Kreit Zeitung.
______________________________________________________„Freiheit und LeeSt!"
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Wiesbaden. Dienstag, 10. Juli
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Welche Parthei hat in Wahrheit jede Bedeutung verloren?
# Wiesbaden, 9. Juli. Keinem unbefangen Prüfenden kann es einfallen, die Wahrheit des Satzes: daß die Demokratie und mit ihr die Gesammtheit der Errungenschaften der Märzrevolution aus dem Vordergrund des Schauplatzes der Ereignisse verdrängt worden seien, zu bestreiten. Allein große Unkenntniß der Verhältnisse würde Der verrathen, welcher nun meinte, die Demokratie sei von diesem Schauplatz überhaupt ganz verdrängt worden. O nein! Die Demokratie in Deutschland hat sich vielmehr aus dem Vordergrund in den Hintergrund zurückgezogen, oder ist auch, wenn ihr lieber wollt, in diesen Hintergrund zurückgedrängt worden, — und sie hat für den Augenblick die Rolle des unmittelbaren Handelns und der raschreifenden That mit derjenigen des aufmerksamen Beobachtens und des abgemessenen Zusehens vertauscht. Wenn die rechte Stunde schlägt, und wer weiß, wie bald dieselbe bei dem Hader und und Zwiespalt der deutschen Dynastien untereinander ertönen mag, dann wird die demokratische Partei wieder vortreten, und vor Allem Schwaben wird, verlaßt Euch darauf! — seine jetzt überkommene Schmach mit furchtbarem Grimme zu tilgen suchen, und die noch ungeschwächten und wenig mitgenommenen Stämme Deutschlands werden die Ehre ihres Vaterlands, wie das heldenmüthige Baden, zu vertheidigen, bis zum Tode zu schützen bereit sein. Die demokratische Partei ist also nicht der Theil, welcher besiegt, sondern derjenige, welcher für den Augenblick zur Thatenlosigkeit verdammt worden ist.
Welche Parthei aber die eigentlich vernichtete, die vollkommen aufgelöste sei — werden wir dann vollständig und klar erfassen, wenn wir uns aufrichtig die Frage beantwortet haben, wer in der That in Deutschland jetzt der Sieger, und wer in Folge dieses erfochtenen Sieges alle Gewalt dermalen in dem Reiche deutscher Ration in Händen habe. Diese Antwort kann keinen Augenblick zweifelhaft sein: unbedingt und unbeschränkt, d. h. aber absolutistisch herrschen dermalen in Deutschland die beiden Fürstenhäuser der Ho- Henzollern und Habsburger.
Der Einfluß des Hauses Habsburg erstreckt sich, — von seinen eigenen zum deutschen Reich gehörigen Staaten abgesehen — zunächst auf das südliche Deutschland, insbesondere Baiern und daneben, auf alle übrigen Theile Deutschlands, welche von Katholiken bewohnt werden: und der am weitesten in Deutschland offen vorgeschobene Posten dieser Macht ist der Erzherzog Johann, welcher den abgestorbenen Stamm der deutschen Centralgewalt, krampfhaft, und auf Befehl seines Hauses und der ultramontanen Partei umklammert hält.
Der Einfluß des Hauses Hohenzollern verbreitet sich dagegen, außer den preußischen Provinzen selbst
auf Nord-, West- und Mitteldeutschland. Vor allem sind das Königreich Sachsen und das Großherzogthum Baden wegen der Dienste, welche preußische Bajonnette und Säbel erwiesen haben, — nunmehr in totaler Abhängigkeit von Preußen. Daß nun aber Preußen und Oesterreich ganz so Handelen, „wie es ihnen eben gefällt", bedarf doch wahrlich im Angesicht der letzten und aller neuesten Ereignisse keines weitern Beweises. Genug — der schwarzweiße Adler und der schwarzgelbe Doppeladler halten das arme, zerrissene, aus tausend Wunden blutende deutsche Vaterland mit ihren scharfen Krallen umfangen.
Und nun wollen wir uns einen Augenblick in die Zeit der Märzrevolution versetzen und Nachsehen, wer damals die höchste Gewalt besessen hat.
Zur Zeit als Friedrich Wilhelm vor den Leichen der für die Freiheit gestorbenen Söhne des Volks den Hut abzog, war seine „bisher ungeschwüchte" Macht durchaus gebrochen, und sein königlicher Vetter, der Kaiser Ferdinand, mußte thatsächlich zu derselben Zeit seine Gewalt in die Hände des Volkes niederlegen. So war also die Gesammtheit der Staatsgewalt in den Märzstürmen in dem Besitz des gesummten Volkes. Allein das Volk entäußerte sich, allzusehr vertrauend, in kurzer Frist der ihm zugefallenen Macht, und übertrug sie —--nicht an die Lenker und Führer der Demokratie — sondern an die Häupter der Konstitutionell cn.
In die Hände der „liberalen" Constitutionellen wurden allenthalben die Ministerien niedergelegt. Wir erinnern an Camphausen, Hansemann, Römer, Eberhard, Hergenhahn, Stüve, Gagern. Die Fürsten griffen nach diesen „konstitutionellen" Männern, in der Erwartung, daß dieselben die bedrohten Throne, retten nud stützen würden, sie griffen nach ihnen in der Voraussicht, daß diese konstitutionellen Worthelden durch ihre zahme Vermittelungspolitik dem aus dem Felde geschlagenen Absolutismus Zeit lassen würden, wieder 4» erstarken und sich fest zu setzen. In dieser Voraussicht haben sich die klugberechnenden Rathgeber der Throne nicht verrechnet. Diese Minister „aus dem Volke," — welche aber in der That entweder dem Stande der Bourgeois, oder demjenigen der Doktrinäre entsprossen waren — diese liberalen Minister haben von vorn herein durch ein immerwährendes Satiren zwischen Concessionen, welche die deutsche Revolution dringend heischte, und den durch diese verlangten Zugeständnisse bedrohten Interessen der deutschen Fürstenhäuser die ânfânglich riesenmäßige Kraft der Märzrevolution, abgeschwächt, abgemattet und sind darauf, wenn sie nicht bereits als verbrauchte Komö- dianten bei Seite geworfen, in vollen Haufen in das Lager des Absolutismus selbst übergegangen und haben selbst — o der gränzenlosen Schmach — die gebändigte Revolution den Krallen des Absolutismus überliefert. Alle Ereignisse der letztverflossenen Zeit sind ebensoviele Belege für die eben ausgesprochenen Sätze.
Am raschesten und schnellsten erstarkte der Absolutismus nach dem Falle Wiens; aus den Blutlachen der in Wien geopferten Freiheitskämpfer, und aus den Flammen, die die heldenmüthigste Stadt Deutschlands einäscherten, erhob sich das kaum gedemüthigte Scheusal wieder in erschreckender Eile, und in der widerlichsten Gestalt.
In Berlin athmete man wieder frei auf, die Nationalversammlung jagte man heim, und die übermüthigen Bourgeois — ohne Adel, die verhaßten anmaßenden Hansemänner und Camphausen warf man mit Verachtung bei Seite, und übergab die Zügel des Regiments den kaum verdrängten Pietisten und Junkern des alten Regime. In Baiern mußte im weitern Verlaus Lerchenfeld, in Nassau noch später Hergenhahn abtreten. Allerdings sind noch bis heute die „Liberalen" Römer, Jaup, Stüve und Eberhard im Besitze ihrer Portefeuilles: allein muß man von ihnen nicht gerade behaupten, daß sie sich selbst und die von ihnen zu Tode abgeschwächte Revolution, dem Absolutismus überliefert haben? So verhält sich die Sache mit den einzelnen konstitutionellen Ministern, in deren Gefolge wir als treue Schildknappen, die gefügigen Majoritäten der Einzel-Kammern auftreten sehen. Werfen wir nun noch einen Blick auf das deutsche Parlament.
Wer hat fortwährend im Parlament die Ueber- Hand gehabt? — die Konstitutionellen! Auf wessen Seite befand sich ununterbrochen die Majorität? — auf der der Konstitutionellen! Welche Partei konnte zunächst also über die anfangs große Macht, welche im Parlamente lag, verfügen? wieder die der Constitutionellen! Also auch hier herrschten die Konstitutionellen — nicht aber die Demokraten. Was wir nun oben von den liberalen Ministern gesagt, gilt in noch viel größerem Grade von den Ältliberalcn, den Constitutionellen des deutschen Parlaments. Es ist bekannt, daß die Majorität dieser Versammlung kein dringenderes Anliegen hatte, als die gebrochene Fürstengewalt, auf Kosten der eben erst errungenen Volksfreiheiten wieder herzustellen; es ist der gesamm- ten deutschen Nation nunmehr zum klaren Bewußtsein gekommen, daß diese Majorität durch ihr hündisches Nachgeben nach Oben, und ihr Donquichottc-artiges Ankämpfen gegen eine vermeintliche Anarchie von Unten, in der. That die Anarchie von Oben sich hat gesetzlich befestigen lassen, daß diese Majorität die Ehre und Freiheit der deutschen Nation, Gott weiß auf wie lange Zeit! — verrathen, ja schmählich verrathen hat!
Keine Frage — die Majorität des deutschen Parlaments hat die ihr anvertraute Gewalt dazu benutzt, um die volle und ungeteilte Souveränetät der deutschen Nation wieder zerstückelt und getheilt in den Schooß der einzelnen deutschen Machthaber zurückzulegen.
Aber indeur diese Konstitutionellen die Nation preiß
Dr: An den deutschen Michel
O Michel! deutscher Michel Du Warst jüngst Du aufgewacht? Wie kamst Du eigentlich dazu? Wie kamst Du zu der Macht, —
Die Du Dir letzthin angemaßt? Wo alles vor Dir fiel, Und wo's Dir zu regieren fast Nur war ein Kinderspiel;
Wo Frankreich lauschte aus Dich hier
Und auch der Czar dazu Wo ersteres jauchzt': er ist kein Thier, Das träumt in ewiger Ruh.
Er hat's zwar an sich auf der Welt: Er dreht sich, wie er will: —
Doch wo man ihn mal hingestellt Da steht er immer still.
Und will, und soll er weiter geh'».
Dann findest Du heraus:
Wenn nur die „Herren" nach ihm sehn! — Lon ihrem reichen Schmaus: —
Dann freut er sich und jauchzet mit, Und glaubt er sei's gemeint, Dann kommt er in die höchste Bitt' Zum Himmel ja vereint!!
Jetzt kannst Du ruhig vorwärts gehen!
Drum freue Dich mein Sohn: Du wirst jetzt Wunderdinge sehn Der Ezar erhebt Dich schon.
Der hebt Dich von der Erde schier
Jn's Himmelreich hinein Du warst ja nichts und bleibst jetzst Thier Glaub's mir — und füg Dich drein!
Die Weisheit die aujetzt nur gilt Die Dich jetzt träumen macht — Sie ist ja nur für Freie Schild; Drum Michel gute Nacht.
0 Die Einweihung des neuen Cursaals zu Soden.
(Nächsten Mittwoch, den 11. Juli.)
Eilt auch die leidende Menschheit gerne in die Arme der gütigen Mutter Natur, um Genesung, und die nicht
leidende, um, dem Stadtgewühle fern, Erholung an ihrem Busen zu suchen, so sind die Menschen doch z>z wenig so ganz Nalurkindcr, als daß sic nicht auch in einem so ländlichen Bade, wie Soden, zuweilen eine gewisse Eintönigkeit bemerken nnd sich nicht auch wieder nach den geselligen Freuden des Lebens sehnen sollten. Zur Befriedigung dieses Bedürfnisses hat man auch in den kleineren Badeorten Conversationshâuser geschaffen, und auch Soden hat demselben einen Cursaal zu verdanken.
Ein Bau von ansprechender Lage und Aufführung, gibt eine wahre Zierde Soden's und wird nun bald auch den Glanzpunkt des CurlebenS daselbst bilden. Die E i n- weihung und Eröffnung desselben findet in fest, licher Weise mit Ball Mittwo ch den 11. Juli statt, und Hr. ColloseuS, bisher Inhaber des europäischen Hofes, hat die Restauraton in dem neuen Gebäude übernommen. Bei der schon großen Anzahl der anwesenden Entfremden, sowie der Nähe von Homburg, Frankfurt, Höchst, Wiesbaden, Königstein, rc. verspricht daS Fest ein besuchtes und schönes zu werden. Möge die Aufmerksamkeit welche Soden, wie in vielen andern Hinsichten, so auch wieder mit diesem Bau seinen Curgästen geschenkt hat, dazu beitragen, den Ruf und Besuch dieses freundlichen Taunnsbades noch mehr zu erhöhe»! —