„Freiheit und Neeht!"
â 206» Wiesbaden. Donnerstag, 30. August 18âN
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Die Göthefeier und die Demokratie.
Trocknet nicht, Trocknet nicht, Thränen der ewigen Liebe, Ach nur dem halbgetrockneten Auge, Wie öde, wie todt die Welt ihm erscheint!
Göthe.
$ Wiesbaden, an Göthe's Geburtstage.
Die Demokratie in Deutschland hat sich im Ganzen bei der Göthefeier nur sehr wenig beteiligt: und fragt ihr warum? so antworten flugs die volksfeindlichen Blätter: weil die bildungsfeindliche demagogische Rohheit Göthe für einen Aristokraten und Neak. tinär hält.
Wir erröthen wirklich über die Rohheit, welche in einer solchen Erklärung der Richttheilnahme der Demokratie an dem Göthefest enthalten ist, und wir wollen der Hcrrenparthei in Folgendem den wahren Grund der Passivität seitens der Demokratie darlegen.
Wir sind nun zwar schon lange an die ärmlichen Überschätzungen , in welchen sich die reaktionäre Par. thci gefällt, gewohnt, und wir beneiden auch unsere Gegner nicht um ihr Selbstlob, welches bekanntlich nicht wohl riecht.
Ueberraschend war für uns aber doch das „edle Maaß", welches in dieser Selbstlobhudelei unsere naive Nachbarin enthielt, die immer draufzu in der Politik Belletristik und in der Belletristik Politik treibt, welch letztre Behauptung schlagend dadurch bestätigt wird, daß das belletristische Beiblatt zur Frankfurter Oberpostamtszeitung, das Frankfurter Conversationsblatt, sogenannte politische Leitartikel der Nassauischen Allgemeinen Zeitung in ihren Spalten mittheilt. In einem Leitartikel des letztren Blattes (No. 203), der überschrieben ist: „Die politische Bedeutung der Göthefeier" findet sich neben andern herzlosen Urteilen über die „demagogische Rohheit" auch folgende das Blatt, seinen Redakteur, und die ganze gegnerische Parthei sehr charakterisirende, ausnehmend süffisante Bemerkung: „Und wenn die ganze gebildete (hört! hört!) Schichte der deutschen Nation im abgelaufenen Jahre, im Stillen und öffentlich, der demagogischen Barbarei entge- genarbeitete u. s. w."
Hiernach macht die Nass. Allg. Ztg. sich selbst und ihrer Parthei das naive Kompliment, daß die „ganze gebildete Schichte der deutschen Nation" auf ihrer Seite stehe.
Wir wissen in der That nicht, was die Nass. Allg. Ztg. unter Bildung versteht, und ob sie es nicht vielleicht für ein Merkmal der Bildung hält, der beschaulichen Selbstvcrgötterrmg, welche „die Gesittung und das edle Maaß" weit überschreitet, zu pflegen: das aber wissen wir, daß diese Zeitung unsern Altmeister Göthe nie beherzigt hat, wenn er einen intoleranten Parteimann ausrufen läßt:
„Jene machen Parthei, welch unerlaubleS Beginne»!
Aber unsre Parthei, freilich, versteht sich von selbst."
Die „gelehrten" Schulmeister und die „studirten" Geistlichen und Juristen — sie haben freilich in ihrer großen Mehrheit nicht auf Seite des Volks gestanden und sie werden auch ferner gegen das Volk stehen: etwa aber deßhalb, weil sie die Gebildeten sind? O wenn sie gebildet wären, würden sie wohl wirklich vor allem Volke ohne Eigennutz ihr Licht leuchten lassen und es nicht verschmähen, den Männern mit der schwieligen Faust von ihren Kenntnissen mitzutheilen: doch sie sind abhängige Diener zum großen Theil, welche studirt haben nur des „Brods" wegen, welche die „heilige" Wissenschaft nur handwerksmäßig betreiben, und die bei ihrem Kramen in den Akten und Büchern die jugendliche Frische des Geistes, das warme Herz für des Volkes Wohl, die muthvolle Aufopferungskraft verloren haben.
Wiederholt gibt die gegnerische Partei nicht undeutlich zu verstehen, Göthe würde, wenn er noch lebte, sich ihr angejchloffen haben, und sich gewiß, wie die übrigen „besten Männer Deutschlands" in das ken- trum des Parlaments gesetzt haben. Eine solche kindische und kleinliche Auffassung zwingt uns ein mitleidiges Lächeln ab. Die Demokratie läßt sich gewiß nicht die Absurdität zu Schulden kommen, „Göthe einen Reaktionär zu schelten": und sie mißbilligt heute allgemein das lieblose, weil einseitige Urtheil, welches Borne über seinen Landsmann fällte. Die Demokratie, welche sich die Aufgabe gesetzt hat, die Bildung, welche bisher von engherzigen Seelen nur für bevorzugte Classen zurückgehalten wurde, immer mehr und mehr zum Gemeingut des ganzen Volks zu machen, die Demokratie, deren letzter Endziel dahin geht^, den Menschen wahrhaft frei zu machen, d. h. in den Stand zu setzen, alle seine Anlagen, so viel nur möglich, harmonisch zur schönsten Blüthe zu entfalten: Die Demokratie sollte den Mann, der in der Erstrebn ng des Reiumenschlichen das Unerreichbare in seinen Schriften geleistet, nicht unendlich hoch schätzen und verehren? Mag auch immer der „Mensch" Gothe, welcher dahin- gegangen, ein Aristokrat, ein Egoist gewesen sein: in seinen Schriften, und in diesen lebt er nur noch und wird ewig leben, athmet der reine Geist der Freiheit, welcher alle Feffeln, die je Eigennutz und Dünkel der Aristokratie und des Pfaffenthums geschmiedet haben, mit spielender Leichtigkeit zerbricht, und durch seine hehre Erscheinung alle Autoritäten der Bonzen und Anhänger des starren todten Buchstabens in Schatten stellt. Derselbe Göthe, welchen bornirter Weise die Geld- und Geburtsaristokraten den Ihrigen nennen, und von dein sic sagen: „es seien ihm alle Freiheitsapostel zuwider gewesen" — derselbe Göthe schrieb doch auch:
„Jene Menschen sind tost, so sagt ißt von heftigen Sprechern, Die wir in Frankreich laut Hären auf Straßen unv Mackt.
Mir auch scheinen sie teil; doch rebel e i n Toller in Freiheit
Weise Sprüche, wenn. ach! Weisheit im Sklaven v erftu in m t;"
und derselbe Göthe, welchen unsere Gegner sehr unbefugt einen unbedingten.Anhänger der tFürftengewalt nennen, sagte doch auch:
„Wer ist denn wirklich ein Fürst? Ich hab es immer gesehen. Der nur ist wirklich Fürst, der es vermochte i n fein;" und ferner:
Diesem Ambos vergleich ich das Land, den Hammer dem Herrscher; Und dem Volke das Blech, das in der Mitte sich krümmt.
Wehe dem armen Blech! Wenn nur willkürliche Schläge
Ungewiß treffen', und nie fertig der Kessel erscheint;" und derselbe Göthe, den sehr lächerlicher Weise die Konservativen und die blinden Verehrer des historischen Rechts zu ihrer Schaar zu zählen belieben, schrieb auch:
„Es erben sich Gesetz und Rechte
Wie eine ewige Krankheit fort:
Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte, Und rucken sacht von Ort z» Ort.
Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage;
Weh dir, daß du ein Enkel bist!
Vom Rechte, vas mit uns geboren ist,
Von dem ist leider nie die Frage."
Die Demokratie, welche zu ihren schönsten Aufgaben auch die zählt, die großen Werke unserer großen Geister, dem ganzen Volke zugänglich zu machen, sie wird, verlaßt Euch darauf, dahin wirken, daß auch die goldenen Worte Gothe's Gemeingut des ganzen deutschen Volkes werden, und an dem Tage, an welchem das Volk die kühnen Worte des Dichters:
„Ich könne nichts AermereS
Unter der Sonne als euch Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Thoren." — erfassen wird, an dem Tage werden die sog. Gebildeten, die Pfaffen und Aristokraten, zittern, und gewiß keine Göthefeste mehr feiern!
Warum aber, da die Demokraten den Lichterkönig mit Recht so hoch verehren und vor ihin als einem wahrhaftigen König ihren stolzen Nacken beugen, haben sie ihm nicht bei der Feier seines hundertjährigen Geburtstages den schuldigen Tribut der Anerkennung gezollt?
Nun demjenigen, der jdem Demokraten jetzt, w ä h- r en d noch stündlich die u n h ei l v ol le n S chüsse aus Baden an sein Ohren klingen, während unzählige seiner Brüder in der Verbannung, in Kerker undBanden, und in namen- losem Elende schmachten, znmnthet, geräuschvolle Feste mit Glockengeläute, Kanonendonner unb pomphaften Banketen zu begehen, dem wird er antworten, was Göthe selbst seinen Faust zu dem Mephistopheles sagen läßt, während Faust's Gretchen gefangen sitzt: „Gefangen! Im unwiederbringlichen Elend! Bösen Geistern übergeben und der richtenden gefühllosen Menschheit! Und mich wiegst
Die beiden Studenten.
(Aus den „Böhmischen Dörfern" von Uffo Horn.)
(Fortsetzung.)
Der sonst faiifte und zurückhaltende Mensch war nicht wieder zu erkennen, er glühte und ging sichtbar ] mit sich kämpfend, hastigen Schrittes auf und ab. Da trat der Amtschrciber mit noch zweien seiner College» herein, und während diese mit boshaft lächelnden Gesichtern an einem Tische Platz nahmen, ging Kirchel auf Jacob zu und sagte ihm mit rauhem herausforderndem Tone:
„Ich hab' etwas mit Ihnen zu reden, Herr Pifchta!"
„„WaS wollen Sie?"" * i
„Ihnen sagen, daß Sie sich die Mühe sparen föm 316», hinter der Fräulein Milada zu schleichen; der Herr Direktor hat nur heute die Freude nicht stören wollen, I sonst hätte er Ihnen schon gesagt, daß Sie nicht mehr in's Schloß dürfen!"
„„Hat ihnen der Herr Direktor aufgetragen, daß Sie mir das auSrichten sollen?""
„Das ist Alles eins — ich sage eS Ihnen nur, damit Sie wissen, wie Sie d'ran sind! Die Frau Direktorin hat wieder der Fräulein Mila verboten, mit Ihnen zu tanzen, also brauchen Sie sie heute auch nicht ' auszufordern!"
Jakob sah dem Amtschreiber mit blitzenden Augen , fest iu'S Gesicht. —
„„Ich an Ihrer Stelle, Herr Kirchel, möchte mich schämen, so ein Klatscher zu sein; aber weil Sie recht | gut wissen, daß Sic die Fräule nicht auostehcn kann, j so wollen Sie sich auf solche Weise rächen! Hören Sie! wenn Sie mir nichts weiter zu sagen haben, als daS, so hätten Sie sieb auch daS ersparen können!""
„WaS? wissen Sie, wen Sie vor sich haben? ich bin gräflicher WirthschaftSbereiter, und Sie sind ein Bettelstudent, der gar nicht her gehört, und nur auS Gnaden hier ist!"
Die beiden Amtschrciber schlugen ein höllisches Gelächter auf — Kirchel fuhr mit lauter, fast schreiender Stimme fort:
„Ich weiß gar nicht, wie Sie sich unterstehen können sich hier patzig zu machen — gehen Sie lieber nach HauS, und helfen Sie Ihren Schwestern dreschen, oder gehen Sie für Ihren Vater auf die Robott, statt daß Sie hier auf der Meranda den Narren nachen! Ihre Schwester wird, hör' ich, den Schafknecht auf unserm Meierhofe heirathen? DaS möcht' eine schöne Verwandtschaft abgeben — da möchten die Direktorischen sich dafür bedanken !"
Das war zu viel — Jakob fuhr in die Höhe, und wollte auf den Amtschreiber loS, aber in diesem Augenblicke trat Johann, den daS laute Gespräch herbeige, zogen hatte, zwischen die beiden, und sagte: ,
„Ruhig, Jakob! laß den deutscheu Michel gehen — und Sie, Herr Kirchel," wandte er sich zu diesem, „Sie sind hier Gast, und wenn Sie nicht ruhig sein wollen, so können Sie gehen! Wir Studenten geben die Meranda, und der Jakob ist Student, und darum gehört er eher hierher, als wie Sie! Konm' Jakob!"
Er nahm seinen Freund unter den Arm und zog ihn auS der Stube; Kirchel blieb zornbleich und nach Luft schnappend bei seinen Genossen zurück. Als die beiden Studenten fort waren, löste sich aber sein Zorn in einer Fluth von Schimpfworten , so daß einer der Schreiber die Thüre zumachte, daß man eS im Saale nicht höre.
„So ein böhmischer Zo pak" *) tobte Ki-chel, „untersteht sich, mir, einem herrschaftlichen Beamten, das zu sagen? So ein Lausstudent, der cs noch naß hinter den Ohren hat, meint, weil er im Schloß jetzt oben auf der Suppe schwimmt, daß er sich herausnehmen kann, was er will! Laß mich, ich will ihm eine Watsche* ') geben, daß er an den Michel denken soll!"
Die beiden Andern redeten ihm zu, und zogen Kirchel auf einen Stuhl nieder — er schwieg eine Weile dann wandte er sich zu einem seiner Genossen, als ob ihm ein plötzlicher Entschluß gekommen wäre:
„Du könntest mir einen großen Gefallen thun!"
*) Spitziiahme der Czechen in den deutschen Gegenden — Zo Pak heißt „Wag denn?"
**) Ohrfeige.