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âeikeit und Recht!"

.U 137, Wiesbaden. Sonnlag, 10. Juni 1849.

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Briefe aus Schleswig.

1.

g Aus dem Sundewitt, 20. Mai. Sie erhalten diesen meinen Brief später, als ich denselben zu schrei­ben gedachte und Sie denselben wohl erwarteten. In­deß kann Ihnen das unmöglich auffallen, wenn Sie sich denken können, daß ein Soldat und namentlich heute ein Soldat in Schleswig-Holstein gar selten ; Stimmung und Muse hat, um verantwortliche Zei-- tungsberichte abzufassen. Eben deßhalb erwarten Sie auch heute nicht sehr viel. Das Resultat all meines Nachdenkens ist trotz aller Resignation bis dato das tief gefühlte Bewußtsein, daß wir Soldaten zu den Lastthieren der Erde zählen. Das ist wenig und dock- viel, wenn ich bedenke, daß eine große Zahl derselben immer noch auf Gottes Erde einherspazirt, ohne die Ohren zu bemerken, die ihnen unter dem Tschacko hervorsehen. Wir sind gegenwärtig im Sundewitt, das ist die Halbinsel, welche im Osten vom kleinen i Belt, im Süden und Westen vom Flensburger Ey und einigen unbedeutenden Buchten begrenzt wird.

Diesen Brief selbst entwerfe ich auf den Höhen von Düppel, jenen furchtbaren Schanzen, deren Ein­nahme und ganz kurzer ich glaube eintägiger Besitz im vorigen Jahre eine traurige Unzahl von Opfern gekostet, welche die Deutschen aber am 13. April L I. viel wohlfeileren Kaufes genommen und noch fortwährend behaupten, und auf denen wir nun schon seit 14 Tagen am 3 Mai kamen wir in Düppel an beständigen Dienst haben. Sie sind bekanntlich die Vorwerke von Sonderburg. Dies ist eine in jeder Beziehung höchst vortheilhaft und da­bei reizend gelegene Stadt am kleinen Belt, der hier nur Büchsenschußbreite hat, aber ungeheuer reißend ist. Sie ist sehr stark befestigt und wird durch Kanonen­böte, größere und kleinere Kriegs- meistens Dampf­schiffe und zahlreiche Strandbatterien, die indeß nicht auf das reichlichste montirt zu sein scheinen, gedeckt. Namentlich ist der Brückenkopf, das ist die die Brücke von diesseits vertheidigende Schanze, ungeheuer fest, und soll sogar unterminirt sein. Der Besitz dieser Stadt hat in meinen Augen eine große Bedeutung für den ganzen Krieg. Sie ist nämlich der Haupt- und festeste Ort von Alsen, das wiederum das Meer be­herrscht, und von dem (von Alsen) bisher die Haupt- erpeditionen der Dänen ausgingen. Sie muß, im Fall es im Plane der Deutschen liegt, den Krieg mit Ernst und Vortheil zu führen, genommen werden, wenn man nicht eine lange Occupation Jütlands vor­zieht. Im ersten Falle werden wir Nassauer dann die Ehre haben, den Neigen eröffnen zu helfen, zu dem Donnern und Feuerschlünde die Musik aufspielen.

Unsere Bestimmung war ursprünglich eine ganz andere. Wir marschirten nämlich von Altona aus über ElmShorn, Jtzehö in das Dithmarsche. Dort sollten wir die Westküste gegen allenfaUsige Ueberfälle der Dänen vertheidigen. In dieser fruchtbarsten Ge­gend Holsteins, welche durch bedeutende Viehmärkte in Haide und Husum sind die berühmtesten; in Husum namentlich werden in der Regel auf 3 Märkten Früh­jahrs gegen 30,000 und mehr magere Ochsen verkauft, die aus Jütland kommen, sodann bis Herbst auf den Holsteiner Weiden gehen, um im Herbst wieder an denselben Orten als fettes Schlachtvieh verkauft zu werben an Leben gewinnt, in dieser Gegend also hätten wir bei leichtem und ungefährlichen Dienste ein nach Umständen bequemes Leben gehabt, aber u n- ser Herzog ist bei uns! Wir bekamen in einem kleinen Orte diesseits Heide veränderte Marschordre, in Folge deren wir über Heide, Husum und von da über Flensburg, Gravenstein nach Düppel kamen. Hier beziehen wir alle zwei Tage Vorposten auf den Schanzen, stehen dein Feinde 100 bis 150, ja oft 60 Schritte gegenüber, ohne auf ihn feuern zu dürfen, kampiren Nachts bei einer in dieser Jahreszeit unge­wöhnlichen Kälte und gewöhnlich sehr heftigen Seewin­den, und oft sehr starkem Regen, in gar schlecht ver­wahrten Strohhütten, langweilen uns, wenn wir ab­gelöst, in ärmlichen nach unsern Begriffen und un­serm Maßstabe jetzt beinah ausgestorbenen Dörfern, deren Einwohner zum größten Theil ich weiß nicht, ob mehr aus Furcht vor den Dänen oder den Deut­schen geflohen und von denen der Rest uns mißtrauisch und argwöhnisch betrachtet und behandelt.

Ueberhaupt habe ich diesmal mehr Gelegenheit ge­habt, in Bezug auf die Schleswig-Holsteiner ein selbst­ständiges und ich glaube nach Umständen gründliches Urtheil zu erwerben, das ich Ihnen nicht vorenthalte.

Man trifft allerdings, namentlich in Holstein, den meisten Gegenden des südlichen, sowie den bedeutende­ren Orten des nördlichen Schleswig, größere Ge­schäfts- und Handelsleute, denen die Interessen einen ungeheueren Fanatismus für Dänemark diktiren, sind auszunehmen einen unbegrenzten Eifer, das dänische Joch von sich zu abznschütteln, der sie auch die bedeu­tendsten Opfer nicht scheuen läßt. Die Kriegssteuern, welche sie bisher entrichtet, sind enorm, von Rückver- gütung der Verpflegungskosten der gewiß sehr bedeu­tenden Einquartierungen vom vorigen Jahre, war noch keine Rede, und dennoch tragen sie auch heute die Ein­quartierungen im Allgemeinen wieder gerne. Aber ihr Eifer ist nicht die reine Begeisterung, die aus der Macht der Idee entspringt; er ist zum großen Theile der eines höchst vernünftigen Egoismus. Dänemark bezog nämlich aus Schleswig-Holstein einen großartigen Vor­theil durch unerhörte Steuern, Zwangsanlehen u. f. yv., ohne diesem and) nur den geringsten Genuß zukommen zu lassen. Es war ein höchst ftiefväterlid) behandeltes Stiefkind in Elmshorn wurden vor einigen Jahren die Gaßlaternen durch Handwerker aus Kopenhagen reparirt.

Hier trifft man durchaus nicht die politische Klar­heit, wie man sie von einem Menschenstamm, dessen Temperament vorzugsweise pflegmatisch cholerisch ist, erwarten sollte, und sogar die Intelligenteren sind znm großen Theil über ihre eigne Sache nicht klar. Eine richtige Würdigung der gesammt deutschen Verhältnisse ist eine Seltenheit. Weleb ein Contraft zwischen den süddeutschen und den hiesigen Blättern, welche entwe­der die spccnlatwe Organe für Speculanten na­türlich für Geldspekulanten stuf, oder im Fall sie einer freisinnigen Tendenz huldigen, dieselbe gar arm verfechten. Selbst das bedeutendste Blatt, dienoro­deutsche freie Presse" des bekannten Th. Olshausen bedarf noch sehr der widerspruchslosen Klarheit.

Jin Norden und namentlich auf Dem Lande scheinen Ge­danken und darum Begriffe Contrcbanoe zu sein. Die Be­wohner hängen mit einem unzerstörbaren Fanatismus an Dänemark. Unter solchen Umständen, bei einem so zwecklosen Leben wie wir es bisher geführt und son­der Zweifel noch langeführen müssen, in einem Lande in dem die Gegend und Landschaft menschliche Züge und Sitten, sogar die Sprache auch aller Abwechselung und Marken entbehrt, muß man jedenfalls versimpeln. Geht das noch eine Zeit lang so fort, so ist es der sicherste Weg das ganze Corps auf den Hund zu bringen. Für dieses mal Adieu! nächstens mehr.

II.

g. Von der Düppeler Schanze, Pfingstfest 1849. Ich habe nie das Vertrauen gehabt, daß die Deutschen in dieser Sache ihre bekannten Maxime der Schlafsucht und die kriegführenden Mächte ihr altes System der Ränke verleugnen würden.

Die Siege der Deutschen bei Eckernförde, Holding, Gudsö und sofort konnten mich daher nicht in den allgemeinen betäubenden Siegesjubel versetzen. Die bisherige Kriegsführung rechtfertigt mein Mißtranen. Kann man Vertrauen haben, wenn eine Macht, welche offenbar die Ueberzahl auf ihrer Seite hat, alle allen- faUsigen Vortheile des Angriffs absolut derartig ver­schmäht, daß sie Befehl ertheilt, dem Feinde^ erst zu antworten, nachdem von seiner Seite 3 Schüsse gefal­len. Was sagen Sie dazu, wenn Sie hören, daß bei der am Himmelfahrtstage in Folge der unbegrenzten Frechheit eines dänischen Kanonenbootes entsponnene Kanonade selbst^ nach offiziellem Berichte von unserer Seite 50 Schüsse gefallen, sogar die vielen miteinge­rechnet, welche die holsteinischen Kanoniere gegen wie­derholtes ausdrückliches Verbot von oben gethan, wäh­rend die Dänen 70mal feuerten, welche Differenz nad) ebenfalls authentischen Angaben von Augenzeugen nock- viel bedeutender zu unserm Nachtheil aus fallt.

Heute liegt es klar am Tage, daß auch diesmal der Kampf, welcher schon im vorigen Jahre so beschämende und traurige Resultate gehabt, für uns zu keinem ent­schiedenen Ziele führen wird. Im Feldlager spielen die Musikcorps lustig auf, als feierten wir lustige Ban­kette, statt im Feldlager dem Feinde gegenüber zu stehen.

Der holsteinische Kampf ist, man mag ihn betrach ten wie man will, immerhin im Grunde genommen ein Krieg gegen das Königthum, ein Angriff auf die sogenannte Legitimität, bei der es durchaus nicht darauf ankömmt, ob das Pergamentblättchen, auf das sie sich stützt, etwas mehr oder weniger vergilbt ist, und ob der Punkt, wo sie Usurpation wird, etwas mehr oder weniger weit zurückliegt; er ist eine reine I n surrektio n.

Die Fürsten nahmen sich dieser Sache nur an, um sie nach Belieben lenken zu können, und es wurde insbesondere, um ihr die eben gedachte ge­fährliche Farbe zu benehmen, die nationale Farbe 'he» rausgekehrt. Und in ächt germanischem Patriotismus sangen unsere Deutschen munter:Schleswig-Holstein meerumschluugen!" ohne die Schellen zu bemerken, die man ihnen unbemerkt auf den Kopf ferirt.

Der Holsteinische Kampf wurde zum Spielball der Diplomatie, jener unheilvollen Kunst derjenigen, welche das Fürstenthnm stützend, sich selber stützen. An ihm ist sie, die durch die vorjährige Märzluft ei­nen bedeutenden Schnupfen bekommen, wieder ziem­lich genesen alle Welt kennt den schimpflichen Waffenstillstand von Malmoe und heute gebraucht sie denselben wieder ebenso vortheilhaft. Gerade in­dem das Haus Preußen die Kaiserkrone ausschlägt, dominirt cs mehr als jemals Deutschland und nur preußische Politik ist es, den Kampf so zu führen, wie er geführt wird. Es liegt in seinem Pläne, die Aufmerksamkeit, und wenn man will, zum Theil die I Kraft Deutschlands in diesen Winkel zu lenken, bis I es seine Reaktion vollendet.

Darum müssen die ihm feindlichen süddeutschen und die kleineren Staaten ihre republikanischen Soldaten hierher schicken, damit der Höchstpreuß Preuße Pritt­witz sie in zeitweisen Gefechten, die wohlweislich 5u keinem Resultate führen, opfern oder damit sie we­nigsten durch ein langweiliges, erschlaffendes Leben, an dem alle besseren, entschiedenen und aufrichtigen Soldaten und Offizieren Anstoß nehmen, förmlich de- moralisirt werden. Nach diesen unerschütterlich bei mir feststehenden Fakten zweifle ich einstweilen an je­dem Angriff auf isonderburg, weil ich an jedem ent­schiedenen Schritte zweifle.

Das Ende vom Lied ist jedenfalls eine 2. Auf­lage des vorjährigen Traktates oder ein nicht weniger schimpflicherer Friede.

Wer über gewisse Dinge nicht den Verstand ver­liert, der hat keinen zu verlieren. Um so willkom­mener lauten uns die Nachrichten aus dem Süden, die trotzdem, daß wir von aller Welt abgeschlossen, keine Blätter lesen, zn uns drangen, wenn auch dürftig.

Heil unsern Brüdern und vor allem unsern Waf­fenbrüdern, die als ächte Männer ihre Pflicht erken­nend die Waffen gegen Unterdrücker zücken, welche sie zu Mördern der eignen Freiheit und darum ihrer selbst machen wollten. Glück auf der Sonne, die dort zu steigen beginnt!

Möge Schleswig-Holstein und mit ihm das tief­geschändete Deutschland immerhin noch einige Zeit wie Polen singen:Noch ist Schleswig nicht verloren! Am Tage, der Italien, Polen und Ungarn frei macht und an dem die Zwingburgen der Tyrannen, Aristo­kraten und Geldsäcke im Innern stürzen, werden auch die Ketten brechen, welche es an eine despotische Will- kührherrschaft fesseln.

Es lebe die Freiheit und Gleichheit Aller!

Eröffnung der Nationalversammlung zu Stuttgart.

1. Sitzung vom 6. Juni.

Um 9 Uhr begab sich die vollzählige National­versammlung, deren Präsident Löwe von Calbe, durch eine städtische Deputation ans dem Hotel Marquardt nach dem Rathhanse abgcholt worden war, von da in feierlichem Zuge nach dem Ständehause. Die Bürger­wehr war den ganzen Zug entlang in Spalieren auf­gestellt und präsentirte; ihre Musik spielte einen Marsch. Auf den Sallerten im Ständenhause bemerkte man zum ersten Mal Frauen und Jungfrauen. Der Gang hinter den Sitzen war von Laudtagsabgeordneten und Berichterstattern besetzt. Jin Saal der Kammer waren 104 Reichötagsabgeordnete anwesend. Beim Namens-