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N 211

Wiesbaden. Mittwoch, 5. September

SS 49

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AS. Die Freiheit und die Stationen.

Das Leben fonfumirt sich rascher, wenn es eine Fülle großartiger Ideen, gleichsam als Würze, beglei­tet. Jeder Augenblick wird dann doppelt gelebt, jeder Tag wirft uns in einem Meere von Leidenschaften auf und nieder, jedes unsern Absichten entsprechende Ercig- m'ß regt die Brust an zu mächtigen Hochgefühlen. Und in der That, welche Ereignisse, welche Leidenschaften sind nicht seit den Februartagen Frankreichs an uns vorübergeranscht! Völker erhoben sich, um die Throne ihrer Dynastien zu stürzen, Klassen kämpfen gegen Klaffen, Kationen gegen Nationen, und auf das Ge­heiß eines Einzigen senken sich tausend Gewehre in daS Herz eines Volkes, dessen einzige Schuld in seiner Sanftmut!) bestand! Doppelt weit sehen sich die N'en- ner vom Kampfziele entfernt, nachdem sie, nach dem ersten Anläufe, weit hinter den Anfangspunkt zurück- geschlcudert! Wir, träumten von auferstandenen yla- tioncu und wir sehen zerschmetterte Völkerleichen. Wir träumten vom ewigen Frieden und wir sehen die Schächer der Menschheit einziehen in brennende Schutt- taufen. Wir träumten vom ewigen Sturze der GeifteS- tyraunei unb wir sehen die Jünger Lojolas in katholischen ii. protestantischen Kutten sich wieder einnisteln in den Hütten des Volkes. Zerstampft unb zertreten die Saat­felder unsrer Hoffnungen, unb der Messias der Mensch­heit höhnend an's Krenz geschlagen! Unser einziger Trost die Erwartung besserer Tage die 9tachc des Weltgerichts!

Was ist aus euch geworden, ihr Völker alle, die ihr einst unter dem Klange eurer Marseillaisen den greiheitöbaum um tanztet? Dn große Nation", die einen Schacherkönig verjagte, unb der Arbeit einen Palast kinräumte, die Arbeit auf den Thron erhob, die blutete aus tausend Wunden, und deren Herz doch schlug für die Freiheit Europas, und deren Arm zuckte gegen die verbündeten Tyrannen; die den Völkern allen Freiheit, Gleichheit unb Brüderlichkeit" verkündete, und sie anfforderte, zum Schwerte zu greifen, und sie zu unterstützen gelobte in ihrem heiligen Kampfe: lebst du noch, bii große Nation? Heuchler und Schurken bedienen deine Altäre, der unbarmherzige Reichthum saugt an deinem Lebensmarke, deine ersten Kampfer sind in der Verbannung! Du erhobst dich für die Freiheit polend und die soziale Brüderlichkeit unb deine Söhne schickte man au; die Galeeren ! Du hat­test zu wählen zwischen Kampf unb Hunger und du schriebst die Worte:Arbeit oder Tod" ans deine Fahnen: Hekatomben von Republikanern wurden von ihren Brüdern geschlachtet, Hekatomben weit weg von ihrem Vaterlande, von ihren Vätern und Brüdern, ihren Müttern unb Schwestern in die Verbannung ge­schleppt! Der vergötterte Sieger erfand den Belage­rungszustand, und ein Republikaner lehrte die Fürsten ihre Völker knechten! Unb alle die Tapfern , die sich

erhoben, um die Bande der Tyrannei zu sprengcu, hast du schmählich verlassen , und ihren stärkeren Feinden überantwortet! Ein Wesen, mehr Kalb, als Mensch, eine Parthei voll herzloser Selbstsucht, voll jesuitischer Betrügerei, eine Volksvertretung voll erbärmlicher Halbmenschen, erkaufter Stimmgeber, furchtsamer Ka- pitatlsteu: das siud die Leute', unter bereu Regie- rungskuiffeu du seufzest! Sie haben deine tapferen Krieger gesandt gegen eine Nepublik, unter dein Vor­wande, diejelbe von den übrigen Schächern zu erlösen, und als der brnderinörderische Kampf geendet war, da verkündete dein Feldherr, daß die Armee der Geistli­chen und der Solbateu berufen wäre, dieOrdnung" wlkderherziistellen in Europa, und er fetzte den Zwing- Herrn der Seelen wieder ein in seine lliibeschräßste, weltliche Macht! O Frankreich, dem Herz gleicht einer Wüste, ohne Schlag, ohne Empsindnng, ohne Leben, deine Ehre ist verfeilscht, daß deine Gelbsäcke ihr Leben länger fristen könnten, dein Ruin ist bald vollendet, unb schon wird der purpurne Sessel und der blaue Baldachin für ben König vorbereitet, der die Beschwö- rungsforinel einer bessern Zukunft bilden soll!

Auf der sicilischeu Insel begann die Znsnrrcklion Europas und als die Fetzen des Juli thron es in Paris uniherflogen, da erhob sich auch die Lombar­dei gegen die langjährige österreichische Unterdrückung. Aber bas nnglückliche Italien ist zerstückelt; es ist nicht der Kampf Eines Volkes gegen Emen Tyrannen, hier kämpfen verschiebens Völker gegen viele Tyrannen, unb die wenigen Zwmghcrrn haben Zeit, sich zu einigen, während der Nation selber jeder Einheitspunkt fehlt. Während am emen Enve das Volk ein ausländisches Joch abzufchüttein strebt, kämpft am andern ein ganzer Stamm gegen seinen blutdürstigen angeerbten Despo­ten. Dort ist dasSchwert Italiens" mehr bemüht, die einheimischen NepubliKruer, wie die freuibcn Söld­ner zu besiegen, und eine italienische Dynastie wird znm zweifelhaften Bundesgenossen des nach Unabhän­gigkeit ringenden Volkes. Hier benutzt der König die alte Eifersucht Neapels und Sizilieuö, und weiß also geschickt einen Theil der Nation auf den andern zu hetzen. Und in Rom hält noch die Geistlichkeit das Volk mit tausend Armen umstrickt, und weiß es ge­schickt mit -bem guten Klang eines mehr als zWcideu- I tigen Papstes zn beruhigen. Aber den größten Ver­rath an Italiens Freitzeit begingen die Lenker der großen Nation". Vergebens brannte bas Heer vor Kampfbegierde, über die Alpen zu schreiten , und in den Ebenen der Lombardei vereint mit ben Italienern die österreichischen Söldlinge zu schlagen. Vergebens j ertönte der Nnf des ganzen gesitteten Europa, verge­bens wandte sich der brechende Blick Italiens hinüber j nach den französischen ©ijilocn : Die Juni fch lacht war geschlagen und am 6. August zog Nadctzky in Mai- j land ein. Noch einal zog die Lombardei das Schwert, [ -Verrath des Königs, Verrath der Generäle mach- i teil bem Krieg schnell ein Ende. Der österreichische I

Feldmarschall schrieb die Friedensbedingungen vor und diegroße Nation" sah ruhig zu. Toskana und Nom entfalten die Banner der Republik; Genua, Li­vorno , Brescia kämpfen mit bewundernswürdigem Muthe. Sie müssen der llebermacht erliegen. Frank­reich sendet 20,000 Mann nach Nom, die Weltstadt zu erobern. Garibaldi leistet verzweifelten Widerstand. Doch auch hier entscheidet die Uebermacht. Armes Italien, seit Jahrhunderten haben fremde Herrn Deinen Boden beschritten, Spanier, Oesterreicher, Franzosen haben auch jetzt wieder die alte Weise fortgesetzt, und Du bist geknechtet, zerrissen und zerstückelt, wie zuvor, und die Kämpfer Deiner Unabhängigkeit und die Man­ner Deiner Konstituame füllen die Kerker oder sind zer­streut nach allen Winden!

Und Du, mein unglückliches Deutschland? Dein Wiegenlied war ja veMungen, und der Klang der Schlachtdrommete schmetterte durch Deine ©anen der schlafende Riese war ja erwacht und reckte sich und rüttelte an den Ketten, daß sie überall morsch ab­sielen! Mein Deutschland, was ist aus Deiner Einheit, Deiner Freiheit geworden? Das wach gesungeneDeut­sche Vaterland", gewiß steht es da in ehrfurchtgebie­tendem Glanze, Deine Flotte macht dem stolzen Brit­ten die Meere streitig, in Deinen Gauen erschallen die Hymnen der Freiheit, und von jenen fünfunddreißig Lappen geht nur noch eine dunkle Sage . . . Mein Deutschland, o waren Deine Märztage nur ein Traum gewesen? Du reichst mir weinend die Hand, Du iven» dest ab das trauernde Angesicht, Du zeigst mir deinen Schmerz und ich weine. Alles, Alles hat Dich

verlassen, die Tyrannei schwingt ihre Geißel über Dir, die Angst wendet sich weg von dem Besiegten, unb ytternö und klagend umstehtDich das HeerDeiner we­nigen Trengebliebenen. Du warst getheilt, wie jenes Volk am Po und an der Tiber, und Du gingst mit getheilten Kräften an Deine Arbeit.

Deine Bedränger waren einig, wo es galt, Dich zu unterdrücken. Du vertrautest Deinen Herrn, und sie haben das Jahr 1815 wiederholt. Du vertrautest Deinen Vertretern im Parlament und die Mehrheit hat dich hintergangen, und die klebrigen haben unauf­hörlich Deine Kraft, Deinen Muth in Anspruch ge- nommtn, bis zuletzt die Hand ermattet vom Schwerte ließ. Fast schien es, als ob Du ruhig zusehen woll­test zu Deiner Unterwerfung, und kaum noch ist Deine Kampfesehre gerettet. Wien Dresden Baden: das sind die letzten Strahlen Deiner Erhebung. lieber» all haben die Standrechtsbajonette gesiegt. Es waren glückliche Zeiten, jene Tage des Träumens. Du hast sie schwer gebüßt. Und ob der Süden noch einmal seine letzte Kraft sammelte, und die Söhne des badi­schen Heeres zum Volke übertraten: im Norden war es still und stumm. Der Mann mitder ungeschwäch­ten Krone" hatte dort seine Triumphe schon seit Mo­naten gefeiert, ein Wink von ihm genügte, ummehr Soldaten, wie Sterne am Himmel" dorthin zu sen-

Die beiden Studeirten.

(Auö denBöhmischen Dörfern" von Uffo Horn.)

(Sortierung.)

Jakob erbebte , denn eine Citation auf v Rathhans hatte er noch nicht nicht. Er ging unruhig in dem Stübchen auf nnd ab, nnd wartete ungeduldig aus seinen Stubcngenvssen. Was sonnte man auf dein Nathhaufe von ihm wollen? Es fielen ihm nun die patriotischen Aeußerungen, die er oft im Kreise seiner gleichgesinnten Freunde gethan, schwer anf's Herz: die geheime Polizei, die damals noch im vollen Flor stand, trat ihm jetzt gespensteihaft vor die Seele, und der Angstschweiß auf die Stirn.

Endlich kam sein Slubengcnvsse nach einer fangen Stunde nach Hause Jakob fragte hastig, was der Mann vom Rathhause von ihm verlangt habe!

Du sollst morgen in's Conscriptionszimmer kommen," antwortete dieser nnd suchte einen gedruckten Zettel her­vor,hier hast Du den Zettel morgen um neun Uhr früh!"

Jakob nahm mechanisch den Zettel, und las ihn durch er enthielt nichts als eine gewöhnliche Vorladung. Von einer namenlosen Angst erfaßt, suchte er seine Mütze, trotzdem, daß er sie auf dem Kopfe hatte, und als er dies endlich gewahr wurde, eilte er wie ein Ver­

folgter zu Johann, der mittlerweile sanft eingeschlafen war, und, erwachend, nicht wenig über das bleiche ver­störte Aussehen seines Frenudcs erschreck.

Da lies" brachte Jakob mühsam hervorsic wollen mich zum Militär abführcu!"

Warum nicht gar?"" und mit beiden Beinen zu­gleich fuhr Johann vom Sopha, und langte nach dem Zettel.Das ist eine Lumperei von dem Kirchel!"" rief er,der steckt gewiß dahinter! Ich besinne mich, daß, ivie Du den Streit auf der Meranda mit ihm hattest, von so etwas die Rede war, aber ich habe da­mals dazu gelacht! Aber sich, Iakob! das ist noch ein Glück, daß es sich mit dem Herrn Walter trifft jetzt mach', daß Du fortkommst wenn sie Dich zum Militär abführen, so wirst Du die Mila gar nicht Heimchen können!"" /

Jakob war vernichtet. Zum Militär abgeführt zu werden ist bei dem österreichischen Studenten ein unaus­löschlicher Schimpf, denn es gilt als Regel, daß diese Prozedur nur bei durchaus miserablen Subjekten angc- wendet wird. Die Regierung, welche bei mehreren Ge­legenheiten Studenten 'amit bestrafte, daß sie selbe als gemeine Soldaten in die Regimenter steckte, schien da­mals diese Ansicht selbst zu hegen, denn sonst würde sie sie nicht als Strafe verhängt haben, was anderswo als die erste und ehrenvollste Pflicht jedes Bürgers an­gesehen wird. Ob sie damit der Ehre und dem Ansehen ; der Armee selbst einen Dienst erwiesen , mag diese ent­

scheiden! Duß übrigens das Loos eines solchen abge- sührten Studenten ein doppelt trauriges war, bewiesen nur zu viele Beispiele. Die gemeinen Svwatcn ver­höhnten einen solchen Rekruten, die Untcroifiziere gefielen sich darin, einen an Bildung über ihnen stehenden Menschen, ihre Gewalt doppelt empfinden zu lassen, und die Offiziere sahen ihn von vornherein als ein inauvais sujct an, das eben nur durch den Stock zur Raison gebracht werden könne.

Morgen um neun Uhr?"" sagte Johann, nach­dem er eine Weile nachgedacht,da ist kein Augen­blick ^eitzn verlieren, wir wollen gleich geh'«, und den Herrn Walter anfsuchen.""

Aber was werden denn die Leute sagen, wenn cs herauükvmmt, daß ich fort bin?"

So geh' zum Teufel, und laß Dich als Mus­ketier abführen,"" fuhr Johann ungeduldig auf und warf seinen Rock wieder auf das Bett.

Ach sei nur nicht gleich so böse, Hansi!" begütigte ihn, die Thränen mühsam zurückhaltend, der arme Jakob, ach Gott! es ist halt eine schreckliche Sache, so auf und davon gehen, in die Welt hinein!"

Johann nahm Rvck und Hut, und beide gingen eiligen Schrittes zu ihrem Fnnnde, dem Tenoristen. Er war nicht zu Hause, aber von Wenzel erfuhren sie, daß der fremde Herr im Gasthofe znmschwarzen Roß wohne, nnd als sie an die erfragte Thüre pochten, vcr- nahmcn sie das tröstlicheHerein!"