„Freiheit und Neeht!"
â^8A» Wiesbaden. Sonntag, 3. August
Die „Hreie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montaqs täalick in ^ ~ "^85555^ 18419»
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XYZ. Ueber Revolutionen überhaupt.^
8. 1.
Unser Zeitalter ist von Freunden und Feinden nicht selten das Zeitalter der Revolutionen, auch wohl das .revolutionäre Zeitalter genannt worden. Der letzte Ausdruck scheint bei denen gewöhnlich zu werden, welche das Alte lieben. Es ist leicht möglich, daß diese Bezeichnungen auf die Nachwelt kommen. Um so mehr erfordert daher dieser Ausdruck nähere Untersuchung. Sehen wir auf die erste Bezeichnung, so fragt sich: was isteine Revolution ? Eine Revolution tm politischen Leben ist eine gewaltsame Veränderung bestehender Grund-Verhältnisse im Staat, welche deßhalb für Recht gelten, weil sie bestehen. Die Revolution steht der Reformation entgegen; denn diese sucht auf friedlichem Wege Umänderungen zu erreichen. Ist diese Ansicht wahr, so drängen sich folgende Bemerkungen auf:
1) Jede Revolution hat etwas, was an und für sich gegen die natürliche Bestimmung des Menschen ist, das Gewaltsame. Insofern ist jede etwas Unglückseliges.
2) Eine Revolution ist nur dadurch möglich, daß die Mitglieder des Staates sich in Parteien auflösen; daß ein Theil das bestehende Verhältniß vertheidigt, welches der andere um ändern will. Wenn es aber zu einer Revolution kommt, so folgt nicht, daß derTheil, welcherdieUmänderung will, gerade der sündhafte sei; denn es kommt ja darauf an, wie das Bestehende ist, ob gut oder schlecht. Setzen wir z. B. daß die bestehenden Verhältnisse nichts taugen und sie taugen nichts, wenn sie sittlich freies Leben unmöglich machen, so ist klar, daß es keine Partei geben sollte für die Vertheidigung der bestehenden Verhältnisse, daß diese die Sünder sind.
3) Aus diesen Bemerkungen folgt unmittelbar, daß nicht jede Revolution, wenn sie Statt gefunden hat, in sittlicher Rücksicht zu verwerfen sei; denn die Gewaltsamkeit geht vorüber und kann sich ausgleichen durch die folgende Tage; das aber, was gewonnen wird, kann viel besser sein, als es zuvor war. Um also eine Revolution richtig zu würdigen, muß man den gesellschaftlichen Zustand vor- und nachher vergleichen. Ja man wird zugeben müssen, daß es Umstände geben kaun, in welchen die edelsten Menschen selbst einen gewaltsamen Umsturz der Dinge für eine sittliche Nothj- Wendigkeit halten.
4) Wenn man nun bedenkt, daß in einem Staate das bisher bestandene Verhältniß die Macht für sich hat, daß der ganze Organismus des Staates auf das bestehende Recht sich bezieht, so scheint eine Revolution nur gelingen zu können, wenn die Mehr
heit im Staate gegen das bestehende Verhältniß gestimmt ist unb die Macht des Geistes und die Kraft bei diesen überlegen ist. Dem Uebergewicht an Geist und Kraft sollte doch wohl die geringere Zahl nachgeben, mithin mochte man schließen, daß die Schuld der meisten Revolutionen an denen liegt, welche die Gewalt haben; mit andern Worten: Revolutionen können nur eintreten, wenn Reformen versäumt oder muthwillig verworfen werden.
5) Endlich mag noch bemerkt werden, daß Revolutionen auch von denen bewirkt werden können, welche die Macht haben; denn, wenn ein guter Zustand wäre, so ist es ja denkbar, daß die Verwalter des Staates das Gesetz übertreten und die Willkür auf die Probe setzen. Hieraus geht hervor, daß unser Zeitalter, indem es den Namen Zeit der Revolutionen verdient, viel Unglückseliges in seinem Schooße getragen haben muß. Es geht aber auch daraus hervor, daß man nicht ohne reifliche Untersuchung sagen sollte, wen der Tadel treffe, ob die, welche die Revolution gemacht, oder die, welche das Bestehende vertheidigt haben.
8. 2.
Aber man hat unsere Zeit nicht bloß die Zeit der Revolutionen, sondern auch das revolutionäre Zeitalter genannt. Es fragt sich zuvörderst: was heißt revolutionär fein V Nach dem Sprachgebrauch heißt es: gerichtet auf Revolutionen. Mit dem Ausdruck Zeitalter bezeichnen wir aber entweder die große Men- schenmasse, die in einem Zeitalter lebt, oder die Ersten und Besten in der Zeit. Der Ausdruck Zeitgeist endlich bezeichnet oder sollte bezeichnen das Bedürfniß der Menschen, die in einer Zeit leben, oder das Bedürfniß der Menschheit in diesen Men schär. Gesetzt nun, die Bezeichnung revolutionäres Zeitalter, revolutionärer Zeitgeist, wäre richtig, was würde er nach dieser Erklärung sagen? Offenbar, daß die ersten uns v.z sten Männer unsererZeit nach de in U msturze der Verhältnisse gestrebt hätten, und da das wahr ist, so muß unser Zeitalter in sich selber schwer krank sein. Die ersten Männer der Zeit, ein Zeitalter scheint nur dann revolutionär sein zu können, wenn ein greller Widerspruch im Leben stattfindet, ein Widerspruch zwischen Geist und Form, zwischen der innern Welt des Bedürfnisses und der äußern Welt der Befriedigung. Einzelne Menschen mögen allerdings etwas Unsinniges wollen, ein ganzes Zeitalter aber nicht. Hieraus ergibt sich: Wenn eine Revolution Statt gefunden hat, so ist es die höchste Thorheit zn- rückzustreben zum Alten; de»n mit derWie- derherstellung des Alten würde ja auch der I alteWlderspruch wieder hergestellt werden.
/ Wiesbaden, 3. Aug. Seit einigen Tagen bringt uns das Regierungsblatt eine Zusammenstellung der dermalen im Herzogthum geltenden Verfassungs- bestimmungen. Wir machen unsere Leser darauf aufmerksam, weil man daraus ersehen kann', welch großartiger Entstellung sich diejenigen schuldig gemacht haben, welche bisher behaupteten, die Verfassung von 1814 bestehe bei uns zu Recht. Aber natürlich! Seit- dem das Ministerium Wintzingeroda sich in dieser Frage anders ausgesprochen hat, als das Ministerium Her gen Hahn, seit der Zeit sprechen sich auch die Herrn der Verfassung vom Jahre 1814 in anderem Sinne aus.
69 Wiesbaden, 3. August. Wenn eine politische Größe von dem Vordergrund des Schauplatzes abge- treteu ist, so hüllt sich dieselbe in der Regel in den Mantel der verkannten Tugend und beginnt eine andere Art von Thätigkeit. So auch Vater Hergen- h a h n.
Nachdem er zum Nassauischen Ministerial-Präsidenten, zum erbkaiserlichen Reichstagsabgeordnetcn, zum Reichsunterstaatssekretariatscandivaten, vielleicht sogar noch weiter avancirt war, ging das Professorenreich in Trümmer und Hergenhahn mußte sein Präsidium in dem Herzoglich Nassauischen Staatsmiuistenum niederlegen. Es ist traurig, Alles gewesen zu sein, oder doch beinahe Alles geworden zn sein, und doch Nichts zu sein. Aber Etwas muß man werden; also noch einmal angefangen!
Nachdem die erbkaiserliche Partei vor den Königen keine Gnade gefunden, nachdem sie von dem Volk, welches sich eine Zeitlang von ihr hatte täuschen lassen, desavouirt war, beriefen die gefallenen erbkaiserlichen Größen einen Reichscongreß.
„Eine Nationalvertretung um jeden Preis!" jam- merreii vir ^hinten und der erwählte Reichsausschuß begann seine Thätigkeit. Auf die eaijrrnm ......... soll in diesem Sinne gewirkt werden. Dem provisorischen Gothaer Reichs-Ansschußmitgliede Vater Hergenhahn wurde das Herzogthum Nassau zugetheilt. Seine Thätigkeit, von der wir als er Minister war auch nicht eine Spur bemerkten, entfaltet er jetzt und hat es darin schon zu etwas gebracht.
Der Sitz der Erbkaiserlichen ist in Hornau. Dort versammelt der „Edle" seine Getreuen um sich, pflegt Naths mit ihnen, und theilt die Rollen aus. In Ausführung der dort gefaßten Beschlüsse hat Hergenhahn
1) die beiden hiesigen sogenannten konstuunoneileu Vereine vereinigt;
2) den Clubb der Rechten organisirt. Nachdem die Herrn von der Rechten, die Männer der specifischen Selbstständigteit, ihr „Kreuzige" gerufen hatten über den Frevel der Bildung eines Elubbs der Linken, nachdem Herr Dr. Heydenreich sich feierlich dagegen
(Z Das Kaiseruest
Eine deutsche Reichsballade.
Gottfried Kinkel
Zu Hornau auf dem Schlosse Da steht ein edles Nest.
Drin sitzen fünf Gotha-Vögel Auf einem Eie fest.
Da wird der erbliche Kaiser, Der neulich ging entzwei
Don Neuem ausgebrütet
AuS dem Gothaer KuknkS-Ei.
Das Ei will nicht erwärmen Unter dem brütenden Steiß.
DaS Werk will nicht gelingen, — Der Kaiser schwarz und weiß.
Und waS die edlen Vögel Gegackert, gescharrt, gethan, DaS druckt die „deutsche Zeitung"
Als schwarz-weiß Centralorgan.
Dieser Mann ist cs, der unter sämmtlichen, von den preußischen Truppen in Baden gefangenen Freischaarcu- anführern allenthalben die meiste Theilnahme erregt hat. Er ist der Sohn eines Landpfarrers. Durch fromme Erziehung zur Theologie geführt, trat Kinkel, nachdem er Gymnastnm und Universität mit den höchsten Prädikaten in den Prüfungszeugnissen verlassen, im Jahr 1837 zu Bonn als Privatdozcnt in der theologischen Fakultät auf. Ein außerordentliches Lehrtalent, auege- breitcte Kenntnisse, schriftstellerisches und wissenschaftliches Streben verschafften ihm rasch eine bedeutende Wirksamkeit. Aber nicht dem Katheder allein, sondern auch der Kanzel wandte er seine Gaben mit Erfolg zu. Hier war sein Streben nach seinen eigenen Worten (in der Vorrede zu den in Köln gehaltenen und 1845 heraus- gegcbcnen Predigten) vorzüglich dahin gerichtet, dem Christen seine Bürgerpflicht kräftig vvrzuhaltcn. — Als ihm nach achtjähriger ausgezeichneter Thätigkeit nur beifällige Anerkennungen, aber keine Aussicht auf Beförderung von Seiten des damaligen Kultusministeriums (Eichhorn) zu Theil wurden, machte er wegen dieser herben Zurücksetzung seine frühern Nebenbeschäftigungen in Poesie und Kunst zu seinem Berufe, und wurde hierauf in der philosophischen Fakultät zum außerordentlichen
Professor für neue Kunstlitcratur und Kulturgeschichte befördert. Einen Beweis der Berechtigung zu diesem llcbmritt gibt vorzüglich seine um diese Zeit, 1845, in Bonn erschienene „Geschichte der Bildung und Künste bei den christlichen Völkern." Während er auch auf dieser neu betretenen akademischen Bahn mit Eifer und Erfolg fortstrebte, widmete er seine Musestunden der Unterstützung und Belehrung der unteren Volksklassen, geleitet von jener warmen Nächstenliebe, welche ibn schon in früher Jugend einen Menschen mit eigener Gefahr vom Wassertod retten hieß. In anerkennendem Gedächtniß steht bei Bonns Bürgerschaft seine Thätigkeit bei der Errichtung des neuen Hospitals, so wie die Stiftung des dortigen Handwerkcrbildungsvcreins, welchem er durch regelmäßige Vorträge allgemeine Theilnahme gewann. In solcher Thätigkeit, in welcher er sich, indem er dabei d e Redaktion der Bonner Zeitung übernahm, mehr und mehr den sozialen Interessen und Zeitfragen hingab, traf ihn das Jahr 1848. Begeisterung für die Sache des Fortschritts trieb ihn, die konventionellen und materiellen Interessen seiner Stellung nicht achtend, auf die Rednerbühne der Volksversammlungen. Verehrend diese sclbst- vcrgesscnde Hingebung und hingerissen von seinem rhetorischen Talent blickte die Menge aus ihn als ihren Führer. In der Steucrverweigeruugsfrage machte er diesen Einfluß öffentlich und laut zur entschiedensten Opposition wider das Ministerium Brandenburg geltend, wurde bei den darauf folgenden Wahlen als Abgeordneter