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Wiesbaden. Donnerstag, 13. September
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Erfolge. - Die Jaserationägeduhren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer. ° ' ° * 3 ß Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem
Pfarrer Snell und seine Gegner.
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n Wiesbaden, den 11. Sept.
Unsere gute Nachbarin, die „Nassauische Allgemeine Zeitung", vollendet rasch ihren Kreislauf: sie ist eine ausgemachte Betschwester geworden. Außer den Schimpfereien gegen die demokratische Parthei, füllt sie ihre Spalten in ächt preußischer Weise jetzt besonders mit Aufsätzen, in denen das weinerliche und selbstsüchtige Pfaffenthum über jede freie Geistesregung den Stab bricht. Der Bund des Pfaffenthums mit dem Absolutismus vollzieht sich bis zu den letzten Conse- quenzcn, und in der „Nass. Allgem. Ztg." reihen sich dann auch an das fanatische Wuth- und Nachegeschrei der rothen Reaktionäre die heuchlerischen Klagetöne der Pfaffen über dec Welt Verderbniß, welcher letzter» sie einen baldigen Untergang weissagen, weil sie nicht mehr mit freudiger Aufopferung den großen Beutel der heißhungrigen Kirche über die Maaßen füllen will.
O grausaumer Widerspruch! die Zeitung, welche bei jeder Kunstbestrebung (wie bei der letzten Göttze- feier), ihre welken Wangen so aufbläst, dieselbe Zeitung steht im Bunde mit den schwarzen Kutten, denen jede Kunst ein Gräuel und die Göthe für einen gottlosen Heiden halten!!
Die für Göthe begeisterte Nachbarin bringt nun in ihrer neuesten Nummer (215) wieder einen Artikel von „pfäffischer Hand", und wir sind gezwungen, aus Rücksicht für die heiligen Interessen der Wahrheit, dem Verfasser dieses Artikels eine kleine Lektion zu geben.
Der fragliche Artikel (Pf Wiesbaden) erlaubt sich die dummdreiste Behauptung, er wolle dem Unwahren, welches in dem Artikel: „Die Disciplinarver- folgung gegen den Abgeordneten Pfarrer Snell zu Langenbach" (No. 214 der „Freien Zeitung") enthalten sei, das Wahre entgegenstellen.
Daß der Artikel in der „Nass. Allgcm. Ztg." aus der Feder eines nassauischen evangelisch-christlichen Geistlichen, und sogar aus der eines hochstehenden Prälaten, geflossen sein muß, ergibt sich aus dem Inhalt des Artikels selbst, der Dinge erzählt, welche nur einem hochgestellten nassauischen Prälaten bekannt sein
mögen.
Wenn vielleicht der hohe evangelische Prälat, welcher den Artikel der nassauischen allgemeinen Betschwester mit Schmerzen aus seinem Gehirn geboren, finden sollte, unser Artikel sei nicht mit dem gehörigen Respekt vor geistlichen Eminenzen geschrieben, so diene ihm dies zur Erklärung: wir verehren und achten lediglich die Menschen nach ihrem innern wahren Werth, und bloße Titel und Machtbefugnisse lassen uns die Selbstsucht eines Betbruders, der sich vielleicht durch glückliche Hewathen weich gebettet hat, nicht vergessen. Ehre Dem! dem Ehre gebührt! und wir erklären es frank und frei, daß wir manchen der höchsten Prälaten der nassauischen evangelischen Kirche nicht für würdig halten, um dem vielfach verläumdeten und ver- folgten Pfarrer Snell, dem Manne, dessen Herz so hierauf zu Wilhelmi
Die Naben.
Novelle nach Madame Charles Rep band.
(AuS dem Bildermagazin.)
An cincm Winterabende im Jahre 17.. fuhren zwei bejahrte Frauen über den Hafcn von Marseille, um in die St. Lorenzstraße zu gelangen, wo sic wohnten. Das Wetter war rauh; ein eiskalter Wind pfiff durch das Takelwerk der Schiffe und schaukelte die Laternen, welche ein ungewisses Licht auf den Kai warfen. Die beiden alten Frauen verhüllten sich das Gesicht, mit dem Ca- puchon ihres CattunmäntelchenS und wärmten sich abwechselnd die Hände an einer kleinen Hornlaterne, deren röthlichcS Licht einen grellen Schein auf ihre Gesichter warf. Dcr Schiffer ruderte mit aller Kraft und fang dazu ein Lied, als wolle er nsst Gewalt einen unwill- kührlickcn Schauer vertreiben; bisweilen wagte er es auch, einen Blick auf die beiden schwarzen Schatten vor ihni zu werfen. Alle drei sagten kein Wort während der Fahrt von dem Kai Rive bis zum Fort Saint Jcan. Hier sprang der Schiffer and Land und band sein Boot an; dann blieb er unbeweglich stehen, ohne eö zu wagen, seine große Hand den Frauen zu reichen, welche ohne seine Beihülfe auSstiegcn.
„Da, Tounin," sagte die einer indem sie ihm ein Geldstück reichte.
rein und keusch stets für das Glück seiner Mitmenschen geglüht hat und glühen wird, auch nur den Riemen seiner Schuhe zu lösen!
Ehe wir nun zur Beleuchtung der in dem Artikel (No. 214 der „Fr. Ztg.") enthaltenen „angeblichen" Unwahrheiten übergehen, erklären wir hiermit ausdrücklich, daß der Aufsatz in No. 214 der „Fr. Ztg.", wie doch der Verfasser jenes Artikels anzunehmen scheint, von dem Pfarrer Snell ebensowenig herrührt, als der jetzige.
Uns drängt aber nur zum Schreiben das heiße Verlangen, der gekränkten Unschuld ein Schild und
Hort zu sein.
Zuerst bemerken wir, daß allerdings schon im Januar der Pfarrbienst zu Langenbach durch die benachbarten Geistlichen versehen wurde, weil schon im Januar Pfarrer Snell durch eine langwierige Krankheit an der Ausübung seiner Funktionen als Pfarrer verhindert wurde. Sodann wenden wir uns zu der zweiten „angeblichen Unwahrheit, welche uns in dein Satze vorgehalten wird: „die Unterstellung, als ob diese Maßregel (d. h. die Weisung an den Pfarrer Snell, sich zur Versetzung seiner Pfarrstelle nach Langenbach zu begeben) speziell gegen den Pfarrer Snell gerich- tei gewesen sei, ist somit eine falsche, und insofern dem Einsender die Umstände bekannt waren, eine böswillige."
Hierauf haben wir nur zu erwiedern , daß seiner Zeit diese „Maaßregel" allgemein so gedeutet wurde, als habe man durch sie Snell von Wiesbaden w e g b r i n g cu woll e n, und daß sich dieselbe namentlich im Zusammenhang mit den gleichzeitig erfolgten Pensionirungen von Ratzt und W e n cke n b a ch und der Dienstentlassung von Müller 11. auch heme noch gar nicht anders deuten läßt. Creutz mib Keim mögen auch auf ihre Stellen gesendet worden sein, allein den „ttzatkräftisirn" Herrn war die Anwesenheit dieser beiden geistlichen Herren in Wiesbaden gewiß sehr gleichgültig; und wenn gleich man auch diese „Maßregel" immerhin auf diese beiden geistlichen Herren ausdehnte, so wollte man doch nur tzauptsäch-, lich, wie gesagt, gerade speziell damit erreichen: daß Snell aus den Mauern Wiesbadens ent-
@?r e u £ und
ferut würde.
Wir fragen außerdem jenen Versager, warum nicht auch Snell, wie die andern Geistlichen, „welche sich zu sehr in das politische Treiben hatten hineinziehen lassen, vorher vertraulich an die Pflichten seines Amtes erinnert" worden ist?
Gegen die Disziplinaruntersuchung, welche Herr- Wilhelmi in Wiesbaden gegen den Pfarrer S nell in höchsteigner Person einleitete, hat der letztre einfach im Ganzen Protest eingelegt, und als Snell darauf aufmerksam machte, daß ja nicht einmal ein Protokollführer zugegen sei, erwiderte ihm Wilhelmi: „daS sei auch hier nicht nöthig; wenn er (Snell) es übrigens wünsche, wolle er einen Aktuar hinzunehmen." Snell, der, wie gesagt, gegen die ganze Behandlungsweise der Sache Widerspruch erhoben, sagte ' i: „er möge es nur immerhin
— „Bewahre mich Gott," antwortete er und trat zurück, „gebt eS morgen früh einem Armen als Almosen."
„Du scheinst also reich zu sein und nur zum Vergnügen zu rudern," entgegnete die andere Alte heimlich spitzig; „Dein seliger Vater arbeitete nicht so; er gab sich selbst das Almosen und bedurfte es auch."
— „Ich bin nicht reicher als er," antwortete der Schiffer, „aber bei Unserer Lieben Frau! ich kann dieses gute Werk thun , ohne mich diesen Abend hungrig in'S Bett legen zu müssen."
„Gieb Du das Almosen selbst, Tounin, es wird Dir mehr Segen bringen," sagte die Alte, indem sie ihm das Geldstück mit verdrießlicher Miene hinhielt.
— „Fort!" entgegnete er in Zorn und Furcht, „Euer Geld würde mir Unglück bringen; bei dem heiligen Namen Christi ! ich mag eS nicht; behaltet es; es
ist Todtengeld."
„Oho!" sagte die Alte gereizt, „nimm Dich in Acht, daß wir nicht auch an Dir etwas verdienen, und Dich in ein altes Bertuch einnähen."
Der Schiffer wurde nach dieser Drohung bleich und zitterte; bald aber faßte er wieder Muth, streckte den Faust aus und sprach: „alte Hexe! sollst mich weder im Tode noch im Deine Seele wird vor der meinigen
Arm mit grbaiitcr Teufelsmagd! Du geben anrühren.
zur Hölle fahren."
Die beiden Alten wollten sich bei diesen Worten und
unterlassen." Es war aber die Pflicht des Verhörrichters unaufgefordert einen Aktuar beizuziehen. Der Herr Eommiffär sollte übrigens aus eigener Erfahrung besser wissen, daß eine Untersuchung, welche von einer Person allein ohne Zuziehung eines kontrolirenden Aktuars geleitet wird, eine wahre Monstrosität ist.
Wir wollen uns deutlicher ausdrncken. Im Jahre 1819 fand das Attentat des ältern Löhning gegen den Präsidenten Jbell in Langenschwalbach statt. Die Mainzer Untersuchungscommission bemächtigte sich dieser Angelegenheit und griff die Untersuchung sehr weitausdehnend, auch auf die burschenschaftlichen Verbindungen in Heidelberg vom Jahre 1815 zurück. L ö h- ning der jüngere, der verstorbene Lauer von Camberg, der verstorbene Westermann Mühlenfels, der jetzige bischöfliche Commissär Wilhelmi — Mitglieder des enge r n Burschenschaftsbundes — und weiter der Oheim des Pfarrer Frd. Snell, O-A-G-Pr. Carl Snell und der verstorbene Vater des Pfarrer Snell wurden in die Untersuchung hineingezoge'-. Die Untersuchung gegen alle diese ebengenannten P. - fönen hatte keine Erfolge, und der dermalige gell - liche Untersuchungsrichter, Hr. Commissär Wilhelmi, — der in Heidelberg als Student Demagog war, in die Heimath aber zurückgekehrt, die Demagogie sofirt an den Nagel hängte — weiß sonach aus eigener Erfahrung, was eine Untersuchung wegen angeblicher politischer Vergehen auf sich hat.
Unwahr ist nun ferner, wenn der Verfasser des Artikels in der „Nass. Allg. Ztg." behauptet, Snell sei nicht bis zum Ausgang der obschwebenden Untersuchung, sondern „bis die Suspension von der zuständigen Behörde wieder aufgehoben worden sei" — suö- pendirt worden. In dem, dem Pfarrer Snell zugc- gangenen Dekret steht wenigstens: derselbe sei bis zum Ausgang der Untersuchung suspendirt.
Eine Suspension des Pfarrers in insinitum, (ins Unbegrenzte) möchte aber freilich wohl der Herrenparter das willkommenste sein.
Der Verfasser des Artikels Qt Wiesbaden) behaupt, t weiter, „Staatsprokurator Reichmann habe die Suspension des Pfarrer Snell nicht beantragt": hütet sich aber wohl der in unserer Zeitung niedergelegten Behauptung „daß das Untersuchungsgericht nicht in dieser Sache gehört worden und der Anklagesenat in derselben nicht gesprochen" — auf die es hier allein an kommen kann, entgegenzutreten. Um zu rechtfertigen, daß Pfarrer Snell die Hälfte seines Gehalies entzogen worden sei, führt der doppelt gekreuzte Corresponvent eine Stelle aus O tto's Kirchen- recht an. Diese Stelle beweist aber gerade das Gegentheil von dem, was sie beweisen soll: nämlich die Willkür, welche in der Entziehung von einer Hals e des Gehalts liegt. Die angezogene Stelle lautet wörtlich: „in der Regel ist mit der Suspension der Verlust des Dienstgehalts verbunden, insoweit dieser zur interimistischen Dienstverwaltung verwendet werden muß."
Hiernach tritt also die Entziehung deS Dienstgehalts
besonders bei diesen Geberden entfernen, aber Tounin stellte sich vor sie und fuhr fort, sie zu schmähen und zu verwünschen. In diesem Augenblicke kam ein junger Mann an dem öden Kai herauf, nahm den rechten Arm unter dem Mantel hervor, legte die Hand an den Degengriff und wollte sehen, was cs gebe.
„Ach, guter Herr," riefen die beiden alten Weiber, „befreien Sie uns von dem Manne da, der uns schmähet und nicht ruhig nach Hause gehen lassen will."
„Höre, Schiffer," sagte der junge Mann , der den Stand Tounins an der rothen Mütze und der braunen Jacke erkannte, „cs ist sein Ruhm arme Frauen zu schimpfen und in Furcht zu jagen; gehörtest Du nicht zu der ehrenhaften Gilde der Hafenschiffer, so hätte ich Dich vielleicht für einen Dieb angesehen und als solchen behandelt."
— „Gnädiger Herr," entgegnete der Schiff.-r, der bemerkte, daß er einen Mann von Stande vor sich habe, „die Weiber drvhcten mir, weil ich ihr Geld nicht nehmen mochte."
„Das ist nicht glaublich," antwortete der junge Mann.
— „Doch ist cs wahr," fiel die eine der alten Frauen lebhaft ein; „der Schiffer Tounin behandelte uns durch diese Weigerung verächtlich; unser Geld ist so gut als das, welches der ehrwürdige Abt von , t. Victor in der heiligen Woche an die Armen verteilt."
„Ja, ja, es ist Todtengeld," unterbrach sie Tounin;