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Freiheit und Ueeht!"

Wiesbsderr. Donuerstsg, 31. Mai

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Der Abgeor bsrete Heyderrrei.h und seine Wähler.

± Bon der Dill. Die nicht unbeträchtliche Schaar unserer mit feierlichen, öffentlichen Mißtrauensvoten versehenen Abgeordneten .scheint, seitdem ihr College Leisler in der bekannten Erklärung, zugleich zu Nutz und Frommen seiner Schicksalsgenossen, die Mißachtung des Volkswillens in ein Systech gebracht hat, noch be­haglicher in ihrer Unbeweglichkeit zu beharren. Na- mentlich gilt dies von dem durch die Mehrheit seiner Wahlmänner abgerufenen Abgeordneten Heyden­reich, welcher sein Verbleiben in der Kammer durch stillschweigende Hinweisung auf jene Erklärung recht­fertigen zu wollen scheint.

Heydenreich will also seine Wähler mit dem Leisler'schen Lehrsatz abfinden:Da die Wähler nach unseren Gesetzen kein Klagerecht haben, um ih­ren gegen Treue und Glauben die Rechte seiner Auf­traggeber preißgebenden Abgeordneten zwangsweise aus der Kammer zu treiben, und da cs nebenher auch (wenigstens nach der Ansicht der Bemißtrauten) nicht wohlgethan wäre, ein solches Gesetz zu geben, so er­fordert es die Ehre des Abgeordneten, der nicht auf ein Zwangsrecht gegründeten, sondern an sein Gefühl für Ehre und Sitte gerichteten Aufforderung seiner Wähler zum Trotze seinen Sitz zu behaupten."

Oder sollte sich unser Abgeordneter wohl gleich je- nem Lehrmeister der Abgeorduetcumoral in dem edlen Trotze gegen den Willen seiner Auftraggeber durch die scharfsinnige Betrachtung gestärkt finden, daß das üb- r.ge Volk durch sein Schweigen eine Vertrauensvotum ablege L Man sieht, das Herrschen und die Vortheile desselben sind süß, und die Gründe für die Vertheidi­gung des Besitzes derselben leicht gefunden.

Man sollte denken, wer das Recht und die Ver­antwortlichkeit der Wahl hat, der habe auch die Pflicht der Beaufsichtigung rc. des Gewählten. Beruht nicht, wenn doch von einem durch Stillschweigen er­klärten Willen des Volks die Rede sein soll, die Wahl des Abgeordneten auf der stillschweigenden Genehmigung des Volks in den anderen Wahlbezirken, und muß nicht nach demselben Grundsatz nach öffentlicher Auf- kündigung des Mandats mit noch größerem Recht das Stillschweigen des übrigen Volks als zustimmend zu dieser Abberufung ausgelegt werden? Werden wohl die Herrn Henden reich, Leisler, Großmânn, Zoll mann, Preiß, v. Eck das Gegentheil glaub­lich machen, oder gar, wie sie müßten, Nachweisen sönnen?

Wir wissen und wußten schon bei der Wahl recht gnt, daß uns die vollziehende Gewalt nicht zu Gebote stehe, um unsern Abgeordneten, wenn er der Sache des Volks untreu werden sollte, aus der Kammer zu entfernen. Wir wußten auch, daß ein ungetreuer und deßhalb abgerissener Abgeordneter sehr wahrscheinlich, ebenso wie Herr Leisler, durch sophistische Unter­schiebung der Zwangsrechtsfrage, statt der allein an­geregten Ehren- und Gewiffensfrage, den durch Miß- verstänvniß erlangten Sitz zu behaupten suchen werde. Aber eben, weil wir dies alles wußten, und weil auch Herr Heydenreich diesen sorglichen Gedanken seiner Wähler recht gut kannte, suchte er demselben zur Ver­stärkung der Wirkung seiner höchst freisinnigen Aeuße- rnngen und Versprechungen dadurch zu begegnen, daß er vor sämmtlichen Wahlmännern öffentlich und feier­lich das Versprechen ablegte:

daß er, wenn er durch seine Abstimmung in der Kammer das Vertrauen seiner Wähler ver­lieren sollte, auf die von der Mehrzahl der Wahl­männer erfolgte Mißtrauenserklärung alsbald seine Stelle als Abgeordneter niederlegen werde. Die Zahl der Wahlmänner bei der Wahl des Herrn Heydenreich war 307. Von diesen stimmten 160 für denselben. Es haben indessen 178 und nachträg­lich noch 9, im Ganzen also 187, demnach 34 mehr als die Hälfte, und 27 mehr als er selbst Stimmen gehabt hat, in einer an den Vorsitzenden der Kammer abgeschickten und in der Freien Zeitung veröffentlich­ten Adresse unter vollständiger Entwickelung ihrer Gründe erklärt, daß der Abgeordnete Heydenreich ihr Vertrauen verloren habe, und denselben mit Ver­weisung auf sein öffentlich abgelegtes Versprechen auf­gefordert, seine Stelle als Abgeordneter niederzulegen.

Bis heute hat dieser Abgeordnete dieser ihm einge­

händigten feierlichen Aufforderung keine Folge geleistet, ' ja seine Wähler nicht einmal einer Antwort gewür- , digt. Durch Aufzählung der Beschwerden haben wir ihm Veranlassung und Stoff zur Erläuterung seines Verhaltens gegeben. Er weiß keine Eutschuloiguugs- gründc vorzubringen, er har keine Erwiederung auf den an feine Ehre und sein Rechtsgefühl gerichteten Aufruf! Dieser konservative Mann des Rechtsbodens und der Legitimität, der über der Heiligyaltung ver- i mutierter Vertrage, Gesetze und Herkommen Die Leiden I und Bedürfnisse res Volks der Regiernngsgewalt ge- : genüber nicht sieht, wagt es, vor den Augen des gan­zen Herzogthums einen feierlich eingegangen Vertrag mit dem Volke zu brechen, und mit Verletzung des gegebenen Worts die höchsten Interessen des Volkes fortwährend zu gefährden.

Das ganze Volk, durchglüht von dem Drange nach Einheit und Freiheit des Deutschen Vaterlandes, fordert stürmisch, um seine Reihen gegen den lauernden Ver­rath einiger Partikularisten enger zu schließen, die Be­eidigung der Beamten unD der bewaffneten Macht auf die Reichsverfassung. Heidenreich stimmt dagegen und bestärkt unsere von einer schlimmen Politik be­seelten Regierungsmänner in ihrer dein Lande verderb­lichen Verblendung über die Stimmung des Volkes. Er stimmt gegen thatkräftiges, . zeitiges Handeln dem gerüsteten Relchsfeinde gegenüber, Nicht weil eine oder die andere Abstimmung den Beifall der Wähler nicht hat, nicht aus Leichtfertigkeit und llnbeftanD, welche der 'Abgeordnete Leisler, um die Abberufung Der Abgeordneteten als absurd barzusteUen, dem von ihm für unreif erklärten Volke vorwirft; sondern erst dann macht das Volk von seinem Nothrecht der Abberufung Gebrauch, wenn eine Reihe von Abstimmungen, in Verbindung mit gewissen untrüglichen Kennzeichen, den Abgeordneten als abgefuücn vom Volke, als einen sy­stematischen Anhänger der verkehrten Negierungspolitik, als einen Vertrauensmann der Regieeungsgewatthaber und nicht des Volkes, unzweifelhaft ergeben haben.

Welche Waffe bleibt dem Volke, welches so gerne den legalen Weg gehen möchte, wenn in der gegen­wärtigen Stunde der Entscheidung über sein Schickfal, sein Wille, sein Gefühl, seine Einsicht bei der Neuge- staltnng des Vaterlandes in seinen Vertretern keinen Ausdruck findet, wenn diese hierüber an der entschei­denden Stelle ein unwahres Zeugniß ablegen? Wir ersuchen die ganze Majorität in unserer Kammerj in deren Interesse, und gegen das des Volkes die Lehre von der Unwiderrnflichkeit der Wahl erfanden worden ist, über diese Frage ernstlich nachzudenken. Wenn aber durch ein förmliches, unbedingtes Versprechen die Frage über die Widerruflichkeit des Mandats in das Gebiet des bürgerlichen Rechts und der bürgerlichen Ehre verpflanzt worden ist, so handelt es sich ganz einfach um das Worthalten als ehrlicher Mann oder um das Gegentheil.

Vor dem ganzen Volke fordern wir daher den Abgeordneten Heldenreich wiederholt auf, seinem feierlichen Versprechen gemäß, nachdem ihm die über­wiegende Mehrzahl der Wahlmänner des Bezirks *) das entschiedenste Mißtrauen zu erkennen gegeben und ihn zum Rücktritt von seiner Stelle als Abgeordneter aufgefordert hat, Dieje sofort zu verlassen.

Wenn auch auf diese wiederholte Aufforderung der versprochene Rücktritt nicht erfolgt, so werden wir es dem Urtheile des gesummten Volkes und insbesondere den Mitgliedern unserer Abgeordnetenversammlung an­heim geben, ob ein mit dem Makel des offenen Wort­bruchs behafteter Mann die Ehrcnftclle eines Abgeord­neten langte bekleiden kann.

Nationalversammlung zu Frankfurt.

230. Sitzung vom 29. Mai.

Nach Verlosung des Protokolls zeigt der Präsident wieder 7 AnStrittserklâriingen an. Von Seite des Neichsniinisterinins wird die von der hannoverischen Regierung geschehene Abberufung der hannoverschen Abgeordneten mitgetheilt. Ferner eine Er­klärung deS hannoverschen Bevollmächtigten wonach für ein aus­getretenes Mitglied weder eine Neuwahl angeordnet noch der Stellvertreter einberufen wird.

*) Viele Wahlmänner der entfernt liegenden Ortschaften sind noch nicht zur Unterschrift aufgefordert worden, und wrr sind überzeugt, wollten wir unS noch weiter bemühen, eS würden außer einigen Conservativen und Indifferenten jetzt alle seine Wähler die Adresse unterzeichnen. Namentlich sind die Bürger in Herborn jetzt seine heftigsten Gegner. A. d, C.

Der neue Kriegsminister Prinz Say, Wittgenstein besteigt die Revnerbuhne um eine Interpellation von Nigel in Bezug auf daS Ergebniß oer Untersuchung über die in Frankfurt stattgehabten m4itäiischeu Ereße zu beantworten. Der Herr Prinz beginnt ihmv. leise, weßhalb Der Ruf ertöntlaut." Es ist eine schlimme Sache um die Akkustik - erwidert der Herr Prinz - wenn die Herren etwas mehr rechts säßen, so würden sie besser hören. Darauf die Antwort auf die Juterp.llation, daß die Untersuchung ohne Unterbrechung fortgsführt werde (ungefähr, wie die Schmer- Ungächeu Unterhandlungen mit Ungarn) aber bis jetzt kein Resultat gehabt habe. Uebrigens könne der Minister die Ver- sicherung geben daß nichts versäumt worden sei, um ähnliche be- trüb, nde Vorfälle zu verhindern.(??)

Simon von Trier ste lt Namens des DreiMeruuSsch uffes das E such an die Versnmnluug , heute Nachmittag um 5 Uhr eine Atzung zu halten um über die Frage der Verlegung, >0 wie diejenigen Anträge die damit in Verbindung stehen, zn verhandeln. a ö

Es wird zur Wahl eines ersten Vicepräsir enten an die Stelle des davongelaufenen Biedermann geschritten. Gewählt wird an­fangs der z weile VeepräsiDent, Eiseusiuck, mit 93 von 118 Stimmen. Dieser lehnt indeß beharrlich ab, weil er wünscht, daß dem Bureau eine neue tüchtige Kraft hinzugefügt werde, worauf statt seiner Löwe von Kalbe mit 98 von 110 Stimmen gewählt '.nur. Löwe von Kalbe nimmt an mit der Bemerkung, daß ein­zig und allein durch die Nationalversammlung, so zerstückelt sie sein möge, die volle Souveränität des deutschen Volks vertreten werde; Dieser Souveränetât werde er sich bemühen würdig zu sein. (Beifall) 7

Es kommt der B wicht des DreißigerausschusseS über den FallaPichen Antrag auf Vertagung der Dersamuilang bis ziim 20. Juni zur Verhandlung. Die Mehrheit des Ausschusses trägt auf Tagesvldnung an. In der Diskussion spricht von Reden einer Vertagung in der Art das Wort, daß die Versammlung wieder eröffnet werde, wenn 250 Mitglieder beisammen sind; aber jedenfalls wieser auf den 15. Juli zusammenbernfen werde. Es kommen die alten Gründe wieder zum Vorschein, die Versamm- b"ig sei zu sehr zusaMinen geschmolzen, sie vertrete nicht mehr alle Theile Deutschlands, sie iverde, wenn sie jetzt zusammenbleibe, entweder an lleberüürtzung oder an Auszehrung sterben; durch Vertagmig könne ihr allein wieder auf die Beine geholfen wer­den. to ch 0 d e r spricht sich kräftig gegen eine Vertagung aus. Es sei jetzt nicht Zeit, die Hände in den Schooß zu legen und feig auseinander zu gehen. Die Nationalversammlung muffe h rudcl«, eine neue Exekutive anordnen und dafür sorgen, daß jeder Angriff auf die Nationalversammlung selbst >vie auf die verfassungSfrei,üblichen Länder zurückgewiesen werde. Buß sucht in silner gewöhnlichen Kapuzinerweise die Vertagung plausibel zu machen. Er behauptet und über daS, was beim Reichsver- Weser vorgeht, mag er wohl unterrichtet sein daß der Reichs- Verweser dreimal aufgefordert worden fei, die provisorische Central- gewalt in die Hände Preußens niederzulegen, ja daß die Zu- muthuiig an ihn gemacht wurde, die Nationalversammlung mit Seivalt aufznlösen ; der Reichsverweser habe sich indeß (natürlich nur um der preußischen Hegemonie entgegenzuarbeiten < geweigert. Der Berichterstatter, Tafel von Stuttgart, weist auf eine Reihe von Adressen hin worin die Erwartung ausgesprochen wird, daß die Versammlung zusammen bleibe, und ihr zu Gebot stehende Mittel zur Durchführung der Verfassung ergreife. B i der Ab- Kimmung wird mit großer Mehrheit Tagesordnung be­schlossen.

Der Antrag des Dreißigerausschnsses, heute Nachmittag um 5 Uhr eine Sitzung zu halten, um über die V rlegung der Ver­sammlung zii^ berathen , wird mit 61 gegen 60 Stimmen abge- l^hut Die Sitzung wird erst auf morgen 10 Uhr festgestellt.

(R. D. 3.)

Deutschland.

LPG Frankfurt, 27. Mak. Je vcrlämndersschcr und ekelhafter die Motivirung des Audtvittes Der Herren Biederman n, Kier ul ff, Welcker und Genossen war, um desto mehr ist es nöthig, die Gründe offen darzulegen, welche Die Linke bestimmten, gegen den von diesen Herren beantragten Zusatz zu stimmen. Seit mehren Tagen hatten diese Würdigen ihre Aus­trittserklärung in Der Tasche und das Amendement zu Dem Uhland'Den Entwürfe sollte nur Die Gelegen­heit bieten, Den längst gefaßten Entschluß mit Anstand auszuführen. Mehre Mitglieder Der Linken, welche für diesen gänzlich bedeutungslosen Zusatz im Dreißiger- Ausschuß gestimmt hatten, fühlten sich deßhalb aus cölle- gialischer Freundschaft gedrungen, sich in der Versamm­lung dagegen zu erklären, um nicht auf diese Weise den Plan des Herrn Biedermann und Genossen zu stören. Gewicht erhielt der Zusatz nur dann, wenn man den Standpunkt derjenigen einnahm, welche wie Heinrich v. Gagern, den Deutschen die Rolle Der Russen in Ungarn zuweisen wollten. Diese Menschen sehen ruhig zu, daß das Ministerium Manteuffel Tausende von Russen, welche in Oesterreich Ruhe und Ordnung ;i la russe herstellen sollen, über Die schle­sische Eisenbahn Jassiren ließ; für sie sind ja die Rus­sen noch die Genossen der Freiheitskämpfe von 1813 und Die Manifeste des Ezaren nehmen sie für ver­blümte Freundschaftsbezeugungen. Die Russen gelten ihnen nichts daß sie thatsächlich auf deutschem Ge­biete waren und täglich noch sind, ist ihnen gleichgiil- tig daß faktisch deutscher Boden von Juchten be-