Freiheit und Ureht!"
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Wiesbaden. Mitwow, 11. Juli
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1840
Die K a m m e r
'!' Wiesbaden, 10. Juli. Wie man von allen Seiten mit Bestimmtheit versichern hört, wird ohne Zweifel die nassauische Kammer am 14. Juli zusammentreten und auch zusammen bleiben und sonach n i ch t anfgelöst werden.
Als das Ministerium W i n tz i n g e r o d a eben, umflossen von der Morgenröthe der heitersten, ungetrübtesten Zukunft, aus dem Horizont der naffovitisch- politischen Hoffnungsträumcrcien auftauchte, hörte man vielfach die Ansicht äußern, die jetzige nassauische Kammer würde demnächst auch das Schicksal der vielen eines gewallsamen Todes verstorbenen deutschen Volksvertretungen theilen.
Viele meinten, es sei charakteristisch bei den „deutschen" Land- und Ncichsständen, daß selbige in der Regel gewaltsam von dem Schauplatz ihrer Thaten entfernt würden.
Was uns anlangt, so haben wir keinen Augenblick geglaubt, das nassauische Ministerium werde die jetzige nassauische Kammer heimschicken. Alle Zeit wird es Sitte auf Erden bleiben, daß die Menschen nicht leicht Handlungen vornehmen werden, welche ihnen keinen Vortheil, sondern nur Schaden bringen können. Eine Kammerauflösung könnte aber dem Ministerium nur Nachtheil und keinerlei Gewinn bringen.
Wir betrachten hier die Sache blos aus dem Gesichtspunkt der „Zweckmäßigkeit", indem wir die heutzutage ohnehin sehr langweiligen Fragen des Rechts ans dem Gebiete dieser Erörterungen ausschließen.
Es ist zu Genüge bekannt, daß die jetzige Kammer gerade kein beneidenswerthes Ansehen im Lande besitzt, weil dieselbe ohne feste Haltung, ohne klaren Charakter, in Hauptfragen der Reaktion in unserm Lande bedeutenden Vorschub geleistet hat, und weil nicht wes nige Gesetze dieser Kammer, in welcher die Majoritäten so oft von leidigen Zufälligkeiten bedingt waren, an Prinziplosigkeit und folgeweise an Unbestimmt; heit leiden.
Der Idsteiner Congreß vom 10. Juni stellte demgemäß auch unter seinen Forderungen — 1 pos. 8 — diejenige, der Auflösung der jetzigen Kammer, „welche das erforderliche Vertrauen nicht genieße", sowie die Einberufung einer konstituirenden Versammlung, auf.
Das Ministerium Wintzingeroda hätte also hiernach einen Wunsch des Volks erfüllt, wenn dasselbe die jetzige Kammer aufgelöst und eine neue gesetzgebende Versammlung berufen hätte. Wenn man nun erwog, wie man heute vielfach, insbesondere auch in Berlin, die „Wünsche des Volks" für Verblendungen und Eingebungen des Satans hält, so konnte man gewiß mit Recht an einer Kammeraaflösung zweifeln.
Dazu kommt, daß die Negierung in keinem Falle eine gefügigere Majorität, als wie sie solche in der jetzigen Kammer hat, in einer nennt Versammlung
Fürst Paskiewitsch
Fürst Iwan Fcdrowitsch Paskiewitsch beging durch seine Geburt das Verbrechen einer kleimgssischen Familie anzugehvrcn. Sem Vater war ein dunkler Edelmann zu Poltawa, dessen Adel erst durch dtn militärischen Rang eines Obersten unlâugbar wurde. Dev Sohn trat unter Paul I. in Militärdienste. Im Prcvbraschenski'schen Regiment focht er tapfer aber unbemerkt 1806 in der Moldau, wurde bei Brailow 1809 schwer verwundet und machte dann den ganzen russischen Feldzug von 1812 bis 1815 mit. Doch erst im persischen, dann im türkischen Kriege eröffnete sich ihm der Weg an höherem Ruhme, während gleichzeitig die Befehdungen der Parteien gegen ihn begannen. Wahrend er die £nmi bei Kars schlug, Achalzike (27. Ang 1828) eroberte mch Erzerum fiel, als man erfuhr oder vermuthete, daß der FclvmarschallS- titel, der höchste in Rußland und inj Heere eine selbst über den Czaren erhabene Stelle, d<r Preis eines vortheilhaften FricdeuöabschlusscS in Adrianopel sein werde, tauchten zunächst verdicnsträubeude Gerückte empor. Denn es war ja unerhört, daß ein Mann von dunkler Herkunft, ohne Protection und Familienvcrblndnngcn in der hochtoryüischcn Adelschaft „vom goldenen Pfeiler" oder „vom sammetenen Buche", solche Stellriig ganz allein mit dem Schwert erobern durfte. Trotzdem eroberte er
erhalten haben würde. Wie soll aber bei so bewand- ten Umständen das Ministerium dazu kommen, die jetzige Kammer aufzulösen ? Rein — die nassauische Kammer ist in ihrer Majorität nicht in einer Weise bisher ausgetreten, daß ihr in Folge dieses Auftretens die Ehre des Hcimschickcns zugedacht sein könnte.
Setzen wir aber auch den Fall, das Ministerium werde in einigen Cardinalfragen die Mehrheit nicht für sich haben, so würde dasselbe gleichwol schwerlich an Kammerauflösung denken. -Eine Kammerauflösung bleibt stets eine Maßregel, welche das Volk ungemein aufregt, und man wird von ihr also nur dann Gebrauch machen, wenn ohne diese Auflösung man sich ganz und gar nicht mehr zu helfen weiß, wenn diese letztere als das letzte Auskunftsmittel (ul ima ratio) erscheint. Eine Kaminerauflösung ist aber in den kleinen Staaten nicht, und namentlich jetzt nicht, das „letzte Auskunftsmittel" — es bleibt ja noch übrig das Flüchten, unter die mächtigen Fittige der beiden Adler; cs bleibt noch übrig, daß man in diesen kleinen Staaten, jegliches selbstständige und freie Handeln mit Gemüthsruhk und in aller „Ordnung" anfgebend, sich hinter die vis major (höhere Gewalt), der preussischen oder österreichischen Bajonette verschanzt.
Oder, sagt an; ist cs denn so unerhört in dem lieben Vaterland/, daß Volksvertreter Beschlüsse gefaßt haben um deren Ausführung Niemand sich hernach kümmerte? Warum sollte also im Augenblicke eine deutsche Negierung eine Kammer anflösen, welche möglicherweise die Maßregeln der ersinn unterstützt, und welche eben schwerlich die Macht hat, den Negierungshandlungen mit Erfolg cntgegcntreten zu können? So liegen die Verhältniße und in größter „Ruhe" .wird aller Wahrscheinlichkeit nach die nassauische Kammer ihr Tagewerk vollenden können. Mittlerweile sind aber der Kammer die Trauben sehr hock) gehängt werden und bei der Regulirung der Domänen- wie bei derjenigen der Verfassungsfrage — Angelegenheiten, welche zum größten Nachtheil des Landes bis heute noch nicht erledigt sind, und deren Erledigung zuerst, ohne Verzug und ohne Unterbrechung von den Ständen bei ihrem Zusammentritt angestrebt werden mußte — wird das Land vielleicht jetzt sehr bittere Erfahrungen machen müssen.
Deutschland.
& Wiesbaden. Betreffs des Verhaltens des nassauischen 3. Bataillons vom 1. Regiment in Oos, welches Bataillon von der „Deutschen Zeitung" der Jnfainie des Plünderns beschuldigt wurde, welche Beschuldigung jedoch sich hoffentlich nicht zur Schmach unseres ganzen Landes als begründet ausweisen wird, finden wir noch zwei anderweite Notizen, welche wir
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sie; der Graf von Eriwan wurde auch Feldmarschall. Während man nun in een Petersburger Zeitungen glänzende ja bis zum Ekel lobtricfende Verherrlichungen des Feld- marfchalls las, deren bester Theil jedoch natürlich den göttlichen Czaren mit Den glänzendsten Lichtern umspielte, klang es in der medisanten Gesellschaft der beiden MvrS- kvistraßen, des englischen Kai's und NcwSkyprospecleS ganz anders. Da wußte man cs plötzlich von Lettern, Söhnen Brüdern und andern Sippen im Heer aufs ge- nancste, daß keineswegs Paskiewitsch, sondern ein einfacher Jugcnicuroffizier, Baron F. ans Curland, der Urheber uniL Schöpfer all jener geistvollen Operationen in Persien gewesen war, durch welche die Möglichkeit gegeben wurde, Den seit Katharina immer von Neuem erfolglos wieder anfgenommenen Kankasnskrieg einem für Rußland siegreichen Ende entgegenzuführen.
Es war auch nicht ohne Absicht geschehen, daß gerade ein Curländer, kein vornehmer Russe, als rechtmäßiger Besitzer von Paskicwitsch's persischem Ruhm bezeichnet wurde. So konnte eS ja gar nicht scheinen, als ob Parteilichkeit oder verletzter Kastenstolz spreche. Auch war Baron F. bereits vor Dem Frieden zu Turk- manschay im Lager gestorben; und man verzog nur leicht- spöttig Die Lippen, wenn man erzählte „ein plötzliches Fieber" habe ihn gerade damals hinweggerafft, sonst würde ihn Der Graf von Eriwan nach Dem FriedenSab- schlusse gewiß ;u ausgezeichneter Beförderung „vorgcstcllt" haben. Den Schein zu vermeiden, als ob hier Partei
bei der Wichtigkeit der Sache unsern Lesern nicht vorenthalten können. Die erste hierher einschlagende Noit; enthält die „Westdeutsche Zeitung" Nro. 40 vom 8. Juli — in einem Correspondenzartikel, datirt „Frankfurt 6. Juli", welcher wörtlich lautet: „Viele Zeitungen , besonders die „Deutsche" theilen die lügenhafte Nachricht mit, ein Corps Nassauer, Hohenzollern und Lichtensteiner hätten bei Oos geplündert und seien deshalb zurückverlegt u. s. w.; sie sind aber aus dem Grund nach Karlsruhe gesandt, weil sie sich weigerten am Kampfe gegen das Volk Theil zu nehmen und sollen darum vor ein Kriegsgericht gestellt werden." Die zweite Notiz besteht in einem Schreiben (Karlsruhe 5. Juli) im „Frankfurter Journal" (Nro. 162 2te Beilage) folgenden Inhalts: Mit Bezug auf die Artikel in Nro. 158 und 159 des „Frankfurter Journals", Datirt aus Baden-Baden vom 1. und 2. d. M., erklären die Subaltern-Ofsiziere des herzoglich nassauischen 1. Regiments 3. Bataillons, daß sie bereits die nöthigen Schritte zur Einleitung einer strengen Untersuchung in Betreff des am 30. v. M. stattgehabten Gefechts bei Oos gethan, und daß das demnächst veröffentlicht werdende Resultat klar zeigen wird, an wem die Schuld gelegen.
G^- Wiesbaden , 9. Juli. Warum macht ein Theil der protestantischen Geistlichkeit heutzutage mit den römischen Priestern gemeinschaftlich Front gegen den Deutschkatholizismus? Antwort: aus demselben Grunde, aus welchem es auch einen Tag gegeben hat, von dem an Pilatus und Herodes gute Freunde wurden, welch' letzterer bekanntlich von Jesus ein Fuchs geheißen wird. Noch eine Antwort: Gleich und Gleich gesellt sich gern; und noch eine: weil sie Ein gemeinschaftliches Interesse, ihr Hauptinteresse, enge aneinanderknüpft und eine breite Kluft stellt zwischen sie und die Römer einerseits und die freisinnige protestantische Geistlichkeit und die Prediger Der freien Gemeinden andererseits; dasjenige Interesse, ohne welches eine Scheidewand zwischen Geistlichkeit und Laien gar nicht bestände, ohne welches die Geistlichen von ihrer heiligen Nebelhöhe über der Gemeinde herunter- gestiegen, als lehrende und predigende Glieder und Brüder, in die Gemeinde; ohne welches Interesse derjenige Zustand einträte, den der Verfasser des Schrift» chens: „die evangelische Kirchenverfassnngs- frage in Nass au" so sehr zu fürchten scheint, und von dem er Seite 45 sagt: die Gemeinde sei dann Alles und der Geistliche Nichts!!
Nichts ist der Geistliche freier Gemeinden freilich in den Augen aller Derer, denen nur derjenige — „Etwas i st", den nicht etwa der Ruf und Die freie Wahl seiner Mitbürger oder Mitchristen, nach eignem tiefgefühltem Bedürfnisse, sondern den Staat, das ist ihnen die Obrigkeit, die „von Gottes Gnaden", zu einem Posten in der Gesellschaft berufen hat; denen also auch der unberufenste Salbader alsogleich zu einem
lichkeit spreche, hatte man nämlich nm so mehr Ursache als Paskiewitsch, früher der Untergebene AermolowS, an dessen Stelle getreten war, und Der Widerwille gegen ihn gerade hierin eine noch tiefere Begründung als in der Erhebung deS kleinrufsifchen Obersten-SohneS zum Grafen v. Eriwan und Feldmarfchall fand.
Uermolow, seit 1817 Gencralgonocrncur von Transkaukasien und Oberbefehlshaber der gestimmten Kaukasusarmee, im ganzen russischen Heer der einzige makellos hervorragende AdelSname Altrußland, war 1827 plötzlich in Ungnade gefallen. Seine militärischen und administrativen Verdienste waren unbestritten, sein moralischer Charakter hatte bisher als glänzende Ausnahme unter Den Dienern Der Krone dargestanden. Gerade gegen
diesen hatten sich aber Petersburger Anklagen gerichtet. Man beschuldigt ihn falscher Rechnungsführung über die ungeheuren Summen, welche der kaukassifche Kampf dem Staate alljährlich kostete. Als nun gar fein persönlicher
Gegner, General Diebitsch, alS Generaladjutant des Kaisers zur Untersuchung nach TifliS gesendet worden war, da mochte Die allrussische Partei , die altadelige wie Die burcankratisch-soldatische Fraction keinen Augenblick längee daran zweifeln, daß hier eine siegreiche Intrigue , Der sogenannten deutschen Partei vorliege, alS deren Haupt und Vertreter in Der Armee ja bekanntlich Graf Diebitsch SabalkanSky betrachtet wurde.
AlS dann Permolow wirklich seinen Abschied erhielt, kannte der Zorn seiner Partei keine Grenzen mehr. Theils