„ Freiheit und Neckt!"
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Wiesbaden. Sonntag, 19. August
Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. —■ Der durch die Post bezogen mit verhaltmßinaßcgem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung der ° freien geitun^a" ^""ris
Erfolge. — Die JnseratconSgebuhren betragen für die vierspaltige PeUtzrile oder deren Raum 3 Kreuzer. J 3 „»reren Zeitung stets von wirksamem
* Die Blntgerichte in Baden.
Schießet getrost, Unmenschen! Der Tod ist süß die Liebe:
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Nicht um dm Thron, glaubt uns, tauschen wir ein das Schaffot!
Platen.
Wiesbaden, 16. August. Täglich dringen jetzt neue Schreckenskunden aus dem unglücklichen, weil freiheitsstolzen Baden an unser Ohr! Mit Bangen und Zagen öffnen wir die badischen Blätter: denn in jeder Nummer derselben müssen wir befürchten, einer bluthrothen Nachricht zu begegnen, denn in jeder kann uns die trübe Kunde entgegentreten, daß die Sache der deutschen Freiheit wieder einen wackern Kämpfer und warmen, begeisterten Freund eingebüßt hat. Die Edlen, Dortü, Elsenhans, Biedenfeld, Tiedemann, Neff, Heilig, Trützschler, haben sie uns bereits erschlagen; und andre edle Männer werden noch ihr Loos theilen müssen. Sie lechzen nach Blut, und ohne Milde, ohne Verzeihung raffen sie ihre Opfer hin; sie erkennen in den Demokraten keine Menschen an, sondern sehen in ihnen nur elendes Ungeziefer, welches von der Erde weggestampft werden müsse; sie erinnern sich nicht, daß das heilige Völkerrecht verbietet, wehrlose Gefangene hinzuschlachten, und daß nur bei den Caraiben die Sitte herrscht, die Kriegsgefangenen zu erschlagen; sie bedenken nicht, daß sie in den Gefangenen ihre eignen deutschen Brüder umbringen, daß sie, Rasenden gleich, gegen ihr eignes Fleisch und Blut wüthen!
Da habt ihr die Proben der preußischen Civilisation, von welcher die feigen Lobhudler nicht Rüh- mens genug machen können; da habt ihr die Früchte der preußischen christlich-germanischen F r ö in m i g k e i t, welche, die blutbefleckten Hände gen Himmel hebend, mit heuchlerischem Antlitz ausruft: „ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin, wie die andern Sünder!"
Ja, schrecklich ist diese rothe Frömmigkeit anzuschauen, welche unbarmherzig diè Söhne einer Mutter verdammt in majorem dei gloriam (zum größern Ruhme Gottes); welche Psalmen und gottesfürchtige Lieder brüllt, wenn sie die Schlachtopfer zu Grabe geleitet.
Wer hätte je geglaubt, daß man im Norden auf den Ruhm der Brigittenau eifersüchtig werden sonnte? Aber cs ist wahr: die Schrecken der Kirchhöfe zu Rastatt und Mannheim überbieten bereits bei weitem diejenigen der Brigittenau.
Dem Robert Blum ist der edle Volksabgeordnete Adolph Trützschler nachgefolgt, welcher dem erstem an edler Aufopferungsfähigkeit und warmer Begeisterung für des deutscheu Vaterlands Wohl durchaus nicht nachstand; nnd wie die Schriftsteller Jellinek und Becher ihr freies Wort mit dem Tode besiegelt haben, so haben es nunmehr auch Neff und
Else uh ans gethan; und wie sie in Wien den Anführer Messenhauß er vernichteten, so haben sie auch in dem eroberten Baden die wackern Führer im Streite, Biedenfeld, Tiedemann, Dort», Heilig,dem Verderben überliefert.
Als das Volk in Baden gesiegt hatte, übte es keine Rache an seinen Feinden; an den offenkundigsten Verräthern wurde, und zum Theil, wie man vielfach behauptete, zum Nachtheil der Volks - fache selbst, die größte Milde geübt. Die Sieger kennen keine Gnade, und die feige Justiz, welche so oft hinter dem verhallten Donner einer gewonnenen Schlacht, nach Opfern lüstern, nachhinkt, die feige Justiz muß noch ihre Formen he> geben, damit die Hinrichtungen als ganz gesetzliche erscheinen. In der größten „Ordnung" und mit der gewissenhaftesten Gesetzes treue werden die Opfer vernichtet. O über diese feige Leidenschaft, welche vor ihrer Nacktheit selbst errathet, und sich deßhalb mit heuchlerischer Ge- berde in die Gewänder der strafenden Gerechtigkeit hüllt!
Und sie begnügen sich nod nicht damit, den Märtyrern der deutschen Freiheit das Leben bloß zu rauben; sie sind auch noch bemüht, die Ehre dieser heiligen Opfer mit ihren gemeinen Schmähreden zu besudeln; sie sind nicht damit zufrieden, den freiheitS- begeisterten Herzen Stillstand geboten zu haben, sie bewerfen selbst die Gräber, welche den rohesten Nationen ehrwürdig und heilig sind, mit Koth.
Man lese nur, um die Bestätigung des eben Gesagten zu finden, jene feilen Blätter, welche ihre Fahne nach jedem Winde kehren, welche zum Theil selbst minder badischen Bewegung anfangs lieb äugelten, und jetzt Wuth und Rache gegen die Besiegten schnauben, und von „affektirter Fassung", von „kindischem Trotz", von „frivoler Leichtfertigkeit" zu Heu belieben, weil die erschlagenen Männer kühn und unverzagt dem Tode mit gerader Haltung ins Auge geschaut haben.
Ihr armen Wichte freilich, die ihr mit Herz, Mund und Hand jeder Gewalt, sie mag herstammen, woher sie wolle, dient, die ihr geboren und großgezogen seid in erniedrigender Knechtschaft: ihr freilich könnt nicht begreifen, wie ein freier Mann mit Freuden für eine Idee, die Freiheit und Einheit Deutschlands, sein Leben hingeben kann; ihr Armen wißt nicht, daß der freie Mann freudig „den raschen Tod, der von der Mündung des Geschosses blitzt", einem geknechteten, wenn auch noch so lang dauernden Leben vorzieht; ihr habt keine Ahnung davon, daß der Tod für die Freiheit süß wie die Liebe ist.
Dagegen wißt ihr aber wohl, daß noch viele deutsche Männer ebenso bereit sind, für die Freiheit in den Tod zu gehen, wie jene Helden in Baden; daß noch viele Männer in Deutschland das Schaffet der Sklaven- fessel vorziehen, daß einst unzählige Rächer aus dem Gebein der Erschlagnen erstehen werden, und deßhalb zittert euer Herz vor Furcht, während eure
Gesichtszüge Freude über die badischen Blutgericht heucheln. Einst wird man, wenn die verwaisten Söhn und die trauernden Brüder um Rache schreien, euch zurufen: ihr selbst habt es so gewollt!
Denn es steht geschrieben: Was der Mensch säet, das wird er erndten, wer aber Blut und Verderben säet, der wird Blut und Verderben erndten.
^ Die Angriffe gegen den Born-LLn- z tEer'srhcu Antrag.
„?luf grobes Klotz ein grober Keil." (Göthe.)
Die Nass. Allg. Ztg. und das Landtagsblatt, welches mit derselben Hand in Hand geht, werden nicht müde, die giftigsten Angriffe gegen Ven B o r n - U n - zicker'schen Antrag auf Verwilligung einer Vergütung für die Geschwornen zu richten. Sie schreien: „Das Vaterland ist in Gefahr! Dann werden Lumpen gewählt! Lumpen sollen über reiche Leute (oder „Geldsäcke und schauerliche Bourgeois", wie sie der Abgeordnete Heydenreich in seinem „schauerlichen" Verfassungsbericht nennt) zu Gericht sitzen! Ist das erhört! Nein, es ist göttliche Weltoronung, daß die reichen Leute die Lumpen richten und zu Grunde richten! Darum zu den Waffen, zu den Waffen! Born und Unzicker wagen einen Angriff! Das Vaterland ist in Gefahr!"
So hklilt die „Allgemeine"! So heult das Landtagsblatt! So heulen ihr nach alle Heyo's und Heyoinnen der nassauischen Lande!
Schon dieses Geheul muß dem Volke beweisen, daß der Born-Unzick c r'sche Antrag ein gerechter, vernünftiger und für die Volksrechte heilsamer ist.
Er ist so klar, daß ich, wenn ich ihn zu rechtfertigen hätte, statt der ausführlichen Begrüudnung, welche die „Freie Ztg." kürzlich für denselben brachte, cs bei folgenden einfachen Worten bewenden lassen würde:
„Das Gesetz vom 14. April 1849 hat den Zensus für die Geschworenen abgeschafft, es hat alle Staatsbürger für fähig, berechtigt und ver- tofltshtet ?itm CUoM.w-----------""
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pflichtet zum Geschwornenamte erklärt. Also muß man auch allen — hört Ihr es, a11 cit, nicht blos den „Schauerlichen", sondern auch dem Mittelstände und den Aermeren, die Möglichkeit geben, von ihrer Fähigkeit und ihrem Recht Gebrauch zu machen und ihre Verpflichtung zu erfüllen, d. h. man muß ihnen, während sie im Namen des Volkes Recht sprechen, eine Vergütung geben, welche hi »reicht, damit nicht während dieser Zeit sie selbst darben und ihr Weib und ihre Kinder betteln in ü ssen!"
^Das würde Alles sein, was ich zur Rechtfertigung des Antrages sagte, und es wird bei Allen, welches
Die beiden Studenten.
(Aus den „Böhmischen Dörfern" von Uffo Horn.)
(Fortsetzung.)
Lidnska setzte sich, nachdem sie den Korbel in den Schatten der Laube auf den kühlen Sand gestellt, wieder auf ihren Platz, und empfing nun die Huldigungen der beiden Jünglinge, während Milada ausstand und über den Hof weg nach dem Garten zuging, dessen grünangestrichener Staketenzann einen Theil der Hofeinfassung ausmachte. Sie bückte sich zu den Astern, die noch einmal alle Farben des Frühlings und Sommers auf ihren Blättern vereinigten, nnd hob ein paar schöne gefüllte in die Höhe; dann band sie einen schwankenden Rosenstrauch fest und holte eine Gießkanne herbei, um die matten Blumen jetzt, wo die Abendkühle allmählich eintrat, zu erfrischen.
Liduska erfuhr indeß von den beiden Schreibern, daß der Swoboda Hansi, der Jurist von Prag angekommen sei. Der Eine hatte die Britschka in's Dorf fahren sehen.
„Das ist gescheidt!" rief das Mädchen fröhlich aufspringend, „nun wird cs hier lustiger werden! Vaterle! Vaterle! wissen sie schon? der Swoboda Hansi ist heute von Prag gekommen!"
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antwortete der Direktor „„das freut mich
— sag’ cs der Mutter, Lidi! ich werde ihn zum Essen einladen, wenn er morgen zu uns kommt! Er wird Heuer Jus studireu, Herr Gevatter!"
Die beiden Amtsschreiber waren weder von der Freude des Mädchens, noch von der Gastfreundschaft ihres Vaters sonderlich erbaut — ihnen war schon im vorigen Jahre der „patzige Student" ein Dorn im Auge gewesen , und sie sahen sich nun auf viele Wochen hinaus verdunkelt nnd verdrängt von dem Kometen , der heute am Dorfhorizonte aufgegangen war. Als vollends Lidi in's Schloß lief, um ihrer Mutter diese Botschaft mit- zutheileu, empfahlen sich die Verlassenen schwer geärgert, und gingen in das Brauhaus, um dort ihren Zorn und ihren Durst zugleich zu ersäufen.
Der Rentmeister nahm an dem Ankömmling auch einen wohlwollenden Antheil, obgleich er uM) keine hei- rathsfähigen Töchter hatte, aber er gedachte seinen achtjährigen Sohn den kommenden Herbst nadi Prag auf das Gymnasium zu schicken, und hatte schon darauf spekulirt, daß Johann sich des Knaben annchmcn, und ihm einen kostspieligen Informator ersparen werde.
„Der Hansi ist ein recht hübscher, geschalter Mensch," bemerkte er, „und hat immer gute Zeugnisse mitgcbracht!"
„„Der Herr Graf hat schon gesagt, wenn er mit den Prüfungen fertig ist, so will er ihn hier zum Justiziär machen!"" sagte der Direktor, „„da hat er gleich eine Versorgung!""
„Der braucht eS nicht einmal so nothwendig, der
! alte Swoboda ist reich, und kann seinem Sohn schon 1 etwas mitgeben ! sind ja nur die zwei Kinder, der Hansi und der Wenzel!"
„„Ich möchte es recht gerne sehen; der Justiziär hat ein schönes Deputat, und kann auch Wohnung im Schloß haben, stehen ja so alle Zimmer im zweiten Stock leer!""
„Na, Heer Gevatter!" lachte breitmäulig der Rentmeister, „das wär' gleich eine Partie für Fräule Lidi, haben vielleicht schon 'was bemerkt? hahaha!"
„„Es sind ja Beide noch jung—"" aber der Direktor sagte bas in einem Tone, der keineswegs Nnzu- friedenheit über diese scharfsinnige Bemerkung verrieth.
„Ja man muß heut zu Tage zeitlich zuschauen, es ist mit den Mädeln zu sehr schwer, gar wenn sie kein Geld haben — schauen Sic, die Oberamtmannischen in Prorup, fünf Mädeln und noch keine versorgt! Man weiß gar nicht, was man mit den Kindern an fangen soll!"
Der Direktor trank sein Glas aus, und basste einigemal heftig; der Gevatter hatte ihm auö der Seele gesprochen. Er hatte vier Töchter, wovon zwei bereits mannbar, und die Sorge, sie nutcrznbringcn, hatte schon zu häufigen häuslichen Erörterungen Anlaß gegeben. Die Frau Direktorin war noch besorgter als er, sie sagte ihren Töchtern ohne Unterlaß: „Ein Mann braucht nicht hübsch zu sein, wenn er nur zu leben hat; der Teufel ist^noch besser als gar kein Mann!"