Einzelbild herunterladen
 

J617S

Wiesbaden. Samstag, 28. Juli

1849

ES

DieFreie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme deâ Montags, täglich in einem Boaen Der ,----------- .- -------

durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und fm^h^^ ^^6^ "rtelj a hrig hier in Wiesbaden 1 ff. 45 f. . . $rf»igi. - D L»s,,-,i°nsa.b°»,-n belruarnjlh^i^^^ »bt bS lum 3 Sj^ °" ^-» ®trbreltag MrSrriru Btitung" U ,« »IrSm

DT.Sie wollen theilen , dale wolle se!"

Nachdem endlich nach Jahre langem Drucke, wel­chen die Aristokratie auf das Volk ausübte, die zusam­mengepreßten Kräfte einer weiteren Verdichtung nicht mehr fähig waren, fingen dieselben an, nach dem ewi­gen Gesetze der Natur, ihre Rückwirkung zu äußern, die um so heftiger sein mußte, je länger und stärker der Druck auf ihnen gelastet hatte. Im Jahre des Heils 1848 sprengte die Demokratie die aristokratische Eisdecke und verbreitete sich in ihren Wirkungen über ganz Europa. Wie auch zuletzt der heiße Kampf sich endigen möge, ob die Aristokratie oder die Demokratie siege, so viel bleibt gewiß: die Aristokratie erlitt gleich im Beginn der Revolution einen so gewaltigen Stoß, daß sie fast gänzlich zusammenschrumpfte, manche ihrer Glieder sich freiwillig von dem Riesenkörper lossagten, sich dem Volke in die Arme warfen und mit Teufels­gewalt demokratisch werden wollten. Männer, welche durch Geburt und Herkommen als die Tragsäulen der Throne betrachtet wurden, entkleideten sich ihrer Herr­lichkeit und schätzten sich glücklich, wenn sie ihre zarten Hände in die schwieligen Tatschen eines Bauern oder Handwerkers legen konnten; auf öffentlichem Markte fielen sie den Armen um den Hals und besiegelten ihre Volksliebe durch zärtliche Küsse. Die mächtigsten Könige und Fürsten zogen den Hut vor der erstarkten Demokratie, während andere der deutschen Väter, deren ganzes Wesen mit dem Absolutismus verwachsen und in Verknöcherung übergegangen war, von ihren Thro­nen herabstiegen und ihre Macht volksthümlichern Herr­schern zu überlassen vermeinten; wobei sie jedoch nicht verfehlten, merken zu lassen, wie sie stets das Volk väterlich geliebt und nach den Grundsätzen der heiligen Allianz regiert und am Ende doch nur Undank von dem unerkenntlichen Volke geerndtet hätten.

Rührend sang der königliche Dichter Ludwig von Baiern bei seinem Abschiede, weder dem Volke noch der Aristokratie schmeichelnd:

Verlassen und traurig wandelnd,

Zieh' ich in die Welt hinein;

Denn frei und groß nur handelnd, Möcht' ich Euer König sein.

Ich hab' Euch sehr gclicbet,

Ihr habt mich sehr betrübet,

Das macht mir große Pein.

Die stolzen Aristokraten

Verleideten mir den Thron;

Sie haben auch Euch verrathen,

Und sprechen unS beiden Hohn.

Die Höflinge glatt und schmeichelnd,'

Die Geistlichen Liebe heuchelnd Entrissen mir die Kron!"

Aus der richtige» Würdigung aller dieser That­sachen ergibt sich unzweifelhaft, daß die Demokratie schon jetzt vollständig gesiegt haben würde, wenn sie auf der einmal betretenen Bahn rasch vorangeschritten wäre. Doch plötzlich machte sie Halt: sie entsetzte sich

gleichsam vor den überraschenden Vortheilen, welche sie überden dreifachen Bund des Thrones, des Altares und der vielarmigen Aristo­kratie" errungen hatte. Die lang getragenen Fesseln hatte sie zwar abgeworfen, aber die durch dieselben verwundeten Stellen schmerzten nach, und so kam es, daß sie in ihrer natürlichen Gutmüthigkeit nur zagend und schüchtern das Errungene verfolgte.

Die Aristokratie, cinsehend, daß esdie Ent­sagung auf kostbares Erdengut, auf Machtvollkom- menheit, auf Erbehrc und Erbgewalt, Familienglanz, auf behaglichen Vorempfang der Gesellschaftsgüter, auf tausendfältiges Vorrecht und Befreiung von gemeiner Last" gelte, benutzte die ZaghaftigLrit der Demokratie, erhob, wenn auch anfangs vorsichtig und diplomatisch, das Haupt und suchte vor Allem ihre Partei zu ver­stärken und die der Demokratie zu schwächen.

Dazu dienten Verdächtigungen aller Art. Anfangs hieß es:Die Demokraten sind Republika­ner; die Republik aber ist der Antichrist, das Nimmersatte Thier im Menschen, das Alles verschlingt." Aber der gesunde Sinn des Volkes durchschaute die List, wußte auch nur zu gut aus Er­fahrung, daß das Bild vomunersättlichen Thiere" vorzugsweise auf die Aristokratie passe. Daher hatte jene Verdächtigung den entgegengesetzten Erfolg, und Tausende wendeten sich, der Aristokratie zum Trotz, von Neuem der Demokratie zu.

Es mußten also andere Saiten aufgespannt wer­den. Jedermann weiß:die irdischen Güter versüßen das Leben, Armuth und Hunger sind drückend, das Streben nach Reichthum ist daher natürlich." Hierauf ließ sich eine erfolgreichere Verdächtigung bauen und das geängstigte Gewissen der Aristokratie rief: Sie wollen theilen, theilen wollen die Demokraten!" Das half. Der gemeine Bourgeois, dessen ganze Bildung in seinen harten Thalern besieht, setzte sich auf seinen Mammon und jammerte mit:Ja/ dale wolle se." Ein Heer von untergeordneten Beamten, Schreibern und Pedellen, sich sonnend im Glanze der Aristokratie, sammt ihren Weibern, bildeten einen neuen höchst brauchbaren Verbündeten.

So entstand die Heyokratie mit dem Feldge­schrei :Sie wollen theilen, dale wolle se!" Nun sucht Keiner den Andern hinterm Strauch, er habe denn selbst dahinter gesehen. Und in der That! Woher der übergroße Reichthum der Aristokratie und Bourgeoisie? Woher der Namen derV o r n e h m e n" ?

Hat die adlige, hat die bürgerliche Aristokratie ihren Besitz aus sich selbst erzeugt und durch eignen Fleiß und durch eigne Anstrengung vermehrt, oder ist er nicht vielmehr erzeugt und befruchtet worden von dem Schweiße und den Thränen des Volkes?

Lehren nicht namhafte, in den gelehrten Schulen eingeführte Geschichtsbücher, das WortVornehme" komme her von der Vorabnahme der Gesellschaftsgüter, und ist das nicht ein Theilen gleich dem des Löwen in der

Fabel? Und wohin richtet eine durch Wohlleben und Nichs- thun versinnlichte Aristokratie ihre lüsternen Blicke, um ihre Gelüste zu befriedigen? Ist es nicht abermals ein kostbares Gut der untern Stände, die Unschuld, welche durch tausenderlei Netze und Wege zu Fall ge­bracht wird?

Predigt, wie man sagt, der gewiß verwerfliche Communismus auch Gemeinschaft der Weiber und Jungfrauen: so muß die Frage nahe liegen: Auf wel­cher Seite ist hier der Communismus? Und wenn der­selbe je einmal im Volke Wurzel fassen sollte, wer müßte als Lehrmeister einer so unhaltbaren Lehre an­gesehen werden?

Und weiter. Hat nicht bereits seit Jahrhunderten die Aristokratie auch die geistigen Güter, welche aus freier Bildung und ungehinderter Entwicklung der geistigen Kräfte hervorgehen, und welche den Menschen erst zum Menschen machen, fast ausschließlich besessen und dem Volke vorenthalten? Hiernach liegt die Antwort auf die Fragen:Wer theilt? Wer hat getheilt und wer möchte auch fürder theilen?" auf flacher Hand, und die Verdächtigung:Die Demokra­ten wollen theilen, dale wolle se" erscheint als eine Ironie, als eine Schmach, welche auf Diejenigen zu­rückfällt, von welchen sie ausgeht. Denn was hat das Volk seit der Revolution 1848 gethan, was jenen Vorwurf rechtfertigen könnte? Sind etwa mehr Dieb­stähle, sind überhaupt mehr Verletzungen des Eigen­thums vorgekommen, als zu andern Zeiten? Niemand wird diese Fragen bejahen können. Ja, Mancher jener Schreier gesteht ein, daß er sich wundere, daß die frei gewordenen Massen nicht ohne Weiteres zur Theilung geschritten, als sie die Macht dazu in Händen hatten. Mich wundert das nicht, weil ich überzeugt bin, daß das Volk noch nicht so verderbt ist, wie die Aristokratie; weil in ihm noch ein inneres Gesetz Geltung hat, das allein im Stande gewesen ist, zu verhüten, was, wenn das Volk gewollt hätte, alle geschriebenen Gesetze nicht zu verhindern vermocht hätten.

Darum beruhigt Euch, ihr ängstlichen Seelen dec gejammten Heyokratie! Euer E i g e n t h u m wird Euch gesichert bleiben; die Demokratie will Eure irdischen Güter weder theilen, noch dale.Nun, was will sie denn?" Ungehinderten Gebrauch einer vernünfti­gen Freiheit, unverkürzte Gerechtigkeit, naturgemäße Erziehung und freien Unterricht, ein vernünftiges Wahl­gesetz, und das unverkümmerte Recht, ein Wort über die heiligsten Interessen des Menschen mitzusprechen.

Weiter nichts?" Doch! Die Demokratie will auch zerstören. Zerstören? Das ist ja noch schlimmer, als Theilen.

Wohl möglich; aber zerstört muß werden.

Die Demokratie wird in ihrem endlichen Siege alle Privilegien und Bevorzugungen zerstören, welche einen Theil der menschlichen Gesellschaft 511 Herren und den andern zu Sklaven machen.

Vom Züricher See, Mitte Juli. Du willst mein Freund, lesen wir im Stuttgarter Beobachter, daß ich einige Skizzen aus dem badischen FreihcilSkampf entwerfe, um wenigstens von unserer Seite Einiges beizutragen, daß diese vielverlästerte Bewegung in dem Lichte erscheine, welches sie verdient. Wohl weil denn doch jetzt das parlamentarische Mühlrad wieder mit all seinen mühe- seligen Drehungen in das Gewässer des Volkslebens fassen und zur Weiterbildung eines faulen Geschlechtes von neuem dierettende That" ersetzen soll, von deren Nothwendigkeit wir so viel gehört und gelesen, bis sie zur Unmöglichkeit geworden war: so mag cs der Feder nicht weniger als der Zunge gestattet sein, hinter den mit dem Schwert versuchten Lösungen der deutschen Frage nachzuschleichen, welche im Augenblick mißglückt nun für einige Zeit vertagt scheinen. Vertagt sage ich denn wenn irgend eine Saat aufgehen muß, so ist es die Blutsaat. Bis jetzt scheint man blos die Zinse des klingenden Kapitals zu kennen. Ein stummes Kapital aber ist der Zukunft anvertraut. Es ist das erlittene Unrecht, jenes Unrecht, das die Gewalt an den Einzelnen wie an den Völkern verübt. Auch dieses Kapital wird einst im Einfordern seiner Zinsen wuchern. Es mögen jetzt wohl sieben Wochen sein, als ich einen Ausflug von Stuttgart nach Heidelberg machte, um mir das Kriegslager anzuschen. Welch lustiges Leben bot sich da den Augen dar! Die Dichtung von Wallensteins Lager bleibt hinter dieser bunten Wirklichkeit zurück. Wie er-

tönte da daS Pflaster von dem Huf der Rosse, welche mit gedoppeltem Stolze von den auserlesenen Männern einer stolzen Jugend sich tummeln Herein Wie mußte das Herz sich ergötzen an all dieser Farbenpracht, womit der Mann sich zu schmücken liebt, eben wenn er zum Tode sich bereitet! Hier sahst du im blauen Collette deS Dragoners einen Strauß, welchen eben sein Mädchen lachend ihm angeheftet hatte; dort stolzirte der Artillerist mit rother Schleife an der dunklen Mütze; da streckte sich ein Blousenmann auf einer müßigen Kanone auS und pfiff ein Lied dazu; hier sahst du den Soldaten der Linie mit dem Freischärler Arm in Arm die Straße da- hinschlendern und wenn du ihnen folgtest, so hörtest du sie mit der übermüthigen Begeisterung des Jünglings von dem Feld der Ehre sprechen, dessen Ernte- und Schnitterarbeit sie nicht erwarten konnten; dort um die Hausecke sahst du noch eine Feder schwanken und wenn dn diesem Spiele eines ebenso schönen als gefährlichen Müßigganges nachliefst, so entdecktest du einen Tambour von kaum mehr als 15 Jahren , der sich auf den grauen Hut eine fuchSrothe, fast clleiihohe Feder gesteckt hatte. Wollte Dr. H. Hauff Studien in Federschmuck und Trachten machen, in dieses Lager, mein Freund mußtest du ihn weisen. Fräcke, die Schöße spitz, breit, lang, kurz, wie du sie wolltest, Röcke nach soldatischem Schnitte, in Philisterform, nach Studenten- oder Polenart, Bein­kleider eng und angepaßt, wie sie Kunstreiter, oder faltig, bauschig, sackartig, wie für junge Türken, zu Befestigung

derselben aber über die Schultern Träger aller Farben, einfach und gestickt, oder um den Leib lederne, gestrickte, gewobene Gurten, sei mit Schleifen, sei eS mit Schnaken von Eisen, Stahl oder Mcsiug; dazu die Hemden aller- Farben; die Hälse schlank und bloß oder in blutrothe Tücher eingewickelt. Von der bunten Tracht der Kopf- und Fußbcdcckuugcn laß mich schweigen. Alte Ruter-, Reiter-, Courier-, Postillions-, Feuer-, sogenannte Blut­stiefel, roth, schwarz, glänzend, matt, lcderfarbig, da­ran alle Gattungen von (Sporen aus tausend Rumpel­kammern ; ein Alterthum. -forscher hätte hier vor Ver­gnügen rasend werden können. Und o Himmel die Kopfbedeckungen! Mühen gewöhnlichen Schlags m-t Kokarden gleich Fcucrrävern, Solvatenkappen auS allen Waffengattungen, tuchene und sametleue Barette, Baueru- mützcu, verbrämt unD mmrbrämt, Thürme , sogenannte Feuerkübel, moderne Angströhren, graue, schwarze, grüne, selbst rothe Schlapphüte, deren Form und Art überhaupt ein unerschöpflicher Beweis für den Reichthum des mcnsch- lichen Geistes waren, ja wie ich mehrmals sah, sogar Helme mit Schweifen bei Wämsern und vielleicht zerrissenen Beinkleidern. Der Hahnenfedern endlich, als deS allgemeinen Schmuckes, brauche ich kaum zu erwähnen. Auch die Bewaffnung war nicht minder bunt. Neben den blanksten Musketen imD Büchsen , Säbel, Pistolen und Feuerröhre aller Art, welche auS den Gräbern alter Lanzknechte hervvi geholt zu fein schienen. Verlache aber Niemand diesen Tand. ES waren brave Herzen, die