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„âeihett und Recht!"
Wiesbaden. Dienstag, 28. August
1849
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Der friedliche Sieg der Vernunft.
Q Diez, 18. August. Vor 7« Jahren schrieb der Schotte Adam Smith also: „Vom 10. bis zum 13. Jahrhundert konnte die Verfassung der römischen Kirche als das fürchterlichste Bündniß angesehen werden, das je gegen das Ansehen und die Sicherheit der bürgerlichen Negierung ist geschlossen worden, — ein Bünv- mß, das zugleich eine Verschwörung gegen die Vernunft, die Freiheit und das Glück der Völker war: weil alle diese Vorzüge nirgends gedeihen können, wo nicht die bürgerliche Obrigkeit mächtig genug ist, sie zu beschützen. Vermöge dieser Verfassung war der gröbste Betrug des Aberglaubens von dem Privatiute- resse einer so großen Anzahl von Personen unterstützt, daß er über alle Gefahr, von der menschlichen Vernunft angegriffen zu werken, erhaben war. Denn wäre es dieser auch gelungen, einige grobe Betrügereien des Aberglaubens selbst vor den Augen des gemeinen Volks aufzudecken: so würde sie doch niemals die Bande des Privatinteresses haben zerreißen können. Wäre also die Hierarchie nie von andern Feinden, als durch die schwachen Waffen der Vernunft, angegriffen worden, so hätte sie von ewiger Dauer sein können. Aber dieses unermeßliche und so fest gegründete Gebäude, das durch alle menschliche Weisheit und Tugend nie hätte erschüttert werden können, wurde durch den natürlichen Lauf der Dinge von selbst zuerst geschwächt und dann zum Theile zerstört, und läßt jetzt voraussehe», daß es in wenigen Jahrhunderten vielleicht ganz in Trümmern zerfallen wird." Darauf folgt dann, was Smith unter diesem „natürlichen Laufe der Dinge" versteht, — was aber außer dem Bereiche unserer Aufgabe liegt.
Klingt das nicht, wie eine Lästerung der ganzen höheren Natur des Menschen? Kann Jemand so vermessen sein, von den „schwachen Waffen der Vernunft" zu sprechen, zu behaupten, daß alle menschliche Weisheit und Tugend nicht im Stande sei, das Gebäude des Privatinteresses zu unterhöhlen? Pfui über diese niedrige Denkungsart, die das Höchste in den Staub zieht, um vielleicht die profane Gewalt auf deu Thron zu erheben !
Oker ist es doch vielleicht so, und mcht anders? War wirklich die bloße menschliche Vernunft nicht im Stande, die römische Hierarchie zu vernichten? Bedurfte es in der That erst so vieler blutigen Kämpfe, so vieler Schlachten der deutschen Kaiser gegen die Geistestyrannen in Nom, der physischen, moralischen und intellektuellen Verkrüppelung des gedämmten Pfaf- fenhecres, bedurfte es am Ende der Schrecken eines dreißigjährigen Krieges, um dem Protestantismus zu seinem Rechte zu verhelfen? Seltsamer Widerspruch! Wir glauben an den friedlichen Sieg der Vernunft, — und jedes Blatt der Geschichte zeigt uns, wie zur Vernunft die Gewalt hinzukommen mußte' um zu sic-
gen, und tausendmal müssen wir sogar zuseheu, wie die nackte brutale Gewalt alle Vernunft und alles Recht verhöhnt, und am Ende, vielleicht auf Jahrhunderte, als Siegerin auf dem Kampfplatze bleibt! Hat man nicht, vor einigen Jahrhunderten, das wunderherrlich aufblühende Italien gewaltsam im Keime unterdrückt, daß uns jetzt die in jener Zeit aufgesproßten Blüthen der Poesie, der Philosophie, der Kunst, der Wissenschaft, der Gewerbe wie romantische Nachklänge des schönen Alterthums erscheinen? Uno ihr Bauern alte, die ihr vor 3t)0 Jahren der Rache des Adels gefallen seid, die ihr kämpfet für die Befreiung vom Joch der Privilegien des Adels und der Pfaffen, die ihr die Gleichheit der Rechte und ein einiges, mächtiges, freies Deutschland auf eure Fahne schriebet: — was würdet ihr sagen, wenn ihr setzt auf das e.nige, freie, mächtige Deutschland, auf das aller Privilegien und aller Pfaffen- nud Adelsaussangerei ledige beutle Volk sähet?
Und doch haben Schriftsteller, Thoren und Betrüger aller Art dem deutschen Volke mit Erfolg weiß gemacht, daß die Wahrheit und das Recht dereinst ohne Kampf siegen müßten! Uno die dclitsche Geschichte vom Jahre 1815 bis 48 ist ein redendes Zeugniß, wie tief das deutsche Volk von diesem Satze uber- zeugt gewesen sein muß! Selbst die Revolution des Jahres 48 vermochte diesen Irrthum noch nicht aufzudecken; es bedurfte ja nur eines so geringen Stuckes, und einiger stürmischer Volksversammlungen, um die Metternich'sche StaatsweiSheit zu stürzen — und das plötzliche Nachgeben der Fürsten geschah offenbar blos deshalb, weil sie dem moralischen Eindrücke der Wahrheit unterlagen!
Aber noch einige Monate weiter — und es wurde Heller und Heller im Kopfe Michels. Ein Lichtstrahl ging auf in seiner Seele, und zeigte ihm, wie er voll war von gutmüthiger Schwäche iino treuherzigem Glau- ben und blindem Vertrauen. Wie Wetterstrahlen zuckten die Siege des Absolutismus vom Falle Wiens bis auf den Fall des Parlaments in das Ehaos der nationalen Träumerei und unterschiedlosen Verschwommenheit, und jeder Wetterstrahl wurde für den Michel ein Lichtspahn, der ihn leitete zum Mißtrauen, und vom Mißtrauen zum Haß I Ach, es war 511 spät: der Irrthum heischte eine Sühne, unb die Sühne war die vollständigste Niederlage jenes romantifch-schwärmeri- schen Glaubens! Wie tragikomisch nimmt sich jetzt der „friedliche Sieg der Vernunft und des Rechts" gegen den unfriedlichen Sieg der Unvernunft und des Unrechts aus, — wie wälzt sich der Michel in verzweifelter Neue über seinen vor- und nachmärzlichen Blödsinn, wie hoffte er jetzt nur noch auf den Waffensieg der Ungarn, wie hat er längst aufgehört den Despoten gegenüber an die Vernunft zu appelliren.
Wenn es aber, trotz alledem, jetzt immer noch Leute gibt, die jene Banalphrasc in den Mund nehmen, und mit sittlichster Entrüstung über die bewaffnete De-
--------- —--- mofratie herfallen, und namentlich über die „schreckenerregenden Gestalten" der blousenbekleideten Freischaa- ren ihr süßweinerliches Zetergeschrei loslassen, so lächelt der Michel dazu, denn er weiß, daß sie seit dem Einzug der Kroaten in Wien genachtwandelt haben, oder daß sie nur ihre jämmerliche Feigheit hinter einem solchen Ausspruche verstecken; — er wird sie dereinst mit kaltem Wasser begießen.
Ja, der Michel fraternisirt mit den Freischaaren, und trinkt Smoltis mit der ganzen faustbegnadeten Demokratie. Er hat aufgehört zu Philosophiren, und spottet jener großen Männer, die ihn mit einem so vermaleikeiten Hirngespinnste, wie der friedliche Sieg der Vernunft ist, gefoppt haben. Er hat den Hegel vergessen, und trägt den Bem und den Kossuth aus seinem Herzen.
Wir können aber doch nicht unterlassen, jene unvergleichlich schönen Worte Hegel 's anzuführen, die Grün seiner Uebersetzung Prondhon's vorausschickt: „An einem schönen Morgen gibt sie mit dem Ellbogen dem Kameraden einen Schubb, und Bautz! Baraeautz! der Götze liegt am Boden! — An einem schönen Morgen, dessen Mittag nicht blutig ist, wenn die Ansteckung alle Organe des geistigen Lebens durchdrungen hat; nur das Gedächtniß bewahrt dann noch als eine, man weiß nicht wie, die vergangene Geschichte, die todte Weise der vorigen Gestalt des Geistes auf; und die neue für die Anbetung erhöhte Schlange der Weisheit hat auf diese Weise nur eine welke Haut schmerzlos abgestreift." Wohl, auf dem Gebiete der Ideen sind die Eroberungen friedlich, und der Häutungsprozeß der Schlange der Weisheit ist ein schmerzloses Abstreifen der welken Schuppen. Aber es hat dem deutschen Volke nichts gefruchtet, wenn es glaubte, die Idee würde von selber einen ihr entsprechen Zustand der Gesellschaft bereiten. Die „Bande des Privatinteresses" haben sich vorläufig mächtiger erwiesen, wie die Idee. Und wenn die Idee nicht tausend und aber tausend Kämpfer aus dem Boden zu stampfen vermag, und wenn sie nicht gewappnet im Feldlager erscheint, dann werden sie Alle, die von ihr angesteckt sind, noch lange warten können, bis der Michel seine „welke Haut abgestreift" hat.
Deutschland.
Weilburg, 19. August. Die Nass. allg. Zeitung enthält in ihren letzten Nummern mehrere Aufsätze über das am 12. d. Mts. dahier abgehaltene Turner- fest, welche einige Berichtigung bedürfen. Wir werken die mannichfachen Unrichtigkeiten und schiefe Auffassungen dieser Artikel am besten widerlegen, wenn wir eine einfache Darlegung des Thatbestandes liefern. Der gütige Leser wir unsere etwas lange Darstellung damit entschuldigen, daß wir auf viele Anlagen und Verdächtigungen antworten müssen, daß die in Rede stehende
Die beiden Studenten.
(Aus den „Böhmischen Dörfern", von Uffo Horn.)
(Fortsetzung.)
~ Welche Einwendungen würde unser schüchterne Theologe in spe noch vor acht Tagen gegen ein so kühnes Wagniß erhoben haben — heute war ihm der Mulh bereits dermaßen gewachsen, daß er nicht nur einwilligte sondern sogar mit leichten Füßen über den Stakctenzaun setzte, der ihnen den Eintritt in den Garten verschloß. Johann, der nicht flink genug war, ihm nachzukommen, suchte an der breiten Seite, die nicht mit Staketen, sondern mit Hecken eingefaßt war, eine Lücke, durch die er kriechen konnte; während dessen hatte sich Jakob teile und leichten Schrittes einer Laube genähert, in welcher laut gesprochen wmde. Er vernahm die Stimme des AmtschrcibcrS Kirchcl, und als dieser schwieg, antwortete eine zweite, die er augenblicklich für Miladas erkannte.
Jakob blieb wie eingewurzelt stehen. Es war zum erstenmal in seinem Leben, daß er horchte; er bekam einen so heftigen Anfall seiner sonstigen Angst und Schüchternheit , das ihm das Herz hörbar zu schlagen anfing. Schon wollte er ebenso leise, wie er gekommen war, sich wieder entfernen, aber die leichte Sicherheit, mit welcher er bis hierher gedrungen, schien mit ciuemal
verschwunden zu sein, er hatte heißes Blei im Kopfe, kaltes Blei in den Füßen, der erste Schritt, den er that, fiel so massiv, so plump uud laut aus, daß er zum Tod erschrocken anhielt, und stehen blieb.
Die Stimmen wurden lauter, er konnte nun jedes Wort hören. Der Amtschreiber Kirchel schien mit großem Affekte zu sprechen.
„Sch'n Cie, FrânleMila/ begann er auf6 Neue, „ich habe gestern mein Dekret als WirthschaftSbereiter bekommen und kann jetzt heirathen. Ich habe auch 'was zum Zusetzen, und werde noch erben; wenn Sie mich nur wollen, der Herr Vater und cie Frau Mutter werden gewiß nichts dagegen haben!"
„„Es thut mir recht leid,"" antwortete das Mädchen, „„aber ich habe Ihnen schon ist gesagt, daß ich noch gar keine £11 ft zum Heirathen habe.""
„Es mliß ja auch nicht gleich sein — ich will warten, wenn cs Ihnen recht ist, denn es wird ohnehin ein halbes Jahr vergehen, ehe ich an Ort und Stelle summen weide. Meine Mutter wird mir in Prag eine Einrichtung kaufen, und Pokraticz, wo ich hinkomme, ist doch ein Stadtcl, da werden wir auch mehr Unterhaltung haben, alo hier auf dem Dorfe!"
„„Sie reden immer, als ob es schon gewiß wäre mit uns; — ich bleibe hier, mir gefällt cs hicr am bc|len, ich habe gar feine Lust von hier fvrtzngeheu!""
Der Amtschreiber gab, trotz dieser bündigen Erklärung seine Hoffnungen noch nicht auf; es gibt nichts
zäheres unter der Sonne, als Männer, die auf die Freite gehn. Der Teufel imMährchen, der zum Kamin hinansgejagt, zum Schlüffcllvche wieder hereinkommt, I hält, was Ausdauer betrifft, keinen Vergleich mit ihnen aus.
„Ah! ich weiß schon," begann der Amtschreibec nach einer Pause wieder, „Sie wollen auch nicht, weil Sie in einen Andern verliebt sind!"
Milada schien diese Behauptung sehr übel zu nehmen, beim Kirchel sagte schnell unb mit begütigendem Tone: „Sein Sie nur nicht gleich böse, Fränle Mila ! man darf ihnen gar nichts sagen, nicht einmal im Spaß 1"
„„Solche Späße brauch' ich nicht und von ihnen schon gar nicht, und wenn ich zehnmal verliebt wäre, so geht Sie es nichts an!""
„Aber ich habe cs ja nicht böse gemeint."
„„Meinen Sie cs, wie Sie wollen, ich sage Ihnen nur so viel, ich mag Sie nicht und wenn Sic Obcramt- manu in Pokraticz werden!""
„Aber warum mögen Sie mich beim nicht?"
Milada sprang nun ärgerlich auf, nno wollte die Laube verlassen, ihr rosafarbiges Kleid kam bereits zum Vorschein, der Amtschreiber schien sie aber zurückzuhalten.
„Sie werden an mich denken, Fräule!" sagte er mit, vor unterdrücktem Zorne, beinahe weinerlicher Stimme „den PisiPta Jakob können Sie doch nirbt heirathen, der wird Geistlicher werken, und wegen dem mögen Sie