Einzelbild herunterladen
 

M 179

âeiheit nnb Lreht!"

Wiesbaden. Sonntag, 29. Juli

Erfolge. - Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer. * großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem

1819.

f-§f Die Kammern und die Revolution.

Es ist die alte Geschichte, Doch ist sie ewig neu."

Die Formeln mögen verschieden sein, durch welche sich die des Verraths an der Revolution schuldige Parthei bezeichnen läßt; aber man kömmt immer am Ende darauf zurück, daß die Bourgeoisie durch ihren Glauben und ihr Bestreben für die konstitutionelle Monarchie den Wagen in den Koth gefahren hat. Heute wollen wir diese Behauptung rechtfertigen, in­dem wir unsre nächste Vergangenheit in die Formel bringen:

Die gesetzgebenden und die konstituirenden Ver- sammlungen haben die Revolution scheinbar an den Constitutionalismus, in der That aber an den Absolutismus verrathen.

Dieser Satz mag paradox erscheinen, allein er ist und bleibt' nichtsdestoweniger wahr. Das Volk ist ge­wohnt, mit einer gewissen heiligen Scheu, mit einem Glauben an Unfehlbarkeit auf seine Vertreter hinzu­blicken. Sie sind, wie es glaubt, eine Macht, die den Willen und die Kraft hat, seine Lage zu verbessern, überhaupt seinem Leiden ein Ende zu machen. Mit welchem Glanze waren nicht die Häupter der vor­märzlichen Kammeropposition umhüllt? Waren die Welcker, Bassermann, Mathy, Vincke, Be­ckerath nicht wahre Halbgötter? Die Revolution hat freilich dieseLüge abgestreift", und alle jene Männer als erbärmliche Maulhelden hingestellt; aber auch nur eine unserer Hoffnungen realisirt hat sie nicht, sie hat uns denselben nur näher gebracht, indem sie die Heuchler und Betrüger entlarvte, die Dumm­heit blosstellte. Das Häuflein der Republikaner war gering, als das Licht der Revolution einen Augenblick die Eulen aus ihren Schlupflöchern heraustrieb; da­gegen ruhmvoll und glanzumstrahlt waren die Führer der Liberalen, das Volk berief sic an's Ruder, und es ließ sich wiegen durch ihren Schwanengesang in sanf­ten Schlummer; aber als es erwachte und sich die Augen rieb, und als es sehen wollte, wo es wäre, siehe! da war das Schiff gerathen auf eine Sandbank.

Im Vorparlament hatte Hecker den Antrag ge­stellt auf Permanenzerklärung. Die revolutionären Kräfte wollte er nach und nach heranziehen, und den Revolutionstaumel des Volkes und den Schrecken der Gegner benutzen, um überall die Fahne der Demokratie aufzupflanzen, und die Natternbrut auszuheben aus ihren Nestern. Aber es schwindelte den liberalen Kammerhelden vor den möglichen Folgen eines solchen Machtspruchs, und sie verkauften die Revolution an den Einfluß der Regierungen, d. h. aller im Tuenst der alten Zeit ergrauten Sünder, Beamten, Pfaffen; sie verkauften die Revolution an die Bestechung der reichen Geldherrn, denen es bange war vor derAnar­chie"; an die Furcht der Spießbürger, dieser Wür­

mer, die Angst hatten um ihr bischen Leben; an die Unwissenheit und die Abhängigkeit der arbeitenden Klasse, die dem Einfluß ihrer Brodherrn und ihrer sonstigen Auto­ritäten preisgegeben war,j mit Einem Wort: an die Wahlen! Und es kam eine Versammlung zu Frankfurt zusammen von Leuten, die sich Volksvertreter nannten, denen das Volk aber jetzt den Namen Volksverräther gegeben hat. Und diese Männer schrieben die Rechte des deutschen Volkes auf ein Blatt Papier, während die Fürsten ihre Rechte in die Tafeln der Geschichte eingruben mit Eisen und Blei, und diese Männer ga­ben dem Volke eine Verfassung, und als das Volk sich dafür erheben wollte, da sahen sie zu, wie sein Leib umringelt wurde von der Riesennatter des Absolutis­mus, und als die Sache noch bedenklicher und gefähr­licher wurde, da liefen sie ganz weg, weit weg, und sahen dem Schauspiele zu aus der Ferne; und als das Schauspiel geendet war, und die Fürsten gesiegt hatten, da kamen sie wieder herbei und krochen demüthig zu ihren Füßen, und flehten, mithelfen zu dürfen begraben die Leiche des deutschen Volkes.

Das war die große Mehrheit der deutschen Natio­nalversammlung. Anfangs die Marionetten der Für­sten, die hinter dem Vorhang standen und die Bewe­gungen leiteten, Anfangs vorgeschoben gegen die Demo­kratie, wurde sie bei Seite geschoben, sobald die Um­stände den Fürsten erlaubten, wieder offen auf die Bühne zu treten. Die Nationalversammlung, das war beim Volke die Einheit, die Freiheit, das Glück der Nation, es war die Idee der Revolution, es war ihr Repräsentant; darum mußte mit ihr die Revolution zu Grunde gehen gleichsam, als hätte das Volk vorher all seine Rechte, seine Kraft, seinen Willen an dieselbe veräußert, und könne nun nichts mehr von ihr zurückerhalten. Das Volk war der Gläubiger, die Rationcilverfainmhmg war d^ Schuldner, die Forde­rung lautete auf die Herstellung der Einheit und Frei­heit des Vaterlandes; aber die Nationalversammlung hatte Bankerott gemacht, und das Volk war beim Konkurs der Gläubiger zu spät gekominen, denn der Schuldner hatte tückisch unb betrügerisch schon vorher seine letzte Habe den Fürsten vermacht. Und die Mo­ral von der Geschichte? Wenn das Volk einmal wie­der in die Lage kömmt, Etwas zu erwerben, so wird es nicht so thöricht sein, cs wieder auszuleihen?

In Wien hatten Studenten und Arbeiter die Völker- geißel Metternich vertrieben. Alles schrie nach einer Konstitution. Der Kaiser versprach einen Reichstag. Und es wurde ein Reichstag gewählt, und es kamen zusammen Deutsche und Böhmen, und Slovacken und Russinen, und Polen und Rnthenen, .und es platzten aufeinander die Nationalbornirtheiten, und der Reichs­tag machte die Bauern frei, und sah zu, wie die Ita­liener geknechtet wurden, und er war zufrieden, wenn die Minister zu Allem ein scheinheiliges Ja sagten, und hinterher thaten, was sie wollten. Das Volk machte dieser Unentschiedenheit der Zustände ein Ende, und

der graue Verräther Latour hing an einem Later­nenpfahl. Der Kaiser ernannte ein unkonftitutionel- les Ministerium, und der konstitutionelle Reichstag setzte den Kaiser darob nicht ab.

Jellachich und Windischgrätz marschirten auf Wien los und der Reichstag unterhandelte. Die Ungarn standen an der Grenze bereit zur Hülfe und der Reichstag wollte keine. Die Proletarier ver­langten sofort geführt zu werden zum Kampfe, und der Reichstag huldigte der Feigheit und Halbheit, der Feigheit und Halbheit der Bourgeoisie.In kurzer Zeit das waren die denkwürdigen Worte Robert Blum's gleich nach seiner Ankunft in Wien, als er die Erbärmlichkeit der Zustände mitansah in kurzer Zeit wird in Deutschland nur noch die Ordnung der Bajonette und die Ruhe des Kirchhofs herrscht»!" Und Wien mußte fallen wegen der Schwäche und Feig­heit des Reichstags. Und in Oesterreich wird regiert mit Standrecht und Belagerungszustand, und es herrscht dortdie Ordnung der Bajonette und Ruhe des Kirch­hofs!"

In Berlin hatte das Volk in den Straßen ge­siegt. Der König mußte heraustreten auf seinen Bal­kon, und die Mütze abnehmen vor den vorübergetra- genen Särgen, die die Leichen der gefallenen Freiheits­kämpfer bargen. Und der König versprach eine konsti- tuircnde Versammlung. Und diese wurde gewählt und trat zusammen. Sie sollte ein Ende machen der Bedrückung des Volkes durch die Beamten und die Po­lizei, der Aussaugung der Bauern durch die adligen Junker, ein Ende jederlei Adelsbevorzugung, jederlei Rechtsungleichheit, ein Ende der Unverantwortlichkeit der Soldateska. Die Versammlung schwatzte und die Junker und Beamten handelten. Die Versamm­lung schrieb sich und dem Volk alle möglichen Rechte zu, und die Offiziere, die Beamten, die vom Geiste des Absolutismus erfüllt waren, wurden in ihren Stellen belassen. Als die Zeit erfüllet war, da sandte der König seinen Wrangel, und der Oberbefehls­haber der Marken jagte die Volksvertreter auseinan­der. Der König und die Adelsparthei eröffneten den Kampf mit den Bajonetten und die Versammlung mit dem gemüthlichen Widerstand der Steuerverweige­rung. Aber selbst das war der Bourgeoisie noch zu viel; sie bezahlte die Steuern und fügte sich aus Furcht vor Anarchie. Seitdem gibt der König seinem Volke eine Verfassung auf die andre, sodaß es am Ende nicht weiß, was es mit diesen vielen Rechten anfangen soll, und schon beschlossen hat , die neueste Verfassung gar nicht anzunehmen.Létat c'est moi!" sprach Ludwig der Vierzehnte:ich werde die Krone ungeschwächt meinen Nachfolgern überlassen!" sprach Friedrich Wilhelm der Vierte. Und ihm ge­schah nach seinem Willen; das Volk aber begab sich abseits, und weinte.

Sollen wir noch von den andern Volksvertretern allen reden, die heute schwören, Gut und Blut für

Die preußische Kamarilla.

In Preußen hat für den Augenblick die Partei des nüchternen Absolutismus, deren Führer Hr. v. Man­teuffel ist, gesiegt. Bei der bekanntenOrganisation" einer hochgestellten Persönlichkeit ist es aber sehr möglich, daß ihr morgen derweiße Berg" die Partei des christ- lich-germanisch-romantisch-fcudalistisch-prcußischen Absolu­tismus, deren Organ dieNeue preuß. Ztg." ist, den Rang ablaufen wird. Jedenfalls übt sie auch im Augen­blick trotz ihrer äußeren Niederlage einen bedeutenden Einfluß auf den König und somit im absolutistischen Preußen selbstredend auf den Gang der Regierung. Deßhalb wollen wir die einzelnen Personen dieser Koicrie hier hervorheben, wie sie uns in einem Privatschreiben vom Rhein ge­schildert werden.

Die hervorragendsten Mitglieder dieser Koterie sind folgende: die Generale v. Gerlach und Radowitz, die beiden intimsten Freunde des Königs, v. Canitz, Senft v. Pilsach, früher Oberst, Gutsbesitzer bei Frankfurt a. d. O., Consist.-Präsivent v. Voß, Ober-Consistorial- Rath Gerlach, Professor Leo, Graf Stollberg, Exmini­ster, ein anderer Senft v Pilsach in Hinterpommern, eines der Häuptern der Pietisten , noch ein anderer Ditto, Finanzrath, Graf Arnim, Professor Stahl, Obcrge- nebtspräsideut Gerlach in Magdeburg, Bismark-Schön­hausen , Kleist von Reetzow. Die drei letzten kommen zwar weniger in unmittelbare Berührung mit dem Könige

sind aber die Kolporteure derherzerwârmeuden" Loya­lität in der Provinz und üben durch ihre Referate großen Einfluß. Fast hätten wir Eichhorn, Thile, Bodcl- schwingh zu nennen vergessen; so sehr verstehen sie sich in dieser Kompagnie von selbst.

Ueber die Pläne dieser Partei äußerte sich einer der erstgenannten dieser Herren bei einem Gutsbesitzer am Rhein, der ihm unseren Gewährsmann als einenErz­feind der Demokratie" verstellte, folgendermaßen:

Noch rascher mit der Ausführung unserer Maßregeln gegen die Demokratie vorzuschreiteu, ist nns theils deß­halb nicht möglich, weil Manteuffel zu stark oppouirt, der sich zw. einem gewissen Constitutionalismus hinueigt, und weil auch der König selbst sich durch manche Ver­sprechungen, die er leider im vorigen Jahre auf Veran­lassung der ihn umgebenden revolutionären (!!!) Männer gegeben hat, gewissermaßen gebunden fühlt. Theilo scheint es auch rathsamer, dem Unwesen der Demokratie noch einige Zeit zuzusehen, damit sie sich selbst zerfrißt und damit das Volk durch ihren Unfug die Ueberzeugung gewinne, zu seinem Heile müsse derselben mit Gewalt ein Ende gemacht werden. Uebrigeus werden wir unser Ziel erreichen. Denn sowohl der König, als der Prinz von Preußen , sind jetzt endlich von unserer Ansicht durch­drungen, daß die seit 1815 im Uebermaße verliehene politische und religiöse Freiheit, allein die Ursache zu dem furchtbaren Umstürze gewesen, und daß dieser immer wieder von Neuem erfolgen wird, so lauge jene Freiheit

gewährt bleibt, weilder Pöbel" sich nie begnügt mit dem, ivas er erhält, sondern stets so lange fordert, bis er Alles hat. Ueber ein Volk aber zu regieren, das sich für wirklich berechtigt hält, Forderungen nach Be­lieben stellen zu können, ist vollkommen unmöglich. Vor Allem ist daher nothwendig, dem Volke den Glauben an die Berechtigung seiner Forderungen zu nehmen. Dies läßt sich nun bei der Generation nicht thun, sie muß darum mit Gewalt niedergehalten werden. Allzu schwer wird dies nicht sein, denn der Bürger und Landmann sehnen sich nach Ruhe und nach Geschäften, die so ge­waltig ein volles Jahr hindurch gestört waren; der Pöbel aber wird nicht allz siehe zu fürchten sein wenn man die Hauptwühler faßt und die Zeitungsschreiber zum S hw. igen bringt und das muß nach einiger Zeit geschehen. Nm jedoch für alle Folgezeit Rahe zu bewirken, ist ins be­sondere nothwendig, 1) eine völlige Reorganisation der Schulen, die jetzt zu Pflanzstättten der R volmsim hcrabgesunken sind, und seit Jahren cs waren! 2) eine Wiederanfachung des kirchlichen Sinnes und Lebens; denn der Unglaube der seit Jahrzehnten gepredigt worden und in der Neuzeit seinen Höhepunkt errrcicht hat ist Schuld an allem stattgcfundenen Umstürze und Unfuge. Das Volk will einen Gegenstand zum Nachdenken; und weil es die Religion mit ihren verschiedenen Lehren, die man ihm als erfunden und als irrthümlkch nachgewicscn hat, nicht mehr hat, so fängt cs bei der ihm gegebenen Aufklärung an, über Politik nachzudenken und kommt