— in welcher hohe und höchste Namen der Hauptstadt, als Förderer pietistischer Zwecke zu Hunderten zu lesen waren!
Der würdige Ortsgeistliche war gespannt, der (Kuriosität wegen dem fahrenden Frömmler auch einmal aus den politischen Zahn zu fühlen. Bald fand er die Grundsätze, die dessen zur Schau getragener Religiosität auf Vollkommenste entsprachen. Eine Antwort, die er gab, charakterisirt die politische Richtung der ganzen frommen Brüderschaft, wenn bei ihr von politischer Richtung überhaupt noch die Rede sein kann. „Der König stehe ihm unbedingt," sagt' er, „so hoch über Staat und Volk, als die Person Christi ihm über dessen Lehre stehe." Ist hier nicht des Pudels Kern von der ganzen Frömmelei gegeben, in die in unsern Tagen überzugehen der gute Lon und die Mode schon in allen Residenzen gebietet?!
D e ZZ L s eh L Ä 8r D.
** Wiesbaden, 28. August. Wie sehr man sich auf die Berichte des sogenannten Landtagsblattes und des Frankfurter Journals über die Verhandlungen un- i sercr Kammer verlassen kann, möge unter Andern der Umstand beweisen, daß ersteres berichtet der von Braun und Hehner in der Sitzung vom 25. d. Mts. gestellte Antrag, die Regierung um sofortige Vorlage einer möglichst bald als Nachtrag zu der Forstfrevelordnung zu publizirenden Forststraf-Prozeßvorschrift zu ersuchen, welcher bekanntlich ohne weitere Beschränkung ange- nommen wurde, sey an den Prioritätsausschuß verwiesen worden, und das Frankfurter Journal gar angibt, die Antragsteller hätten die Regierung ersucht, „noch einen Forststrafgesetzentwurf einzubringen" - - also noch einen F o r st st r a f g e s e tz e n t w u r f, n a ch - d e m soeben der von der Regierung v o r g e - legte Forststrafgesetzentwurf in zweiterLe- sung definitiv angenommen worden war! — Das Landtagsblatt, welches die Verhandlungen über die unbefugten Veröffentlichungen ans Regierungsacten, die auf dem Landtag statthatten, aus klugem Interesse für seine dabei moralisch unterlegene Partei mit Stillschweigeu überging, entschuldigt dies in der neuesten Nummer mit der Unbedeutendheit und dem bloß persönlichen Interesse dieser Sache, theilt aber gleichwohl die Verhandlungen über den Concurs und die dadurch entstandene Nothwendigkeit des Austrittes des Abgeordneten Krämer, bei welchen die Partei des Landtagsblattes einen Ausstand für Krämer errang, in selbstgefälliger Breite mit, als wenn dieser Gegenstand kein unbedeutender und kein rein persönlicher wäre. — Zugleich gibt die neueste Nummer des Landtagsblattes zwei nicht unterzeichnete, also von der ganzen s. g. „konstitutionellen Partei" des Landtags vertretene „Erklärungen" über die erwähnten gesetzwidrigen Veröffentlichungen, welche wir allen, die pathologisches Interesse für seltsame Verirrungen der Logik, Pleonasmus, Tautologie und Verwirrung der Rechts- begriffe haben, zur erheiternden Lectüre empfehlen. Alle die erwähnten Krankheitserscheinungen finden sich in so überwuchernder Quantität vor, daß diese „Erklärungen" nothwendig den beiden berühmtesten Federn des Landtagsblattes in vereinter Kraft entquollen sein müssen.
$ Idstein. (Confessio nn elle Trennung u. das Allgemeine Brevier.) Seit fast dreißig Jahren lebten die Zöglinge des Seminars, trotz des verschiedenen religiösen Bekenntnisses, in brüderlicher Eintracht; seit fast dreißig Jahren wurden durch das hiesige Seminar religiöse Duldung und Humanität verbreitet: aber eben so lang wurde von einer bekannten Seite an der Trennung des Seminars nach Confessio- nen gearbeitet. Schon glaubte man sich am Ziele, schon streute man aus, die Trennung sei höheren Orts ausgesprochen; aber man scheint doch auf Hindernisse
„Bring' den Hansi und den Kirchel," flüsterte sie ihrem Tänzer zu, und Jakob eilte, ihrem Wunsche nachzukommen. Kirchel machte zwar ein grimmiges Gesicht, denn er ahnte, was ihm bevorstand, aber er mußte mit. Im ganzen Saale wurde geflüstert, denn die Scene von vornhin war den sämmtlichen Studenten nicht unbekannt geblieben. Milada reichte Johann den Trichter, der ihn vergnügt an die Lippen setzte und einen entsetzlichen Ton darauf blies, und Kirchel mit einem spöttischen vernichtenden Lächeln den Korb. Als sie mit Jakob tanzte, sprang Johann tutend voraus , unter allgemeinem Gelächter und Beifall, Kirchel aber statt nachzuspringen, fchlcudcrte den Korb wüthend auf den Boden, daß er hochauf sprang und weit weg kollerte. Ein schadenfrohes Gelächter der Studenten war die Antwort auf diese Ungezogenheit, der neue Herr Wirthschaftsbereiter aber schoß zur Thüre hinaus, und ließ sich im Saale nicht mehr blicken.
„Dem ist recht geschch'n!" flüsterte Johann vergnügt, und auch Milada freute sich über diesen Akt der Justiz an ihrem zudringlichen Bewerber.
„Run wird er wohl genug haben," sagte sie zu Jakob, der ein bedenkliches Gesicht machte, und einen scharfen Bück auf die beiden Alten warf, die zwar millachten, aber lange nicht so beifällig, wie die große Mehrzahl der Anwesenden.
„Das schadet nichts," meinte Milada, die Jakob's
gestoßen zu sein; man scheint zu ahnen, daß weder die Kammer noch die Regierung sich gefügig zeigen möchten. Andere Mittel müssen also angewandt werden, um die Trennung zum Bedürfnisse zu machen.
Im Leben findet die Trennung keinen Anklang, also muß zunächst der Geist der Absonderung, das Bewußtsein der Geschiedenheit in den jungen Gemüthern geweckt und gepflegt werden, damit der Hader um der theologischen Satzungen willen die Trennung nothwendig macht, damit die bekannte Formel: „man muß den Wünschen und Bedürfnissen des Volkes Rechnung tragen!" angewandt werden kann. Man hat deßhalb bereits geschieden. An jedem Morgen treten die Katholiken aller Klaffen und eben so die Evangelischen allein in einen Saal und jeder Chor betet zu seinem Gotte.
Die Nassauische Allgemeine tritt sodann als die verbindendeMacht auf. Ihre trefflichsten Artikel werden als moderne Offenbarung vorgelesen, wie z. B jene Darstellung der Freiheitsbestrebung des Volkes als Drehkrankheit, wie bei den Schafen. Freilich, wenn die Herrn das Volk als eine Schafheerde auffassen , dann ist die Freiheitsbestrebung Drehkrankheit. Die Früchte einer solchen Erziehung zum „confessso- nellen Bewußtsein" zeitigen indeß auch unter dem Einfluß der günstigen Witterung.
Bereits sind die Zöglinge so weit herangebildet, daß sie sich nicht mehr bloß untereinander denunciren, sondern in weiteren Kreisen ihre Thätigkeit entfalten. So schwebt jetzt eine Untersuchung über einen hiesigen Volksschullehrer, weil er in der Kirche nach der Predigt leise geäußert: „da müßte man einmal ums Wort bitten dürfen!" und welche Aeußerung von zwei Seininaristen gehört und pflichtgetreu ihrem Lehrer und von diesem dein geistlichen Herrn überbracht wurde. Glückliches Volk! Deine künftigen Lehrer ersparen dir die kostspielige geheime Polizei!
O Kainberg. „Die Reaktion hat gesiegt!" So tönt der allgemeine Ruf des Schinerzeö. Wir ehren diesen Schmerz der Patrioten, wir bedauern mit alten Menschenfreunden, daß die Barbarei ungeteilt die edelsten deutschen Männer hinwürgt, uns jammert das Blut der Helden; — aber wir verzagen nicht. Kein Tropfen Blut wird gesäet, ohne daß er Früchte brächte. Das Blut der Märtyrer zeugt am lautesten gegen — die Macht der Finsterniß. —
Unsere Revolution ist mißglückt, weil sie keinen Boden fand; etwas aber hat sie uns gerettet, den Boden zum Fundamente der Freiheit in der Tiefe der Gemüther aller Bürger zu suchen.
Ein Haus, das auf Sand gebaut, wird vom Sturme gestürzt und von der Fluth fortgeschwcmmt; nicht aber das Haus, das auf einem Felsen ruht. Unsere freie Gemcindeverfassung wird Gemeingeist und Sinn für Freiheit, Sittlichkeit und Männerehre erzeugen. Was ein Mann vermag, wenn er nicht von den Verhältnissen zur Unthäthigkeit verdammt wird, ein Mann, der Kraft und Muth besitzt, zeigt die Geschichte im Großen für die Entwickelung ganzer Länder, wie im kleineren Kreise für die Entwickelung einer Gemeinde. Unser Städtchen hat seit vielen Jahren eine gewisse Berühmtheit, die es den Freunden der Freiheit eben nicht anziehend machte. Wir lassen es dahin gestellt sein, ob es diesen Ruhm so ganz verdiente. Aber wir dürfen jetzt kühn behaupten, daß wohl nirgends das öffentliche Leben einen schöneren Aufschwung genommen. Ein Mann versteht es, sich die Achtung aller Parteien zu erwerben, mögen auch die Führer einer gewissen Partei im geheimen Synetrium über ihn fluchen. Dieser Mann ist der Gemeinderath Philipp Boufier! Unermüdet, uneigennützig und unerschrocken zieht er in den Sitzungen Alles vor die Oeffentlichkeit, rügt schonungslos und nimmt sich jedes Bürgers und seiner Rechte an. Hierdurch werden die Gemeinderathssitzungen fleißig besucht und das öffentliche Leben erhält einen Aufschwung, wie man kaum ihn gewagt
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Augen folgte, „mag es gehen, wie cs will, ich lasse nicht von Dir!"
Ein hastiger Händedruck war die Antwort. Es wurde noch in aller Eile verabredet, daß Johann in jedem Briefe an Lidnska Nachricht von Jakob mittheilen, und daß diese wieder das Nöthige von Milada's Erlebnissen und Stimmungen an ihren Geliebten berichten solle. Die lange Stunde, welche der CvttiUon dauerte, verging den Liebenden blitzschnell, mit einem langen Händedrucke nahm Jakob Abschied, denn heute war wenig Hoffnung mehr die Geliebte zu sprechen oder mit ihr zu tanzen. Milada ging zu ihren Eltern, Jakob zu den andern Studenten, die einen Chorgesang an stimmen wollten. Er sang wie eine gliickliche Nachtigall, und entzückte Alle durch seine prächtige Stimme, sogar der Direktor stimmte in das allgemeine Lob.
„Also der Pischta wird Geistlicher ?" fragte die Frau Rentmeisterin den herzutretenden Johann, „das wird sehr schön sein, wenn wird er in Kirchen singen?"
„„Ich glaube nicht, er wird vielleicht 'was anders studiern ! am besten wäre cs freilich, er ginge zum Theater!""
„Nein! das wäre eine wahre Sünde! das möcht' ich ihm nicht verzeihen!""
„„Ich auch nicht,"" bekräftigte die Direktorin, „„wenn er daS thäte , möcht' ich ihn mein Leben nicht mehr anschauen!""
zu hoffen. Erst im vorigen Herbste bildete sich aus Humanitätsgrüttden bei einer gewissen Veranlassung hier eine freisinnige Partei, deren Haupt Monster war und schon durchdringt ihr Einfluß alle Verhältnisse. Ihr Sieg ward errungen durch Biederkeit und Moralität. Als der Pfarrer Wchrfritz aus dem Gemeinderath trat, ward ein entschieden freisinniger Mann an seine Stelle gewählt. Nun hat gar der bisherige Bürgermeister seine Stelle niedergelegt, weil mit dw- sem Gemeinderath nicht zu regieren ist. Wir sind überzeugt, daß bei der Neuwahl die hiesigen Bürger ihre Reife zeigen; den Mann, der die Wahl verdient, brauchen wir nicht zu nennen.
ff- Nastätten, 26 August. Seit einiger Zeit findet man hier in den Wirthshäusern, in den Lokalen, die in der Regel 0 $) bezeichnet sind, die „Nassauische Allgemeine" in Achtel und sogar - was zu ökono- mi)ch ist — in Sechszehntel getheilt aufgelegt. Diese Erscheinung ist um so auffallender, als bekanntlich die „Allgemeine" hier nur von unsern Hochwürden und H och ehrw ii rde n gehalten und wahrscheinlich auch gelesen wird. Nach eingezogenen Erkundigungen hat sich das Räthsel gelöst. Unser Bürgermeister und der hiesige Justizbeamte und der Pfarrer Schröder reichen der Reaktion in Verbreitung dieses von unserer Bürgerschaft sonst verschmähten Blattes diensteifrigst die Hand. Der letztere, Pfarrer Schröder nämlich, theilt täglich unter die im Unterricht befindlichen Confirmanten und selbst an Sonntagen, wie das noch heute der Fall war, in der Kirche die „Allgemeine" in vielen Eremplaren, unter Empfehlung eifrigen Lesens und Mittheilung an die Nachbarschaft aus.
Wie wir erfahren, will nun der begüterte Theil der hiesigen Bürger, durch die Erfahrung, daß das Makulatur ein vortreffliches Düngungsmittel ist, angetrieben, an die allverehrte Redaktion der Allgemeinen eine Petition überreichen, worin um Mittheilung größerer Quantiäten ihres Blattes gebeten werden soll. Es läßt sich voraussehen, daß auf diesem Wege der Zweck der „Allgemeinen": „Verbreitung und gute Früchte bringen" so vollkommen als möglich erreicht werden kann, und dadurch unserm ohnedem verwaisten Städtchen das größtentheils auf den Ackerbau angewiesen ist, wieder aufgeholfen werden wird.
Stuttgart, 25. August. In der „Württemb. Ztg." dem Organ des Ministeriums, liest man folgende Erklärung: Baierische und nach ihnen württembergische Blätter berichten von einem „kleinen-baierisch-württem- bergischen Minister-Congreß" in Lindau, dem auch zwei höhere österreichische Generale beigewohnt haben sollen. Die Thatsache eines Zusammentreffens des Staatsraths Römer mit dein bairischen Staatsminister v. b. ■ Pfordten ist allerdings richtig (sie!). Wenn man dagegen in bairischen Blättern noch weiter wissen will, daß es sich bei dieser Zusammenkunft „um ein süddeutsches Bündnis; dem protestantischen Norden gegenüber" gehandelt habe, so sehen wir uns veranlaßt, gegen diese in dieser Zusammenstellung und an diesem Ort dem Norden gegebene etwas verfängliche Bezeichnung sogleich zu protestiren, da vielleicht jede andere weit eher gepaßt hätte, als gerade diese. Protestantismus und Katholizismus haben mit der deutschen Frage an und für sich lediglich nichts zu thun, und es ist wohl auf jeder Seite streng zu rügen, wenn konfessionelle Uebergewichts- oder gar Eroberungsgelüste da und dort in der Presse, besonders in der sogenannten „gläubigen" durchblicken. Die Deutschen sollten doch endlich einmal gerade in diesem Punkt durch Schaden klug geworden sein, und diese Geister ruhen lassen. Die Politik werde vom Geiste der Sittlichkeit, der Religion, getragen, aber sie hüte sich ums Himmels Willen, je wieder theologisch, dogmatisch konfessionell zu werden!"
I Es war ein finsterer stöbernder Abend, eine Stunde vor der Thcaterzeit, als Jakob sich zum Weggehen von seinem Freunde anschickte. Er sah angegriffen und muth- loS aus, denn er sollte einen wichtigen Gang antreten. Nach langem Zureden hatte cs Johann dahin gebracht, daß Jakob eingewilligt hatte, im Chor der Prager Oper I zu singen, und heute sollte er zum erstenmal vor die Lampen treten. Man gab die „Stumme von Portici" und hatte zu dieser mehrere neue Choristen engag^'t; durch Johann's Bemühungen war Jakob, nachdem er im Zimmer des Kapellmeisters; eines alten grämlichen Kauzes, aber tüchtigen Musikers, Probe gesungen, auf- genommen worden. So sehr ihm der kleine Gehalt, den er fortan beziehen sollte, zu statten kam, und ihn über hundert Sorgen mit einemmale hinaushob, quälte ihn doch unausgesetzt die Besorgniß, die Direktorin könnte von diesem Entschlösse hören und ihn mit desto härterer Abneigung von ihrer Tochter entfernt halten. Vergeblich tröstete ihn Johann dam't, datz er sich so unkenntlich machen könne, daß es auch seinen genauen Bekannten nicht gelingen solle, ihn hcrauszufindcn, daß die Frau Direktorin außer aller Verbindung mit der Hauptstadt und vollends mit dem Theater stehe — Jakob zitterte unausgesetzt für sein Geheimniß, und fürchtete dessen Entdeckung.
(Fortsetzung folgt.)