JK? 103
„Freiheit und Recht!"
Wiesbaden. Mittwoch, 15. August
1849.
_. . erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. — Der Abonnementsprris beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 si. 45 fr., auswärts
®t mit verhältnismäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung stets von wirksamem
durch die '^j^ri^ betragen für die vierspalttge Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.
's* Die Korruption in Deutschland.
den besten Gebrauch. Ueberall, wo es nöthig ist, herrscht das Standrecht. Die geheime Angeberei, die Verhöhnung alles Rechts, die Aburtheiluug vor militärischen Schnurrbärten, die Unterdrückung jeder politischen Regung, d. h. mit andern Worten die Entziehung der zum Einathmen nöthigen Luft, die Vernichtung alles Kredits, d. h. des bürgerlichen Glaubens, die Stockung des Erwerbs und die hervorgeheuve Verleitung zum Diebstahl, zum Betrug, zur Prostitution, die Vernichtung jedweden Glaubens an die höher» sittlichen Mächte: das sind die Begleiter des Staud- rechtsabsolutismus. Die KoustiiutioneÜen haben das Volk demselben überantwortet, sie waren nicht zufrie- den mit der von ihnen selber angerichteten Korruption, sie wollten auch diese Frucht dem Volke noch 511 ich wecken geben. Ein Kaufmann, der seine erbärmlichen Waaren für gute anpreist, um selbst den doppelten Profit in die Tasche zu stecken: das ist der Koustitu- tioualismus. Von der Demokratie überholt, weiß er sich nicht anders zu helfen, als durch Lug und Betrug. Er wäre im Stande, auch auf seine Fahne die Worte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu schreiben, wenn er dafür nur die Genugthuung hätte, nach seiner Weise, d. h. nach der Weise eines betrügerischen Kaufmanns, zu regieren. Er spricht von allen möglichen Freiheiten, von Volkswohl, von blühenden Finanzen, von Sicherheit des Verkehrs u. drgl., aber . unter dem Volke versteht er die Bourgeoisie. Er drückt dir den Pfennig in die Rechte, um den Kreuzer aus der Linken zu nehmen. Welch Urtheile hat das Volk nicht über die Konstitutionellen gefällt! Für überzeu- gungstreu hält cs keinen Einzigen, es glaubt von ihnen Allen, daß sie, durch materielle Vortheile bewogen, seine Fahne verlassen. Jedenfalls ist die Parthei im (Wnnjrn damit gut charakteoislot: bi-? jpvofihvüUyißv, ihrer Selbstsucht Alles aufopfernde Bourgeoisie. Ist ein Bassermann im Stande, dem Volke einen Begriff von Ehrenhaftigkeit und von Manneswürde zu geben? Ein Welcker und Mösle, von Standhaftigkeit und redlicher Begeisterung? Das Volk hat sich eine Zeitlang den Kopf zerbrochen an diesen Kreaturen, und erst die wiederholten Angriffe der demokratischen Presse haben es vermocht, dieselben richtig zu beurtheilen. Wer aber solchen Führern folgt, der wird sicherlich durch deren Grundsätze angest.ckt. Die Parthei im Ganzen und Großen gleicht ihren Führern; sie ist verderbt, ohne Ueberzcuguugstreue, ohne Muth, ohne Begeisterung, voll von stinkender Selbstsucht und Heuchelei, wenn ihre Führer ebenso sind. Am erbärmlichsten zeigen sich die Konstitutionellen in Zeiten der Gefahr: als vor 8 Wochen das Volk aufgeregt und kampfcut- schlossen war, da jubelten sie Alle mit für die Rcichs- verfaffuug; als die Zeit kam, das kämpfende Volk zu verrathen, da verriethen sie es, und krochen dann selber hündischwedelnd zu den Füßen der Sieger. Wahrhaftig, es wird nöthig sein, ihr Grab zu beräuchern mit Moschus und Ambra! So sind die Eoustitu-
Die Korruption des Volkes durch den Absolutismus war nicht einer der geringsten Gründe, die man gegen den Absolutismus anführte. Man dachte dabei vorzugsweise au die von den Höfen ausgehende systematische Verderbniß, die Lockerung der Sitte, und au die Eutwürdiguug der Meuscheunatur durch die Willkühr, die den freien Willen Aller zum Sklaven eines Einzigen machte. Seit der Revolution hat aber der Absolutismus nicht nur eine Gestalt, die, müßte lange die Menschheit unter ihm seufzen, das ganze Volk der gründlichsten Korruption entgegeuführeu würde, sondern es hat auch ein Genosse sich zu ihm gesellt, der nicht minder, wo er erscheint, die Korruption im Gefolge hat, wir meinen dcuKoustitutionalismus. Schon vor der Revolution hat Gust. Struve in seinem „Zuschauer" darauf aufmerksam gemacht, daß der süddeutsche Koustitutiousuufug keinen andern Zweck habe, als die Maßregeln der Regierung mit dem Schein der Volksguust zu umstehen, dem Absolutismus ein volks- thümliches Gewand umzumänteln, die Form der konstitutionellen Monarchie zu .wahren, in Wirklichkeit aber die Willkürmonarchie beizubehaltcn, kurz dem Volke Sand in die Augen zu streuen. Diese Täuschung hat ihre Früchte getragen: das Volk hat seine ganze Revolution, seine Macht und Gewalt den Kon
stitutionellen übertragen; es hatte den Schein für das Wesen genommen. Aber die Revolution war auch nöthig, um Jedermann diese Wahrheit schlagend zu beweisen, um die absolute, wie die konstitutionelle Monarchie in ihrem wahren Gewände, in ihren wirklichen Folgen darzustellcu. Wir können uns dafür bei der Revolution bedanken. Der polizeilich - bürokratische Absolutismus herrschte bis zum März des vorigen Jahres; die konstitutionelle Monarchie „mit breitester Grundlage" Pflanzte sich eine Zeitlang an dessen Stelle, um bald wieder einer andern Art von Absolutismus Platz zu machen, den das Volk bisher noch gar nicht gekannt hatte, dem Standrechtsabsolutismus. Die Könige haben gezeigt, wie sie Versprechen geben und nicht halten, wie sie die Freiheit im Munde führen, während die Willkür ihre Herzen kitzelt, wie sie heute ihre Soldaten zum Kampfe gegen einen Feind schicken, mit dessen Töchtern sie morgen liebäugeln, mit dem selber sic morgen in geheimem Einverständnisse stehen; sie haben gezeigt, wie sie zufrieden sind, wenn sie ihre jährliche Einkünfte verzehren können, während sie dem hungernden Volke Linderung seiner Leiden versprechen; sic haben endlich gezeigt, wie sie nichts sind, als die Vasallen des russischen Knäsim, von denen sie ihre geheimen Instruktionen erhalten, während sie öffentlich von der Ehre und Selbstständigkeit der Nation prahlen. Das Volk hat seinen Glauben an die Könige verloren; sie können nicht mehr anders regieren, als durch Bajonette. ,Von diesen machen sie denn auch |
tionellen. Sie haben das Volk gefüttert mit Phrasen und Heucheleien, und als es davon satt war, und Thaten und wirkliche Verbesserung seiner Lage verlangte, da trieben sie es den standrechtlichen Bajonetten in die Arme. Dieser Zustand muß eine unsägliche Korruption zur Folge haben: ein Friedrich-Wilhelm IV. verspricht den Herzogthümern Schleswig und Holstein Selbständigkeit und politische Vereinigung — und überliefert sie jetzt ihrem Todfeinde; einZKagern vertun« I det vor einem Jahre pomphaft die Volkssouverä- nität — und ist jetzt froh, wen er nur einen gnädigen Blick des Königs von Preußen erhäscht. Die beständigen Oktroyirungen rotten den letzten Rest von Rechtsgefühl im Volke aus, und lehren es nur noch glauben an die pure Gewalt. Der Glaube an die Macht der Wahrheit und Freiheit schwindet mehr und mehr, je schneller und riesenhafter die Fortschritte der Willkühr sind; das Nationalgefühl wird unbedeutender von Tag zu Tag, je mächtigere Stöße die Nationalehre erleidet; der Egoismus tritt wieder auf in der ekelhaftesten Manier, und pflanzt sich an die Stelle des Gemeininteresses; die Sucht, das bischen Leben zu genießen, ist die natürliche Folge, je entfernter die gehoffte bessere Zukunft erscheint. Was ein Louis Philipp in der geringen Zeit von 18 Jahren vermochte: wir haben es an Frankreich gesehen. Vernichtung der Korruption, der Bestechung! Das war
I das Fewgeschrei, unter dem er gestürzt wurde. Es I schaudert uns, wenn wir bebcnfcn, welche Korruption uns bevorsteht, wenn günstige Umstände der jetzigen Wirthschaft eine außergewöhnliche Dauer verleihen. — Unter diesen Verhältnissen hat die Presse einen heiligen und ernsten Beruf: sie muß unverrückt das große Ideal der Einheit und Freiheit des Vaterlandes vor Augen Inquilin, wwö «ud; die rohr ©tivuU mner Mnhcll UNv Freiheit verstehen möge, sie muß die öffentliche Moral wahren, die Selbstsucht bekämpfen, die öffentliche Meinung nicht untergeben lassen. Dann kömmt auch einst die Zeit, wo sie des Volkes Lohn dafür empfangen wird. —
«rung an
N a s s a 11 i f cb c r Landtag.
Sitzung vom 14. August.
* Wiesbaden, 14.1 August. Auf der Negierungsbank sind anwesend Wintzingerode, Werren, Händel. Das Präsidium führen theils Wirth, theils Gergens. Nau fragt bei der Regierung an, ob noch in diesem Jahre das von der betreffenden Commission vereinbarte Schulorganisationsgesetz bei der Ständevel sammlung zur Berathung kommen werbe. Er frage insbesondere deshalb an, weil bei.einer frühern Gelegenheit die Kammer sich dahin erklärt habe, die an einzelne Lehrer auszntheilcnden Gratifikationen erst bei Gelegenheit der Berathung des Gesetzes über die Schulorganisation zur Sprache zu bringen.
Erinnerung an die Linke der deutschen National - Versammlung.
Sprüche aus einem von der „Westd. Ztg." mitgetheilten Album.
Anarchie ist das Gespenst, womit man die politischen Kinder heut zu Tage zu Bette jagt.
Frankfurt, 6 Dezember 1848.
Titus M areck aus Gratz in Steiermark.
Ohne Freiheit keine Einheit.
Frankfurt a. M., 24. November 1848.
G rubcrt aus Breslau.
Untergehend werden wir ein ehrenvolles Grab finden in den Herzen des deutschen Volkes.
Wilhelm Zimmermann aus Stuttgart.
Malo libertaiem pcriculosam quam servitutem securam.
E a r l M euer aus Liegniy.
Vor A lem die Freiheit; alles Andere wird sich finden.
Peter aus Konstanz.
Wann endlich wir im offnen Kampfe stehn,
Im offnen Kampfe gegen all das Schlechte, Das Jabre lang Cie Seele uns empört — Dann ist der Kampf Genuß und höchstes Ginck, Und diese Stürme sind die beste Zeit. Frankfurt, 24 Novemberr.
Juli n s F r ö b e L
Durch Kampf zum Siege.
Frankfurt, 24. November 1848.
Z i m m er m a n n aus Spandau.
I Ein unbenutzter Sieg ist nicht viel besser als eine Niederlage.
Frankfurt, 9. Januar 1849.
I u n g h a u n s aus Mosbach.
Blutzeuge dieser Wahrheit ist das unglückliche Wien.
Frankfurt, 9. Januar 1846.
G r ü tzncr.
Noch ist kein Fürst so hoch gefürstet, Daß er die Freiheit schenken kann. —
Frankfurt, 11. Dezember 1848.
Ad. Kolaczck, Abg. von Schlcsisch-Ostrau.
„Freiheit, Freiheit über Alles,"
„Ueber Alles in der Welt!"
Tönt's von recht und linker Seite,
Von ter Donau bis zum Belt;
Doch sic thront so hoch erhaben,
Daß sie Keiner recht erkennt,
Und so werden wir nicht haben
Sie durchs — deutsche Parlament!
Wilhelm L c vy so h n, Abg. für Grünberg in Schlesien.
O ihr Thoren , die ihr wähnt die ausgerstreute Saal erstickt zu haben, wenn ihr den Saemann weggenommen habt!
Frankfurt, 24. November 1848.
L o u i S H cn tg es aus Heilbronn.
Freiheit, Freiheit über Alles, Ueber Alles in der Welt!!
Frankfurt, 24 November 1848.
R e i u h a r V aus Mecklenburg.
Sorget für die Zukunft! durch eine tüchtige
Volksbildung, damit überall in ganz Deutschland B ü r- g c r t u g e n d gefunden werde!
Frankfurt, 24. November 1818.
F. A. Roß maßte r aus Tharaud in Sachsen.
Die Republik komme sobald als möglich! Wilhelm Adolph v. Trützschler ans Dresden.
„Und sie bewegt sich doch."
4‘Wn ß|lr» Schlesici'.
Wic der Derr, Wie das 2h: f,
so der Diener; , so der Führer. Frankfurt 24. Novemb r 1818.
K. Nan werk ans Berlin.
Seid einig! und ihr fiiD stark!
Frankfurt 24. November 1818.
F ehre n b a ch ans Säckiugen, Großherzothnm Baden. Beharrlichkeit führn zum Ziel.
O. Spay ans Frankenthal, Rheinbaiern.
sSchluß folgt.)