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„Freiheit und Recht!"
Wiesbaden. Sonntag, 13. Juli
18419.
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# Ein verlorner Posten.
Wiesbaden, 14. Juli. Wer hat nicht schon von jenem Posten gehört, welcher, nachdem die sämmtliche Armee, zu welcher er gehörte, bereits in weite Fernen abmarschirt war, noch immer vergebens auf Ablösung harrend, seinen Dienst versah?
Nun der Erzherzog-Reichsverweser ist ein solcher verlorner Posten, welcher in erschreckender, unheimlicher Verlassenheit noch immer für die deutsche Einheit Wache zu halten vorgibt.
Die deutsche Nationalversammlung hat zwar schon längst dem Reichsverweser zu wissen thun lassen, seine Aufgabe sei erfüllt und er könne jetzt wieder in Gottes Namen nach Steyermark gehen, um daselbst für die Verbesserung der Rindviehzucht, wie bisher, thätig zu sein: — allein der alte, geplagte Johannes, der sich schon lange nach Ablösung und nach der Rückkehr zu seinen blauen Bergen gesehnt hatte, erhielt von Neuem Befehl, sein Amt ferner zu behalten: — diesmal aber nicht von der im Namen der souveränen deutschen Nation handelnden Nationalversammlung, sondern von der sogenannten großdeutschen Partei, welche ganz Deutschland dem schwarzgelben Jesuitic- mus überliefern möchte.
An dem „guten" Reichsverweser hat das deutsche gutmüthige und leichtgläubige Volk auch wieder einmal sehr bittere Erfahrungen machen müssen. Die Weiterblickenden haben gleich bei der Wahl des Neichs- verwesers dem im „Johannesschwindel" berauschten Volke zugerufen: „seid nicht aUzuvertrauend, der Erzherzog ist ein alter Mann , der unsere Zeit wahrscheinlich mit dem besten Willen nicht mehr begreifen kann; der Reichsverweser aber ist unverantwortlich und Euch über seine Handlungen keine Rechenschaft schuldig; wer weist, was ihr — Leichtgläubige — nicht noch Alles erleben-werdet."
Doch diese Warnungsrufe verhallten ungehört und nicht berücksichtigt; ja die thörichten und phantastischen Optimisten erklärten sogar die Warner selbst für unzufriedene Wühler, welche alles zu schwarz ansähen, und deren ganze Bemühungen nur dahin gingen, die Nation nicht zur gedeihlichen Ruhe kommen zu lassen.
O wären die Rathschläge der volksfreundUchen Demokraten von Anfang an vom Volke gehörig beachtet worden: wir hätten zuverlässig heute wol bessere Aussichten, die endliche Ruhe bald zu erlangen! Weil aber jetzt die sich so mannichfach kreuzenden Fürsten- intereffen die Interessen der deutschen Nation in den Hintergrund geschoben haben, — ist die Erreichung jener so heiß ersehnten „Ruhe" ohne Frage wieder in eine weite Ferne gerückt.
Als Johann in sein Amt eingesetzt wurde, waren alle Zeitungen, mit wenigen Ausnahmen, mit seinem Ruhme angefüllt., und alle Lippen strömten über von seinem Lobe. Und welchen Umständen verdankte Jo-
Die Haltung der Stadt Leipzig während des ÄufstandeS in Dresden.
(Slchuß.)
Im Volke stieg die Entrüstung und die Kampflust, als die Kunde wie ein Lauffeuer sich verbreitete, daß bereits fremde dynastische Bajonnete zur Niedcrmcylung der herrlichen Söhne Deutschlands herbcigezvgcn waren, und die provisorische Regierung einen Hilferuf hatte ertönen lassen ; indeß der Rath , des dörfischen Hinterhaltes sich bewußt, immer cntschi ede ner in seinem Schwanken wurde. Er verharrte in einem dreifachen „passiven Widerstand", einmal gegen die königl. Regierung, dann gegen die provisorische Regierung und endlich gegen das Volk von Leipzig.
Freilich, ließ er sich zu den vielen Inkonsequenzen auch noch die zu zu Schulden kommen, daß er Munition und Waffen nicht, aber freie Fahrt zum Anzüge nach Dresden wiederum ja gewährte, und auch ersteres in geringem Maßstabe.
Als am 6. nach einer abgehaltcncu Volksversammlung die Massen abermals mit der Tendenz, den Rath dadurch zur Ertheilung von Waffen zu bewegen, vor's Rathhaus zogen, stellten sich Komunalgardisten um's Rathhans zum Schutz des Raths, und der Rath — tempvrisirte. Kvmunalgardc und Volk oder bewaffnete
Hann — vorzugsweise — seine ganze Verherrlichung: einer romantischen Heirath — und einem Toast! Was hat aber nun dieser „romantische Gatte" für die deutsche Einheit gethan? Als die Zeit zum Handeln für Johann gefommen war, als er mit Hand anlegen sollte, die von der Reichsversammlung beschlossene Verfassung des deutschen Reichs ins Leben überzuführen : da erklärte der „gute und deutsche" Reichsverweser: „ich habe gar nicht die Aufgabe, mich um die Ausführung der deutschen Reichsverfassung zu bekümmern; seht wie ihr ohne mich fertig werdet"; und die im Interesse des Herrn Johann geschriebenen Journale erklärten der Nation mit frecher Stirne: der alte deutsche Bund, nicht die Nationalversammlung, habe im Grunde die Macht an den Reichsverweser übertragen. Der Reichsverweser stellte sieh also selbst, trotz der Phrase des Propheten Gagern „nicht weil Johann ein Fürst, sondern obgleich er ein solcher, werde er gewählt" — nicht als der Bevollmächtigte des im Namen der Nation auftretenden Parlaments — sondern — 0 jammervolle Täuschung! — als der legitime Sohn des alten Bundestags hin! Dieser Reichsverweser beweist Euch also klar, wohin Ihr mit Eurem albernen Vertrauen, gestützt auf schönklingende Toaste und hohle Reden am Ende kommt. Drum weg mit diesem verderblichen Vertrauen! Mißtrauen vielmehr pflanzet in Eure Herzen und trauet nimmer feigem Geschwätze, wenn es auch noch in so schönes Gewand sich hüllt, sondern nur der ernsten, männlichen, uneigennützigen That! — —
A Schule 11.
Ueber Besoldungen.
Motto: Eseisarbcit und Zeisigfutter.
Es ist eine traurige Wahrnehmung, die jeden Menschenfreund tief ergreifen muß, wenn er sieht, daß gerade diejenige Klasse der Angestellten, in deren Hanve unmittelbar die Entwicklung des ganzen Menschengeschlechts niedergelegt, und denen die Fortbildung und die geistige Existenz eines ganzen Menschenalters Preiß gegeben ist, daß gerade diese äußerst wichtigen Staats- diener, daß die Lehrer an ihrer Thätigkeit durch Sorgen um das tägliche Brod gehemmt werden, während viele Herrn Geistlichen bei weniger Arbeit mit vollen blühenden Gesichtern, mit dicken, wohlgerundeten, majestätischen Bäuchen, mit starken von Kraft zeugcn- den Schenkeln einherstolziren. Wir finden es dringend nothwendig, alle Stränge anzuziehen, um einmal diejeiit schmachvollen Besoldungsunwesen ein Ende zu machen, damit aber auch zugleich die Nothwendigkeit herbeizuführen, eine höhere geistige Kraft und Ueberlege n He it den Lehrern erringbar zu machen, was ihnen bis jetzt, und wäre auch die Vorbildung eine bessere gewesen, unmöglich gewesen ist. Denn wer
Bürger und unbewaffnete standen sich feindlich gegenüber; indeß kam es zu keiner Thätigkeit. Das Volk bewies die deutsche Tugend: Geduld in der Beharrlichkeit des Stehenbleibens auf das Glänzendste, und gewiß hat ihn, der liebe Gott des Gähnens, Teut seine Bewunderung zollen müssen- Endlich wurde es den guten Leutchen denn doch etwas zu langwierig, und sie ging zwar empört innerlich, aber äußerlich ruhig auseinander. Erst am Abend dieses Tages, als am „Petcröplatze" ein Komuualgardist einen Schuß auf eine dort versammelte Masse losgclassen hatte, da verstanden sich Einige zum Barikadenbau. Dieser unglückselige Schuß ist nun auch in ein Düster gehüllt, wahrscheinlich ist cs ein „mißverstandener." Ist cs doch nun einmal so, daß die mißverstandenen Schüsse aller Orten die Väter der Barrikaden sind. — Mag sein, daß die „über ganz Deutschland verzweigten Fäden" der mißverstandenen Schüsse irrthümlichcr Weise auch Leipzig berührt haben.
Wer wird diesen unnützen und doch blntigen Krawall nicht aus ganzer Seele beklagen k
Und welcher Leipziger wird nicht erröthen über diese Schandthat, mit welcher seine Vaterstadt jämmerlich allein steht im deutschen Vaterlande, daß Bürger ihre Mitbürger mordeten?!
Aber ans welcher Seite lastet die Schuld?
Rath und Bourgeoisie waren hier im Kleinen , wie die Minister in Dresden im Großen waren.
auf seine Bildung keinen Batzen verwenden kann bleibt ewig im Dunkeln sitzen. Unser eifriger Wunsch für des Lehrers bessere Stellung ist also mit der Verleihung einer angemessenen Belohnung noch lange nicht erfüllt; er ist es erst dann, nachdem damit eine höhere geistige Kraft errungen worden ist. Wir sind über die Zeiten hinaus, wo Lesen und Schreiben und der Unterricht der Konfessionen dem Staatsbürger genügen konnte; schon in der Elementarschule müssen nach unserer Meinung Grundsteine gelegt werden, die ihm die Auffassung seiner spätern politischen Lagen, die Lage seines Vaterlandes leicht und klar machen. Wir fragen, ob der jetzige ©einentarierter auf diesem Standpunkte stehe? und getrost können wir für eine große Zahl derselben mit Nein antworten. Wenn, wie wir nicht zweifeln, daß es einstens geschehen wird, d<r Elementarlehrer eine allgemeine politische Bildung erhält, die Grundsätze der öffentlichen Moral in sich aufnimmt und ihnen getreu bleibt, diese in die jungen Herzen, anstatt engherziger, manchmal verrückter, vor- jündfluthlicher Sinnsprüche, einzusinken versteht, dann kann sich die Welt auf eine gute Zeit freuen, auf eine Zeit, wie die Gefchichte noch keine aufzuweisen hat. Jeder muß zu diesem Ziele mitwirken, und zwar jetzt schon an dessen Verwirklichung arbeiten, obgleich man noch nicht wissen kann, was die Frucht der Arbeiten sein wird. $ern muß von Jedem die Selbstsucht sein, wenn etwas Eihabenes erzielt werden soll.
Wir haben den Lehrern eine höhere Weltanschauung in Aussicht gestellt und ihnen den Anlauf dazu empfohlen. Sie werden über diesen Ausspruch nicht murren: denn erst dann, wenn sie mit Kraft und Ucberlegenheit der reichen Dummheit und der im Wohlleben schwelgenden Unwissenheit, aber auch der manchmal im Wohlleben sitzenden höheren Intelligenz, die Waffe des Witzes entgegen zu halten verstehen, -^ erst dann wird ihr Messias erscheinen.
Deutschland.
Y. Diez, 12. Juli. Ein nassowitischer Schaukel- mann nimmt sich die impertinente Freiheit in dem gut dressirten nass. Regierungsblättchen Nr. 161, 2. Ausgabe, durch ein boshaftes, verdächtigendes Geschriebsel dat.: △ Limburg, 7. Juli, darauf hinzudeuten, als trage ein Theil der Diezer Bürger Schuld an dem „angeblichen" Verhalten der Nassauer bei Oos, obgleich Niemand eigentlich weiß, was dort vorgefallen ist; was die Nass. Allg. ihrem getreuen Schildknappen auch bemerkt und wünscht, man möge sich doch alles Urtheils enthalten, bis der Thatbestand ermittelt sey ! — Das ist sehr recht! — Dieser △ Schaukelmann sagt nun in seinem Geschriebsel:
„Jene Soldaten sind ebendieselben, welche schon einmal ihrer Pflicht uneingedenk in offener Meuterei den Befehlen der Oberen und selbst denen der Central-
Jetzt machten sich Rath und Bourgeoisie bereit, daß es gälte den Schutz des Eigenthums.
Ein gutes Mittel, das politische und humane Gewissen zu übertäuben, wo cs sich etwa sollte hören lassen wollen.
Die schwarz-gelbe, russisch verbündete „Brockhausischc" ' hatte noch dazu mit ihrem hellseherischen Instinkte in die i Herzen geschant und wohl gewußt, daß Die Leute, welche Waffen verlangten, um ihrcn bedrängten Brüdern zu helfen, die öffentlichen Kassen zu erbrechen^im Sinne hatten.
Um jedoch des Eigenthums der Stadt Leipzig noch sicherer zu sein, sah sich der Rath der Stadt in Die Nothwendigkeit versetzt, — die natürlich nicht eine politische, sondern eine soziale. Nothwendigkeit war — die Stadt Leipzig endlich unter den Schlitz :der Centralgewalt zu stellen.
Doch auch dies genügte unserm Rathe in seiner tiefsten Bekümmerniß um das Eigenthum noch nicht ganz.
Ich war nicht wenig erstaunt, als ich am 7. Morgens Züge von Handwerkern, mit Aexteu u. dgl. bewaffnet, meine Fenster vorbeipassiren sah. Was konnte ich anders denken, als daß dies revolutionäre Elemente sind. Doch, muß ich gestehen, daß ich noch mehr erstaunt war zu hören, der Rath hatte sich wirklich so weit vergangen, die Demoralisirung nicht zu scheuen und Massen von Handwerkern in Sold zu nehmen, daß sie mit den Aexten