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WLesbs-en. Dienstag, 3 Juni

Jg 132.

Freiheit und Recht!"

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Die oktroyirte Verfassung des Herrn von Hohenzollern.

Frankfurt. 1. Juni. Das Herenzeug ist fertig, an dem die norddeutschen oder vorrussischen Eama- rillen gewoben und gewirkt im nächtlichen Dunkel, um Stoff zu erhalten zum Leichengewand für die deutsche Erhebung und die teut|d)e Freiheit. Die preußische Regierung, der Unterthan des moskowitischen Czaren, und die Statthalter ihrer beiden neueroberten Provin­zen, der König von Sachsen uud der König von Han­nover, haben einstweilen für denengeren Bundes­staat", welchen sie unter sich geschloffen, eine oktroy­irte Verfassung geschaffen und angenommen, womit unter dem Beistand der andern deutschen Fürsten und deren Regierungen auch das übrige Deutschland be­schenkt werden soll. Daß aber ein Geschenk, wie die­ses, wenn es auch noch so viel innern Werth besäße, weniger als nichts bedeute, muß Jedem klar sein, der die letztvergangenen vierzehn Monate nicht völlig ver­schlafen hat. Wer alles Recht und Rechtsgefühl im Volke auf eine so unerhört freche Weise zweimal mit Füßen getreten, wer Wortbruch um Wortbruch began­gen, und die feierlichst gegebenen Versprechungen im Augenblick, nachdem sie gegeben waren, auf das schnö­deste verletzt, wer, was er heute als freien Aus­fluß seines Willens und seiner Macht dem Volke ge­währt, morgen ebenso roh wieder entrissen, als er treulos die Verpflichtungen gebrochen, unter welchen ihn das siegreiche Volk früher begnadigt hatte wer dies Alles in dem kurzen Zeitraum von wenigen Mo­naten begangen hat und wagt es noch einmal, das Volk mit einem Geschenk von seiner ^eite narren zu wol­len, der muß selbst seine Sache für so faul und ver­zweifelt halten, daß er sich selbst wie der entlarvte Gauner und falsche Spieler über die gründliche Ver­achtung und den Ekel, den Dummhei, im Verein mit Schlechtigkeit hervorruft, ebenso hmwegsetzt, wie er sich erst über den auf ihn conzentrirten Haß hmweg-

sie Habens eilig mit dieser octroyrten Verfassung; noü? vor zwei Tagen war nach sicheren Nachrichten an das Zustandekommen dieses Giftgebräues nicht zn denken; aber da läuft mit dem elektrischen Telegraphen aus Frankfurt die Kunde nach Berlin, daß das Volks- Leer der Süddeutschen den Feldzug gegen die von dem preußischen Despotismus in s ^eld gestellte Armee bc- nennen und dasGesindel", wie der tapfere badische Krieger getauft wird, nachdem er seine adlichen tm Dienste der Contrerevolution stehenden Junker davon- acjagt, sich heldenmüthig und die Feinde der deutschen Freibeitssache ganz gehörig schlage und siehe da. schnell werden die Zwingherrn einig und sie bringen das Angebinde der Heulerzunft in Deutschland dar, daß sic sich mit ihnen gegen die wackern Eisenherzen verbünden, die für Nationalversammlung und das von ihr aufgepflanzte Banner der Freiheit und Einheit siegesmuthig in den Tod gehen. Aber diese Heuler mögen sich wohl hüten, dieses Machwerk der Eama- rillen, octroyrte Verfassung getauft, anzunehmen oder einen Heller zu seiner Durchsetzung hinzugeben. Es wäre hinausgeworfenes Geld, hinausgeworfen, damit der Bürgerkrieg erst recht aller Orten und Enden in Deutschland entbrenne und die Ruhe und der Friede nach denen sie so sehr winseln, für lange Jahre von der deutschen Erde weichen und dadurch das ehrne Reick rücksichtsloser Gewalt auf beiden Seiten eintrete.

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DieKarlsruher Zeitung" vom 1. Juni enthält folgende Erklärung:

An das deutsche Volk!

Die Erhebung des badischen und pfälzischen Volkes für die deutsche Reichsverfassung, gegenüber dem offenen und versteckten Verrathe der Kabinette, kann ihrem Charakter nach nicht auf die engen Gränzen dieser Staaten beschränkt bleiben. Eben weil sie eine deut­sche ist, weil ihr alle deutschen Herzen im Norden und Süden des großen Gesammtvaterlandes entgegenschla- aen muß sie den Drang und die Verpflichtung fühlen, sich über dasselbe auszubreiten. Die blutige Unter­drückung der Volkserhebungen in Sachsen und Rhein­preußen, welche lediglich derselben großen Sache gal­ten die Rüstungen der Contrerevolution an unsern Gränzen, die besonders feindselige Haltung der großh.

hessischen Negierung, geben diesem Drange eine be­stimmte Richtung, und statt feigen Abwartens ziemt es den Streitern der deutschen Einheit und Freiheit, ihren Feinden muthig entgegenzutreten. Wir werden auf diese Weise den Kriegern, die unwilligen Herzens uns entgegenziehen würden, die Gelegenheit bieten, in treuer Verbrüderung zu beweisen, daß sie für dieselbe Sache glühen, gegen die man ihre tapferen Arme mißbrauchen möchte, daß sie sich eben so gut zu der Höhe ihres Berufes als wahre Vaterlandsverthcidiger zu erheben wissen, wie ihre Kameraden in Baden und der Pfalz, wenn es gilt in der Stunde der Gefahr.

Die einzelnen Beschwerdepunkte gegen die großh. hessische Regierung bestehen in Folgendem:

1) Hessen bricht die Verbindung sowohl durch die Eisenbahn, als die Post ab, wodurch dem Ge­werbestande unberechenbarer Schaden erwachst;

2) die hessische Regierung hat, auf die gegen Baden und die Pfalz gerichtete Eröffnung des früheren Reichskriegsministers Peucker eingehend, zu den behusigen Rüstungen von den Kammern unter allerlei Vorwänden einen Kredit won 2,000,000 Gulden gefortert, welcher ihr indessen verwei gert ist; |

3) die hessische Regierung greift in das so wesent­lich durch die Reichsverfassung dem deutschen Volke verbürgte Versammlungsrecht ein, und sind deßhalb hessische Bürger des Odenwaldes in Laudenbach erschossen worden;

4) sie gestattet den Truppen solcher Regierungen, welche die Reichsversaffung nicht anerkannt ha­ben, den Einzug;

5) auf die am 28. d. Mts. durch den Reichstags- Abgeordneten Löwe der hessischen Regierung ge­machte Aufforderung, alle dem badischen Lande feindlichen Durchzüge zu verweigern, geht die hessische Regierung nicht ein;

6) General Schäfer erklärte durch einen Parla­mentär, daß er auf jeden badischen Soldaten, der das hessische Gebiet betrete, Iago machen lassen würde;

7) auch badische Bürger werden auf der hessischen Gränze zurückgewiesen;

8) General Schäfer hat wiederholt gedroht, sobald die Preußen angelangt seien, in Baden und in der Pfalz einzurücken, und hat in^diesem Augen­blicke sogar die eigene friedliche Stadt Worms, wegen ihrer der Reichsverfassung entschieden zu- gethaneu Gesinnung, bombardirt.

Im Angesicht dieser drohenden Gefahr gebietet die Pflicht sowohl, als das Recht der Selbsterhaltung, daß die badische Armee diejenigen Punkte besetzt, welche der Feind als Angriffspunkt gegen Baden benützen dürfte. _

Wir beabsichtigen nicht, Krieg gegen die Hessen zu führen, das liegt eben so sehr auf der Hand, als wir es hiermit feierlich erklären.

Wir suchen diirch unsern Einmarsch in Hessen le­diglich zu bewirken, daß die hessische Regierung den feindlichen Truppen den Durchmarsch nicht gestattet, und ihre eigenen Truppen auf die Verfassung verei­digen lasse. , .

Dabei ergreifen wir die Gelegenheit, vielfach aus- gestreuten Verdächtigungen der reaktionären Partei gegen das badische und pfälzische Volk, sowie ge­gen die aus freiem Vertrauen der Bürger an dessen Spitze getretenen Behörden entgegenzutreten. Es ist die zum Ekel wiederholte Beschuldigung, daß die ganze Schilderhebung nicht die Anerkennung der deutschen Reichsverfassung, sondern die Einführung der rothen Republik zum Zwecke habe. Wie auch hierüber die Ansichten Einzelner beschaffen sein mögen, so viel kann mit vollster Gewißheit versichert werden, wie es denn auch offen vor den Angen aller Welt liegt:

1) daß eben nur die Feststellung und Sicherung der von der deutschen Nationalversammlung be­schlossenen Reichsverfassung und der darin ge­setzlich festgestellten Rechte und Freiheiten des Volkes, gegenüber den unverholen auftretenden, auf die russisch Allianz gestützten, despotischen Gelüsten der Fürsten, der Zweck der Bewegung ist;

2) daß nur theils die Untreue, za der offene Ver­rath Seitens der meisten Regierungen der deut­schen Einzelstaaten, theils die allermindenst schwankende zweideutige Haltung derselben, die

Männer, welche an der Spitze der Bewegung stehen, jenen großen ungewöhnlichen Verhält Nissen gegenüber zu entschiedenen ungewöhnlichen Maßregeln gedrängt haben, wie sie allein geeig­net waren, das Vaterland und die Freiheit zu retten, wozu sie sich um so mehr durch ihre Vaterlandsliebe und Pflichtgefühl gedrängt füh­len mußten, als es zugleich galt, das badische Land, welches durch verrätherische Einflüsterun­gen des Ministerium Bekk in solchen Tagen je­der obern Leitung durch die Flucht der Behör­den und des Fürsten beraubt war, vor Anarchie zu schützen;

3) daß Niemand mehr, als sie selbst, den Augen­blick mit Sehnsucht erwarten kann, wo sie ihr eben so schwieriges, als gefährliches Amt, nack- befriedigender Lösung ihrer großen Aufgabe, so weit dieselbe in ihren Kräften liegt, in die Hände des Volkes zurückgeben können, aus denen sie dasselbe empfangen, worauf es Sache eben dieses Volkes sein wird, dem sie hierbei in kei­ner Weise vorgreifen dürfen und wollen, über die_ definitive Ordnung der öffentlichen Verhält­nisse im Lande zu entscheiden.

Allerdings ist die Frage der deutschen National- einigung, welche den Kern der ganzen Bewegung bil­det, neuerdings dadurch in eine schwierigere Lage ge­treten, daß:

1) nicht nur das vom deutschen Reichsverweser kürzlich berufene Ministerium Grävell gleich bei seinem Amtsantritt von der Nationalversamm- lung mit einem wohlverdienten Mißtrauensvotum begrüßt worden ist, sondern auch

2) die Centralgewalt selbst in ihrer jetzigen Ge­stalt bei der offenen, pflichtwidrigen We gerung des Reichsverwesers, die Verfassung auf jede Weise durchzuführen und überhaupt die Be­schlüsse der konstituirenden Versammlung in's Werk zu setzen, von dieser letzteren, deren Ge­schöpf fie war, aufgehoben und ihre anderwei­tige Gründung beschlossen worden ist.

Demungeachtet aber bleibt uns als unverrückbarer Halt- und Mittelpunkt unserer Bestrebungen, welcher uns vor jedem Abirren nach irgend welcher Seite hin schützt,

die deutsche Nationalversammlung selbst und das von ihr vollendete Verfassungswerk.

Gereinigt von den Feigen und Verräthern, die jedem Aufschwung zu großen und energischen Be­schlüssen hemmten, bleibt uns in ihr ein kleiner Haufe fester getreuer Männer, auf welche das Vaterland mit Stolz und Vertrauen blickt, deren sich Reihen von Tag zu Tag durch gleich muthige Gesinnungsgenossen von nah und fern verstärken. Und ginge die Ver- sammlung selbst zu Grunde, was Gott und das deutsche Volk verhüten werden, so bleibt lins als ein unver­gängliches Vermächtnis; ihr Werk, die Reichsverfassung, um das sich alle deutschen Herzen in Nahe und Ferne schaaren, und die als ein siegreiches Schild vor ihren Kämpfern einherschreitet, das ihnen überall, selbst in den Reihen gezwungener Gegner, Bundesgenossen schafft, welche nur der Gelegenheit harren, sich mit ihnen zu vereinigen, und die Waffen gegen dieselben Schergen des Despotismus zu kehren, welche sie ihnen gegen ihre Brüder aufgedrungen haben.

Darum muthig und treu! Der Worte und Schwüre sind genug. Die Zeit der Thaten ist ge­kommen. Das Nächste gilt es ins Auge zu fassen, um nicht nicht über die Bedenken künftiger Gestaltung die Gegenwart zu verlieren, den letzten Augenblick zu versäumen, in welchem die Errungenschaften der März- revolntion vor der offenen Contrerevolution der Ka­binette noch zu retten sind. Es gilt Alles einzusetzen, weil Alles zu verlieren ist. Nicht Republik oder Kon- stitutionalismus, sondern Freiheit oder Knechtschaft, Russisch oder Deutsch, das ist jetzt die Frage. Dem Bunde der Fürsten muß sich der Bund der Völker entgegenstellen. Die Streiter des Volks werden nicht ausbleiben, nehmt sie auf wie Eure Brüder!

Mannheim, den 28. Mai 1849.

Der Oberbefehlshaber der badischen Truppen: F. Sigel, Major.

Der demselben beigegebene Civillommissär: Fr. Raveaux, Reichstags-Abgeordneter: ^