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JK 190.

âeiheit und keeht!"

Wiesbaden. Samstag, 11. August

1849.

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Zur Geschichte der nassauischen Ver- sassungsfrage.

^ Wiesbaden, 10. August. So wäre denn durch die gestrige Sitzung ins Klare gekommen, daß man von Seiten der Majorität keineVerfassung will. Die von der Kammerrechten gegen die Mög­lichkeit derselben angeführten Gründe wurden von mehreren Mitgliedern der Linken schlagend widerlegt, es wurde von diesen dargethan, daß die sofortige In­angriffnahme der Verfassung nicht sowohl möglich, sondern auch u o t h w e n d i g sei, allein trotz alledem wurde der Schmidt'sche Antrag mit der bekannten Majorität von 21 Stimmen (Herr Krämer fehlte) angenommen, d. h. die Verfassung bleibt ausgesetzt bis zur Vollendung des deutschen Einigungswerks, das hoffentlich nach gewisser Herrn Wunsch noch recht lange auf sich warten läßt, und um dem hungernden Volk einen, wenn auch etwas alten harten Brocken hin­zuwerfen, sammelt man die einzelnen bei uns zu Recht bestehenden Staatsrechtstheile (codisicirt sie) und bittet alsdann den Herzog, daß er diesem Werke doch gnä­digst auf einige Zeit die Genehmigung ertheilen möge. Da nun das Publikum nicht weiß, wie man zu die­sem Beschlusse gekommen, wird es nöthig sein, auf die Vorkommnisse einiger Wochen zurückzugehen, wodurch man sich ein ziemlich klares Bild entwerfen kann, selbst wenn man in aUenfaUsige Couliffengeheimuisse nicht eingeweiht ist. Bei Gelegenheit der Steuerbewil- ligung hatte nämlich der Herr Minister geäußert, daß er nach der Vollendung der Centralorganisation in die sofortige Berathung der Verfassung eingehen werde, wodurch er sich das Vertrauen des Herrn Schmidt so sehr erworben, daß dieser mit seinen Freunden ohne Weiteres alle »»geforderten Steuern bewilligte. Nachdem dieses Ziel erreicht war, än- ßerte man von Seiten des Ministeriums, daß man eine Verfassung eigentlich gar nicht für nothwendig erachte, da das Staatsrecht des Herzogthums so be­friedigend sei, daß es nur einer Zusammenstellung (Codifikation) bedürfe, welche denn auch alsbald in der Nass. Allg. Ztg. erschien zur Instruktion für Un­kundige. AIS nun die Verfassung endlich in Angriff genommen werden sollte, und die Abgeordnetendeßhalb zu einer allgemeinen Ausschußsitzung eingeladen waren, er­schien am verflossenen Freitag der Minister nicht, sondern ließ sagen, er habe keine Zeit, man solle nach Hause gehen, und nächsten Montag wiederkommen, gegen welche unerhörte Behandlung sich auch mehrere Kammermitglieder verwahrten. Als man zur bestimm­ten Stunde wieder erschien, wurde ein langes Mini- sterialschreiben (siehe No. 188 der Freien Zeitung) vor­gelesen, dessen kurzer Inhalt der war, man wolle sich zwar dem Verfaffungswerke nicht widersetzen, werde dasselbe jedoch nicht publiziren. Nach den Vor­schriften, die sonst das Ehrgefühl eingibt, hätte der

konsequente" Schmidt über eine solche Erklärung am meisten indignirt sein müssen, da ja er seiner Ver­sicherung gemäß nur durch das frühere ministerielle Versprechen zur Steuerbewilligung bewogen worden war, statt dessen rückte er aber mit seinem Antrag heraus, d. h. mit dem, was vom Minister mehrere Tage vorher als deyen Meinung ausgesprochen wor­den war. Diesem Antrag gegenüber zögerte der Minister ein bischen, da er nicht so ohne Weiteres auf die Codifikation eingehen könne, so daß dem ge­treuen Heydenreich Gelegenheit gegeben wurde, einmal zu aller Erstaunen sehr energisch dem Herrn Minister zu bemerken, daß ein solches Schwan­ken nicht der Weg zur Erwerbung des Volksvertrauens sei, und selbst Schmidt meinte, sein gewiß schwer zu erschütterndes Vertrauen fange an zu wanken. In der gestrigen öffentlichen Sitzung erklärte sich nun das Ministerium mit der Codifikation einverstan­den; die Herrn Heydenreich und Schmidt haben die Ehre, einmal gegen das Ministerium ausgetreten zu sein, und ihm die Codifikation abgerungen zu haben, wie es sicherlich mit vielem Pomp in demLanvtags- blatt" ausposaunt wird, der Wille des Ministeriums ist dennoch durchgegangen, und das Volk bekommt keine Verfassung. So werden im Nassauischen Kammerbeschlüsse gemacht!

SM. Die Reaktion auf dem Gebiete der Schule.

1.

Von allen früheren Revolutionen zeichnet sich die des Jahres 1848 besonders dadurch aus, daß sie die Volksbildung in den Vordergrund stellte, also die Evo­lution möglich machen wollte; aber sie zeichnet sich auch dadurch aus, daß sie am vollständigsten vernichtet wurde, eben, weil sie die Art dem Baume an die Wurzel legen, das Volk jur Sittlichkeit und Freiheit erziehen wollte; denn die Thorheiten und Sünden des Volkes sind für die Bevorrechteten eine stets mel­kende Kuh.

Die Zionswächter von Berlin und Halle haben den frommen König überzeugt, daß alles Unheil, daß die Aufklärung des Volkes von der Schule komme, denn von dem Rheine bis Berlin haben die Schul­meister zu dem Volke gestanden und il;m von seinen Rechten geredet. Und der König sprach sein Mißfal­len gegen die Schule und ihre Lehrer aus, und die Zionswächter riefen voll heiliger Wuth:Kreuziget sie!" Und an diesem Tage wurden Berlin und die Ultramontanen Freunde, während sie vorher in Feind­schaft gelebt. Denn auch im Piusverein hatte man offen erklärt, die jetzige Schule müsse radikal zernichtet werden, sonst würden die schönen Zeiten des Mittel- alters, wo man Heren und Ketzer verbannte und die Priester die Gespenster bannten, nie wiederkehren, und

nimmer werde es sonst glücken, die alte Ruhe und Ordnung, die Leibeigenschaft des Volkes wieder einzuführen. Und auch in Nassau stimmten die Ulträmontauen für den Anschluß an Preußen, und se l b st d i e P i u s v e re i n l e r, so u st die .Janitscharen des Hauses Habsburg, sprachen laut von der Frömmigkeit Ber­lins. Und statt der Reorganisation der Schule hörte man mit Frohlocken die Kunde verbreiten, daß alle den Priestern mißliebige Lehrer würden des Dienstes entsetzt. Schon bezeichnete man viele dein Verderben Geweihte, weil sie sich ausgezeichnet durch Muth und freie Gesinnung. Aber noch immer vertrauten die Lehrer dem guten Geiste der Regierung und hofften auf die Reformen, welche die Schulkommission beschlos­sen. Plötzlich verbreitete sich von Idstein aus die Kunde, daß die Commission die Knechtschaft der Schule beschlossen und man forderte auf zu Petitionen gegen die Beschlüsse der Commission. Aber noch finden die Gerüchte von Idstein nicht Glauben, denn die Lehrer sind langsamen Glaubens, wenn sich Gerüchte von dorther verbreiten. Wie man vor der Wahl der Com­mission durch alle möglichen Mittel versuchte, die Wahl abzulenken von den Männern, welche das Vertrauen der Lehrer besaßen, so sucht man auch jetzt die beiden Mitglieder der Commission aus dem Lehrervorstande zu verdächtigen, und die Verdächtigung findet den­selben Glauben, wie ehemals. Die beiden Gewählten des Lehrerstandes sollen die Vorbereitung zum Lehrer- stande erschwert, die Bildungsansprüche an die Lehrer übermäßig hoch gestellt haben. Doch das finden die Lehrer ganz in der Ordnung. Die andere Klage aber, um derentwillen petitionirt werden soll, wird nicht geglaubt, nämlich die Commission solle auf Antrag Ruhl's beschlossen haben, die Lehrer unter die Auf­sicht des Bürgermeisters zu stellen.

Lehrer, welche während der Sitzungszeit der Com­mission in Wiesbaden gewesen, haben indessen die An­sichten der Commission über diesen Gegenstand vernom­men - und sie finden überall Beifall. Da die Sache allgemeines Interesse hat und bezeichnend für die Parteien ist, so theilen wir sie mit, wie wir fr ver­nommen, damit das Volk urtheile, wer seine Rechte achtet.

Die beiden Vertreter des Volksschulwesens wollten die Schule so organisirt wissen, daß das Innere der Schule der Aufsicht pädagogischer Behörden anvertraut sei; die Rechte und Ansprüche der Gemeinde an die Schule aber durch den Gemeinderath ausgeübt würden. Hierher rechneten sie vor Allem die Betheiligung der Gemeinde bei der Anstellung der Lehrer. Von einer gewissen Seite her aber wollte man die Rechte der Gemeinde, sowie die Rechte der Schule den Geistlichen preisgeben, und nun sollen die Lehrer an unsere Kammer, wie ehemals ans Parlament, pe- titioniren, um Belassung in der Knechtschaft. Doch wie damals weder Drohung noch Versprechen

H. Wahrheit.

Stillstand gibt eS nicht in dem Weltenganzen,

. Ewig rastlos loUct der Welten Unzahl, Ewig jung und kühn nach Vollendung ringend Zeigt sich die Menschheit.

Majestätisch wandelt das Recht die Laufbahn, Rings Vernichtung theilend und Fluch dem Frevel, Hub der Freiheit siegender Blick zertrümmert Endlich- die Knechtschaft.

Thoren, unklug wähnt ihr der Völker Schicksal

Spännen eurer Launen geheime Fäden,

Hub Europa's junge Bewegung folgte

Eueren Winken;

Streun des Weihrauchs würzigen Dust werd' euch noch

Ferner bittend Volk an geweihten Stufen Tiefgebeugt, und frevelnder Thaten Selbsucht Feiern im Jubel?

Unaufhaltsam naht der Vergeltung Stunde,' Schleichet stumm heran ein Gespenst im Nachtwind, Vor ihm banges Graun und ihm folgt am Fuße Tod und Vernichtung.

Glaubt, zum Spielzeug macht ihr das Ew'ge niemals,

Das, ein Gott, erwacht in der Völker Herzen, Hehr und groß hinwandelud die Feier rüstet

Seines Triumphes.

A Was bedeutet eigentlich Demokratie und was ist ihr Zweck 1

Eine Auflösung für den Land- und Gewerbsmann.

(Fortsetzung.)

Unser Leben wird hauptsächlich durch zwei Wörter welche wie ein Gift im gesellschaftlichen Lehen wuchern, verbittert: sic heißenAnstand und Schicklichkeit." Sie beherrschen unser Thun und Lassen, unser Mittag- und Aberdbrod. Sie erzengen aber auch sehr häufig den anständigen Müßiggang" und dieschickliche" Trägheit, sic drücken überhaupt unserm ganzen äußeren Erscheinen ein Gepräge auf, das nichts weniger als Merkmale der Solidität an sich trägt. Kurzder Anstand und die Schicklichkeit" hat die gröbsten Lücken in das gesellschaft­liche Leben gebracht,' einen sehr die öffentliche Moral zerstörenden Einstuß geübt. Die Demokratie siebte den lebendigen Grundsatz aufzustcllcn:Arbeit und ehrlicher Erwerb schändet nicht" , konnte ihn aber demAnstand" gegenüber nicht durchgängig zur Geltung bringen. Weiß man doch / daß diese unglückliche Vorstellung vomAn­stand" , den Armen, der durch Unglücksfälle u. s. w.

znrückgckommen ist, zum Selbstmord treibt? Gegen diesen Aberglauben vermag der Einzelne nichts, nur ein freier Staat, nur eine Demokratie, vermag solche bei ver­nünftigen Menschen, schon längs verjährte Vorurtheile zu vernichten, sie sticht die Quellen, die den allgemeinen Wohlstand verhindern auf, um sie so schnell als mvg- hd) zu verstopfen. Das Hauptübel liegt in dem un­geheuren Reichthum , den Wenige, der ungeheuren Ar­muth gegenüber, besitzen miD liegt ferner in der Ueber- völkernng. Doch ist das letzte das geringste Uebel, es ist streng genommen, naturgemäß, gar nicht möglich, doch ist dieses hier jetzt nicht zu untersuchen. Die sittlichen Uebel gehen aus dem erstgenannten Hauptübel des (Reichtlmm-Mißbrauchs,,) hervor und sie vergiften die Anmuth der Familien, wie auch den Staat, deß­wegen redet die Demokratie nicht von Uebervölkcrnng wegen der Besorgnis; einer eigentlichen Hungersnoth, (davon sind wir weit entfernt) sondern sie beklagt die über­hand nehmende Armuth (nnb das Urbcrhan^- uehmcn derselben, nennen die Monarchisten (Übervölkerung) wegender Zunahme der Unsittlichkeit: denn die Geister gehen unter, wenn die Leiber kümmerlich er­halten werden. Wenn man Euch also Mitbürger glauben machen will, der Wohlstand des Staates nehme zu, weil sich diese oder jene Provinz um so und soviel vermehrt oder die Kopfsteuer zugenommen habe, |o sagt: das sei unmöglich und ein Unding, und die Zunahme der Bevölkerung sei weiter kein Beweis, als wie das