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Freie Zeitung.

_________________ ______Freiheit und Aecht!"

^N2O2. Wiesbaden. Samstag, 23. August L8âN.

DieFreie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme deâ Montags, täglich in einem Bogen. Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 ff. 45 kr., auswärts kUt* bte Post bezogen mit verhältnißmäßigrm Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. Die JnserationSgcbühren betragen für die vierspaltige Petitzrile oder deren Raum 3 Kreuzer.

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Die Wechselbeziehungen zwischen religiöser und politischer Freiheit.

II.

^ Vom Rhein, 16. August. Die innerliche, geistige Befreiung unseres Volkes, von der ich Ihnen in meinem letzten Schreiben redete, um die sich dann, wenn sie in den Massen vorhanden wäre, eine ent­sprechende freie sociale Verfassung ebenso friedlich und naturgemäß ansetzen müßte, als die frische Schale um den gesunden Fruchtkern, sie ist es, auf die jetzo in dieser traurigen Zwischenzeit des Säbelregimentes aus allen Kräften hingearbeitet werden muß. Daß sie in den Gemüthern des deutschen Volkes theilweise schon Platz gegriffen, daß sie anderwärts zu dämmern be­ginnt, daß sie in Aller Herzen aufsteigt, wie eine hei­lige Ahnung, wer wollte das läugnen? Diese Ah­nung darf nur zum Begriffe erhoben werden, so ist sie da! Die Bande, die das Volk geistig umschlungen halten, dürfen ihm nur in ihrer ganzen derb-irdischen Natur, in ihrem rohen plumpen Stoffe vorgezeigt und auseinandergelegt werden, so daß es sie mit Händen befühlen und betasten kann; es darf ihm nur bewiesen werden, daß es nicht heilige Bande sind, welche es zerreißen soll, um in die Freiheit der Kinder Gottes einzugehen, sondern daß es Ketten sind, wie andere rohe eiserne Ketten, zu denen der Absolutismus uns das Eisen lieferte, und die von den Jesuiten geschmie­det wurden. Das Volk muß es erkennen lernen, daß die Blumenkränze heiliger Vertröstungen, mit denen man sein Auge ewig gen Himmel richten und von sei­nem Erdenjammer ablenken will, nichts Anderes sind, als die Kränze, mit denen man ein Opferthier schmückte, wenn man es zur Schlachtbank führte. Es muß hand­greiflich es vor Augen haben, daß durch alle die bun­ten Bänder, an denen man es zu den Pforten des Himmels zu gängeln verspricht, der rothe Faden des Absolutismus sich zieht.

Und Nichts ist leichter als das! Man braucht zur Bestätigung dieser Sätze nicht in die Geschichte des Priesterthums zurückzusteigen, man braucht nicht nach Rom und auf die Mittel zu blicken, mit denen sich derKnecht der Knechte Gottes" in dem Besitze von Land und weltlicher Machtvollkommenheit zn behaupten und ein freiheitdürstendes Volk niederzuschmettern wußte; auch nicht auf die Hast und den Eifer, womit die ab­soluten Gewalten und deren lächerliches Werkzeug auf dem Präsidentenstuhle der römischen Republik den Glanz des unersetzlichen Priesterthumes aufrecht zu erhalten strebten! Nein, die Bestätigung liegt uns näher, sie tritt uns täglich vor Augen. Jeder Wahlakt.im deut­schen Vaterlande, bei welchem Priester die Hand im Spiele, oder gar die Oberhand haben, liefert sie uns. Es liefert sie uns die schäumende Wuth, mit der jedes schmächtige Pfäfflein auf seiner Kanzel gegen die er­sten Anforderungen der Nation, gegen die wie sich von

Die beiden Studenten.

~ (Aus denBöhmischen Dörfern" von Uffo Horn.)

V.

(Fortsetzung.)

,Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit" aber das neue Leben, das uns Schiller, aus den Ruinen emporblühend verspricht, ist nicht immer ein voller Er­satz für das Gestürzte. Wo ist heut zu Tage der schöne freundliche Studentenbrauch hin, der, Jahrhunderte alt, die Zeit der Ferien für alle Mädchen und frohen Mütter zu einer so ersehnten machte? Wir meinen den Brauch, eine Meranda abzuhalten. Wo ältere Studenten iu einiger Anzahl beisammen waren, wurde der Ort und die Zeit eines solchen Festes bestimmt, und alle Musen­söhne der Gegend dazu aufgebvten. In einer benach­barten Stadt war eine solche Meranda beschlossen worden. Die Theilnehmer betriebe» die ersten Vorbereitungen sehr geheimnißvoll, erst wenn es zum Einladen der Tänze­rinnen kam, wurde der Schleier gelöst und nun trat der ausgelassene wildfröhliche Lärm an die Stelle des Geflüsters und der heimlichen Besprechungen. Unter den Mädchen der Gegend verbreitete sich jedoch die Kunde eines solchen Festes ebenso schnell; die Herzen pochten ungeduldig, und jeden Morgen wurde emsig zum Fenster hiuausgespäht, ob nichts von dem bachantischcn

selbst verstehenden allerersten Satzungen unserer recht­mäßigen Volksvertreter und Nationalabgeordneten sich abeifertc, wie gegen vollkommene Freiheit des Cultus, Trennung von Kirche und Staat, Trennung von Schule und Kirche, bürgerliche Ehe u. s. w. Es liefert sie uns jede Predigt über den alten Tert:Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist!" oder,Seid Unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat." Es liefert sie uns das heuchlerische Gebühren der protestantischen Priester und königlich preußischen Hospietiften, Hof- prediger und Prälaten und Nutznießer guter Pfründen, die vor einem Jahre noch von zeitgemäßen Reformen in der protestantischen Kirche redeten, wozu ihre Feig­heit und der Sturm der Zeit sie nöthigte, peilte aber diese Reformen bis auf ruhigere, gelegenere Zei­ten verschoben wissen wollen, in denen dem Volke die Lust zum Reformiren schon vergangen sein werde, ^wenn die Ungarn darnieder und die Russen vor den Thoren liegen; die gegen Nichts so sehr sich stemmen und es deßhalb jetzt schon, selbst unter den heuchlerisch in Aus­sicht gestellten Reformen, für eine baare Unmöglichkeit erkläre", daß die christlichen Gemeinden ihre Prediger sich selber wählen, weil begreiflicherweise durch nichts so sehr die wahre religiöse Stimmung unseres Zeital­ters und die Bildung unserer Gemeinde ans Tages­licht treten würde, als durch das unverkümmerte Wahl­recht der Seelsorger; die in den Märztagen das große Tedeum der Freiheit an ihren Altären nach Kräften mitzusingen nicht verschmähten, heute aber schon ihr Kreuzige!" über die Göttliche gerufen haben, und die es dennoch wagen, solche Prediger, die unbeirrt durch den traurigen Wechsel der Zeit ihr Auge fest an den ewigen Stern der Wahrheit und der Freiheit geheftet halten, wie sie's auch, trotz Verdächtigung und Hohn und Kerker vor der Revolution schon thaten, vor ihren Gemeinden als solche zu bezeichnen, die demwechseln­den" Zeitgeiste huldigten!

Merke auf, deutsches Volk! Behalte im Gedächtnisse das merkwürdige Wort ans dem Munde des römischen Freiheitmörders:Die Geistlichkeit und das Militär allein können die Zukunft retten wegen des Gei­stes der Disciplin, der sie beherrscht!"

Deutschland.

Wiesbaden^ 24. Angust. (Nassauischer Landtag. Sitzung vom 24. August.) Die Ver­handlung über die Nothwendigkeit des Austrittes des bankerotten Abgeordneten Krämer, welcher dercon- stitutionellen" Majorität des Landtages angehört, wird auf Antrag des Abgeordneten v. Eck, den Großmann, Leisler und Bertram unterstützen, Wenckenbach und Naht bekämpfen, abermals verschoben, bis es dein Herrn Krämer gefällig sei, aus seinem Urlaub zurück- zukehren, was wohl zu Ende der nächsten Woche der Fall sein werde. ^- Wimpf erstattet Bericht über

Aufzuge zu sehen und zu hören sei, welchen die Studen­ten vor dem Feste zu veranstalten pflegten. Sie zogen nämlich mit allerhand Mummenschanz und Schwank von Ort zu Ort, und wo ein hübsches Mädchen wohnte, dem die bcncivcnswerthe Ehre der Einladung zu Theil werden sollte, erschien der tolle Zug vor dem Hause mit Sang und Klang Dann erheischte es die Sitte, daß sie von der Schönen freundlich iu's Haus geladen und bewirthet wurden. Nachdem die Mädchen auf diese Weise ihren Dank abgestattet, wurde weit.'r geschwärmt und oft erscholl noch des Nachts, auf den Plätzen und in den stillgcwordenen Gassen der jubelnde Gesang der Studenten!

Die Töchter des Direcktors hatten noch keine Meranda mitgemacht. Zufällig waren in der nächsten Stadt mehrere Jahre nach einander nicht genug, oder auch nicht genug unternehmende, Muscnsöhne beisammen ge­wesen, um ein solches Fest zu veranstalten. Johann, der auf alle Weise bemüht war, seine Aufmerksamkeit für Liduska an den Tag zu legen, hatte, nicht ohne vielfache Schwierigkeiten, die nöthige Zahl in der ganzen Gegend zusammengebracht, und, obwohl noch jüngerer Student, wurde ihm von den klebrigen die Anordnung des Ganzen übertragen. Er war nun öfters Tagelang von Lhotta entfernt, das Wäglein seines Vaters durch- kreuyte unermüdlich alle W ge auf vier Meilen in der Runde, aber im Schlosse hielt er alle Vorbereitungen sehr geheim, um die Mädchen desto angehmer zu über­

mehrere Nachforderungen zu landwirthschaftlichen Zwek* ken, Keim über den «»geforderten Zuschuß zu den Lehrerbesoldungen, welcher früher in Erwartung der baldigen Reorganisation des Schulwesens verschoben worden war. Die Anforderungen werden genehmigt. Hierauf wird die zweite Lesung des Forststrasgesetzes vorgenommen. Der Paragraph über die Wcrthbestim- mung wird ansgesetzt, da Seitens der Abgeordneten Schmidt, Naht, Hehner bedeutende Bedenken dagegen erhoben werden. Im klebrigen werden die §§. 1 -8 ohne wesentliche Aenderungen beibehalten. Die Fort­setzung der zweiten Lesung folgt morgen.

-l- Dillenburg. Freue dich, glückliches Nassau, dein Fürst hat, als dieStunde der Freiheit geschlagen, alles, was deine Söhne verlangten, ohne Barrikaden und ohne Blut, freigebig gewährt. Auch jetzt, wo die Reaktion überall üppig wuchert, erndtest du, schönes Vaterländchen, deren Früchte ohne Kampf, ohne Belagerungszustand und ohne Standrecht. Durch An­erkennung des Dreikönigs-Entwurfs haben deine Ver­treter den alten Ruhm nassanischer Abgeordneter (als Ja-Männer) treulich bewährt. Scharfsinnig ist der Plan, wie die erste Märzforderung, Volksbewaffnung, jetzt umgangen werden soll. Bekanntlich hat zur Zeit, als noch die besten Männer für die deutsche Reichs- verfagung schwärmten, die Kammer ein Volkswehrge­setz berathen und die Regierung erlassen, dessen §§. 101 mit 102 so lauten: §. 101das provisorische Edikt vom 11. März 1848 über die Errichtung einer Volkswehr ist aufgehoben"; §. 102die bestehenden Bürgerwehrkorps sind nach den Bestimmungen dieses Ge­setzes ulnzugestalten". Was geschieht nun? Statt Schritte zum Uebergang in die neue Ordnung zu thun, wie doch die Kammer erwartet haben wird, legt die Regierung die Hände in den Schooß *). Wenn sich aber ein Bürgerwehrkorps beifallen läßt, Lebenszeichen von sich zu geben, so wird dieß gnädigst verboten, wegen des angeführten §. 101. Nach der Ansicht und den Hand­lungen der Behörden ist also unsere Bürgerwehr einst­weilen aufgehoben, bis es der Regierung gefällt, sie wieder ins Leben zu rufen. Wenn wir bedenken, daß das alles ohne Belagerungszustand und Standrecht ge­schieht, so müssen wir gewiß anerkennen, daß wir wohl*- feiler als andere Vaterländer mit Ruhe und Ordnung beschenkt werden.

Die Veranlassung zu diesen Bemerkungen gibt mir ein Vorfall, welcher hier gegenwärtig das Tagesgespräch abgibt. Der Kommandant der Bürgerwehr nämlich hat vor einigen Wochen seine Stelle in aller Stille niedergelegt und der Wehrmannschaft davon nur in hiesigem Wochenblatte Nachricht gegeben. Auf Anre­gung des Ausschusses des Vereins zur Wahrung der Volksrechte trat einige Tage nachher die Wehrmann- schaft zusammen und stellte das Verlangen an den äl-

*) Die einzige bekannte Ausnahme bildet die Ernennung des Kreisobersten für Wiesbaden. Anm. d. Eins.

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raschen. Jakob wußte allerdings von dem Plane, ober ihm war ein unverbrüchliches Schweigen auferlegt tvorW, und er hörte mit trauriger Seele die Berichte Johanns an, wenn dieser des Abends von seinen Fahrten nach Hause kam. Er durfte, deS unliebsamen Aufsehens wegen, an dem Zuge nicht Theil nehmen, vom Feste selbst schloß ihn seine Scham und Befangenheit auS.

Johann hatte vergeblich versucht, ihm diese Grillen auszurede», aber Jakob war seit einiger Zeit ein ver­wandelter Mensch. Er, der seine Armuth bisher so scheinbar und ohne alles Leid getragen hatte, schien andern Sinnes, beinahe neidisch, geworden zu sein. Er, der niemals an eine rücksichtsvolle Behandlung Seitens seiner glücklicheren College» gewohnt, aber auch niemals da­rüber empfindlich gewesen, wand und krümmte sich nun, wie eine Raupe unter der Sohle, bei jeder Gelegenheit, wo seine oder im Gegensatz seiner Freunde Verhältnisse und Beziehungen zur Sprache kamen, sein ganzes Wesen hatte etwas Gereiztes und Verzweifelndes, das nach und nach allen auffiel. Johann war guthmüthig genug da­rüber hinwegzugehen und überließ seinen Freund, von eigenen Interessen überhäuft, seiner Laune und seinem Schicksal. Jakob, wenn er nicht im Schlosse war und mit den Mädchen sang und spielte, streifte ein Buch in der Hand, in den Wäldern und Gehegen umher. Die schönen Liebeslieder, deren sich so viele aus früherer Zeit erhalten haben, und die ihm bisher ganz gleichgül- tig_gcbiieben, gewannen Sinn und Bedeutung für ihn.