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Wiesbaden. Dienstag, 24k Juli

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-»-Die deutsche Frage.

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Wiesbaden, 22. 3uli Die oktroyirte Wohlthat des Königs von Preußen rückt uns immer naher, und es ist deshalb geboten, daß wir auch unsere Stimme in dieser Angelegenheit abgeben.

In der Sitzung der Landstände vom 21. l. Mts. hat Herr Voll Pracht erklärt, Naffau habe sich der Dreikönigsversaffung angeschlossen, und zugleich be­hauptet, der Anschluß an diese letztre Verfassung bleibe jetzt als die einzige Möglichkeit übrig, die Einheit Deutschlands zu erreichen."

Der Zweck dieser Erörterungen ist nun, zu unter­suchen, ob diese Behauptung des Herrn Voll Pracht richtig sei.

Zuerst werden wir kurz die einzelnen Stadien, welche die deutsche Frage durchlaufen, zur vollständigen

Orientirung in dieser Sache darlegen; sodann werden wir den preussischen Entwurf einer nähern Prü­fung unterziehen, und namentlich denselben einer Ver­gleichung mit der Neichsverfaffung vom 28 März unterwerfen; und schließlich werden wir darin, auf diese Voruntersuchungen uns stützend, darzulegen suchen, was jetzt, unter den gegebenen Verhältnissen, insbe­sondere in den kleinern Staaten, in dieser deutschen Verfassnngsfrage geschehen könne, geschehen müsse.

Der Antrag, welcher die deutsche Frage aus dem Reiche terträume in die Wirklichkeit übergeführt hat, war derjenige Bassermanns, die deutschen Regie­rungen möchten dahin wirken, daß das ganze Volk am Bundestage durch ein aus dem Volke gewähltes Parlament vertreten werde. Dieser Antrag, welcher auf seinen Antragsteller zugleich soviel Glanz zurück­warf, erschien als der erste praktische Versuch, die deutsche Frage, d. h. die Frage der Freiheit und Ein­

Heit Deutschlands, zu lösen.

Wie alle Forderungen, welche seit einer Reihe von Jahren die badische Kammer so beharrlich verfolgte, fand auch dieseForderung eines deutschen Parlaments" in allen deutschen Herzen der Völkerstämme zwischen Rhein und Oder und zwischen Eider und Donau einen mächtigen Wieverhall. Das deutsche Volk, bewußt der ihm gewordenen Aufgabe, eine lebenskräftige Nation im Herzeu Europas herzustellen, innig überzeugt, schon längst auf einer Stufe der Cultur «»gelangt zu sein, um ohne Gefahr alle Freiheiten, welche es bei andern geachteten Nationen antraf, ertragen zu können, war lange Zeit bereits des kläglichen Zustands trost­loser Zerspaltenheit und herabwürdigender Unfreiheit müde, und sehnte sich heiß darnach, jugendkräftig und frei in die Geschicke der Welt handelnd, nicht blos, wie bisher, durch Worte und Gedanke» einzugreifen.

Als nun der gallische Hahn wieder im Beginn des vorigen Jahres die ganze gebildete, in träge, sklavische . lumenro n Ruhe versunkene Welt zur Erkämpfung der Freiheit | ein berufen

aufrief, da erinnerte sich das deutsche Volk, daß es | mit seinen Fürsten viel abzurechnen habe, und daß jetzt der Zeitpunkt gekommen sei, in welchem rasch und sicher ein freies, starkes und einiges Deutschland erobert werden könne. Allüberall wurden die Forderungen des deutschen Volkes gestellt: obenan aber prangte bei die­sen allen: Die Forderung eines deutschen Par­laments! Die Forderungen. des Volks wurden ge­nehmigt, genehmigt auch diejenige des Parlaments, ge­nehmigt sogar vom Bundestage selbst. Das Vorpar­lament trat zusammen. Vor ihm zitterten noch die Fürsten: aber schon im Vorparlament wurde die Ener­gie der Revolution tödtlich veAvnndet, von dem Mo­mente an, in dem die Frage der Permanenz verwor­fen wurde Wäre die Permanenz nicht verworfen wor­den, hätte Hecker nicht zum Schwerte gegriffen; wäre der Hecker'sche Zug nicht eingetreten, welcher von den Bourgeois und Bureaukraten benutzt würde, um dem guten veutfchen Bürger angst und bange v»r den Brause­köpfen, welche ihn doch durch ihren Muth allein retten konnten, so wäre das deutsche Parlament nicht aus so volksfeindlichen Elementen zusammenge­setzt worden, als solches wirklich geschah.

Das Parlament trat zusammen. Jeder Einsichts­volle behauptete, bald nach den ersten Abstimmungen, daß vie Frankfurter Versammlung, weit entfernt die Reaktion der großen Höfe zu brechen, vielmehr selbst mehr, als irgend eine Fürstenmacht, das üppige und rasche Emporwuchern der Reaktion befördern würde. Doch wehe! dem, der zu jener Zeit an der Fähigkeit der Männer des Parlaments, Deutschland neu zu ge­stalten, zweifeln mochte! Als ein Wühler, als ein anar­chischer Schreier wurde er von Jedermann gemieden! Dem Parlament vertraute das deutsche Volk, doch auch hier wurde das vertrauende, hingehende Volk, schänd­lich betrogen.

Die Mehrheit des Parlaments bestand aus Aristo­kraten, Bourgeois und unpraktischen Professoren, welche wol taugen mochten Geschichte zu schreiben, wahrlich aber nicht solche zu machen. Diese Mehrheit unter- handelte bald mit den Fürsten und nachdem die Fürsten einmal wieder den Boden der Unterhandlungen betre­te», war es ihnen bald ein Leichtes den Stümpern in der Diplomatie, welche mit idealistischen Schwärmereien die kostbare Zeit der Paulskirche ausfüllten, den Sieg abzuringen. Statt sofort eine Verfassung gleich beim Zusammentritt kühn in das deutsche Chaos hineinzu- f djlcutern, an welcher sich die einzelnen chaotischen Zustände krystallinisch hätten ordnen können, -- zog vas Parlament es vor erst die Grundrechte in lang­weiliger Gründlichkeit zu gründen. Als das Parlament mit ver Gründung seiner Grundrechte fertig, hatten die Fürsten ihre alte Macht wieder fester denn je be- grünvet.

wurde die Idee der Reichseinheit sehr empfindlich be­rührt. Die größeren Versammlungen traten zu dem Parlament in ein gespanntes Verhältniß und das Par­lament selbst wurde einmal längere Zeit durch die Ber­liner Nationalversammlung, welche kräftig auftrat, ver­dunkelt. Ja! die Diplomaten hatten sich nicht ver­rechnet : Die einzelnen Versammlungen wurden gegen­einander eifersüchtig und unterstützten sich nicht, son­dern feindeten sich sogar an. Das unglückliche Be­streben Oesterreichs aus seinen einzeln Staaten einen vollständig centralisirten Staat zu bilden, machte cs zuerst und entschieden der Idee eines einigen und freien Deutschlands abhold; Preußen wünschte auch nur eine solche Einheit, welche ihm allein Nutzen bringen konnte, d. h. seinen Einfluß, vielleicht auch sein Gebiet, vergrößern würde, und ferner nur eine solche, welche sich stiftete auf die Einigung der Fürsten, nicht aber diejenige, welche ihm durch den Machtspruch der souveränen Nation geboten werden sollte. Nach dem Falle Wiens trat die Regierung Oesterreichs mit ihren der Neichseinheit feindlichen Absichten immer of­fener, und mit einer gewissen unmaskirten Geradheit hervor; immer drohender wurde ihre Sprache, bis sie dann, nachdem die Verfassung für die Staaten Oester­reichs oktroyirt worden, zuerst dem Parlament allen Gehorsam aufkündete und ihre Unterthanen aus dem Parlament abrief. Preußen handelte hier, wie auch sonst so vielfach versteckt; es schmeichelte der einge- bildeten Macht des Parlaments, betheuerte wiederholt seine deutschen patriotischen Gesinnungen, und sprach von "Verständigung".

Die Professoren ließen sich überlisten. Sie arbei­teten Preußen die ganze Neichseinheit in die Hände, und als sie endlich frohlockend mit ihrer Krone in Berlin ankameu, wies man ihnen allda höhnisch die Thüre und sie erfuhren, daß man sie wie dumme Jun­gen behandelt hatte. Prophet Gagern hatte aber selbst feierlich die Souveränität der deutschen Nation proklamirt; die Gagern'sche Erbkaiserpartei sogar legte dem Variantent allein die Befngniß bei, die Verfas­sung der deutschen Nation festzusetzen und zu begrün­den. Daß aber das deutsche Parlament allein dieseBefugnß gehabt habe, eine Vefug- niß, welche die nassauische Regierung zu wiederholten Malen anerkannt hat für- ganz Deutschland eine Verfassung zu stif­ten, ist der erste Satz, welchen wir seiner rechtlichen Consequenzen wegen, besonders betonen.

Preußen jedoch warf endlich

Gleich nach dem Beginn der Sitzungen des Par­laments wurden in allen Staaten die Einzelkammern -"'"'......H, und durch die Berufung dieser letzter»

yminen leo00) warf endlich, wie -schon gesagt, seine gleisnerische Maske ab; es erkannte die von der Nationalversammlung beschlossene und für ganz Deutschland zu Recht bestehende Verfassnug nicht an, und um das Maß voll zu machen, trat es dann selbst, abermals mit einschmeichelnder Rede ver­sichernd, Deutschlands Ruhm und Größe begründen zu wollen, vor die deutsche Nation und bot der letztern,

Aus dem Briefe eines preußischen Soldaten geben wir folgenden wortgetreuen Auszug:

Bergzabern den 24. Juni 1849.

Liebe Elter» und Geschwister!

Hoffentlich werdet Ihr wohl alle noch gesund sein so wie ich ebenfalls es noch bin. Ich konnte nicht eher schreiben denn alle Posten gierigen nicht mehr. Von unserm Feldzuge werdet Ihr wohl gehört haben, aber es sind falsche Nachrichten von oben da angelangt. Am 10. sind wir von Mainz fortmarschirt, am 12. sind wir nach Worms gekommen wo wir bis zum 15- morgens 2 Uhr ausrückten durch Frankenthal welches von den Freischaaren war verlassen worden ; wir rückten vor bis nach Ludwigs­hafen wo wir aber Wicdcrstand fanden. Es war unser Bataillon 1 Schwadron Husaren mit 2 Geschütze. Es war ein großer Vortheil für Uns daß wir alle uns hinter einen Damm konnten legen und so die Kugeln uns über die Köpfe saußste». Der Schnyenzng wo ich anch bei gehöre mußte erst ausschwermen und kamen wir ins offene Feld. Es war eine wahre schöne Musik wie einem die Kugeln über mit neben einem fausten und pfiff. Merkwürdigerweiß ist auch keiner von uns geblieben, ein Musketier hat einen Schuß in den Arm bekommen, aber drei von der Artillerie sind auf dem Platze geblieben und alle drei von einer Granate getroffen.

Als einige Kanonen zur Verstärkung ankamen und hinter den Bahnhof gestellt wurde; glauben die Frei­

schärler man wollte unterhalb Ludwigshafen die Geschütze anffahren und die Rheinbrücke in Grund schießen, da haben sie so schnell wie sie nur konnten Reiß aus ge­nommen und fuhren die Brücke ab, ehe sie nur noch alle darüber waren, wodurch nun die übrigen theils er­schossen oder gefangen wurde. Jetzt stürzte alles in die Häuser besonders wo aber ausgeschoyen war worden und hier wurde alles gemordet was nur im Hause war. Aber dabei blieb es noch nicht, es wurden alle Schränke, Pulte und Komove aufgeschlagen unter dem Vorwande ob hier keiner sich versteckt oder Waffen wäre, aber es gieng bloß um zu rauben, es sind Geld Gvldsachen Kleider und alles mögliche gestohlen worden, ferner alle Kellern in ton Gasthäuser wurden aufgeschlagen und die feinsten Weine Champagne^, Bordau und alle ander Sorten wurden geholt wo ich aber auch mitgetrunken haben, aber in keinen Hauße bin ich gemeßen um etwas zu nehmen, im Gegentheil, es waren mehrere von uns die haben die andern zurück gehalten. Es sind hier Gräuel verübt worden, die noch viel schlimmer sind als es tie Kroaten in Wien gethan haben. Wehrloße Leute sind nieder gehauen mit erschossen worden und ferner gab Ü3efcbl zu aufhören. Es wurden mehre in ein Hauß a schickt um zu sehen ob sich hier keine mehr aufhielten. Wir waren kaum in dem Hauße so hatten die ersten gleich im Zimmer den Herr des Hauses ein junger Schweizer Kaufmann erwischt und riß ihn einer bei den Haaren mw rief dem andern er sollte diesen medersclucßen eu sei

ein Freischaarer und hätte sich hier versteckt, er bat ums Himmelswilleu mann möchte ihn schonen er wäre un­schuldig aber einer spannte den Hahn und wollte schießen als ich mit noch einem gerade noch zur Zeit kam und dem Soldaten ein schlag mit meinem Gewehr gab das ihm das Hahn spannen verging und so den armen Menschen befreite. Er fiel mir um den Hals und küßte mich, und führte mich mit dem andern durch alle Zimmer und zeigte uns das Niemand da sei. Wir gingen in den Keller aber welch ein Schauer mich ergriff, seine junge 19 jährige Frau lag wie todt mit ihrem 3 monat alten Kinde auf den Boden, den sie hatte wie die Magd sagte ihr Mann schreien gehört und es sei auch gleich ein Schuss gefallen und sie glaubte ihr Mann sei erschossen worden. Nach diesem Vorfall eilte ich so schnell als ich konnte von dem Orte des Schreckens denn ich konnte es länger nicht mehr sehe» wie Leute von uns sich an fremden Eigenthum und andern Sachen vergriffen und noch nach diesem die Häuser wollten in Brand stecken, wie schon ein ganz abgcbrent war."

(Westd. Ztg.)