â 177
I
„Freiheit und Recht!"
Wiesbaden. Freitag, 27. Juli
Die„Freie Zeitung" erscheint, mit Anünahine des Montags, täglich in einem Bogen. —
durch die Post bezogen m.t verhaltn, ßmaß.gem Aufschläge. - Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der qro^ Sreten?^ fr , auswärts
Erfolge. - Die Znseratlonsgebuhren betragen für die vterspalkge Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer. 3 P ^eroreliung ver „dreien Zeitung" stets von wirksamem
□ Michel ist originell.
In Zeiten allgemeiner Noth entstanden und entstehen unter allen Völkern begeisterte Männer, welche mit patriotischer Hingabe sich dem Unglücke entgegen- stemmen und durch prophetische Verheißungen den Muth des Volkes zu kräftigen Thaten, zu männlicher Ausdauer, im Vertrauen auf den endlichen Sieg der guten Sache zu beleben und zu erhöhen suchen. Die Geschichte berichtet uns, wie Völker durch den Glauben an den Sieg, den Götter, Priester oder Propheten verkündet, wirklich den Sieg errangen, und wie andere Völker untergingen, weil eine Weissagung ihren Untergang verkündete. Auch dem deutschen Michel strömten schon in den Tagen der Märzerhebung und mehr noch in den schneUfolgenden Tagen der Erschlaffung von allen Seiten Weissagungen zu, welche die Schicksale Michels bis zum Jahre 1848 bestimmen, wie sie eingetroffen, dann ihre schlimme Tage; aber schon mit dem Jahre 1850 das Ende aller feiner. Drangsalen verkünden.
Ich will hier keine Untersuchung über Weissagungen anstellen, ich will den Glauben an solche weder vertheidigen noch bestreiten, ich will nur zeigen, daß solche auf Michel anders, als auf andere Erdenkinder wirken, woraus dann folgt, daß Michel höchst originell ist.
Und aus dieser seiner Originalität will ich dann beweisen, daß man Michel schief beurtheilt, wenn man ihm Vorwürfe über sein Verhalten macht. Man sagt, Michel habe die Zeit nicht begriffen, nein, weder die Zeit noch die Männer der Zeit haben den Michel begriffen.
Michel hörte die Weissagungen von seinem Glücke, von seinen Siegen — und glaubte sie. Ein anderes Volk hätte sich durch diesen Glauben zum stürmenden Kampfe hinreißen lassen, hätte im Glauben an seinen Sieg die ganze Tiefe seiner verborgenen Kräfte entfaltet und alle seine Feinde niedergeworfen — hätte gesiegt.
Aber Michel ist ein denkender Kopf und ein höchst origineller Bursche, er überlegte sich die Sache bei einigen Pfeifen Tabak, und da ist ihm das rechte Licht aufgegangen. „Wozu — sagt Michel — sich in Gefahr begeben, es geht, wie die Prophezeiung sagt! Es ist ja bestimmt, daß Deutschlaud frei wird, drum laßt sie nur machen, die verlieren doch.... Wartet nur bis zum Jahr 1850.... Die Badenser sind Thoren, was kommen soll, kommt. Laßt die Preußen siegen, die Elemente werden sie schlagen."
So schließt Michel und macht es nicht, wie die „dummen Ungarn", wie eine Oestreicher Zeitung sagt, die den Kossuth für den Messias halten, und sich von ihm zum Kampfe verhetzen lassen. „Wirklich dumme Ungarn", sagt Michel; „denn ist Kossuth der Messias, so kann er die Ungarn ohne ihr Zuthun beglücken,
und ist die Freiheit Ungarns bestimmt, so fommt sie!" Man wirft dein Michel Mangel an Energie, sogar Feigheit vor, weil er die Reichsverfassung und Regentschaft so schmählich im Stiche gelassen, nachdem er versprochen, Gut und Blut dafür einzusetzen.
Aber Michel sagt: „Die Reichsregentschaft und das Parlament hatten mir ja noch nichts gethan!" Michel weiß, daß Worte nur Worte sind und fürchtet sich nicht vor leeren Worten. Die Reichsregentschaft hat ihm noch nichts gethan und daraus schloß er, sie kann mir nichts thun, und wer mir nichts thun kann, der kann noch weniger den Fürsten etwas thun.
Die Fürsten aber kennt der Michel, als Gewaltige, die ihm schon recht viel gethan»haben. Im Frühlinge 1848 hörte Michel, wie der Vetter Franzos sich frei gemacht — da dachte er, nun so kann ich's auch.
Jetzt sieht er, wie der Vetter über'm Rhein angeführt ist, und denkt: es geht noch nicht, bis — 1850. Was aber sein Versprechen betrifft, so würde er eS halten, wenn man ihn sogleich beim Worte gehalten, wenn sich das Parlament — als Macht gezeigt hätte, wie der Hecker wollte, drum singt Michel: „der Hecker ist ein braver Mann" — und glaubt, der Hecker würde ihm die Freiheit aus Amerika bringen wie Drake die Kartoffel. Michel hörte gern die freien Reden der Demokraten, jetzt, da diese verstummt sind, geht er wieder zu den Pietisten und in die Piusvereine und schläft behaglich über die Salbadereien, wie er ehemals sich erhitzte bei den Versammlungen der Demokraten.
Uebrigens liegt ihm eben so wenig an dem Hans Oestreich der Piusbündler, wie an dem gottesfürchtigen Preußen, dem Horte der Pietisten.
Michel ist originell, er amüsirt sich so gut es geht und denkt: „Kommt Zeit, kommt Rath!" Die Demokraten aber mögen das Intermezzo benützen, die Natur- geschichte Michels zu stuviren, vor Allem aber sich merken, daß der Michel Alles vermag, wenn er angegangen wird.
Wohl mögen sie die Arche der Freiheit bauen, damit, wenn dieSündfluth kommt, man Rettung findet; aber auch, wenn es anfängt zu regnen, dem Michel nicht Zeit zum träumen lassen, sondern rasch die Segel aufspannen, die Anker lichten und die Ruder bewegen. Michel will an gegangen sein, er will wissen, wohin er sich zu wenden, wem er zu gehorchen hat.
Deutschland.
# Wiesbaden, 26. Juli. Wir begegnen in der zweiten Beilage zu Nro. 177 des Frankfurter Journals einem Artikel datirt O Wiesbaden, 24. Juli, welchem eine kurze Betrachtung zu schenken wir nicht umhin können.
Der ganze Artikel hat die Haupttendenz, der „Freien Zeitung" einen hinterlistigen Schlag zu versetzen, und derselben Schaden zuzufügen.
Ein „gemäßigter Demokrat" muß jedenfalls den
fraglichen Artikel verabfaßt haben, wie aus der ganzen Haltung des Artikels zu Genüge hervorgeht, und diesen „gemäßigten Demokraten" hat es insbesondere geschmerzt, daß sich die Freie Zeitung die Freiheit genommen hat, einige Personen der Nassauischen Linken anzugreifen.
Die ganze Perfidie, welche in dem fraglichen Artikel liegt, rücksichtlos zu enthüllen, ist uns derzeit noch auS bestimmten Rücksichten nicht möglich: persiv ist es aber, daß der fragliche Verfasser, der sein Publikum sehr wohl kennt, die „Freie Zeitung", von der er sagt, „sie spiele ins Dunkelrothe" — als ein Schreckbild der „guten Bürger" hinzustellen sucht, und sie so zugleich Der dringendsten Obhut der Staatsanwaltschaft empfiehlt; perfid ist es, daß „der Verfasser" der „Freien Zeitung", deren Fortbestand vollkommen, trotz der momentanen Niederlage der demokratischen Partei, gesichert ist, einen baldigen Tod voraussagt, „wenn sie sich nicht bessere;" persiv ist es endlich, wenn der Verfasser behauptet, die „Freie Zeitung" habe „sogar die Linke deS Landtags mit Schmähungen überhäuft." Ja die „Freie Zeitung" hat sogar (welch' schreckliche Dunkel-Röthe!) die Linke des nassauischen Landtags angegriffen: aber sie hat sie nicht mit „S ch m ä h u n g e n" überhäuft.
Wer sich die Mühe nehmen will, die Beilage zu Nr. 173 der „Freien Zeitung" zu lesen, der wird selbst finden, daß Die unseres Erachtens vollkommen gerechte Kritik Bdes Verhaltens einiger Mitglieder der Linken bei der Steuerbewilligungsfrage durchaus keine Schmähungen enthält.
Wenn die „Freie Zeitung" eine Handlung der Regierung angreift, so nennt sie die Negierungsparthek ein Schmähblatt; und läßt sie es sich beigehen, eine Handlung von Personen der Linken, einer Kritik zu unterwerfen, so erscheint flugs ein gemäßigter Demokrat, welcher, wenn er es mit der Demokratie ehrlich meinte, sich nicht dazu hergeben würde, das einzige Organ der Demokratie in Nassau in auswärtigen Blättern zu verunglimpfen — und jammert ebenfalls über die „Schinähungen" der „Fr. Zeitung". Das Volk aber wird wissen, was er von diesen Schmähungen gegen ein vollkommen unabhängiges Blatt, das nur des Volks Interessen vertritt, zu halten habe.
Die „Freie Zeitung" hält unverbrüchlich und treu ihre Fahne aufrecht, welche sie zu vertheidigen gelobt, und welche sie bis zu ihrem Tode vertheidigen wird.
Weil nun die „Freie Zeitung" fest an ihren Versprechungen hält, kommen nun gewisse Leute, welche vielleicht gar gerne der allmächtig herrschenden Reaktion gewisse „unschuldige" Concessionen machen möchten, und sagen die „Freie Zeitung" sei ertrem, er- c entrisst).
Wahrhaftig eine sehr gute Manier den Mangel eigner männlicher Thatkraft, durch den Andern gemachten Vorwurf der Uebertreibung, zu bemänteln! _
Die „Freie Zeitung" wird „sich aber sticht bessern:"
Haynau
Ueber den in neuester Zeit vielfach genannten österreichischen Feldzeugmeister Baron Haynau enthält die „Allg. Zlg." folgende interessante biographische Notizen:
Julius Frhr. v. Haynau, einem der ältesten Adelsgeschlechter Deutschlands entsprossen , wurde im Jahr 1786 zu Kassel im Kurfürsteuthum Hessen geboren, Nachdem er in seiner Vaterstadt eine sorgfältige Erziehung erhalten hatte, trat der feurige Jüngling, der eine früherwachte und durch die Napoleonischen Kriege genährte Neigung zum Militärstaude zog, im Jahr 1801 als Lieutenant in österreichische Dienste, und zwar in das Regiment Brechainville Nr. 25. Schon im Feldzug 1805 machte er sich durch Tapferkeit und militärische Einsicht bemerklich, so daß der damals regierende Kaiser sich bewogen fand, ihn mit Uebergehung der Oberlieutcnants-Stclle, im Jahr 1806 zum Capitänlieutenant im Infanterieregiment Erzherzog Johann Nepomuk Nr. 35. zu ernennen. Im Jahr 1810 wurde er zu dein Infanterieregiment Baron Vogelgesang Nr. 17. versetzt, und beim Ausbruch des Feldzuges von 1813 außer seiner Tour zum Major befördert. Als solcher erhielt er den Auftrag ein nur aus Ausländern bestehendes, sogenanntes „deutsches leichtes Bataillon" zu errichten. Er entledigte sich dieses Auf- trages mit so viel Eifer und Geschick, daß schon nach
6 Wochen das Bataillon vollständig bewaffnet, gekleidet und eingeübt nach Italien abmaschiren konnte, wo es die Feldzüge 1813 und 1814 mitmachte. Im Jahr 1815 wurde diese Truppe befehligt zur Rheinarmee zu stoßen, und Major v. Haynau — der in Italien wiederholte Beweise seiner militärischen Talente an den Tag gelegt hatte — erhielt den Auftrag das Commando der Vorhut des Armeecorps des Feldzeugmeisters Grafen Colloredo zu übernehmen. Hier war es besonders, wo er Gelegenheit hatte jene Kühnheit, jenen Unternehmungsgeist; jene Wachsamkeit und unermüdliche Thätigkeit zu entwickeln, welche bis auf die neueste Zeit seine militärische Laufbahn charakteriswt haben. Nach geschlossenem Frieden kehrte Haynau mit der Armee nach Oesterreich zurück, wurde im Jahr 1824 Obristlieutenant, Regiments-Commanvant im Regiment Prinz Winverrunkel Nr. 34; im Jahr 1830 Oberst und Rrgimentö-Commandant im Infanterieregiment Graf Nugent Nr. 30; im Jahr 1835 Generalmajor und Brigadier in Italien; 1844 Feldmarschall-Lieutenant und Divisionär in Gratz; im Jahr 1815 Inhaber des Infanterieregiments Nr. 57; im Jahr 1847 ward er als Divisionär nach Temeswar im Banat versetzt. Der Ausbruch der Revolution in der Lombardei und Venedig im Jahr 1848, und der Krieg mit Pieomont riefen Haynau auf einen neuen Schauplatz der Thätigkeit. Er trat freiwillig als Oberst in das nach ihm benannte, damals in Italien liegende Regiment Nr. 57, wurde mit unbeschränkter Vollmacht Festungscommandant in Verona
und nach einigen Monaten CorpScommandant im dritten Armeecorps. Welchen Einfluß er als FestungScomman- dant in Verona auf den AuSgang der Schlacht von Custozza hatte, ist bekannt. Nicht minder bekannt und noch in frischem Andenken sind seine Thaten im Feldzug von 1849. wo er — den die Italiener charakteristisch „Einhan" nennen — alS Commandant deS zweiten Referve-Acmee- corpS in Italien bei Unterdrückung deS Aufstandes in Brescia eine blitzschnelle Entschlossenheit zeigte. Er wurde zur Leitung der Belagerung von Malghera berufen, sah jedoch den Fall dieser Veste, den er vorbereitet hatte, nicht, da eine höhere Bestimmung ihn nach Wien rief, wo ihm der ehrenvolle Auftrag zu Theil wurde, das Com- mando der vperircndcn k. Armee in Ungarn zu übernehmen.
Haynau, der nunmehr in seinem 63sten Jahre steht, ist eine hohe hagere, doch für sein Alter noch ungemein rüstige Gestalt; daS etwas nach vorn geneigte Haupt trägt weißgraue, schlichte, nicht eben reichliche Haare über einer hohen, fast gemeißelten Stirne; unter dichten grauen Augenbraunen blickt ein blaugraues, für gewöhnlich freundliches, doch, wenn er mit den Pflichten seines Berufs beschäftigt ist, crnstblickendcS Auge hervor; die Dinse ist stark, an der Nasenwurzel mäßig gebogen; der Mund, den ein ungeheuerer gclbgrauer Schnurrbart fast ganz verbirgt, ist in der Regel fest geschlossen; daS mchr eckige als runde Kinn schaut trotzig zwischen dem kollo- salen, nach unten gekehrten Schnurrbart hervor; leine Manieren sind ungezwungen; seine Lebensweise ausneh-