reit Zeitung.
„Freiheit und Leckt!"
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Wiesbaden. Dienstag, 4. September
184«
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XJZ. Ueber Revolution überhaupt.
II. Artikel. (Vergl. Nr». 185 )
§. 3.
Man behauptet, daß einzelne revolutionäre Men- scken die Revolutionen gemacht hätten. Die Menschen, von denen man dies sagt, hat man früher Philosophen aenannt, nachmals Jakobiner u. s. w, jetzt Demokraten u s W. Immer hat man von ihnen gesagt, es seien Menschen, die nichts zu verlieren hätten. Gesetzt, diese Beschuldigung wäre wahr, daß die Revolutionen unserer Tage durch einzelne Philosophen, durch Schnft- NeUer Demokraten zu Stande gekommen waren, so wird doch gewiß Niemand leugnen, daß einzelne Männer die ein ganzes Zeitalter mit sich fortreißen können' ausgezeichnet sein müssen an Kraft, Geist und Tugend. Wenn nun aber solche Männer nichts zu verlieren hätten, keine Ehre, keine Liebe - ist es nicht ein schrecklicher Gedanke, sich eine solche Gesellschaft vorzustellen, in der solche Männer nichts zu verlieren haben? Kann eine solche Gesellschaft bestehen? Kann man ihr Bestehen wünschen? Noch schlimmer wäre gewiß der Zustand der Gesellschaft, wenn man behaupten wollte, solche Männer, die wirklich ein ganzes Zeitalter mit sich fortrissen, könnten moralisch so verdorben gewesen sein, daß sie am Verführen ihre Freude gefunden hätten. Daher ergibt sich -schon im Voraus, daß die Behauptung, die Revolutionen seien durch einzelne Verführer des Volks gemacht, falsch sein muß. Daß die Verführung durch Schriftsteller nicht stattgefunden hat, ergibt sich aus Folgendem: Die Schriftsteller, die auf das Leben wirken wollen und sollen, müssen aus dem Leben heraus sein; sie dürfen nur aussprechen, was im Leben uns treibt; sie sind nichts und dürfen nichts anders sein, als der Mund ihrerZe-t, in ihnen soll die Zeit Sprache erhalten. Sind sw etwas anders, so wirken sie nicht auf die Zett. Dies bewährt sich durch alle Geschichte. In der That hat auch nur die französische Revolution von 1789 zu diesen Irrthum verführen können, daß Schriftsteller tm ©tonte waren, so »"sie Dinge zu bewirken, weil die Revolution in eine schriftstellerische Zett stell Alle anderen Revolutionen sind ohne Mitwirkung der Schriftsteller geschehen. So im gesammten Alterthum und in der neueren Zeit. Aus dieser Bemerkung scheint zu folgen, daß eine Regierung, wenn sie Die Presse der- aestalt unter ihre Aufsicht nimmt, daß nichts aus ihr Hervoraehen kann, was nicht in ihrem Aftern ist, tm großen, großen Irrthum sich befindet. Sie beraubt sich dadurch der Mittel, den Geist des Volkes kennen zu lerne«. Der Geist wird zurück- gepreßt und zur Gährung gebracht.
§. 4.
Faßt man diese Bemerkungen zusammen, so scheinen sich folgende Resultate zu ergeben:
1) Eine politische Revolution kann nie ein Werk des Muthwillens oder der Bosheit einzelner Menschen sein, eben so wenig eins der Verrücktheit Aller. Eine jede politische Revolution hat vielmehr ihren Grund in dem Widerspruche des fortstrebenden Menschengeistes mit den bestehenden politischen Formen; eine Revolution ist eine gewaltsameLösung des gewaltsamen Zustandes.
2) Jede politische Revolution ist daher eine wirklich geschichtliche Begebenheit, eine Weltbegebenheit, d. h. sie geht hervor aus der Verkettung der Verhältnisse, gegenüber Dem Streben des menschlichen Geistes nach freier Entwickelung; sie ist begründet in der Nothwendigkeit der Umstände, durch und nach welchen der Wille der handelnden Menschen bestimmt wird.
3) Bei keiner Revolution kann das Volk als solches etwas anders wollen, als was es wirklich will und wollen muß, nämlich gesetzmäßige Freiheit und gesichertes Recht. Was einzelne Menschen erstreben, kann das Volk nichts angehen.
4. Die Gräuel, Die bei jeder Revolution fast nothwendig vorkommen, gehen hervor theils aus dem aufgelösten Rechtsverhältnisse, theils aus Der Leidenschaftlichkeit der Parteien, theils aus der Verwilderung Der Menschen, welche einreißt nach diesem Kampfe, theils aus der Bosheit Einzelner. Dem Volke selbst sind die Gräuel also nie zur Last zu legen. (Doch die Despoten, die Tyrannen lassen nur gefühllos hinschlachten.) Aber wenn man menschlich sein will, so scheint es auch, als wenn solche Gräuel billiger zu beurtheilen sind, als Gräuel in Zeiten Der Ruhe und Ordnung: Verbrechen sind allerdings Verbrechen; aber wenn Der Mensch Halt und Richtung verloren hat, so verliert er auch das Maaß. Und wie viele Verbrechen begehen die Tyrannen unter dem Scheine des Rechtes? Wie viel unschuldig Blut lassen sie durch ihre Begnadiger zu Pulver und Blei vergießen? — Dabei sollte man nun auch nie vergessen, daß diejenigen, welche Verbrechen bei einer Revolution begehen, Zöglinge der alten Zeit sind. §. 5.
Eine Revolution (gewaltsame Umkehr) ist nur möglich durch eine Masse von Mißgriffen, verkehrten Maßregeln und inneren Widersprüchen, in Die sich eine Regierung selbst verwickelt. In einer Revolution vernichtet nicht das Volk die R e g i e r u 11 g, sondern Die Regierung sich seIbst durch das Volk. Jede Regieruug steht zu fest und das Volk liebt zu sehr Die Ruhe, als daß es dieselbe vernichten könnte, wenn sie sich nicht selbst vernichtete. Allen Mißgriffen der Regierungen liegt ein Verkennen des Geistes der Zeit und der Lage des Staates zu Grunde. Ein Staat, dessen Regierung Die Zeichen Der Zeit verkennt, ist noch nie revolutionirt (umgekehrt) worden und kann nicht revolutionict werden. —
Deutschland
. ^^om Rhem, Ende August. Die Kunde voll dem Rücktritt des Obersten Gerau aus dem naffau- lschen Militärdienste hat das ganze Land mit Blitzesschnelle durchzuckt, aber auch um so schmerzlicher, als dieser schritt einige nothwendige Folge einiger in Schleswig von diesem Braven abgegebenen Erklärungen, in Betreff geduldeter Soldaten-Versammlungen sein soll. £>tofl Gerau soll sich, als deßhalb vom Herzoge Vorstellungen gemacht wurden, auf den von ihm und feinen Truppen geleisteten Eid auf die Relchsverfayung gestützt haben, den er, ohne aufzuöören ein rechtlicher Mann zu sei«) nicht brechen könne; und alfo lieber den Degen ablegen wolle. In Schleswig wagte man nicht den von allen Truppengattungen a * feierten Obersten zu beseitigen; doch sah Gerau ein daß -hm nichts übrig bleibe, als abzudaükrn, da seine Ansichten nicht durchzudringen vermochten. Er trat daher von Der militärischen Bühne ab, mit dem trostvollen Bewußtsein, seiner Pflicht überall Völl kommen genügt zu haben und mit der Ueberzeugung von den Soldaten geliebt und verehrt zu sein. Freud g ergreifen wir Die Feder, um den Beweis zu führen, wie er Die Soldaten liebte: Einst ward der Befehl ertheilt, mit einem kleinen Haufen Nassauer nach einer Gegend hin zu rücken, Die Oberst G mit dreifacher Macht von den Dänen besetzt wußte. Er weigerte sich' diesem Befehle Folge zu leisten, und zu seinen Soldaten sich wendend, soll er geäußert haben: Was sollen die Väter sagen, wenn ich euch so dahin schlachten lasse" Daß solche Liebe Die höchste Verehrung und das fek- senfesie Vertrauen der Soldaten für ihren Chef rechtfertigt, bedarf keiner weiteren Erläuterung.
Am Tage Der Ausschiffung der letztes nassauischen Truppen erschien auch der Oberst Gerau, der ihnen vorangeettt war, von Wiesbaden kommend, in Biebrich Mit wahrem Enthusiasmus wurde dieser Brave empfangen, so daß er nur mit Mühe sich der Thränen erwähren konnte, während das Offizier- Corps das Zujauchzeu Der Soldaten zu überhören schien. Vorne reitend, begleitete er Die Getreuen nach Wiesbaden. Wer mehr, als er, hatte auch dieses Recht? War er es doch, der sie vom sichern und schmählichen Tode gerettet hatte! Ohne seine Beharrlichkeit, in dem Soldaten auch den Menschen zu erblicken^ hätte vielleicht keiner Der zu dem oben erwähnten Streifzug beorderten Soldaten, den heimathlichen Heerd wieder begrüßt! Mögen sie ihn auch veranlaßt haben, seinen Degen in Die Scheide zu drücken: er ruht in Ehren darin, und Niemand wird es vermögen, sein Bild aus Der Brust deS nassauischen Soldaten weg zu dekretiren. Aber nicht der Soldat allein wird Die Lähmung eines solchen biederen Heldenarms tief und immer bedauern jeder Nassauer wird mit uns Allen den herben Schlag fühlen, der hiermit gegen Die Verwirklichung unserer
Die beiden Studenten.
(Aus den „Böhmischen Dörfern" von Uffo Horn.)
(Fortsetzung.)
„Jakob!" rief Der selig d'reinschauende Johann, und schlug seinem Freunde auf Die Schulter, „Jakob schlag' ein — verfluchter Kerl, sei doch nicht so lcimlakig — her mit Der Hand und schlag' ein — ich nehme Alles auf mich!" ., ,
,Drängen Sie den Herrn nicht! er hat ja noch bis Morgen Bedenkzeit,"" sagte Herr Walter, und schenkte Johann ein.
„Was Bedenkzeit! Da ist ja nichts weiter zu bedenken — Jakob! wenn Du nicht einschlägst, so bist Du ein Dummer Kerl! weiß Gott, ich rede kein Wort mehr mit Dir! so ein Leimsieder ist mir noch gar nicht vorg kommen!"
Er nahm Jakob.s Hand, und die des Regisseurs — Jakob schlug ein, und der Tenorist trommelte auf den Tisch, daß Die Gläser klirrten, und ahmte mit Dem Munde einen Trompetentusch nach. Wenzel führte nach einer Viertelstunde Die heiDen Studenten vorsichtig Die Treppe hinab , bis auf Die Gasse, und als ’r sich überzeugt hatte, daß sie nach den ersten Schritten auf Die Nase fallen mußten, so nahm er Jeden an einen Arm, und schleppte sie bis an Johann's HauSthüre. Jacob
lachte unausgesetzt, nun war ihm Alles Spaß und Schwank, und er verhöhnte sogar seinen Freund, daß er nicht gehen und sieben könne. Die Schwierigkeit, das Hausthor auf- und zuzuschließen, war übrigens noch nicht Die letzte, Die unsern Freunden aufstieß: über einen Gang und Drei finstere Treppen hinaufzu tappen, und oben Die Stuben thüre zu finden und zu offnen, stand ihnen noch bevor, und nur Der wunderbare Instinkt, der Kinder und Betrunkene leitet und schützt, ließ Jacob das Sopha und Johann sein Bett finden, ohne daß sie sich Die Köpfe entzweigerannt hätten.
Der Regisseur und Der Tenorist, welche durch längere Uebung hiebfester waren, brachen nach Dem Abzüge Der beiden Jünglinge in ein schallendes Gelächter aus. Der Tenorist sang Die Worte des Caspar aus Dem Freischützen , als er seinen Gefährten an den Teufel verhandeln will, und Der Regisseur antwortete in den tiefsten Tönen :
„Noch hab' ich keinen Theil an ihm!"
„„Du hast ihn schon ganz!" wenn er auch zurück- wollte, der Andere läßt nicht mehr locker! Aber einen Fang hast Du doch gemacht, Herr Bruder! so eine Stimme kannst Du suchen, und theuer ist er am Ende auch nicht!""
„Du bist aber sehr pressirt, den jungen Menschen von hier weg zu bringen!"
„„Den Teufel auch — soll ich ihn hier neben mir wachsen und gedeihen lassen? Mein Kontrakt ist über's
Jahr um, wenn der Junge da bleibt, so schadet er mir um tausend Gulden, denn so viel müssen mir Die Direktoren znlcgcn! Es ist ein Glück, sag' ich Dir, daß der Kapellmeister besoffen war, sonst hätte er mit allen fünf Fingern nach ihm gegriffen! Nun noch eins, stoß an — Dir ist geholfen, denn Du hast einen Tenoristen, und mir auch, Denn ich habe mir einen gefährlichen Rival vom Leibe geschafft!"
„„Du Seelenverkäufer! Hahaha!""
„Still, Herr Bruder! ich weiß, wie man Präsident wird — Du bist auch nicht Der Meinung gewesen, daß der gerade Weg immer Der beste sei, als Du die Regie haben wolltest — lassen wie das!"
Er schenkte Die Gläser voll und sang, wenn auch schon mit etwas rauher Stimme das Lied des Don Juan :
Treibt der Champagner
Alles im Kreise, Dann wird's ein Leben Herrlich und frei — und dèm ein tretenden Wenzel entgegen: „Artige Mädchen Fuhrst Du mir leise, Nach Deiner Weise, 3um Tanze herbei !"