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Wiesbaden. Donnerstag, 12. Juli
„Freiheit und Recht!"
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1849
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Was die Liebe nicht vermag, macht der Haft.
Wenn ein Volk in Knechtschaft fällt durch Gewalt oder List oder allmähliges Unterjochen, so verliert es im Augenblick Geist, Sinn mit Witz. Verstummt und vertaubt und verzaubert und verblüfft liegt es in Ohnmacht. In Ketten und Kerker denkt es im ersten Augenblick gar nichts, fühlt nichts, weiß nichts, kann nichts, will nichts. Aus dem Todteuschlaf kommt es in den £rauinfcbliimmcr. Da empfindet es zuerst das Alpdrücken des Zwimzhcrrm Allmählig erwachen die eingeschlafenen Glieder, aber die Wehrhand zuletzt. Seufzer sind die ersten Vorboten des rückkehrenden Lebens. Der Scherge, immer schändlicher als selbst der Zwingherr, sucht auch diese einzufangen. Nun stiert wohl das starre Auge, aber das Herz schlägt krampfhaft und Zorn und Ingrimm regen das Blut in den Adern. Endlich bricht das gepreßte Volksgefühl in Klagen aus und der Schmerz bekommt Sprache. Einzelne Empfindungsläute: Ach! es ist recht schlimm geworden! wie soll es noch am Ende werden! Bald erhebt die Hoffnung ihr Panier mit dein Regenbogen und die Menschen treten wieder getröstet zu einander, mit neuem Lebeusmuth, wie nach dem vorübergegan- ßeneu Gewitter. Nur die vcrklügclten Weislinge gieße« dazwischen den Wolkenbruch ihrer Waidsprüchlein: „D^ sind fromme Wünsche! Wie ist das möglich! Ach, wir haben uns schon so oft getäuscht! Das ist nun Alles vorbei! Das hilft nun Alles nichts mehr! Ja, wenn mehr so dächten!" Ans solcher Sündfluth ter fit lugt h u tret retten sich alle Bieder - Männer, so bei Sinnen und Trost sind. Von den Höhen der Vorzeit schauen sie in die Tiefen der Zukunft. Hie und da sammeln sich Häuflein von Gleichgesinnten, die sich einander erwecken und ermuthlgen. Immerhin raunt man sich von Ohr zu Ohr die frohe Kunde einer bessern Zeit, die man zuerst noch weit hin ausschiebt. Aber noch kennen sich die einzelnen kleinen Zusammenhalte nicht; ihnen bleibt nur Fahnung und Ahnung. Was die Liebe nicht vermag, macht der Haß. Widersacher, Laurer, Lauscher, Horcher, Heuchler, Spürer, Späher, Geheimnißentlocker, Entsiegler — und Verräther fahren aus der Hölle der Zwingherrn unter die Leute. Wider diese Bande treten alle Biedermänner in einen Bund. Endlich kommt Per angedrohte Verderber, Bann und Acht sind seine Gespanne und der Nachrichter sein allzufertiger Geschäftsträger. Da wird das Vaterland durch Bicderhlut gesühu et, geheiliget uud geweih et. Gott ist wieder gnädig! Denn wenn der Herr einem Volke zur Freiheit aufhelfen will, so gibt er ihm einen Wüthrich zum Landvogt. Jedermann weiß, was Jedermann will. Nun lautet der Wunsch: „Wenn doch Jemand sich ermanne!" Da regt sich das Verlangen nach Volksmänncrn, die Land und Leuten bekannt sind, ^hnen huldigt im Stillen das Herz, ihre Feder ist der
MrsL DasAcwètseh.
(Fortsetzung und Schluß.)
Wenigstens trat gerate zu jener Zeit eine sehr merkwürdige Erkaltung zwischen dem Petersburger Cabinct und dem Warschauer Königsschloß ein. Paskicwitsck's Macht erlitt sogar äußerlich mancherlei Einschränkungen. Die Trennung der Administration von der höheren Justiz, die völlige Uebergabe des Cabinets ter Geheimpolizei an Abramowitsch und dessen unmittelbare Cvrrcspondcnz mit dem Petersburger Cabinets fällt in und dickt hinter diese Epoche. Als nun gleichzeitig der kaukasische Krieg mit seinen ergebnislosen Anstrengungen auch wieder in den Vordergrund der Tagesinteressen trat, schien cs ganz passend darauf hinzuweisen, wie gerade seit Paskiewitsch's Oberkommando die Epochen der russischen Niederlagen hier ihren Anfang genommen, während unter Jermolow Erfolg von Erfolg gedrängt worden sei. Was aber die unläugbar zweckmäßigen Verwaltungscinricktungen anbelange, so fei ja bekannt, daß der jetzt in Ungnade gefallene Gen. Toll Paskiemitsch's Begleiter gewesen. Als Toll im Jahr 1844 starb, konnte man cs in ganz Rußland hören, wie dieser noch vom Todtcnbette einen Brief voll wichtiger Enthüllungen an den Kaiser gerichtet, welches indessen durch Paskicwitsck's Kreaturen unterschlagen worden sei. Eine angebliche Abschrift dieses Schreibens flog sogar von Stadt zu Stadt, von Herrensitz zu Herren
gefiederte Pfeil der öffentlichen Meinung, i ihre Hoffn ung der Hauptlosen Helm, ! ihr Name das Kennschild, ihre Kraft die unsichtbare ! Kirche einer Gemeinde Derer, die an das Vaterland ! glauben. Sie sind lebende und werbende Fahnen. Dann will Alles die Zukunft herziehen: „Ach wenn doch bald Alle sich ermannten;" Damit sind alle Lebensalter einverstanden. Aufdämmert der Schöpfuugs- morgen, cs zeigt sich der Freiheit Morgenroth und überall beginnt es zu tagen. Wider die Ausländerei jeder Art steht als Hort die hehre Volkstümlichkeit. Sprecher, Redner, Sänger, Bildner, Künstler, Erzieher, Schreiber kämpfen dann alle mit, das ganze Volk ist in der Landwehr, wenn es auch nicht in Reihe und Glied stehet. x.y/z.
D e n t s eh è K 11 d>
PP L. Schwalbach, 8. Juni. Endlich hat die hiesige reaktionäre Partei ter demokratischen etwas abgelernt. Sie gibt Zettel aus für die bevorstehenden Wahlen in den Bezirksrath, Der Oberförster Blum, die Landoberschultheißerei und die Receptur haben in dienstlichen Schreiben solche Zettel auf das Land gesendet. Ihre Eandivatcu sind Medizinalrath M alle r und Schultheiß Bester. Man weiß nicht ob man sich mehr wundern soll über den Unverstand, der darin liegt, daß Vie erstgenannten Personen empfehlen, oder über den, der darin liegt, daß die letztgenannten cmpfohlen werden. ^ur Ein Mann hier übertrifft die Herren Empfehler an allgemeinem Vcrtrauenö- mangel. Der gesunde Sinn unserer Landbewohner hat sich denn auch sofort dadurch kundgegeben, daß sie mit Lachen über diese CSnnph^iHnß ver ^.m«^,-.!^^^ 'Partei vic Bettel ein händigten. Trotz Versammlungen, trotz Einschüchterung, trotz Untersuchungen wird sich doch das Volk stets zur demokratischen Partei halten. Das richtige Gefühl führt es ihr immer von Neuem zu. Merkt es, ihr Herren, das Volk ist nicht demokratisch geschwatzt oder geschrieben worden; es ist demokratisch, weil die Demokratie vernünftig und weil ihr die Vernunft nicht hinweg oktroyiern könnt. Man hat immer gesagt, das Volk werde bei allen Wahlen von der demokratischen Partei beherrscht; es wolle eigentlich gar nicht so wählen, wie es thue. Bei den Wahlen für deu Bezirksausschuß ist das sogenannte dumme Volk sich fast überall selbst überlasten. Wir wollen sehen, ob es Männer vom alten Regiment wählt, ob es also das geträumte Zutrauen zu den Herrn von tem selben hat, oder nicht.
SR. Vom Rhein, 7. Juli. Das militärische Auftreten Preußens in der deutschen Frage reiflich geprüft, zeigt uns deutlich, daß cs von seinem ersten Entschlusse wesentlich abgewichen ist. Als nämlich Friedrich Wilhelm IV. sich von seinem märzlichen Schrecken erholt hatte, übersah er ruhig die Lage der in mehr
sitz. Darin hieß es, nicht von Paskiewitsch, sondern von Toll rührten alle kaukasischen Revrgauisationsplänc her; nickt Paskicwitsck's und Diebitfck's, sondern Toll's Verdiensten verdanke Rußland seine Erfolge im Türkenkriege ; dagegen habe der Graf von Eriwan bei der kaukasischen Verwaltung ungeheuere Summen unterschlagen, von Persien, weil bestochen, nicht die erreichbaren Vortheile erlangt, die türkiscke und englische Agitation unter den Bergvölkern, weil damals bestochen, nicht gehindert re.
Ein äußerliches Ergebniß dicker Beschuldigungen war allerdings damals nicht zu gewahren ; aber Paskiewitsch, dies wußten seine Umgebungen sehr wohl, litt außerordentlich darunter. Selbst auf sein Aussehen wirkten die Gemüthsbewegungen , verbunden mit fortwährend angestrengter Arbeit, mit dem Kampfe gegen die dauernden Sträubungen Polens gegen die Unterordnung unter das russische Gesetz auf der einen Seite, mit dem dauernd nöthigen Widerstände gegen die russssche Lust zu despotischen Uebcrstnrznngtn auf der ander Seite. Der bis zum Beginn des laufenden Jahrzehnts soldatisch straffe Körper beugte sich, das dunkelgraue Haar bleichte raseb, die Gcsichtszüge bekamen den Ausdruck einer krankhaften Schlaffheit. Selbst dies benutzte der russische Aristo- kratcnhaß.
Man sprach in Petersburg ganz unverholen von periodischen Geistesabwesenheitcu des Fürsten, man deutete jeden tem Petersburger Gouvcrner mißliebigen Vorfall in Polen, jede Offenbarung nencrstchcnber Lcdcnkuch- keiten dortiger Zustände als Beweis einer von des Fürsten
oder weniger Verwicklungen schwebenden deutschen Frage und fand — daß er wohl mit eigener Machtvollkommenheit die Kaiserkrone der Deutschen mit allen ihren Brillanten verfertigen könne und sie tragen werde. Die Nationalversammlung in Frankfurt wurde bearbeitet, um Oesterreichs Ausschluß zu erklären, damit ihm keine deutsche Hilfe zu Theil werde, damit es sich in Italien und Ungarn verbluten solle. Zu diesem Zwecke wurden alle Springfedern der Diplomatie in Bewegung gesetzt — und Oesterreich, das an Preußens Redlichkeit glaubte, ließ sich bewegen, seine Abgeordneten von Frankfurt abstrusen. Nun hatte Preußen das Ucbergewicht in dieser Versammlung, die bald seinen: Könige die Kaiserkrone anbot. Bis hieher wollte Wilhelm ly. mit der Nationalversammlung gehen, aber aus ihrer Hand die Krone nehmen, das lag nicht in seinem Plane. Mit dem Anträge der deutsche» Kaiserkrone lag für den König der Beweis da, daß sie ihm von Rechtswegen gehöre und die Gewißheit, daß die Völker sich mit dieser Ansicht vertraut machen würden. Von Stunt an ward ihm die Nationalvcr- sammlung und die Centralgewalt ein Hinderniß, das er nicht eher besiegen konnte, bis der Reichsverweser sein hohes Amt in die königliche Hand gelegt haben würde. Das gelang nicht, da steuerte Wilhelm IV. mit erneuerter Kraft auf die Nationalversammlung los, um sie aufz»lösen — und sonderbarer Weise wurden diese Schritte oft als von Oesterreich ausgehend her- vorgehoben. Was in Frankfurt mißlungen, gelang unter Römer in Stuttgart — aber zu spät, da der mit dem Großherzoge von Baden berechnete Staatsstreich zu frühe zum Ausbruch gekommen war. Wäre die Nationalversammlung eher gefallen und bevor der Badische Aufstand aesckab. d^»« W*; 'N^ Lache keinen Haltpunkt mehr, der erwähnte Aufstand wäre nach dem voraussichtlichen Plane das Strafgericht für Alle geworden und hätte zur schnellen Wicder- inbesitznahme des Kantons Neuenburg geführt. Aber dies ist nicht allein der Grund, warum Preußen einlenken zu wollen scheint. Bedenken wir, daß Oesterreich durch die russische Hilfe wieder Athem schöpft, daß es mit Preußen in Betreff deyen offenkundigen Absicht sich die Alleinherrschaft über Deutschland anzubahnen, ein ernstes Wort geredet, daß die preußische Kriegsführung in Schleswig eine ganz andere geworden, so finden wir, daß alle andern deutschen Staaten, die beabsichtigte Hegemonie Preußens in Deutschland miterrathen und mit Hand und Fuß dagegen wehren. In seinem schönsten Traume getauscht, zieht der preußische Adler die Flügel ein, statt sie aus- zubreiten; und der König weiß, daß der Abschluß seiner Rechnung mit Baden wohl bevorsteht, der Zahlungstag aber bis zum 30. F e b ru a ri 1850 hinausgeschoben werden möchte!
Vom badischen Rhein, 7. Juli, Abend. So eben erfährt man als bestimmt, daß die preußischen Trup-
Altersschwäche häufig unterbrochenen Confeguenz in den Derwaltungsmaßrcgeln. Als diese Gerüchte das rechte Ohr gefüllten hatten, ging man weiter. Der Fürst selber, hieß cs, verzweifle an der Möglichkeit, feine Aufgabe zum glücklichen Ziel zu führen. Er befinde sich in einem argen Dilemma, habe den Polen voreilige Versprechungen gemacht und könne diese jetzt nicht einhalten. Diese Versprechungen seien auch ter Schlüssel des scheinbar unlöslichen Räthsels seiner Beliebtheit bei den mit der Regierung unzufriedenen Polen, sowie des Hasses der loyalen Unterthanen. Jene Beliebtheit und dieser Haß waren nun allerdings wahre Thatsachen ; nur hatten sie andere Grundlage.
Paskiewitsch gebührt nämlich das in Polen seltene Lob unparteiisch und gerecht zu sein. ES war also natürlich, daß nach und nach gerade die gefährlichsten Gegner Rußlands ein gewisses Vertrauen zu ihm oder doch zu seinen Absichten gewannen, während jene Leute—und sie finden sich besonders häufig unter tem bestreuten Hvckatcl Polens — welche durch Anhcimgabc ihrer selbst an Rußland nur persönliche und Familicn-Vorthcile zu erraffen suchten, tem Fürsten immer feindlicher gesinnt wurden. Wir erinnern uns der Nachrichccn, welche zu Anfang des Jahres 1844 in den Zeitungen flogen. Sie sprachen insgesammt von Paskiemitsch's Rücktritt und des Grafen Tschuermtschew 9tad>folge in seiner Stellung. Ob und inwieweit darüber wirklich verhandelt winde, ist unbekannt ; jedenfalls schien des Fürsten Badereise nach Dcuijch- land auf eine schwebende Krisis hinzudeutcn, Jiitcyen