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âeiheiL und Neebt!"

Wiesbaden. Samstag, 18, August

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Die Wechselbeziehungen zwischen religiöser und politischer Freiheit.

^ Vom Rhein, 14. August. Bei uns zu Lande wird es mit vielem Beifalle ersehen, und man rühmt es als eine anerkennenswerthe Ergänzung Ihres ge­schätzten Blattes, daß es in neuester Zeit mehr und mehr beginnt, auch die religiöse Seite des Volkslebens oder vielmehr dasjenige schärfer ins Auge zu fassen und vor dem Lichte der Vernunft zu betrachten, in was man dem armen Volke seine Religion verwandelt hat, nämlich das Kirch ent hum, und denjenigen Volks- theil, der, wie einst jener absolute französische König gesprochen hat: létat cest moi! (der Staat, der bin ich!), so heute zu der Christenheit spricht:die Kirche, die sind wir!" und das ist die Geistlichkeit. Wir können nur herzlich- wünschen, daß noch recht viel mehr tüchtige Kräfte, zu denen wir namentlich den kleinen Theil der gebildeten und aufgeklärten Geistlichen selbst zählen, sich dieses Gegenstandes in den freisinnigen und bessern politischen Blättern in unsern Tagen an­nehmen möchten. Einestheils arbeiten ja unsere tüchtige­ren Geistlichen, wie namentlich die der freien Gemeinden im ganzen Vaterlande, selbst daran, die Religion, die bis­her nur als etwas Außer- und Ucberweltliches und neben dem Volksleben Hergehendes betrachtet wurde, wiederum zu einer Sache des Lebens zu machen und auf die Grundsätze der christlichen Religion, als auf eine ewige, unerschütterliche Grundlage, die Grundsätze der Freiheit und des Völkerglücks auszubauen. Andern- theils arbeiten aber auch die Finsterlinge, von denen die Prediger der freien Gemeinden, wie alle Licht­freunde ihrer eignen Kirche», verweltlichte, dem wech­selnden Zeitgeiste in die Arme gestürzte und unwürdige Arbeiter im Weinberge des Hevu" gescholten werde», in unsern Tagen emsiger denn jemals daran, sich ihres ganzen, niemals von ihnen selbst aufgegebenen Ein­flusses auf die Politik wieder zu bemächtigen; und zwar nicht wie jene Freunde des Lichtes, die im Un­bestande alles Irdischen und in den Wechseln und Stürmen der Zeit dem Volke die ewigen und unver­gänglichen Ideen der Freiheit, der Wahrheit und des Rechtes als die Angclsterne seines Thuns und Wollens vorhalten, sondern recht eigentlichverweltlicht", recht eigentlich als Kinder der Welt, mit allen Ränken der Diplomaten und mit allen Künsten des Jcsuitismus, dieser mit dem Mantel der Religion umhängten furcht­baren Politik, nach welcher die zähesten und straffsten Zügel der absoluten Gewalt von den Stufen der Al­täre und von dem Beichtstühle aus gehandhabt werden.

Ich wüßte nicht, wie bei so bewandten Dingen ein gutes politisches Blatt sich der Kirchcufrage ent; schlagen könnte. Es hieße, das Prinzip verleugnen, es hieße mit Fleiß die Augen zudrücken, über der klaffend- ften Wunde, dem kränksten Fleck, an denen unser Volk ^arniederliegt; es hieße, das arme Volk zum Gehen

Die beiden Studenten.

(Aus SeuBöhmischen Dörfern" von Uf$ Horn.)

Was ihn aber am meisten freute, war, daß die Schloßköchin von Wenzel hatte erfahren wollen, ob der künftige Jurist nicht schon eine Geliebte in Prag habe das war offenbar nur auf Liduska's Veranlassung ge­schehen. Solche Zeichen freundlicher Erinnerung waren dem hcimkchrcndcn Johann nur geheime Zeichen einer erwiederten Liebe, die aber nun nicht mehr nöthig haben sollte, sich veilchenhaft zu verbergen, sondern sich frei und üppig entfalten konnte. Er verhehlte auch seine Freude nicht, und machte trotz des aufstcigcnden Weges seinem Herzen durch lebhafte Ausrufungen Luft!

Jakob hörte diesen Frcudcnrufen Johann's mit selt­samer Empfindung zu. Ihn hatte der heiße Hauch einer Liebesleidenschaft in seinem kühlen. zieqelgepflastcrtcn Kämmerlein nicht angeweht, ihm hatte noch kein Mäd- chenauge zugewinkt, keine Lippe Hoffnung verheißen. Seine eigenen Aussichten wurden, so hell und glänzend sie ihm auch erschienen waren, neben denen Johann's bewölkt und gering. Er hatte gut an die Achtung denken, die ihm als einem Diener der Kirche fortan zu Theil werden sollte, an die Einladungen, mit denen die um­liegenden Pfarrer ihren künftigen Ämtobruder beehren würden was war das Alles gegen die schöne lachende

auffordern, während wir die ehernen Fußschellen um seine Füße gewahren; eS hieße, Wasser in ein Sieb, ins Faß der Dauaiden schütten, oder den Stein des Sisyphus wälzen, in Deutschland von Freiheit zu pre­digen und nicht gegen das Pietisten- und Pfaffenthum zu Felde zu ziehen. Nur solche politische Blätter, die es eine Zeitlang wohl gewagt haben, mit der Himmelstochter Freiheit zu liebäugeln, als sie noch die Königin des Tages war und so unverhofft mit dem Beginne eines jungen Jahres, wie das Mädchen aus der Fremde, auch einmal vor Deutschlands er­staunten Blicken ihre bezaubernden Gastrollen spielte; nur jene Blatter, die aber alsbald wieder verstumm- ten und mit ihren Akklamationen, Dakapo's uns Lor- berkrânzen bald wieder innehielten, als das Anfangs, so sanfte Lied des Himmlischen Gastes in einen Sturm­gesang und gewaltig brausenden-Freiheitschor überging, nur sie mögen, weil sie befürchten, der bis zum For­tissimo sich steigernde Hymnus der Freiheit mochte dem Geschmack unsererHäuser" doch nicht so ganz genehm sein und die Abonnements möchten abnehmen, nur sie, die Eintagsfliegen, mögen heutzutage aus der nämli­chen Furcht, aus Furcht vor der Abnahme der Abon­nentenzahl die Religion immer noch als das noli ine tangere (das Rührmichnichtan) betrachten und werden deßhalb mit ihrem erheuchelten Radikalismus, statt kühn das Uebel an der Wurzel anzufassen, zu Schanden werden!

Wir Deutsche sind ein denkendes, ein philosophi­sches, wir sind zugleich ein tief-religiöses Volk. Welch' eine Rolle die Religion in unserm Volksleben spielt, das haben wir ja an der Erscheinung erlebt, daß die erste ureigenthümlich deutsche Bewegung vor den März­tagen, die eine wahrhaft nationale genannt zu werden verdient, auf dein Boden der Kirche vor sich ging; es war damals, als das Wort. >on Laurahütte aus ertönte gegen jenes unwürdige Schauspiel 511 jene großartige und kühne Demonstration gegen den gesunden Menschenverstand, mit der man vor 2000 Jahren vielleicht vor unsre Vorfahren in ihren Ur­wäldern hätten Eintreten können, nicht aber vor das mündige Geschlecht des 19ten Jahrhunderts. Damals Hoff en viele Vaterlandsfreunde, die Erlösung des deut­schen Volkes werde einmal vom Kirchenboden aus vor sich gehen. Was geschehen wäre, wenn die Bewegung, wenn auch nicht im Keime erstickt, doch in ihrer Ent­wicklung durch den Polizeistaat nicht bedeutend gchemint worden wäre wer kann das ermessen? Genug, die Machthaber haben damals erkannt, um waS es sich handle, und welchen mächtigen Hebel man angesetzt hatte, um die Einheit des deutschen Vaterlandes zu erringen, als man das Volk vorerst auf demjenigen Boden zu einigen gedachte, in welchen seine zartesten geistigen Lebenswurzeln sich erstrecken. Schon damals wurde deßhalb das Bündniß zwischen dem königlich- preußischen Pietismus und der römischen Hierarchie , wieder einmal fester geknüpft.

Zukunft, die Johann vor sich aufrollte. Dem armen Jakob war das Priesterseminar der ersehnte Hafen ge­wesen, wo die Noth, der Hunger, die Ungewißheit ein Ende haben mußten; aber nunmehr erschien cs ihm nur als eine Freistatt für seinen Magen, nicht als eine für sein Gemüth. Es ging ihm bei Johann's Reden bitter über die Zunge wer wollte es ihm auch verdenken! Kaum hörte seine Noth auf, so mußte er auch Abschied von aller Freude nehmen! Mit den geistlichen Abzeichen ohne die er fortan nicht mehr erscheinen durfte, konnte er die Orte nicht betreten, wo der Jubel tobt, sich in den wirbelnden Reigen der Jugend nicht mischen! Er war verurtheilt, unter Vetteln und Tabaksschnupfern mit ernster, feierlicher Miene zu sitzen, wie es seinem künftigen Stande sich geziemt, während Johann am Ein­gänge einer tvllfreuvigcn, brausenden Zukunft stand. Johann malte ihm dieselbe immer lebendiger, je näher sie der Heimath kamen Jakob wurde dagegen immer nachdenklicher und trauriger. Was hat der arme Stu­dent für anderen Trost in den Leiden langer kümmerlicher Schuljahre, als den, auf den Ferien irvhlich zu sein? Wofür hat er gedarbt und gebettelt, fremde Stiefel ge­putzt, Kinder abgerichtet und gehütet, wofür 9kvth und fremden Hochmuth geduldig ertragen, als um das stolze Gefühl, zu Hause dann zwei Mbnate lang eine Rolle zu spielen, und bei den Mädchen Hahn im Korbe zn sein!

Was half cs Jakob, wenn ihn die Mütter und Väter

In unfern Tagen haben wir die umgekehrte Ge­schichte. Der erste Schritt zur Freiheit und Einheit aus dem politischen Felde war gethan; aber das Volk war mit dem einen Fuße, der sogleich hätte »achgezo- gen werden muffen, noch fest in die Netze des Pfaffeu- thums verstrickt. Die Pfaffen zogen an, sie zogen aus Leibeskräften und ihr schuldiger Dank, er ist dem Polizeistaate thatsächlich abgestattet! Das Volk ist wie­der herüber. Das Volk liegt wieder gefangen in der alten Zwingburg des Geistes und au deren Thoren halten die Bajonette Schildwacht.

Wer wollte es nun noch leugnen, nach der ober- flächlichsten Vergleichung der Revolution mit jenen Ta­gen der deutschkatholischen oder frei-christlichen Bewe­gung, daß in unserm Deutschland religiöse und poli­tische Befreiung unzertrennlich sind, daß letztere ohne die erstere undenkbar ist?

Zu der That , die bürgerliche Freiheit in ihrer recnsten Gestaltung, die freisinnigste politische Verfas­sung, ja die Republik sie würde unserem philo- sopylsche» Volke eine Oberflächlichkeit und Halbheit bedeuten, ohne gleichzeitige innerliche Geistesbefreiung. Nur die Wahrheit vermag die Deutschen ganz und wahrhaft frei zu machen. Der stolze Britte, mit seiner freiesten unter allen denjenigen Verfassungen, die noch das Königthum dcilden, er bleibt in den Augen des Deutschen dennoch unfrei, weil er ihn in taufenden von angestammten engherzigen Vorurtheilen und geist- fesselnden Sitten befangen und sein Her; zugcschloffen und abgesperrt findet gegen die Leiden und den Hülfe- ruf der Menschheit, so lange sein merkantiler Vortheil aus dem Spiele bleibt. Das französische, in den Be­griff dergroßen Nation" festgerannte Volk mit seiner Marseillaise und seiner Parisienne, ja mit seinen re« publiklanischen Institutionen, es wird dem Deutschen *V$LAC^heit 7ntbehrt,' die nu/ 'mi s dein wohlbe- stellten Ackerfelde einer allumfassenden, grundmäßigen Volksbildung und Aufklärung erblühen kann. Ja der goldene Boden des freiesten Bürgerthums über dem atlantischen Meere, wo so mancher edle deutsche Pa­triot zum ersten Male den ersehnten Cultus der Frei­heit mitbegeht und vor ihren Altären in den Urwäl­dern niederkniet, wird doch nie ein leises Heimweh in seiner Brust ganz ersticken können, nach dem Lande, wo statt von materiellen Interessen und prosaischer Nüchternheit das Volk um so mehr von Ideen ge­trieben wird, je ferner ihm denn Verwirklichung bis­her gelegen. Einem solchen Volke würde eine freie Verfassung ohne innerliche geistige Befreiung eine Halb­heit, eine Aeußerlichkeit bleiben; ja erstere wird sich erst aus letzterer frei und von selbst entwickeln kön­nen, wie die Pflanze aus dem Keime, sie wird sich zu ihr verhalten, wie die Seele zum Vcib. Die deutsche Revolution wird, wie die Seele mit dem Leibe, innigst verbunden sein mit dein Fortschritte der Re­formation. Beide müssen sich gegenseitig durchdrin-

âstimirten" , auf den besten Theil dieser Hoffnungen mußte er, der künftige Theologe, verzichten. Vor der schwarzen Kutte nehmen die Mädchen Reißaus, dagegen zieht sie die alten Weiber mit magnetischer Kraft an! Ihm fielen die frischen, hübschen Gesichter, die Johann jetzt in ihrer Blüthe küssen sonnte, erst zu, wenn sie faltig und zahnlos geworden waren! Die Töchter mußten sich in kinderreiche Mütter, die flotten Tänzerinnen in schwerfällige Betschwestern, die begehrlichen Mädchen in grämliche Sittenrichterinnen verwandelt haben, ehe sie ihn eben so eifrig aufzusuchen kamen, wie sie ihm jetzt ans dem Wege gingen! Es gehört viel Liebe zu seinem Stande, oder viel, sehr viel Hunger dazu, vor solcher Resignation, wie die Kirchenregel sie gebietet, nicht zu- rückzuschrecken. Für eine verlorene, in asz.tischer Strenge vermarterte, Jugend ist selbst der Triumph nur ein kärg­licher Ersatz, schon als Jüngling Den Leuten, die ihn Gänse anstreiben und Schafe hüten gesehen, im cbt$ furchtgebietenden Roguelaure des Priesters zu erscheinen, und ihre Huldigungen culgegenzunchmen!

Mittlerweile war der Berg erstiegen, und sie sahen Johann's heimisches Dorf in nicht gar großer Ent­fernung vor sich. Das herrschaftliche Schloß, die Wvhiiug Liduska's, stieg aus einem Walde von Oosibâume» mit seinem Hellen rothen Ziegeloaclw und seinem llhrthürm- chen empor, und eine lange Pappelallcc, die hoch und stolz sich durch die niedern, weil von Früchten gebogenen , Obstbäume zog, bezeichnete unliebsam symbolisch die