Freiheit und Neckt!"
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Wèesb-sden. FreèLsg, 23. Mai
IS49
Der Entscheiduttgskampf naht
x Wiesbaden, 23. Mai. Durch die lange Knecht- schaft und das mit derselben stets verbundene offizielle System der Lüge und Heuchelei hat sich eine solche Begriffsverwirrung und Demoralisation verbreitet, daß Viele und zwar gerade Diejenigen, die sich über das Volk hoch erhaben dünken, den. gesunden Menschenverstand und das gesunde Menschengefühl förmlich ein- gebußt haben, daß sie das nicht mehr einsehen, »pas jedes Kind eiusieht, daß ihnen geradezu das Vernünftige als das Unvernünftige und das Unvernünftige als vernünftig erscheint. Wie schreien diese Heuler, selbst solche, welche die Reichsverfaffung anerkannt und beschworen haben, jetzt wieder über die Erhebung Badens und der Pfalz! Nichts äls unmotivirtes „Uebcr- stürzen", nichts als „Anarchie" und „Unordnung"! Betrachtet man nun mit vorurteilsfreiem Blicke und und „unbeirrt durch des vornehmen Pöbels Geschrei", diese Bewegung, so erscheint dieselbe in jeder Hinsicht gerechtfertigt. Man sagt zwar, die badensche Regierung habe die Reichsverfaffung anerkannt, es sei also fein' Grund zum Auftreten gegen diese Regierung vorhanden gewesen, und dennoch habe man dieselbe auf gewaltsame Weise gestürzt. Wir wollen jetzt nicht davon reden, daß diese Regierung seit langer Zeit alle gerechten Forderungen des durch fremde Bajonette niedergehaltenen Volkes mit Hohn und Verachtung zurückgewiesen hat, wir wollen uns einmal rein an die Verfassungsfrage halten. Mit der bloßen Anerkenn u n 11 g der Reichsverfaffung ist noch _ gar nichts gethan ; wenn man dieselbe wirklich will, so muß man sie auch gegen äM Angriffe vertheidigen, lind diese Angriffe drohen von allen Seiten. Wer dies nicht sieht, der will eS nicht sehen, der will aber auch in seinem Herzeu die Reichsverfaffung nicht. Die preußische Regierung hat in der bekannten 9iotc der Verfassung und allen deutschen Staaten, welche sie anerkannt haben, den Krieg erklärt. Und daß es diese Regierung nicht bei bloßen Worten bewenden läßt, das hat sie durch ihr blutiges Einschreiten in Dresden sattsam bewiesen. In dem letzten Armeebefehl hat dieselbe jene Kriegserklärung wiederholt, indem der Armee eröffnet wird, sie solle nicht nur in Preußen selbst „Ordnung und Gesetz herstellen", sondern auch „in den übrigen deutschen Ländern".
Was that nun die badensche Regierung solchen drohenden Gefahren gegenüber? Nichts, rein nichts I Was soll da das Volk thun? Soll es sich auf den sogenannten passiven Widerstand beschränken? soll es warten, bis ihm die Kehle zugeschnürt wird? — Es kann, wenn es ihm mit dem Kampfe gegen den Absolutismus Ernst ist, nichts Anderes thun, als daß cs die Regierung, welche durch ihr Nichtsthun beweist, daß sie selbst den Umsturz der Verfassung gern sehen würde, beseitigt, und eine solche an ihre Stelle setzt,
auf welche es sich verlassen kann. Das hat das M . densche Volk gethan, mit einer Einmürhigkeit nnvH Schnelligkeit, daß die ganze Operation fast ohne alles L Blutvergießen vollbracht wurde. Es hat Nichts, als
einen Akt der Nothwehr gegen eine verrätherffche Re- hu können. Und noch einen mächtigen Bnndesaenossen ............ fhabt ihr, wenn ihr euch nur kurze Zeit haltet, an den ^heldenmüthigen Ungarn. Sobald die Ungarn die rus- fsichen Barbarenhorden zurückgeschlagen haben, werden
gieruug ausgeübt; es hat zuerst die Feinde im eigenen Hause niedergeschmettert, um sodann seine ganze Kraft gegen die äusseren Feinde verwenden zu können.
^ wird sämmtlichen süddeutschen Staaten, welche sie gegen Wien rücken. Diese Stadt, deren revolutio- entschjoffen sind, dem russijch-pWßischey Despotismus s s näre Kraft schon genugsam erprobt ist, sie wird sich sich zu widersetzen , nichts Anderes übrig bleiben , als. . sammt dem ganzen österreichischen Volke erheben und das Beispiel Badens und der Pfalz nachahmend, sich ‘ das unprlrndhrfA op^iwhono ^.vrH auf eigene Faust zum energischen Widerstand zu nistens Das Parlament, welches die Bewegung in die Hand
hatte nehmen sollen, hat dies unterlassen, und hat da-! mit den definitiven Beweis geliefert, wie recht dach Volk hatte, als es nach der schimpsüchen'Abschlie^ des dänischen Waffenstillstandes die Selbstauslösung dieser Versammlung forderte. Statt einer rechtzeitigem Selbstaufiosung und Erneuermtg ist jetzt eine andere
Auslosung eingetreten, die Auslosung der Verwesung,' und Faulniß. Anstatt nach Pflicht und Gewissen ihre Schuld gegen das Volk abzutragen, hat die Natio-S nalversammlung sich bankerott erklärt. Gagern mit 77 Genossen ist ausgetreten mit der Erklärung, daß sie „aus die Durchführung der Verfassung Verzicht leisteten"! (Das wußten wir langst, ihr 77 „Edlen", daß es Euch nicht um die Verfassung, nicht um die Freiheit, sondern nur um den Kaiser zu thun war!) Es kann sein, daß noch ein mannhaftes Parlament für Süddeutschland übrig bleibt und einen Mittelpunkt der Bewegung des Volkes bildet; indessen dies ist zu ungewiß, als daß die Verfassung^, treuen Staaten darauf warten könnten. Es. ist die höchste Zeit, daß die süddeutschen Staaten sich selbst helfen. Die preußischen Heerschaaren rücken heran:
die verfassungstreuen Staaten müssen sich schleunigst zum Kampfe für die Freiheit erheben, und sich zu diesem Zwecke mit einander verbinden, wie Baden und Nheinbaiern sich bereits verbunden haben. M Gegen die ton 'dem iGeneralcommando vorgelegte Denn ein Krieg kann nur dann mit Erfolg geführt HEidesformel jedoch, welche Treue dem Herzog und der werden, wenn eine obere Leitung alle Operationen herzoglichen Familie, der Anerkennung der Reichsver- in Einklang bringt. , Daffung voranstellt und auf diese Weise in offenen Wi-
Darum noch einmal, ihr Staaten, die ihr die Ver- Merspruch gesetzt ist, mit den §§. 190, 193, 191 bet fassung anerkannt habt, helft euch selbst! Wenn 8Reichsverfaffung, protestirte einstimmig sämmtliche ihr nicht unter das eiserne Joch des Preußenkönigs ^Mannschaft.
und des mit ihm verbündeten Knutenherrschers fallen, p Herr Hauptmann Wald, welcher als alter Sol- wenn ihr nicht euern Namen mit ewiger Schmach in | dat an seinen Instructionen sich hielt, forderte wieder- der Weltgeschichte bedecken wollet, so rüstet euch ium | holt diejenigen der Mannschaft auf, welche den vorgeheiligen Kampfe für eure Freiheit und eure Ehre. Eure I schriebenen Eid zu leisten bereit sein sollten, hervorzu- Soldatèn, verlaßt euch darauf, lassen sich nicht mehr g treten, allein auch nicht ein Mann meldete sich.
gegen die Verfassung und gegen die Freiheit ge- Auf die bestimmte Frage des Hauptmanus, ob die ff Mannschaft in der That nach der vorgelesenen Eides- & formet keine Verpflichtung beschwören wolle, erklärten
brauchen. Ein Mittelpunkt, eine höchste Leitung der Bewegung wird sich bald finden, wenn nur einmal die letztere durchgreift. Hülfe werbet ihr genug bekommen; selbst der größte Theil des preußischen Volkes wird euch zufallcn, wenn dasselbe nur einmal sieht,
daß man gegen die preußischen Bayonette auch siegen kann. Im preußischen Heere selbst sind sehr viele Soldaten, welche nur aus eine günstige Gelegenheit warten, um mit ihrer Gesinnung offen hervortreten
das unerträglich gewordene Joch abschütteln. Und dann, : deutsches Volk, haben wir gewonnenes Spiel; dann ' wird sich das befreite Süddeutschland mit unwiderstehlicher Gewalt emporrichten, um auch dem Norden unseres Vaterlandes die Freiheit erringen zu helfen. Wohlan denn! den K>mpf nicht gescheut! Durch Waffen zur Freiheit, durch Freiheit zur Einheit, durch Freiheit und Einheit zu Ehre und Glück!
0 Oestrich,, 23. Mai. Diesen Morgen, 11 Uhr, sollten die Landjägercompagnien der Aemter Schwal- bach, Wiesbaden, Rüdesheiin und Eltville durch Herrn JHauplmanu Wald auf die deutsche Reichsverfaffung beeidigt werden.
Unbegreiflicher Weise, obschon bereits Mitglieder
der nassauischen Kammer Protest eingelegt hatten, gegen die von dem nassauischen Ministerium den nassauischen Truppen auferlegte Eidesformel, versuchte das GeneraleommäUdo diesen die Familie des herzoglichen Hauses über die deutsche Reichsverfassung setzende Eidesformel, den Landjägercontpagnien aufzuerlegen.
â Einstimmig erklärte sämmtliche Mannschaft sich befreit, die Rechte des Parlamentes und die Verfassung »des deutschen Reiches beschwören und mit Gut und MZlut vertheidigen zu wollen.
fAUe laut: N e i n.
I _ Der Hauptmann ließ hierauf den Kreis wieder .öffnen und die Mannschaft auseinandergehen, nachdem
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AH Neistt die Glocken von den Thürmen.
Von einem Neichsschulmeister.
Einmal noch ein riesig Stürmen, Daß das ganze Volk erwacht, Dann die Glocken von den Thürmen Und Kanonen draus gemacht!
Was soll jetzt ihr Grabgeläute, Was ihr Rufzum Kirchengang? Was ihr Schall zum Fest der Bräute. Was ihr Feierabendklaug?
Jetzt ist es nicht Zeit, zu feiern, Zeit nicht, daß man Myrten bricht, Zeit, Gebete Herzuleiern, Leichen einzuläuten, nicht!
Das Metall, das aus dem Munde Friedcnstvne sonst geschwellt, Werde jetzt zum Feuerschlunde, Der die Tyrannet"zerschetlt!
Werde jetzt zum Höllenrachen, Der Verderben Jedem speit, Der, im Bund blutrother Drachen, Gegen Brüder zieht zum Streit'.
Auf denn! Noch ein riesig Stürmen, Und wann alles Volk erwacht, gleißt die Glocken.von den Thürmen Und Kanonen draus gemacht!
Unser Herrgott wird's verzeihen! Wenn gerächt ist unser Schmerz, Wollen wir ihm andre weihen Aus dem schlachtgeweihten Erz!
und Dessen
am 21. d. M. veranstaltetes
Vocal- und Instrumental -Conzert.
8« Wenn wir den jetzigen Zeitpunkt in's Auge fassen wo Alles, insbesondere aber die Kunst unter einem eisernen Druck seufzet, so verdient es gewiß wahre Au-
Gkennung wenn man wie hier einem strebsamen Talente begegnet, welches der Ungunst der Verhältnisse Trotz bietet und, unermüdet fortfährt das vorgefasste Ziel zu verfolgen, und so, der Kunst und seinem Namen Ehre zu machen sucht. Diese hier ausgesprochene Ansicht fanden wir bei dem Besuch des Concertes von Herrn Kunz am heutigen Abend verwirklicht,' da unser junger Landsmann keinen andern Zweck vor Augen hatte, als einem kunstsinnigen Publikum Rechenschaft von seinen Leistungen im Gebiete dramatischer Com Position abzulegen. Wir selbst für unsere Person kannten Herrn Kunz bis jetzt nur als Lieder-Componist und haben ihm früher schon in diesen Blättern die vollkommenste Gerechtigkeit wiederfahrcu lassen. Heute aber begegnen wir Herrn Kuuz auf einem ganz andern Felde, dem, der dramatischen Composition. Herr Kunz hat somit den Boden der erweiterten Instrumental-Musik betreten und seine beiden uns vorgeführten Ouvertüren beweise» vollkommen daß er den richtigen Weg cingeschlagen hat. Die Fest- Ouvertüre in D duv ist in ihrer Jnstrumentirung nicht überladen und dennoch brillant durchgearbcitct. Der leitende Grundgedanke darin ist einfach und schön, und es endet namentlich der Schlußsatz pompös. Diezweite Ouvertüre in C moll, bietet mehr Schwieriges als die erste und wir geben ihr deßhalb den Vorzug. In beiden Ouvertüren besonders aber der letzten hat uns Herr Kunz gezeigt, daß er die alten Klassiker stuvirt hat. Es ist Alles was wir in beiden Composition hörten selbst