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Die Wechselbeziehungen zwischen religiöser und politischer Freiheit.
III.
^Vom Rhein, 28. August. Auf welche gefährliche, tiefgreifende Weise der überaus größere Theil der Geistlichkeit auf die freie Entwicklung deS Volkslebens einwirkt, wie er jeder freien Regung und Erhebung des Volks zum Bewußtsein seiner Würde und Kraft hemmend entgegentritt, davon macht man sich in der Regel bei Weitem noch nicht einen auch nur annäherungsweise richtigen Begriff. Ihr Demokraten in euren Städten und Residenzen habt keine Ahnung davon, was in diesem Betreff auf dem platten Laude geleistet wird, sonst wäre es bei eurer aufrichtigen Liebe zum Volke und bei eurem löblichen Eifer für die Aufbesserung unserer jammervollen Zustände nicht möglich gewesen, daß ihr die religiöse Seite des Volkslebens bisher so fast gar keines Blickes, fast keines ernsteren Versuches, radikal einzugreifen, würdigtet. So lange ihr diese Seite jedoch außer Auge laßt, wie es leider bisher nur an zu vielen Orten geschah, so lange nehmt mir die Behauptung nicht übel! so lange wißt ihr es nicht, oder — wollet ihr es nicht recht wissen, wo unser Volk der Schuh am empfindlichsten drückt. '
Und so lange werdet ihr von den Volksdrängern ewig überlistet werden! So lange werden die Kinder der Finsterniß , deren Politik älter ist als die eure, klüger bleiben , als die Kinder des Lichts. So lange wird sich die Volksmasse alles das, was ihr in euren begeistertsten Reden in den Volksversammlungen chr vorgeredet habt, am nächsten Sonntag drauf, wenn sie ihr" Kirchenschläfcheu macht, wieder ausreven laßen. Glaubt es nur! Die Könige wissen nur allzuwohl, was mit dem deutsche« Volke in den Kircheuftühlen Alles anzufangen ist. Sie wissen sehr wohl die rechten Terte an Buß- und Bettagen und an fürstlichen Geburtstagen herauszusiuden und vorzuschreiben, und sind im Voraus dessen versichert, was die von ihnen berufenen" Verkündiger des Wortes mit diesen Texten auszurichten sich unterthänigst bestreben, zumal — wenn sie nach besseren Stellen schnappen!
haltet mir immerhin entgegen: „unsere Religion und unser Christenthum sind uns unsre politischen Grundsätze und Ideen; uns drückt keine kirchliche An- torität; wir spüren die Kirche nur noch an der Kirchensteuer; die der Menschheit innewohnenden ewigen Ideen von Recht und Freiheit, die im Staats- und Völkerleben immer reinere, höhere Gestalt gewinnen sollen, sind der Inhalt und das Ziel unseres geistigen Lebens, unserer Frömmigkeit!"
Wohl! Aber was habt ihr denn bisher gethan, um das kirchliche Leben, das alte Kirchenthum, über dem ihr fast alle euch in eurem Bewußtsein hoch erhaben fühlt, das aber gleichwohl einen so immensen
Einfluß auf die Masse des Volk übt, auf eine Stufe . mit emporheben zu helfen, die, eurem Bewußtsein mehr I entsprechend, zugleich auch eure Mitmenschen zu euch hinaufheben und ihnen den Segen der Bildung und Aufklärung, statt des Fluches der Verdummung und Einschläferung, zuwenden würde ?
Wer den Bann und die Gewalt der religiösen Einschüchterungen bezweifelt, der gehe unter dem Landvolk umher, selbst in unsern aufgeklarten Rheinlanden, und überzeuge sich, welch' unglaubliche Fortschritte in der letztverfloßnen kurzen Zeit politischer Abspannung und Muthlofigkeit die abschwachendste und entnervendste Richtung alles religiösen Auswuchses, der kränkelnde Pietismus, gemacht hat, von deut man nur in den Heitlingen um so weniger erfährt, je mehr dieses Gift im Stillen schleicht und seine scheinheiligen Verbreiter geräuschlos wirken.
Was die mehr offenen und zur Schau getragenen Bestrebungen eines Piusverems wirken, ist Kinderspiel dagegen! Piusverein!! Schon sein Name hilft seinen Einfluß untergraben! Pio Nono, von dem der denkende Katholik anfangs so Großes gehofft, wer schwärmt noch für ihn, seit dieser Nachfolger und Stellvertreter dessen, der da auf Erden nichts hatte, wo er sein Haupt ' hinlegen konnte, um kein Haarbreit anders verfährt, als j seine Vorfahren, und über die Leichen seiner Brüder in : Christo sich den Weg zurückbahnen läßt zu weltlicher j Machtvollkommenheit und absoluter Gewalt? Hildebrand- oder Gregor-Verein hätte jene fromme Genossenschaft sich nennen sollen! Wir rathen ihr an, sich umzutaufen. Denn als der große Mann mit dem kleinen Hute in Frankreich den Pabst vom Stuhle hob und ihn nach Paris kommen ließ, wie man ein Stuck römisch Mosaik verschreibt, um den Fußboden eines Tempels damit zu zieren, da war der Glanz des Pabst- thums bereits ebenso erloschen, wie der Titel „von Gottes Gnaden", als der nämliche Mann Königreiche bestimmte and Könige setzte, wie der Gärtner Krautbeete absteeft und Rüben pflanzt! Heute ist der letzte Schimmer der Mitra noch bleicher geworden und ihr jeweiliger Träger im unablässigen Siüdblirfe auf vergangene Jahrhunderte, wie Loths Weib beim Rückblicke auf Sodoms Mauern, zur Salzsäule erstarrt. Ein Verein, der den Strom der Weltgeschichte Umfeld ren und den verwesten Riesenleib der Hierarchie aus dem Grabe heraufbeschwören will, hätte besser einen Hildebrand zum Pathen erwählt, der in einem Zeitalter , in welchem jener heilige Körper noch seine ungeheuerliche weltgeschichtliche Mission und Bedeutung hatte, im Zeitalter seiner vollsten Manneskraft, dessen energische Seele war. —
Wir sagten, das schleichende Gift des Pietismus uud des mit der Reaktion liebäugelnden Staatskirchenthums wirke in unseren Tagen gefährlicher und abschwächender, als nur immer die Demonstrationen der Hierarchie, weil letztere, mehr handgreiflich und offen, vom gesunden Sinne des Volks leichter gerichtet wer
den. — Vor Kurzem machte ich einen kleinen Ausflug nach Rheinhessen. Ich kam in daS Dorf Horrweiler bei Bingen. Der Pfarrer, ein aufgeklärter Mann im kräftigsten Lebensalter, der für den kirchlichen Fortschritt begeistert ist, jedoch seine Pfarrei erst vor einigen Wochen angetreten hatte, klagte mir unter wahrem Her- zeleid, in welch' trübselige Frömmelei ein nicht unbeträchtlicher Theil der Bewohner des Dörfchens — beinahe 30 Personen - versunken seien. Er hatte kürzlich einen ihrer Conventikel besucht, um sich persönlich zu überzeugen, was darin getrieben würde. Die Zusammenkunft fand in den Abendstunden statt. Ein preußischer Missionar war anwesend und las bcii teilten eine Predigt von Zinzendorf vor. Dein Geiste dieser entsprechend waren die Lieder. Man kann sich denken, welcher Zustand der Zerknirschung, in den sich die Leute, wir möchten sagen, mit wahrer Wollust versenken, durch die Schriften eines Zinzendorf erregt wird, der bekanntlich das Dogma von der Erlösung rein für Fas Gefühl behandelt und unablässig das biblische Bild vom sündetragenden Lämmlein auf die sinnlichste Weise heraushebt.
Gleichwohl macht diese Richtung der Frömmigkeit erschreckend große Fortschritte fast im ganzen Rhein- lande. Fast gibt es kein Dörfchen, wo sie nicht ihre Anhänger zählt. Missionare aus Amsterdam, Neuwied, aus dem Wupperthale durchziehen Jahr aus Jahr ein bas Land mit Traktätlein und Predigten. Wie würden nichts dagegen erinnern, da wie Jedem gerne seinen Glauben lassen, wüßten wir nicht, von welcher Seite her und mit welchen Mitteln diese Lehren dem armen Laudvolke eingeimpft werden, und was die traurigen Folgen derselben sind. Der geistliche Hochmuth, mit welchem durch dieselben die frommen Brüder auf ihre Nebenmenschen, als auf verlorene, ewigem Verderben anheimgefallene Seelen, herabblicken lernen; der Unfriede, den sie in Gemeinden und Familien anrich- ten, wäre das Geringste. Aber der in schwärmerischer Beschaulichkeit und Gefühlsschwelgerei nach dem Jenseits und auf den „himmlischen Bräutigani" unverwandt gerichtete Blick geht dieser Erde, geht dem praktischen Leben verloren. Aller LebenSmuth schwindet dahin! Das ganze Wesen des Menschen geht in knechtische Demuth, Selbstpenugung, ja Selbstvernichtung über! In kopfhängender Träumerei werden die armen Menschen das bereitwillige Opfer jeder weltlichen Willkür und rohen Gewalt! Der Sinn für Frische und Freiheit des bürgerlichen Lebens wird er tobtet; alle Wünsche für eignes und fremdes Erdenglück gehen in ein Schmachten nach Gnade über.
O, das wissen die Oberhofpietisten zu Berlin sehr wohl! Das wußten unter Friedrich Wilhelm Ul. die hohen Herren Militärs nicht minder, die mit dem neuen Testamente oder mit dem Gebetbüchlein in der Tasche sogar bei der Parade zu erscheinen pflegten!
Der oben erwähnte Missionär trug unter Andern eine Schrift bei sich — ich weiß nicht mehr den Titel
Die beiden Studenten.
(Aus den „Böhmischen Dörfern" von Uffo Horn.)
(Fortsetzung.)
Der arme Jakob war also verhandelt, und wenn er auch durch diese Verabredung noch nicht unwieder- ruflich dem Korporalstocke verfallen war, so drohte ihm dieser fortan, wie ein Damoklesschwert. Die Umstände durften nur dem Plane seiner Feinde günstig sein, so war Jakob in sechs Monaten wohlbestallter Musketier, mit der reizenden Aussicht, es schneller zum Feldwebel zu bringen, als ein Anderer.
Im Tanzsaale hatte die Lustigkeit den höchsten Grad erreicht. Alles war vergnügt und froh; Johann hatte sein Möglichstes gethan , den andern Damen für den entgangenen Triumph, den Ball eröffnet zu haben, die vollständigste Entschädigung zu bieten. Er tanzte mit ihnen der Reihe nach, und schickte ihnen and) fortwährend andere Tänzer zu; er überbot sich an Liebenswürdigkeit und je weniger die Damen zu Athem kamen, je kirschbralincr sie wurden, je reichlicher der Schweiß auf ihren Stirnen perlte, desto versöhnlicher und heiterer wurden sie. Milada allein war traurig und gedruckt, sie hatte von Liduska etwas über den Streit im Schenkzimmer gehört, und zitterte, daß Jakob irgend ein Unfall wiedcrführc, denn von der gemeinen und rachsüchtigen Gesinnung des ver
schmähten Wirthschaftsbereiters war Alles zu besorgen. Johann hatte übrigens mit der Direktorin gesprochen, und ihr vv> gestellt, daß es seine ganze Freude störe, und die übrigen Studenten sehr verdrießen würde, wenn sie bemerkten, daß Jakob nicht mit den beiden Fräulein tanzen dürfte. So gab sie, wenn gleich etwas widerstrebend, die Erlaubniß, daß Milada einen Tanz von Jakob anuehmcu dürfe, und der ehrliche Johann flog, seinen Freund und das arme traurige Mädchen davon zu benachrichtigen. Er machte auch gleich aus, daß sie den Cottillou zusammen tanzten , denn der dauerte am längsten, und bot auch die meiste Gelegenheit, mit einander zu sprechen. Jakob drückte seinem Freunde dankbar die Hand; es wäre zu schmerzlich für ihn gewesen, ohne Wort und Gruß von ihr auf lange Zeit zu scheiden.
Johann eilte nun, den Cottillon zusammen ^u bringen. Das war von jeher eine schwierige Arbeit, Die wahre Dornenkrone jedes Vortänzers. Ebe er die dreißig Paare zusammcugetricben, die Tänzer verteilt, den Kreis gebildet hatte, gewannen Jakob und Milada Zeit, über das Mißgeschick zu klagen, das sie betroffen hatte, und ihre vollen Herzen zu erleichtern. Johann hatte sie klüglich zwischen zwei Paare gestellt, die ebenfalls im Gerüche heftiger Liebe standen, alfo, mit sid> selbst sattsam beschäftigt, weder Zeit noch Lust hatten die beiden zu behorchen. Kirchel, der wie ein Pfeil aus der Gaststube geschossen kam, um sich Milada's für den Cottillon zu versichern, fand sich auf das Unangenehmste berührt,
als er sie und Jakob bereits beisammen stehen sah, und auch der Versuch, sich mit seiner eiligst anfgerafften Tänzerin neben sie zu stellen, mißlang, indem Jakob ihm bedeutete, man müsse der Reihe nach Play nehmen. Indessen verlor der eifersüchtige Wirthschaftsvereiter seinen Rival nicht ans den Augen, und sein finsteres Deicht starrte unausgesetzt nach dem Winkel, in dem sich unser Pärchen zurückgezogen hatte.
Johann wußte aus Erfahrung, daß auf dem Lande auch die einfachsten Cottillonfiguren immer noch zu schwer sind, er hatte daher einige ausgcsvnnen, die absolut nicht zu verderben waren. Er brachte nämlich einen großen Trichter und einen Handkorb herein, stellte einen Stuhl in die Mitte und legte diese ^^^^^m^^^^^ zu beiden Seiten nieder. Dann führte er seine Tänzerin zu dem Sitze, holte noch zwei Herren und stellte sic vor Liduska hin. Dem einen gab sie den Trichter, ter zweite erhielt den Korb und mit dem Bitten tanzte sie, so zwar, daß der mit dem Trichter vorausspringen und darauf wie ein Triton blasen, der zweite aber hinterher laufen und den Korb Nachträgen mußte. Die Tour fand ungeteilten Beifall — namentlich war sie teil Mädchen erwünscht, die nun im Stande waren, kleine Gunstbc- zeugungcn auszutheilen und sich an Tänzern zu rächen. Jene, denen der Korb zufiel, durften für den Spott nicht sorgen; so oft daher ein neues Paar sich letzte, war Alles auf die Vertheilung begierig. Nun kamen Jakob und Milada au die Reihe.