Freie 3ntung.
„Freiheit und Recht!"
J6 147. Wiesbaden. Freitag, 22. Juni 18^9.
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Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. — Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 (L 45 fr., auswärts vurch die '"ost bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem Ers/lge. — Die Inserationsgebühren betragen für die vierspalttge Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.
Einladung zum Abonnement. "H
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Die Richtung des Blatts bleibt dieselbe.
SB^e Ex^etKil&tu
S. Zur Medizinal - Reform
Aus der Provinz, im Juni.
Wie es scheint, wird unsere Medizinal-Neform in die Brüche fallen; und es war dies auch wohl vorauszusehen bei den immer düsterer sich zusammenziehenden Gewittern am politischen Horizonte unsers armen Vaterlandes. Es nimmt mich eigentlich nicht Wunder, daß seither die Bestrebungen zu Fachverbesserungen in Hintergrund traten, indem der ganze Staatsbau erschüttert und bedroht ist. Schon seit ein Paar Monaten bringen unsere politischen Blätter feine, Artikel mehr über Medizinal-Neform, obschon Stoff genug vorhanden gewesen, und noch immer ist die Antwort noch nicht erfolgt auf die Anfrage in No. 75 der freien Zeitung über die Niedersetzung einer Mediziual-Com- mission. Diese hat schon ihre Arbeiten vollendet, wir sehen der Veröffentlichung derselben entgegen, und doch hat man bislang über sie geschwiegen. Es muß wahrscheinlich N chts zu berichten sein. — Vor allen Din- aen ist zu beklagen, daß den Wünschen der Aerzte durchaus nicht Rechnung getragen wurde, indem gerade' zu der Zeit, als die Petition sämmtlicher Aerzte wegen freier Wahl dieser Commission an btc^m^ wer ging, feite Commission von der Regierung ernannt wurde. Oktroyirt muß nun einmal sem! Zweitens ist es vor der Regierung selbst gegen den Antrag des Referenten verworfen worden, daß jüngere Mediziner zur Berathung zugezogen werden sollten. Als diese Sache in der Kammer zur Sprache kam, indem nämlich Heydenreich über die ärztliche Petition Bericht erstattete, wurde die Commyston der Regierung als eine fait accompli betrachtet und die Kammer beruhigte sich. Den übrigen ^Fachwissenschaften war doch eine selbstständige Wahl, gestattet, Also ist man wenigstens inkonsequenz gewesen. Um eine zweckmäßige Reorganisation der Verwaltung hcr- vorzubrinaen, müßten nur freigewählte Commissionen für alle Zweige niedergesetzt werden (Vergl. No. 27 der Fr. Ztg.). Wir müssen sehr bedauern, daß der Berichterstatter nicht auf eine folche freie Wahl beharrlich gedrungen hat. — Die oltroylrte Commission war circa 14 Tage beisammen, um einen Entwurf auszuarbeiten. Das alte Prinzip lchemt fest- gehalten worden zu sein; denn das, was am meisten von den Aerzten gewünscht wurde, um Medlzlnalver- waltung durch freie Wahl, hat die Commission fallen lassen. Es bleibt also der alte Kopf mit dem Zopf. Aber auch hier müssen wir unser Bedauern da: über aussprechen, daß der Abgeordnete Med.-Rath Dr. Heydenreich als Mitglied dieser Commission sich nur sehr wenig um die Medizinal-Neform bekümmert haben, ja oft 3-4 Tage in den Sitzungen garnicht erschienen sein soll. Das einzige, was wohl erreicht wird, ist eine vielleicht etwas bessere Tare. Wie wir hören, soll der Entwurf gedruckt und sämmtlichen Aerzten zugestellt werden, um die öffentliche Meinung darüber zu hören. Und wir halten es für dringend nothwendig, daß die Aerzte bei dieser Gelegenheit ihre Stimme erheben, die Federn in Bewegung fetzen, und aus dem Jndifferentismus heraustreten, der seit einigen Monaten wieder eingerissen ist. Wir fordern daher alle Aerzte auf, sich recht zahlreich und gründlich bei der Beurtheilung dieses Entwurfs durch Wort und Schrift zu betheiligen, damit die Würde und Ehre des ärztlichen Standes, sowie das Interesse des Hilfsbedürftigen Publikums hinreichend gewahrt werde, denn schon Oktroyirung der Medizinal -Commission haben wir uns größtentheils selbst zuzuschreiben, weil wir unsere Angelegenheiten nicht selbst in die Hand nahmen. Suchen wir es deßhalb wieder gut zu machen. Und wir geben uns der Hoffnung hin, daß unser Aufruf nicht vergeblich ist, wie mancher frühere, deren Nicht- befolgung sich jetzt schon durch die oktroyirte Eommls- sion gerächt hat, bei der alle Wünsche unberücksichtigt geblieben.
Der Kampf ezegen Baden und dèe häretische Pfalz.
Frankfurt, 20 Juni. Mittag. (N.D.Z.) Ob man sich am 18. und 19. an der Bergstraße geschlagen habe, ist aus den uns vorliegenden Nachrichten nicht mit Sicherheit zu entnehmen. Von Darmstadt wird am 19. Abends berichtet, die Truppen sammelten sich, cs scheine sich etwas vorzubereiten. Dagegen schreibt man aus dem badischen Hauptquartier Neckarhausen vom 18., man melde von Ladenburg, daß der Feind Bewegungen mache, welche einen Angriff vermuthen ließen, der mit Freude erwartet werde. Das Hauptquartier der „Reichsarmeeist seitwärts nach Fürth in den Odenwald verlegt. Hr. Peucker wird buchstäblich bei Seite geschoben; die Preußen treten handelnd auf. Sie stehen von Zwingenberg bis Bensheim ; ihr Oberkommandant General Gröben hat sein Hauptquartier in Zwingenberg. Zu Weinheim steht das Frankfurter Bataillon, also in erster Linie. Alle Soldaten sprechen mit dem höchsten Respeckt von der Tapferkeit des Volksheeres. Wir können stündlich entscheidenden Nachrichten entgegen sehen.
Heidelberg, 18. Juni. (N.D.Z.) Die „Soldaten des Freiheitsheeres" haben an die hessischen Soldaten folgende Ansprache erlassen:
„Mit tiefster Entrüstung haben wir gesehen, bap mehrere von unsern Kainmeraden von Euch auss Furchtbarste mißhandelt, ansgeplündert und selbst nach ihrer Gefangennahme getövtet worden sind. Wir unserer Seits haben die Hessen, welche in unsere Hände fielen, als Brüder ausgenommen, haben für ihre Bedürfnisse Sorge getragen und uns bemüht, ihr Loos zu mildern. Allein länger können wir die an unsern Brüdern verübten Grausamkeiten nicht dulden. Wir wissen daß es die landesflüchtigen und treubrüchigen badischen Offiziere sind, welche Euch, hessische Soldaten, zur Wuth und zum Hasse gegen uns entflammen. Laßt Euch nicht verführen. _ Grausamkeit schändet den Krieger, am meisten wenn sie verübt wird im Kampfe mit den Söhnen eines und desselben Landes. Darum rufen wir Euch zu: Höret auf, den Krieg gegen uns mit Schandthaten zu besudeln! Es würde uns schmerzlich sein, von Euch gezwungen zu werden, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Das Vaterland aber wird richten zwischen uns, den Vertheidigern der Freiheit, und Euch, den Kämpfern für Fürstenan- maßung,"
Heidelberg, 18. Juni. (Mz. Z.) Nach den siegreichen Tagen vom 15. und 17. ist Waffenruhe em- getreten. Das Volksheer ist organisirt, und die Gegner werden jetzt überlegen, daß sie es nicht mit einem undisciplinirten Haufen Freischaaren zu thun haben, wie im vorigen Jahre, sondern mit einem einigen, freiheitsbegeisterten Volke und einer kompakten, disei- plinirten Armee. Fast alle alten Offiziere aus der Kadcttenschule haben dieselbe verlassen und dennoch hat sie gesiegt! ès Freiheitsheer hat seine erste Probe glänzend bestanden und die Sicherheit des Erfolges ist dadurch mächtig gewachsen. Es zeigt sich, was das bis in den Einzelnen gedrungene Bewußtsein der großen Aufgabe vermag und um wie vieles die Freiheitsliebe und das Gefühl der gerechten Sache den blinden Gehorsam des Kamaschenthums überflügelt. Hundertmal hab ich es von gemeinen Soldaten sagen hören, als die alten Offiziere nacheinander davon liefen, Jebt muß jeder einzelne Ordnung halten, ohne dazu kommandirt zu sein", und sie haben ihr Wort musterhaft gehalten. Andere Revolutionen schwächen sich mit ter Zeit ab, die badische gewinnt mit jedem Tage an Festigkeit und Thatkraft. Sie hat jetzt jede partiku- laristische und speziell badische Färbung abgestreift; sie ist rein deutsch. Ich habe noch keine schönere Rede gehört, als ein Lebehoch, das neulich ein Soldat, während sie in kühler Regennacht unter freiem Him
mel kampirten, dem „einigen Deutschland" ausbrachte Sie unterhielten sich, jeden Augenblick des Signals zum Aufbruch gewärtig, mit Gesängen: „Der Freiheit Hauch weht mächtig durch die Welt",. „Ob Fels und Eiche splittern, wir werden nicht erzittern", u. s. w.; schlugen wie Klänge aus der schwungvollsten Zeit des Lebens an mein Ohr. „Um Mitternacht", sagte mir Einer, „ kömmt der General, der heute Abend auf Kundschaft ist, wo er einen Angriff machen kann, und morgen ist an uns die Reihe vornen." Und singend, im strömenden Regen, zogen sie aus. M ecos- lawsky ist ganz der Mann, den man braucht. Gestern hielt er Heerschau über die Armee, die jetzt in Brigaden eingekeilt ist. Er stellte der hiesigen Brigade ihren Kommandeur vor, Obrist Oborski, derselbe, der am Freitag bei Ladenburg kommandirte. Als er seine feurige Rede in französischer Sprache mit den begeisternden Worten schloß: II vous conduira tou- jours â la victoria! brachen die Bataillone, noch ehe Sigel den Dolmetscher gemacht, in ein endloses Hurrah aus; Alle hatten ihn verstanden. Und in der That, Mieroslawsky spricht durch seine Geberden fast lebendiger, als durch seine Worte. Solche Züge könnte ich Ihnen noch zu Dutzenden anfzeichncn, nßpr pä »'ä spät, ich mug schließen.
Karlsruhe, 19. Juni. Die Karlsruher Zeitung veröffentlicht folgende Mittheilung an die Regierung: „Das Oberkommando der badischen u n d r he in pfälzischen Armee. Hauptquartier Heidelberg, 17. Juni 1819. An dic Regierung zu Karlsruhe Während das auf dem linken Rhein- ufer operirende preußische Armeecorps vor Ludwigshafen eintraf und während der rechte Flügel des Generals Peucker unterhalb Käferthal durch Oberstlieutenant Tobian geschlagen wurde, griff das Centrum desselben feindlichen Corps mit großer Erbitterung die Ladenburger Brücke an, und sein linker Flügel drang in die Gebirge um Altenbach vor; Ladenburg und die Brücke, die Anfangs durch Ueberraschung von dem Feinde genommen worden war, wurden von der Brigade des Obersten Becker wieder zurück erobert, welche dem Feinde großen Verlust beibrachte, und die Hessen und Mecklenburger auf Leutershausen und Großsachsen zurückwarf. Ich hatte unsern siegreichen Truppen zu Käferthal eine rasche Bewegung in die rechte Flanke des Feindes, der Ladenburg in Besitz hatte, anbefohlen. Oberst Oborski, welcher den verwundeten Oberstlieutenant Tobian im Commando dieser Colonne ersetzt hatte, vollführte diese schwierige Aufgabe mit seltener Kühnheit, so daß der zugleich in der Front und in der Flanke angegriffene Feind sich am 16. in großer Unordnung auf Weinheim zurückzog. Um die Concentrirung, welche ich zu Heidelberg ange- ordnet hatte, auszuführen, stellte ich unsern rechten Flügel auf den Höhen seitwärts Großsachsen, unser Centrum bei Heddesheim, unsern linken Flügel bei Ladenburg auf. Der Generaladjutant Oberst Sigel, Oberst Thoma, Oberst Oborski und Hauptmann Mög- ling haben sich durch die intelligente und tapfere Vollführung meiner Befehle besonders ausgezeichnet; mit nicht weniger Auszeichnung erwähne ich unserer Artillerie. Unser Verlust in allen diesen Gesichten war unbedeutend. Der General en Chefr Louis Micro s l a w s k i."
Neustadt a. d. H., 18. Juni. Die Division des Generals von Weber hat gestern bei Rinnthal mit ihrer Avantgarde ein einstündiges Gefecht mit den Insurgenten unter Willich und Schimmelpfennig gehabt. Der Verlust derselben betrug ungefähr 20 Todte, 40 Verwundete und 20 Gefangene, der diesseitigen 1 Todten und 6 Verwundete. Landau ist jetzt an allen Seiten von preußischen Truppen iungcbni, Insurgenten sind nicht mehr in der Nähe dreier Ze- ^"'Karl^uhe,^20. Juni. Seit zwei Tagen waren bei uns über 8000 Pfälzer einquartirt. Am Rhein