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Freiheit und Recht!"

Wiesbaden. Samstag, 7. Juli

18419

DieFreie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1

durch die Post bezogen mit verhaltmßmaßrgem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von X^atS Erfolge. - Die Jnserationsgebuhren betragen für die vlerspaltlge Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer. 3 8 1,610 wirksamem

Bestellungen auf das mit dem 1. Juli begonnene neue Quartal beliebe man baldigst zu machen; hier in Wiesbaden in der H. W. Nitter'fchen Buchhandlung, auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern.

AS. Unsere Lage.

II.

(Schluß.)

' Haben wir denn nun aber ein Recht, noch zu hoffen? Darf der Glaube an den endlichen Sieg der Freiheit, darf er immer noch unser Herz ganz ein­nehmen, unser Handeln bestimmen? Oder war die Volkserhebung nur ein kurzer Traum, der uns auf einen Augenblick das Ziel unsrer Wünsche erblicken ließ, um es nur dann in weitere Ferne zu rücken gleichwie Moses das gelobte Land nur in der Ferne sehen durfte? Kehrt''solch ein Völkerfrühling nicht wieder, und hat der Sturm die Blüthen zerstreut, noch ehe sie zur Frucht reifen konnten? Wohl mag jetzt der Kleingläubige verzagen, mag verzweifeln an der Kraft des Geistes, der Vernunft, der Freiheit, und vor jeden: ferneren Opfer scheu zurückbeben, weil cs ja doch vergeblich sei. Wohl mag die Kurzsichtig­keit jetzt Manchen bestimmen, Dilles aufzugeben, die Kurzsichtigkeit, die die Verhältnisse nicht zu durchdringen vermag, und den Kern bei Seite wirft, weil die Schaale bitter ist. Wir aber, die wir gewohnt sind, das We­sen der Dinge zu erfassen, und nicht bei der Ober­fläche stehen zu bleiben, wir erblicken in dem augen­blicklichen Sieg der Reaktion durch die rohe Gewalt nichts anders, als das letzte Aufflackern der Lebensflamme des Auszehrenden, der dem Tode nahe ist. Und grade je toller die Wirthschaft, desto besser desto eher wird das Bischen Oel verbraucht sein. _ Derweiße Berg" diese äußerste Spitze des Absolutismus diese gleichsam sich selbst überbietende Reaktion ist nicht im Stande, die Wunden zu heilen, aus denen die Gesell­schaft blutet. Ja er sagt selber, er wolle sie nicht heilen; und sollte es ihm auch gelingen, das Elend zu mildern, die zunehmende Verarmung zu beseitigen der Mensch lebt nicht allein vom Brod." Aber auch für das materielle Wohl ist er zu sorgen weder fähig, noch entschlossen. Ihm genügt es, wenn seine Helfers­helfer sich wohl befinden um alle übrige Canaille scheert er sich nicht. Die Stichworte, die er urgirt, Gesetz und Ordnung, find an fich völlig bedeutungs­los. Oder läßt sich überhaupt ein Fortbestehen der Gesellschaft ohne Gesetz und Ordnung denken? In seinen Augen aber bedeutet Gesetz die Laune eines je­weiligen Gewalthabers, und Ordnung die Willkür der Polizei und Bajonette, und so wendet sich die eigne Waffe gegen ihn selber. Uebrigens sind wir auch längst mit dem Absolutismus fertig geworden; wir kennen seine Beweisgründe. Aber die Thatsache wollen wir konstatiren: die konstitutionelle Partei hat

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Kuicanin, der serbische National-Held.

(Fortsetzung und Schluß.)

Statt dem üblichenHalt! wer da?" sprach mich der Posten mit seltsamer Scheu folgendermaßen an: Ihr seid doch glücklich angckommen, Arambassa? dobro dosli. Wenn Ihr ins Lager wollt, so zeugt mir Euren Passus, ich bitte Euch darum." Verwundert zeigte ich ihm meinen Geleitsbrics und fragte:Was hältst du mich für einen Haiduckenführer?"Ich seh's an Euren Silbertressen und an Eurer Mütze," antwortete ehrerbietig der Serbe und gab mir meinen Paß zurück. Ich zuckte die Achseln. Der Sohn der Moldau passirte seitdem im ganzen Lager für einen Räuberhauptmann der böhmischen Wälder.

Der Posten ließ mich bis an das Hauptquartier ge­leiten , das sich seitwärts vom großen Lager in einem dichten Erlengebüsch befand, inmitten einer Cavallerie- abtheilung.

Auf einer schwanken Nothbrücke überschritten wir den tiefen Lagergraben und kamen dlirch eine lange Reihe von Zelten uud Erdhütten, zwischen welchen gesattelte Pferde an Pfähle gebunden unter freiem Himmel standen, auf einen geräumigen, halbrunden freien Platz. Die jungen Erlen, welche weiterhin das Reiterlager überschatteten,

auf die erbärmlichste Weise Bankerott ge­macht! Wer hatte die Revolution durchgeführt? das Volk! Wer war au die Spitze der Revolution ge­stellt worden? die Constitutionellen! Wer hat gleich darauf das Volk und die Revolution an den Absolutis­mus verrathen? die Constitutionellen! Wer hat die Früchte der Niederlage des Volks geerntet? der Ab­solutismus ! Ein traurigeres ÄrmnthsMgniß für diese konstitutionelle Partei kann es nicht geben: kaum hat sie dem Volke Alles wegeskamotirt, und glaubt sich nun im sichern alleinigen Besitz, so sieht sie sich plötz­lich vom Absolutismus zum Dank für ihre Dienste be- fufitrittet und bei Seite geschoben. Die Partei hat in sich keinen Halt: nur auss Volk gestützt konnte sie eine Zeit laug an der Spitze stehen: die Niederlage des Vols war ihre eigne: aber darum ist auch der nächste Sieg des Volkes, dessen erste Niederlage sie verschuldet, eine radikale Niederlage der Konstitutionellen. Die Partei fühlt diese ihre Stellung wohl; sie beginnt zu zerfal­len: hier der Uebertritt zum Absolutismus, dort zur Demokratie, je nach Jutereffe und Neigung. Wer aber war der hauptsächlichste Träger des Konstitittio- nalsmus? Die Bourgeoisie! Was war die gemein­same Idee, die sie verband und die sie zu verheim­lichen für gnt fand, während auf ihrem Aushänge­schild die Worte Volksfreiheit und Volkswohl prang­ten? Es war die Ausbeutung der ärmeren Volksklas­sen, die Herrschaft des Kapitals unter der Aegide der freien Konkurrenz! Es war dieselbe Firma, in der die Rothschild und Comp machen. Und so zweifeln wir nicht, daß der einstige Sieg der Revolution dem Volke auch diejenigen Mittel in die Hände drücken wird, die nöthig sind, um einen erfolgreichen Feldzng gegen das Kapital beginnen zu können. Die Bour­geoisie befand und befindet sich gewissermaßen zwischen zwei Feuern: sie ist genöthigt, beständig gegen Volk und Reaktion zugleich Front zu machen. Dies muß ihre Kräfte absorbiren, znmâl da, wo so wenig sitt­licher und materieller Fonds vorhanden ist, wie bei unsrer deutschen Bourgeoisie. Wir verkennen diese schwierige Stellung nicht aber dennoch hat keine Partei seit lange hündischer geendet, wie die deutsche Bourgeoisie. Während das Volk noch die letzten An­strengungen macht, seine Ehre und seine Freiheit zu retten, wird es an den Militärdespotismus verrathen von der Bourgeoisie. Zeuge Leipzig und Elberfeld, Mannheim und Karlsruhe, Zeuge ganz Württemberg, wo die Bewegung im Keime unterdrückt wird. Der Sieg des Absolutismus kömmt aber der Bourgeoisie nicht zu Gute: sie muß ebenso die Kriegskosten bezah­len, wie das Volk, sie muß ebenso leiden unter der erbärmlichen Handels- und Gewerbe-Politik der Abso­

waren hier gefällt und zur Deckung jener Hütten ver­wendet worden. Nur einen alten Eichbaum hatte man inmitten des HalbzirkclS stehen gelassen, zwischen seinen Aestcu steckten eroberte magyarische Fahnen, auf der schönsten davon sie war roth und grün , und reich mit Silber gestickt war der Kopf ihres Trägers auf­gespießt, der bei Lazvrovv polje gefallen. Bei jedem Wind­stoß bewegten sich gespensterhaft die langen blonden Locken und schaurig flatterten die blutbespriyten Fahnenbänder von Atlas , darauf die Worte gestickt:Marie von Esekucz der Nationalgarde." Der arme Fähndrich hat seine Fahne wacker gewahrt, nur mit seinem Herzblut getränkt konnte man sie ihm entreißen! Grade gegenüber der Eiche erhob sich das Zelt des Feldherrn hoch und geräumig, aus grünem Tlich mit rothen Franzen; von seiner Spitze weht ein Fähnlein in den slavischen Farben, blau , weiß und roth, im mittleren Felde das rothe Herzschild des serbischen Wappens mit dem silbernen Kreuz und den 4 blauen Feuerstählen. Vor dem Zelte schritten zwei riesige Haidncken Wache haltend auf und nieder, der Eine im vollen Nationalkostüm, im rothen Mantel und Fez, in den verschränkten Armen ein Bajonnetgewehr haltend, der Andere, den blanken Handzar in der Rechten, die klafterlange, montenegriner Flinte quer über den Rücken gehängt, einen weißen Reitermantel über dem nationellen Unterkleid, auf dem Haupte den kostbaren Kalpack eines erschlag nen ungarischen Magnaten mit blitzender Steina­graffe und stolz nickendem Reiherbusch. Rechts von Knicanin's

lutisten, unter der völligen Lähmung des Credits, un= I ter dem Steuer und Abgabendrnck, und in letzter Jn- ! stanz unter dem Bankerott der Staaten, wie das I Volk. Ihre Reihen werden sich lichten und sie wird ! nach und nach zerbröckeln, und der größte Theil des ; Mittelstandes wwd sich verlieren in die Atome des i Proletariats. So rückt denn jene Riesenrevolution näher und näher, die die Solidarität Aller auf ihre Fahne schreibt. Einstweilen leuchtet und tröstet uns der Gedanke, daß das Volk der Magyaren seine Auf­gabe begreift. Dort blickt hin, ihr Zweifler, und so I lange noch die letzte Stadt und das letzte Dorf nicht genommen ist, mögt ihr gläubig in die Zukunft schauen. , Aber auch in Frankreich ist der Krater der Revolution i noch nicht geschloßen: über kurz oder lang wird das ' Volk unter dem Racheschrei der verrathenen National­ehre zu den Waffen greifen, der nichtswürdigen Politik | eines von Kaisergelüsten schwangeren Mondkalbes ein Ende machen, und an sämmtliche Monarchien in Eu­ropa den Krieg erklären.

Gleichwie die Schrift den Stifter des Christenthums, nachdem ihn die Heiden und Juden an's Kreutz ge- ; schlagen, nach dreien Tagen wieder auferstehen läßt, so wird auch die verrathene und gekreuzigte Freiheit sich siegreich wieder erheben, und unzählige Apostel I werden allerorten erstehen , und mit feurigen Zungen die Völker zum letzten heiligen Kreuzzug gegen die ( Tyrannei aufrufen. Denndie Freiheit lebt auch im Grabe fort, uud wächst, bis sie den Sarg sprengt: das sollten sich die Todtengräber merken."

D e rr t s cH è o n k.

n Wiesbaden, 6. Juli. Nachstehende Ansprache ist uns heute von dem Abgeordneten zur deutschen Nationalversammlung Karl Hehner zur Veröffent­lichung übergeben worden:

Abschiedswort an meine Wähler!

Von Ihrem Vertrauen berufen, habe ich vom Be­ginne der verfaßunggebenden deutschen Nationalver­sammlung, am 18. Mai 1848 zu Frankfurt, bis zu den Gewaltsamkeiten gegen dieselbe, am 18. Juni 1849 zu Stuttgart, an deren Arbeiten Theil genommen, Manchem von Ihnen vielleicht zu weit rechts, Man­chem zu weit links, immer aber, das darf ich sagen, nur nach meiner innersten Ueberzeugung, so gut ich dieselbe in sorgfältigster redlichster Prüfung vom Stand- ; punkte eines Abgeordneten des Volkes zu finden ver- ' mochte.

Ich folgte nach Stuttgart, nicht in der Hoffnung eines Erfolges, sondern nur aus Gehorsam gegen die

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Zelte war ein fein gedeckter Eßtisch unter Halbdecke von ungebleichter Leinwand aufgestellt, daneben eine aus Zie- gelwättden anfgeführte, mit einem soliden Bretterdacke gedeckte Küche, deren duftige Ausdünstung uns gewaltig anheimelte. Vor der Küche hing zwischen vier in die , Erde gerammten Pfählen ein blanker, brodelnder Kupfcr- ' kessel über einer lustig flackernden flamme. Eine kleine

Laubhütte links enthielt die Feldkanzlei, ein serbischer Cavallerist und ein schwarzgekleideter Commissär des Kar- lovicer Centralregierungscomites debattieren eben darin ; sehr eifrig über ein Actenstück. Noch weiter links standen ' unter einem brettcrncn Nothdach des Feldherrn Schlacht- rosse, alle gesattelt und gezäumt.« Meine Spvrtsmana- tur trieb mich zuerst dorthin ; ein schöner englischer Hengst eine unscheinbare, aber gedrungen und kräftig gebaute Schimmclstnte, zwei Braune, die dem Gestüt jedes Fürsten ; Ehre machen würden und endlich das Prächstück: ein herrlicher Flicgenschimmcl von türkischer Abkunft, mit Augen, glnthig wie Helle Kohle, schön gebogenem Hals und tadelloser Croupe, der Boden um ihn war von den ; ungeduldigen Hufen ganz aufgewühlt. Die den Halb- : kreis abgrenzeuden Hütten der Reiterei waren aus dem ' verschiedenartigsten Material zusammengesetzt, aus ge- ; stampften Lehmwänden, frischen Erlenstämmen, Eickeii- i brettern, Stroh und grünem Reisig; ihre Mannschaft war mit Putzen der Waffen, Striegeln der Rosse und Bereitung der Mittagsmenage gemüthlich beschäftigt. Ein Offizier in Grenzeruniform trat aus dem Feldherrn-