„Freiheit und Leckt!"
^ 170, Wiesbaden. Donnerstag,19, Juli__1S19^
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AGF. Kapital und Arbeit
Heutzutage pflegt man den Werth des Menschen nur nach dem Gelde zu schätzen, das er besitzt. Geld ist nicht nur König der Produkte, sondern auch König der Menschen. Gleichwie man bei jederlei Tausch immer dem Gelde vor allen andern Waaren den Vorzug gibt, gleichwie man dem Gold und Silber vor allen übrigen Dingen den Preis zuerkennt: so wird auch unter den Menschen selber der am meisten geschätzt, und dem wird der Preis zuerkannt, der — Geld hat. Das Kapital beherrscht die Arbeitskraft. Hast du Geld, so sind tausend Hände bereit, dir ihre Dienste anzubieten. Du bist Herr über ihren Willen, in einem Grade, daß tu sie mit Geld sogar zur Unredlichkeit, zum Betrug, zu jederlei Verbrechen verführen kannst. Der Kapitalist entgeht dem öffentlichen Strafurtheil. Die Abhängigkeit des Armen vom Kapital macht deS Vettern Mund verstummen. Der Glanz des Reichthums ist ein Mantel, der des Reichen Vergehen umhüllt, und sie auf diese Weise der Beurtheilung der Masse entzieht. Um aber dem Volke in blendendem Unschuldslichte zu erscheinen, gebietet die Klugheit dem Reichen, die Fehler des Armen auf die härteste Weise zu kritinren. Von ihm gilt das Wort Christi: „Du siehst den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken in deinem eigenen wirst du nicht gewahr." Das Capital verfälscht die öffentliche Meinung. Ihm stehen die Mittel zu Gebote, die Organe der Presse zu gewinnen und ein Heer feiler Schriftsteller auf die Beine zu bringen. Das Kapital verhöhnt die Em- psindungen. Kalt und herzlos, wie seine Silberklumpen, betrachtet der Geldherr seine Rebenmenschen: sie sind ihm Werkzeuge des Genusses, die er bei Seite wirft, wenn sie abgenutzt sind. Das Kapital ist der Vater der freien Conkurrenz — d. h. des Kriegs Aller gegen Alle. Auf der einen Seite stehen seine Besitzer, die sich untereinander bekämpfen, wenn ihr Interesse sie nicht gegen einen gemeinsamen dritten Feind verbündet; auf der andern Seite stehen die Arbeiter, um die Wette bemüht, ihre Dienste auf die billigste Weise an Jene zu verkaufe». Das Capital macht aus seinen Besitzern natürliche Feinde des Gesellschaftswohlstandes: der Kapitalist strebt nach einem möglichst hohen Gewümste; je hoher dieser Gewinnst ist, desto theurer werden die Produkte der Arbeit, desto niedriger der Arbeitslohn. Kapitalgewinnst und Gesellschaftswohlstand sieben daher i» umgekehrtem Verhältnisse: je höher der Kapitalzins, desto niedriger der Wohlstand der Gesellschaft, während umgekehrt jener sinkt, wenn dieser im Wachsen begriffen ist.
So verschwindet vor dem Kapital der Mensch mit seinen natürlichen Trieben, seinen gesellschaftlichen Ansprüchen, mit seinen gerechten Leidenschaften und seinen Tugenden. Der Moloch thront auf den Trümmern der untergegängenen Menschheit; unb das Abbfld der Gerechtigkeit zeigt eine Karrikatur.
ZJ. Die Ausnahme der Freiheit.
Ccbön ist'? im deutschen Vaterland
Seit Recht und Freiheit anerkannt,
Wo blühte brum das Paradies,
Wär' nicht ein einzig Hinderniß — Die gottlos wühlerischen Rothen! Doch find jiim Glückte schon verboten.
Das Volk im Stand der Unschuld war, Und wußte nicht, was falsch, noch wahr," Kaum fühlend seiner Lasten Wuht, — Bis lüstern nach verbot'ner Frucht Es ward durch schlimmen Rath der Rothen, Die Recht und Freiheit ihm geboten.
A>l s drauf das V o l k u’m Freiheit bat, Versprach s(e ihm des Kaisers Gnad', Verlieh zugleich mit milder Han‘b 3 u ihre in Schutz B e l a g e r u u g s st a n d. Das neunen Wortbrnch gar die Rothen, Weßhalb mit Recht man sie verboten!
Des Volkes Rechte sind gewährt, Sein Wohlstand wird durch Nichts gestört; Wer drum vom Recht des Volkes spricht, Wenn's Herz von seinen Leiden bricht, —
Was ist dagegen der Arbeiter? Verkauft an das Kapital, muß er dessen Launen schmeicheln, dessen Ungerechtigkeiten ertragen, dessen Unglücksfälle und Verluste doppelt empfinden. Er ist der Lastträger des Reichen, der Bediente seines Willens. Du nimmst Hacke und Spaten jnr Hand, unb arbeitest unermüdlich von Morgens früh bis Abends spät — und am Ende bist du froh, wenn deine Erndte so groß ist, daß sie dich und die Deinen kümmerlich ernährt; — froh, wenn kein harter Gläubiger dein Gütchen verkaufen ließ. Du bist in der Fabrik länger, denn des Tages Hälfte, deine Kleinen müssen dich unterstützen in lprem zartesten Älter, deine Frau muß dir helfen, während sie den Haushalt vernachlässigt, und deine einzige Freude, dein einziger Trost ist, nicht entlassen, der Grausantkeit dos Fabrikherrn entgangen, mit den Deinen nicht verhungert zu sein, llebeeall, wohin man sich wendet, ist der Arbeiter vom Elend um ft ruft. Sein Geist erlahmt, sein Herz ermüdet— unter den Sorgen der täglichen Eristenz. Denn schlimmer, drückender, unerträglicher sind keine, wie diese. Man hat ihn glauben gelernt an eine Vergeltung - aber er sieht auf der Erde nichts als Lug, Betrug, Ungerechtigkeit, der Zweifel zernagt sein Hermes ist nur ein kleiner Schritt — zur Verzweiflung. In der Familie sucht er vergebens Trost, denn das Elend stumpft die Gefühle ab, und löst hab Band der Herzen. Er schreitet zum Trunk, zum Diebstahl — und es empfängt ihn der Kerker. Denn es kümmert den Richter nidu, wie das Verbrechen entstanden. Ueberall Fallen und Netze — nirgends ein Ausweg, eine Rettung! Und dennoch ist die Arbeit das Mark der Gesellschaft. Ohne sie kein Leben, kein Blühen, kein Gedeihen. Uno dennoch ist es die Arbeit, die den Menschen veredelt, ihn unterscheidet vom Thiere, ihn entzieht den gemeinen Genüssen; es ist die Arbeit, die seinen Geist erhebt und ihn seinen Beruf, wie die Wahrheit der Schöpfung erkennen läßt. Es ist die Arbeit, ohne die es keinen Kapitalgewinnst gäbe.
Die Arbeit endlich ist es, deren Lohn in geradein Verhältnisse mit dem Volkswohlstände steht: denn der Arbeitslohn unb der Gesellschaftswohlstanv steigen und fallen, blühen und verkümmern beide mit einander.
Welche grausaPe Umkehrung der Verhältnisse! Die Arbeit — sagt ihr — ist die Quelle des Eigenthums, unb das Kapital wirft sich zum Herrn der Arbeit auf! Der Arbeiter ist der Sklave des Kapitalisten; des Armen einziges Besitzthum, seine Arbeitskraft, das heiligste aller Eigenthümer, es ist im bürgerlichen Verkehr, wie vor den bürgerlichen Gesetzen, das geringste und unbedeutendste, es hat den wenigsten Schutz, es wird in tausend Fällen verletzt — und Niemand nimmt Notiz davon. Heilig ist das Eigenthum! — das heißt vor allen Dingen: heilig ist die Arbeit! Aber unsre bürgerliche Gesellschaft bestraft den Diebstahl einer Stecknadel härter, als den am heiligsten Besitzthum des Armen. Die Arbeit, das ist die Enhaltsamkeit,
Gehört unstreitig zu den Rothen,
Und diese sind mich Recht verboten.
Wenn Deutschlands Freiheit nicht genügt,
Wer's deutsche Volk macht mißvergnügt Unb spricht, daß die Errungenschaft DeS Märzes nicht besteht in Kraft, — Der ist wohl ein Agent der Rothen, Und die allein, die sind verboten.
Im vollsten Maß und ungeschwächt Bestehet das Versammlungsrecht, So weit'S der Polizei gefällt!
Wer dieses gar für Willkuhr hält, Bekennt dadurch sich zu den Rothen, Die man mit Fug und Recht verboten.
Und jede willige Partei Bekennt, daß Wort und Presse frei.
Wer tadeln wollt' die Majestät, Wer gegen die Behörden schmäht, Treibt Unfug gottvcrgeßr.ec Rothen, Der rothe Unfug ist verboten.
Stets findet sein entsprechend Recht So wie der Herr auch jeder Knecht,
die Mäßigung, die Sittlichkeit, die Tugend, das ist der Begriff des Menschen; — der Arbeiter, das ist der Rechtlose, der Sklave, daß ist das Lastthier der Gesellschaft!
In diesem Gegensatz konstituirt sich die Geschichte. Sie schreitet vorwärts, unbekümmert um die Grausamkeit der Großen, wie um die Thränen der Bedrückten. Der Reiche schwelgt auf seinem Ruhepolster — indeß der Arme in seiner Hütte verkümmert. Die Tyrannei des Kapitals, die härteste, weil die herzloseste, lastet wie ein Alp auf der Menschheit. Die Einzelnen kommen und verschwinden; der Reiche wird _arm, und noch seltener der Arme reich: aber die Klassen bleiben und bestehen! Mit ihnen die Straflosigkeit des Verbrechens, die Verfolgung der Tugend. O gibt es denn keine Vergeltung, keine, keine? . . .
Noch dürfen wir hoffen!
Großmann, — der Interpellant.
DT. Wiesbaden, 18. Juli. Die am 16. b. statt- gefundeue Kaminersitzung veranlaßt mich zu einigen Betrachtungen, welche für Manchen von Interesse sein und zu weiterem Nachdenken Stoff genug darbieten dürften.
Vielfach hat man früher der Linken vorgeworfen, daß sie durch zu häufiges Jnterpelliren, welches der Regierungscommissär Werren vergebens in die ihm gutdünkenden Schranken zu bringen versuchte, die Verhandlungen wichtigerer Angelegenheiten verdrängt habe. In der vorgestrigen Kammersitznng aber eröffnete der Abg. Großmann den Reigen der Interpellationen; jedoch in einer Art, daß sich ein Jeder leicht selbst die Antwort geben konnte, wobei mir jedoch nicht einfällt das eine Zeitverschwendung zu nennen. Der Berichterstatter in Nro. 168 b. Bl. bemerkt dazu: „Es ist wirklich auffallend, wie wenig Kenntniß der in Wiesbaden wohnende, und mit den Männern der Regierung viel verkehrende Prokurator Großmann von den Handlungen der Regierung hat."
Ich meines Theils finde aber in jener Jnterpella- tionsmethode eine tiefe Weisheit und eine großartige Politik; abgesehen davon, daß nach Jean Paul das die beste Unterhaltung abgibt, wenn der Eine sagt, was die Andern der Gesellschaft bereits wissen. Es ist heute just ein Jahr, daß der Abg. Großmann in der Kammersitzung ebenfalls mit einer großartigen Interpellation auftrat, indem er sich die Anfrage erlaubte, „ob dieRegierungscommission sich nicht veranlaßt sehe, über die neuesten Ereignisse Auskunft zu ertheilen, welche die Anwesenheit des Militärs (Reichstruppen glorreichen Andenkens) veranlaßt haben." Der damalige Ministerpräsident Hergenhahu, die Gedanken der Kammer erkennend, antwortete darauf: „Ich kann mir denken, m. H., daß sie Auskunft wünschen über die außerordentlichen Maßregeln, welche die
Wer gleiches Recht jedoch begehrt,
Sich offen wider Gott empört,
Ist Anarchist, wie alle Rothen,
Drum sind die schrecklichen verboten.
Vertheilt ist so des Staates Last,
Daß der sie trägt, für den es paßt,
Doch wer nun gar behaupten wollt',
Daß Jeder daran tragen sollt',
Wär' wohl der schrecklichste der Rothen,'
Ein Communist, und drum verboten.
Der Staat fragt Keinen, was er glaubt,
Gewissensfreiheit ist erlaubt;
Doch wer zu keiner Kirche hält',
Den Priestern zahlt kein Opfergcld, — Gilt selbst als Ausschuß bei den Rothen,
Ist Atheist — und drum verboten.
Drum bet' o frommer Christ zu Gott,
Daß er verdirbt die schlimme Rott';
Denn ächte Freiheit nicht gedeiht, So lang das roth' Gesindel schreit , — Doch wenn vernichtet alle Rothen, Dann wächst die Freiheit aus dem Boden.
Crispinus Hohlzahn.