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Wiesbaden. Samstag, 1, September

âeiheit und Ueeht!" IS 49.

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*t* Die Herrschaft des Kapitals, ein Pro­totyp für unsere Zukunft.

Die Herrschaft des Kapitals ist kein Anachronis­mus. Sie ist so nothwendig im Gange unserer Ent­wicklung begründet, sie ist ein so nothwendiger Faktor des Fortschritts, daß ohne sie eine Demokratte im mo­dernen Sinne nicht eristiren würde. Man muß gleich­sam die höchsten Spitzen der Gesellschaft erklommen haben, man muß zu einer klaren Erkenntniß alles des­sen gelangt sein, was unsre Gegenwart charakterisirt, um einen ungetrübten Horizont in all die Wirkungen zu erhalten, die sich an jene treibenden Potenzen, an jene charakteristischen Merkmale ketten. Wir wollen versuchen, die Herrschaft des Capitals aus dem Gange unserer Entwicklung zu begreifen, ihr diejenige geschicht­liche Stellung einzuräumen, die ihr gebührt. Jnein- anderschachtelung, bestimmt abgezirkeltes Ständewesen, unabänderliche Borzeichmmg des ganzen Lebenslaufes durch die Geburt sind bezeichnenden Merkmale des Mittelalters. Der Grundbesitz regierte. Daran hat­ten alle Gesellschaftsformen den Charakter des Festen, Unbeweglichen. Mühsam und langsam rollte der Wa­gen der Menschheit fort. Alles hatte seine gegebene Sphäre. Treue und Glauben waren die Eigenschaf­ten des Bewohners der Scholle. Die Geistlichkeit be­herrschte den Einzelne» von der Wiege bis zum Grabe. Hub die Ritter, die Götter dieser Erde, tummelten sich darein in seltsam-romantischem Zwielichte. Wie aber innerhalb einer Nation die Menschen durch die Stände geschieden waren, so waren die Nationen selbst unter­einander kastenartig abgeschlossen. Haß, Feindschaft, Befehdung, waren die Folgen einer Lebens- und Pro­duktionsweise, die die Menschen an die heimathliche Scholle fesselte. Der Patriotismus thronte über der Humanität.

Die Reformation, d. h. die Befreiung vom Glauben von der Geistlichkeit, und die Indu­strie und der Handel, d. h. die Befreiung von der Scholle von der durch den Adel ausgeübten Herr­schaft des Grundbesitzes, stürzten den mittelalterigen Staat. Das Capital machte sich als Coneurrent ne­ben dem Grundbesitze, die Wissenschaft neben dem Papstthum, der Geistlichkeit geltend. Das Unbeweg­liche wurde abgelöst durch das Bewegliche. Das Capital ergoß sich in die Rinnen des Verkehrs. Der Handel näherte die Nationen und begrub den Patrio­tismus. Aber während das Mittelalter allmählig zer­bröckelt und der Grundstein gelegt wird zur dereinsti- gen Herrschaft der Bourgeoisie; während Capital und Grund und Boden, Freiheit und Glauben, Menschcn- thum und Nationalbornirtheit jenen großen, ricsenar- tigen Kampf kämpfen, der sich bis in unsre Gegen­wart hinein zu erstrecken scheint, währenddem hatte der Absolutismus Zeit, seine Fittige über beide Streiter auszubreiteu. Bo» der Reformation hatte er die Herr- I

schaft über die Geistlichkeit, vom Bürgerthum die Herr­schaft über den kleinen Adel bekommen; von jener, um einen Bundesgenossen gegen die Hierarchie, von die­sem, um einen Bundesgenossen gegen Wegelagereien der adligen Ritter sich zu erobern. Aber die Bour­geoisie hat auch im Laufe der letzten 3 4 Jahrhun­derte Zeit gehabt, der Schlange des Feudalismus den Kopf zu zertreten. Was jetzt vom Mittelalter noch übrig ist, sind Ruinen. Wohl mag matt sich alle er­denkliche Mühe geben, sie wieder herzustellen in ihrer vorigen Pracht. Doch selbst im glücklichsten ^alle würden sich Beide, jenes und das Mittelalter des 19. Jahrhunderts, nur verhalten, wie Natur und Kunst, wie Naivetät und Resterion, wie Wahrheit und Schein. Doch nicht einmal zur Wlederherstellung des bloßen Scheins hat man gebracht. Es ließt eine weite Kluft zwischen der Herrschaft durch Glauben und Grundbesitz , und der Herrschaft durch Bajonette und Geld. Der moderne Standrechtöabsvlutismus war nur möglich durch eine letzte riesenhafte Kraftanstrengung all der Mächte, die während der letzten Jahrhunderte thronten. Uebrigens verhält cs sich mit den Wieder- J Holungen der Geschichte, wie mit der gefallenen Tugend der Jungfrau, die eine Resterion in ihren früheren Zustand nicht gestattet. Was todt ist, kehrt nicht wieder!

Das wirkliche 19. Jahrhundert ist das Jahrhun­dert des Kapitals. Der Herrschaft des Kapitals ent- | spricht die freie Beweglichkeit, die freie Con- currenz: die Freiheit der Industrie, des Handels, die ungehemmte fessellose Ent­wickelung aller Kräfte der menschlichen Natur entspricht die Bernichtung der nationa- len Borurtheile durch den Kosmopolitismus. Das Kapital macht seinen Besitzer zum Weltbürger!

Aber um welchen Preis haben wir diese Prinzipien erobert: indem wir und freuen über ihren Sieg, und bewundernd die Weisheit des Gottes anerkennen, der die Geschichte der Menschheit lenkt, tritt uns zugleich die industrielle Sklaverei entgegen, und unser Auge verdüstert sich bei dein Anblicke all der Thränen, die die Herrschaft des Capitals im Gefolge hat!

O ihr Thoren: das Kapital war nur eine Stufe, auf der ihr weiter emporklommet zu euerm Ziele sie ist überschritten, sie ist zurückgelegt! Unter Schmer­zen ward eine neue Wahrheit geboren, noch zucken die Wehen nach, noch werden Tausende dem Moloch des Geldes geopfert aber die Wahrheit ist erkannt, die feindlichen Heere stehen in Schlachtordnung, was das Kapital gegenüber dem Mittelalter für sich anzuführen vermochte, ist gegenüber der Neuzeit keine Waffe mehr, eS ist schon eine Waffe geworden in der Hand des industriellen Sklaven noch Ein Kampf: und die Brücke vom Sieg des Kapitals zum Sieg der Arbeit ist geschlagen!

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O Biebrich, 29. August. I» jüngster Zeit mußte die hiesige Bürgerwehr auf Befehl des Kreisoberste» Quillt sich mehremalversammeln und seine amtlichen Mittheilungen anhören, die fast alle mitungemei­ner Freudigkeit" ausgenommen wurden. Unter den bemerkenswertheu Borschlägen ist die Zumuthcmg zu rechnen:

Ein Jeder, der Bürgergardist sein wolle, müsse sich das in Hand habende Gewehr mit circa 10 Thlr. kaufen; die Unbemittelten aber hatten diesen Betrag aus der Gemeinvekasse zu beziehen re. Als dieser Bor- schlag vernommen wurde, erklärte die Mannschaft:

So lange ein preußenfreundliches Ministerium die Landesangelegenheiten zu verwalten habe, würde sich die Bürgerwehr zu dem vorgeschlagenen Ankauf der Gewehre nicht verstehen. Bei einer nur kleinen Rei­berei würde dann gewiß der Prinz von Preußen mit seinen Soldaten ins Land kommen, der nach Umstän- den die bezahlten Gewehre wieder mit Beschlag bele­gen könnte; sie sei daher bereit, die Gewehre an die Staatsbehörde wieder abzuliefern oder als Depositum auf dem hiesigen Rathhause aufzubewahren."

Der Kreisoberst, der sich ferner in die Eintheilung der neu zu orgauisirenden Compagnien einmischen wollte, erpiclt noch weiter die Bemerkung zur gefälligen Be-

I rücksichtigung, daß er nur die Bürgerwehr Batail­lonsweise mit zu ordnen habe, und daß, sollte nicht Alles nach dem bestätigten Bürgerwehrgesetz vorgenom- men und ausgesührt werden, sie ihre Auflösung vor­ziehen und aussprechen werde. Wenig erbaut durch die ihm gewordenen Mittheilungen ist der Kreisoberst nach Hause gegangen; doch steht zu erwarten, daß auch noch anderswo derartige Proben angestellt werden.

Die Hessen-Homburger Schützen scheint das Heim­weh nach Hause getrieben zu haben, da sie in der Eile vor Flensburg einen Tornister, bei Deutz Hirschfänger und Helin, zurückließen die einen ihrer Kameraden, der krank geblieben, dieser Tage mit sich führte, um sie dem Militär-Kommando in Homburg zu überliefern. Hier geht zwar das Gerücht, diese Schützen hätten sich nur deßwegen so geeilt, um zu rechter Zeit auf dem Feld­berg zu erscheinen, da man ihnen dort als Entschädi­gung für ihre Parademärsche in Schleswig, ein klei­nes Scharmützel in Aussicht gestellt habe. Es gibt wirklich böse Zungen in der Welt!

H- Weilburg, 29. August. Auch unser Weilburg hat die erste hundertjährige Geburtsfeier Göthe's fest­lich begangen, wenn gleich nur durch eine einfache Abendunterhaltung im ehemaligen Komövienbau. Bon allen Seiten fand die Feier die freundlichste und un­eigennützigste Unterstützung: das Gymnasium gab seine schönen antiken Büsten zur Ausschmückung des Saales, die Regimentsmusik unter Leitung des Herrn Euler trug die Ouvertüre Beethovens zu Egmont und die

Die beiden Studenten.

(AuS denBöhmischen Dörfern" von Ilffo Horn.)

(Fortsetzung.)

AlS ihn Johann am Eingänge der Treppe, die

zur

Bühne führt, verließ, drückte er noch einmal krampfhaft seine Hand, und gestand ihm, daß er am liebsten wieder umkehren möchte.

Gib Acht," sagte er zu Johann,der heutige Abend ist mein Unglück, ich werde Mila nie, nie Wieder­sehen dürfen!"

Der Erfolg der Oper war großartig man hatte seit langen Jahren keinen ähnlichen in Prag erlebt, und nachdem alle Darsteller mit stürmischem Beifall über­schüttet worden , quoll die Menge summend und brum- mend durch alle Thüren ins Freie. Der Tenorist hatte Jakob und Johann nach beendigter Oper, in welcher er selbst sehr gefiel, zn einem kleinen Souper eingeladen, und Johann eilte daher geraden Weges den Roßmarkt hinanf, an dessen Ende der gastfreie Sänger wohnte. Er läutete vergeblich an der Thüre, anch waren die Fenster noch nicht erleuchtet: die Beiden waren also noch nicht angelangt. Es dauerte auch noch eine gute Weile ehe sic kamen - Johann trippelte bereits ungeduldig in dem kalten frostigen Wetter auf dem feuchten Trottoir herum. Endlich ließ sich unser Tenorist mit seiner heutigen

Arie vernehmen er führte außer Jakob noch seinen bepackten Siener mit sich, der an jedem Arme einen Korb trug, aus dem die braunen Flaschenhälse, darunter einige wvhlvcrpichte, hervorschauten, während er in den Händen noch einige in Papier gewickelte Delikatessen hielt.

Bitte um Entschuldigung, lieber Freund!" begann das Hauöthor aufschließend der lustige Sänger,wir haben uns noch einen Augenblick beim Italiener aufge- I halten, um daS Nothwendige cinzukaufen gib Acht, Wenzel ! daß Du keine Flasche zerschlägst laß die Herren voraus! Nur mir nach, meine Herren! wir werden gleich Licht haben!"

I Er stieg die dunkle Treppe voraus, und schloß nun * die Thüre seiner eigenen Wohnung auf. Hier suchte er eine Weile im Dunkel herum.

Wenzel , wo ist daS Feuerzeug?"

Auf dem Tisch, Ew. Gnaden"" aber schon flirrte um fallend eine Flasche, eine Schale mit Schuh­wichse folgte nach; da hielt der Tenorist inne, und blieb ruhig stehen, bis Wenzel vorsichtig seine Päcke auf den Boden gelegt, das Feuerzeug gefunden, unb Licht ge­macht hatte. Jakob entsetzte sich über die Verwüstung, ' aber der Tenorist lachte über seine schwarzgestreiften Ilm ' aussprechlichen, zog die ebenfalls geschwärzten Handschuhe aus, und warf sie in den Winkel, und als Wenzel die Fremden in die Stube geführt, die Lichter angezündet und sich mit einem Ersatzstück hinausgetrollt hatte, hörten

sie den lustigen Kumpan, während er seine Kleider wechselte, das heutige Fischerlied trällern.

Jakob sah sich in des elegant meublirten Stube um, ein hoher Spiegel funkelte im Goldrahm, der Boden war spiegelblank gewichst, und der Divan lockte mit ' weichen schwellenden Kissen znr behaglichen Ruhe.

So ein Sänger hat es doch prächtig," flüsterte Johann,eingerichtet sind die Leute wie die Prinzen, gehen immer schön ungezogen herum, und haben Ehre und Beifall, wo sic sich sehen lassen! Siehst Du Jakob, so kannst Du es auch haben, Du bist ein glücklicher Kerl!"

Jnkob seufzte der Tenorist trat mit dem vergnüg­testen Gesichte von der Welt herein, als ob gar nichts imv.iof.inf*'', Es imponirte dem mihm 02>e.a« -"-

vorgefallen wäre.

waltig, Daß man ben Heibern so mir nichts,

imponirte dem guten Jakob ge- Berlust von nagelneuen Bein- Dir nichts, verschinerzen könne. Setzen wir unS!" sagte der Hausherr unb deutete auf ben Divan,Wenzel ! die Flaschen her!"

Wenzel kramte auS, und der Tisch bedeckte sich in kürzester Zeit mit allerhand Delikatessen, die unsern Freunden noch nicht zu Gesicht gekommen waren. Jakob laS die Etiketten an den Flaschen, er hatte wohl von Rüdesheimer und Saint Julie» gehört und gelesen , aber die persönliche Bekanntschaft dieser edlen Geister hatte er noch nie gemacht. Die grünen Römer, welche Wenzel vor den Herren anfflcUte, funkelten so eigenthümlich unb verlockend, der Duft der ersten Flasche, die der Tenorist