Lothringen weggenommen, weil es mit seinem Nevo- lutionsheer unter Napoleon Deutschland überschwemmt hat, weil es die Geburtsstätte aller revolutionären und sozialistischen Ideen ist. Oestreich wird in seinem gott­losen Kampfe gegen die Freiheit Italiens und Ungarns unterstützt, weil das zum Glanze Deutschlanbs erforderlich ist: diese Leute gönnen keinem andern Volke selbstständige Nationalität, als dem eignen. Was ist nun Wahres an dieser Richtung? Nichts, als die Idee der Nationalität, des Selbstgefühls, das ein Volk haben' muß, der eigenthümlichen Entwicklung, die ihm zukömmt. Aber lächerlich ist es, der deutschen Na­tionalität einen solchen a ntiq uirte n Inhalt zu geben, während wir bereits auf einer ganz andern Stufe der Entwickelung angclangt sind, thöricht ist es, an eine Wiederholung der Geschichte zu glauben;wie Alles seine Verzerrung hat, so erblicken wir hier die Natio­nalität in der Schellenkappe. Da übrigens der Natur der Sache nach diese Parthei sich nur im Schlepp­tau einer andern befindet, mit der wir uns sogleich befassen werden, so können wir sie ruhig dahin werfen, haben mir es denn also mit einem äußeren Feinde nicht zu thun wir müssen uns im Innern der Gesellschaft umsehen. Und hier gibt uns denn der Verlauf der jüngsten Revolution volle Klarheit. Er zeigt uns, welche Stellung in jedem Momente die verschiedenen Volkstheile gegeneinander einnehmen, wie sie sich, je nach Verschiedenheit der Interessen, einan­der bekämpfen, hier klar und erkennbar dort mehr

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Die sozialen Ideen traten noch roh hervor ihr letz­ter Ausläufer war Baboeuf, an eine Organi­sation in ihrem Sinne war nicht zu denken. Die sog. Menschenrechte hatten keinen unmittelbaren, materiellen Vortheil für das Proletariat. Ihre Ausübung war wesentlich durch den Besitz bedingt. Eine Zeitlang unter Napoleon verschwand der Gegensatz beider Klaßen, indem bei der Armee nur das Verdienst in Betracht kam. Darauf suchten, während der Nesta: - ration, Adel und Geistlichkeit sich wieder zu befestigen. Die Julibarrikaden machten dem ein Ende. Das Volk hatte sie erbaut die Bourgeoisie hatte sie ausge­beutet. Die Geschichte Frankreichs seit bem Jahre 30 ist eine Geschichte der 309,000 Höchstbestenerten. Die hohe Bourgeoisie an ihrer Spitze der König des Schachers und Wuchers, der Bürgerkönig Louis Phi­lipp herrschte, in ihrem Gefolge war die Korrup­tion, das Elend des Volkes, die schändlichen das Volk verarmenden Börsenspekulationen, der Verrath der Na­tionalehre. Aber das Proletariat war seit den Juli­tagen allmählig zum Bewußtsein gekommen- Es hatte einen Adelskönig verjagt, d. h. für die Bourgeoisie die Kastanien aus dem Feuer geholt, ohne selbst etwas Anderes dafür zu haben, als die Kampfesehre, und den Verlust mehrerer Arbeitstage. Da griff es im Februar des vorigen Jahres zu den Waffen: es ve - jagte den Bürgerkönig, es stellte das allgemeine Stimm­recht her, es errichtete ein Arbeiterparlament im Luxem­bourg, es verkündete allen unterdrückten Völkern Frei­heit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Aber Phantasten und Heuchler wußten es zu umgarnen. Von Neuem getauscht, erhob es sich von Neuem zum Kampfe: es erlag der Uebermacht. Seit diesen schreckenvollen Tagen des Juni ist der Löwe gebändigt, dessen Stimme halb Emropa^ ^aH. .«eiiRei^Jtig^ bL«â^. -^^-'M Proletariat abermals seine Glieder reckt, und die ver­haßte Last abschüttelt. Ueber die Politik dieser Bour­geoisie nach Außen brauchen wir nichts zu sagen: der im Namen einer Republik geführte Kampf gegen Rom, die schmähliche Rolle des Zusehens bei dem badischen Freiheitskriege, charakterisirt dieselbe hinlänglich. Ueber- all dieselbe Leier: Ruhe und Ordnung, damit Handel und Gewerbe blühen!

Wir sehen, hier haben wir es mit zwei sich ihrer Interessen bewußten Gesellschaftsklassen zu thun. Ganz Frankreich ist in zwei große Heerlager getheilt: hier das Heer der Staatsgläubiger, der Renteubesißer, der Kapitalisten, welche die Vortheile der Industrie und des Handels für sich allein ausbeuten, welche das Grundeigenthum des Bauern mit ihren Zinsen belasten, und in Wahrheit die alleinigen Eigenthümer von Grund und Boden sind kurz das Heer der Bourgeoisie; und dort der Fabrikarbeiter, der Tagelöh­ner, derHypothekenbelastete Bauer, der ar­me Gewerbsmann, der arbeitslose Hand­werker, das Alles: die Söhne des Proleta-

Die Raben.

Novelle nach Madame Charles Rey band.

(Aus dem Bildermazazin.)

(Fortsetzung.)

rFurchtet Ihr Euch ?* sagte der junge Mann mitleidig, als die armen Alten sich aneinander drängten und besorgt sich nach allen Seiten umschauten;nun ich will Euch bis an die Thüre Eures Hauses be­gleiten."

Gott und seine heilige Mutter mögen Sie segnen!" antworteten sie zugleich.

Am Eingänge der St. Lorenzstraße stand damals ein Häuschen, Las seit fünfzig Jahren nicht abgeputzt worden war; vor demselben blieben die beiden Alten stehen. Während die eine die Thüre aufschloß, wendete sich Lie andere an den jungen Mann und sagte mit einer tefen Verbeugung:

Mein guter Herr, ich möchte gern Ihren Namen kennen; niemals würde ich ihn in meinem Abend- und Mvrgcngcbete vergessen."

Ich bin der Rittcr Caspar von Greoulx," ant­wortete er;Ihr seid nun zu Hause; gute Nacht, be­hüt' Euch Gott!"

Er entfernte sich schnell und die beiden Alten sahen ihm auf der Schwelle des HauseS bis an die Straßenecke nach. Beide waren erbebt, als sie seinen Namen hörten; aber sie sprachen kein Wort und traten endlich in das Haus hinein.

Zu ebener Erde befand sich ein'großes Zimmer, dessen Kamin von einem Liebhaber von Couriositäteu bewun­dert worden wäre. Die Wände waren ziemlich geschmack­voll getäfelt, aber diese Spuren von Luxus schrieben sich wenigstens vor einem Jahrhunderte her und das neuere Mobiliar war dagegen fast ärmlich. Ein Bett mit schlechten grünen Vorhängen diente den Schwestern als Ruhestatt, und man konnte auf den 'ersten Blick sehen, Laß nicht viele Personen zu ihnen kamen, denn man sah nur Lie beiden Stühle, auf denen sie am Kamine saßen. Ein großer Nußbaum-Schrank und eine Art Buffet, auf welchem meist zerbrochenes Geschirr stand, vervollständigten das Meublement der Stube, die zu gleicher Zeit als Wohn-, als Speise- und Schlafzimmer diente. UebrigenS war das Haus ganz leer und den Ratten überlassen, welche man Lie ganze Nacht umher­laufen hörte. So war cs seit etwa vrcißig Jahren ge­wesen. Der ärmste Fischer, der mit seiner Familie in einem verräucherten Stübchen wohnte, Lessen Fenster kein Glas hatte, das er aber sehr theuer bezahlen mußte, würde nicht umsonst in diesem Hause haben leben mögen.

Die beiden Frauen, welche dasselbe allein bewohnten, waren in der Stadt Marseille wohl bekannt und man

hatte nie an ihrer Rechtlichkeit gezweifelt; dennoch flößten sie jedermann .eine Arc Abscheu Zu, und alle wichen vor ihnen zurück. Sie waren vor etwa fünfzig Jahren arm und allein in die Stadt gekommen und da sie keine Arbeit verstanden, die sie genährt hätte, so warteten sie Kranke und ihre Kundschaft erweiterte sich bald sehr. Man berief sie in alle gute Häuser, sobald Jemand in denselben auf den Tod krank lag und sie hatten feit einem halben Jahrhunderte alle angesehenen Leute ter Stadt sterben sehen. Als sie alt wurden, gaben sie Las Krankenwarten auf und man berief sie nur zur Be­wachung und znm Begraben der Gestorbenen. Sobald man sie in ein Ha uS ein treten sah, wußte man, daß darin ein Unglück geschehen sei. Sie gingen reinlich in schwarze Serge gekleidet und trugen eine geweihte Kerze in der Hand. Ihre ewige Trauer, ihre hageren Ge­sichter und bleifarbige Blässe, ihre langen dürren Ge­stalten hatten etwas Ergreifendes und Düsteres; Las Volk, das seine Empfindungen so leicht durch eine kräftige Redeweise ausdrückt, hatte sie Lie Raben genannt und man vergaß allmälig ihre Taufnamen Veronica und Susanna gänzlich, um sie nur wie jene unglückweissagenLeu Vögel zu nennen.

Als sie an jenem Abende in ihre Wohnung ge­kommen waren, setzten sie sich vor dem Heerde nieder auf dem cs aber nur kalte Asche gab und Veronica sagte: Du hast cs gehört, Schwester, daß jener junge Mai n Caspar von Grevulx heißt."