Beilage zu Nr. 113 der Freien Zeitung
vom 16. Mai 1849.
Verhandlungen der Freiburger As lands zu seinem Programm machte ... als zu Berlin die Volksvertreter am Arme gepackt und aus dem Saale
sifen gegen Gustav Struve und Carl Blind.
(Aus der Oberrhein. Zeitung.)
(Fortsetzung.)
Blind bespricht nunmehr die Haltung des September-Aufstandes. Daß im Tumult — bemerkt er unter Anderm — Eines oder das Andere geschah, was hätte unterbleiben können, soll nicht geläugnet werden. Bei solchen Gelegenheiten gibt es immer Menschen, die sich die Bewegung zu Nutze machen, um Dinge zu begehen, die nicht gebilligt werden können. Es sind vielleicht sehr Monarchischgesinnte. Solche Vorfälle sind unvermeidlich. Wenn das Kind ans Mutterleibe geboren werden soll, so geschieht es ja auch nicht ohne Schmerzen — sollen deßwegen keine Kinder mehr zur Welt kommen?
Den Vorwürfen, die dem Verfahren der Republikaner gemacht wurden, hält er hierauf die zur Genüge bekannten Thatsachen in Stausen und in den Gefängnissen zu Rastatt und Bruchsal gegenüber, welche die Humanität der badischen Regierung und ihrer Werkzeuge in das gehörige Licht stellen, und wendet sich dann in folgender Weise an den Staatsanwalt:
Ja, es ist wahr, wir haben eine provisorische Regierung gegen Ihren Großherzog gebildet. Aber ich sage Ihnen: die Regierung Ihres Großherzogs ist auch nur provisorisch. Ja, wir haben das Schreiben und Reden aufgegeben und znm Säbel gegriffen, um der Volkssonveränetät eine Gasse zu machen. Ihre Regierung aber hat sich Reichstruppen kommen lassen, um die Souveräuetät des Volkes zu unterdrücken. Ja, wir haben eine That begangen, welche nach den alten Gesetzen einer verfluchten Tyrannei Hochverrath genannt wird. Aber Ihre Regierung, welche den Willen des Landes nicht zum Worte kommen läßt, begeht einen Hochverrath gegen die Majorität der Bürger. Mit einem Worte, Ihre Regierung hat von Rebellen gesprochen. 9tnn wohl, ich rufe es jenem Minister der Nacheindrücke in die Ohren; die großherzogliche Regie
rung ist der Rebelle.
Wir unterlagen. Damit ist Alles gesagt. Ach, aber unser Vorausblick behielt Recht. Alle unsere traurigen Ahnungen gingen in schreckliche Erfüllung. O, daß wir Recht hatten, das steht jetzt geschrieben auf den Schutthansen Wiens, in den klaffenden Wunden seiner Helden und Märtyrer, auf den selbstgeschaufelten Gräbern der akademischen Legion, auf deu verstümmelten Brüsten schuldloser Weiber, in der Asche lebendig Verbrannter, in dem gebrochenen Auge Robert Blums. Das steht geschrieben auf den Todeskugeln, welche idente noch, fünf Monate nach der Einnahme Wiens, in den Reihen des unterjochten Volkes endlos morden. O, daß wir Recht hatten, das fühlt sich jetzt an dem Leichen- gernch, der von der unglücklichen ^ladt herduftet; das tönt uns entgegen ans dem toddrohenden Munde der FeuerschluL<> die zn Wien und Berlin zum Schutze der Rothmäutelmonarchie für permanent erklärt worden sind. Es sollte grauenvoll wahr werden, was Blum in der Aula gesagt: „daß bald nur noch das Gesetz der Kanonen, die Ordnung der Bayonnete und die Ruhe des Kirchhofs herrschen werde."
Und das Parlament! — Dröhnt Ihnen nicht mehr das Hohngelächter in den Ohren nach, das an die Wände der Paulskirche schlug, als Wien im Todes- kampse nach der Hülfe des Bruders rief? ... Und ist Ihnen nicht der Ekel bis iw den Hals gestiegen, der Ekel vor jenen Eßmaschinen, Reichskommissäre genannt, die, zur einen Thüre hinausbegleitet beim nächsten fürstlichen Gemach wieder antichambriren, um beim Champagner die Wonnen hoher Huld zu genießen, u»d nur so nebenbei den scheuen kretinenartigen Wunsch zu äußern, man möge „nur nicht allzu blutig" verfahren?...! Sind Sie nicht erstarrt vor Schrecken, als in der deutschen Nationalversammlung die Berathung über den Mord eines deutschen Volksvertreters für nicht dringlich erklärt wurde; als ein Minister des Reichsverwesers Johann mit satanischem Hohn hänseln konnte: „Ja, wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um!"
Haben Sie nicht die heißen Regungen der Wuth gefühlt, als man fünfzehn Millionen Menschen das Wort, den Wachtstnbenwitz, ins Gesicht schleudern durste: „Brandenburg in der Kammer, und die Kammer in Brandenburg" ■— ? Dieser Brandenburg , ein Bastard aus königlich preußischem Blute, deu ein Reichsgesandter — meine Herren Geschworenen, ein Reichsgesandter — geradezu den größten Volksverräher Deussch- lands nannte! O, und was fühlten Sie, als der Com- missär des Reichsverwesers Johann sich vor der königlichen Tafel zn Potsdam (das Essen spielt ja doch die Hauptrolle bei den Reichskommissären) sehr befriedigt erhob, nachdem er das Geschöpf von Gottes Gnaden deutscher gefunden, als er gehofft? . . . als der edle Reichsminister die landesverrätherische Theilung Deutsch-
geworfen wurden, und als man damit umging, den Rest unseres verrathenen Vaterlandes jenem Menschen zuzuwerfen, dem ganz Süddeutschland im März in Adressen entgegengeschrieen hatte, daß es lieber einen Schlä chter- hund zum Oberhaupt anerkennen wolle, als ihn!
Doch weg damit! Ich möchte wahrhaftig lieber .sst einer andern Waffe wieder gegen die Verrâtherâ^tcn, als mit der des Wortes. Nur noch einen kurzen Blick auf das dritte Stadium des russisch-österreichisch-preußischen Komplottes, in dem wir heute stehen, und das sich morgen oder übermorgen entscheiden kann, wenn das Volk sich nicht schnell aufrafft.
Ungarn liegt am Sterben, Wien ist gefallen, Berlin stumm unter dem Kriegsgesetz, die Russen in Siebenbürgen, der österreichische Reichstag gesprengt, die Mi- litärdictatnr überall oben. Jetzt kommt die Reihe an Frankfurt. Der König von Preußen und der österreichische Hof haben bereits in ihren Noten vom 23. Januar und 4. Februar offen ausgesprochen, daß das Parlament beschließen möge, was es wolle; sie würden thun, was sie wollen. Trenlich werden sie darin von dem englischen Unterthanen in Hannover, und von dem bairischen Hose unterstützt, der bekanntlich immer in Sonderbündeleien conspirirte, soweit unsere Geschichte reicht. Alle deutschen Fürsten haben vor wenigen Wochen bei der Centralgewalt die Erklärung abgegeben, daß sie die Reichsversassung nicht annehmen würden.
Auch Leopold von Baden war dabei. Trauen Sie auch hier nicht dem biedermännischen Scheine und den bürgerfreundlichen Redensarten. Es wird mancher Verrath hinter vorgeschobenen ehrlichen Leuten gespielt. Aber es gibt auch große Herren, die ein gut hausvä- terisches Gesicht zu machen verstehen. Und die gefährlichsten Diplomaten sind Die mit der sentimentalen Sprache. Einer unserer Volksvertreter hat sich in der zweiten Kammer erboten, den Beweis zn liefern, daß die würt- tembergische Regierung von der badischen sogar gegen die Annahme der Grundrechte anfgehetzt worden sei. Der Minister Bckk saß b< urejh Anerbietung stumm
auf seiner Bank und suchte yp^-beuS^ckie Blässe des Gesichtes zu verdecken. Sein 7v ein Ge-
ständniß. Es gibt noch anbr^p* ^die man ebenfalls etwas nachdenkei^. ß . ill weiter nicht davon sprechen, ob wilei^.- “W der großherzoglichen Familie, das sich am Hofe \| russenfreundlichen Bonaparte befindet, eine ArtMesam^schaftspostens ein- nimmt. Aber fragen will ich: was hat denn der Prinz Friedrich von Baden nach den Metzeleien von Wien an dem Hofe zu Olmütz gethan? Was führt denn die Söhne unserer allercon- stitutiottellsten Hoheit in die Mörderhöhle nach Olmütz?
Meine Herren Geschwornen! Auch über Carlsruhe leitet ein Faden, der sich zuletzt in Petersburg und bei Metternich endet. Alles, was Kronen trägt, complot- tirt heute. Denn es geht um Sein und Nichtsein; und da verschwindet auch die letzte Sprödigkeit.
Also an Frankfurt ist jetzt die Reibe. Schrecklich. Läßt man doch sonst Keinen über die Klinge springen, der schon zu Kreuz gekrochen ist. Aber im Parlamente sitzen viele Plebejer; und wenn es auch sehr demüthige und loyale Plebejer sind — es ist immer eine unangenehme Race. Wer anders hat denn ein Recht, dem Volk dem Kopf zu zertreten, als die höchgebornen Nach- kommen und Consorten. Die Windischgrätze, Jellacic's, Manteuffels, Wrangels, und die anderen Herren von Shrapnell? Es besteht da so eine Commission in der Paulskirche, die sich ein Vergnügen daraus macht, in endlosem Faden Grundrechte und Verfassungsentwürfe abzuspinnen. Die Regierungen haben dem Ding einmal eine Zeitlang zugesehen und „abgewartet," was daraus wird. Es gefällt nun bei Hofe nicht. Also fort damit. Beschließen und befehlen soll das Parlament können? Wohin denkt ihr? Stammt es doch aus dem März. Und hat doch Friedrich Wilhelm seinem treuen Heer zum Neujahr in einer Proklamation mit- qetheilt, drß die Märzbewegung eine „Empörung" war, und die Märzkämpfer Verbrecher. Das Parlament will über die Regierungsform Deutschlands entscheiden? Oh, um die Bente dürfen nur die großen Raubvögel streiten, die Adler. Die Posse geht stark ihrem Ende zu. Wir werden bald den Kehraus haben. Glück zu! auch das Parlament wird zum Tempel Hinausgetrieben. Dann wachen alle todten Hunde wiederaus, der deutsche Bund wird von Neuem „ausgeb ldet," und Metternich setzt sich offiziell an den Platz, den er längst officiös wieder ausgefüllt hatte. „Die souveränen Kleinwirth- schaften", die Republikanernester „werden aufgehoben," und zu Oesterreich oder Preußen geschlagen; die Allerhöchsten aus dem Beutel der Unterthanen entschädigt. Damit das revolutionäre Unkraut vollends ausgerottet wird, fahren mit der neuerfundenen großen Bajonneten- egge, mit dem allgemeinen Belagerungszustand, über ganz Deutschland hin, nämlich mit dem Belagerungszustand ohne Glacehandschuhe, welchen uns der General Wrangel versprach. Hierauf erscheinen die Russen
und helfen uns gegen das verfluchte Frankreich ziehen, um wieder einen legitimen König zu machen. Wrangel hat bereits seinen Offizieren angekündigt, daß sie sich das nächstemal am freien Rhein treffen würden; und Wrangel weiß ja immer vorher, auf welches andere Schlachtfeld die Sachen jedesmal gespielt werden.
Jetzt prüfen Sie noch einmal, meine Herren ®e- schworne, ob der Graf Nesselrode sich richtig ausdrückte, als er im Mai 1848 sagte:
„Die Einheit Deutschlands tritt uns zwar in den Weg; aber aus der Revolution hervorgegangen, wird sie mit ihr verschwinden müssen. Wir untergraben sie also, während wir unsern Bundesgenossen, die heilige Allianz nicht aufgeben. Mit der Zeit gewinnen wir Alles. Bis zum Frühjahr wird gar Manches sich ereignen. Die Autokratie muß der Gegenstand unserer beständigen Sorge sein."
Hiemit endige ich den zweiten Theil meines Vortrages. Ich habe Ihnen eine knrze Darstellung über die Thätigkeit des fürstlichen Bundes vor dem März gegeben, dann die Anfänge der Fortsetzung desselben nach dem März geschildert, den Ausbruch des Komplottes in Ungarn und Schleswig-Holstein gezeigt, die September-Erhebung als eine Folge davon dargestellt, und mit einem Ueberblick über die nach dem Septem
ber begangenen Thaten und ferneren Absichten der Monarchen geschlossen. Bewies ich im Eingang meiner Rede, daß die juristisch sormulirte Anklage aus Hochverrath in dieser unjuristischen, revolutionären Zeit ein^^, Ungereimtheit in sich schließe: so bewies ich im zwecks, die Theile, daß, abgesehen von allen andern Gründen, eine Nothwehr gegenüber der russischen Unterjochung voll- kommen gerechtfertigt sei. Im Angesicht der Nation rufe ich jetzt aus: Die Schandthaten der Monarchen sprechen uns frei!
Das Bewußtsein des Volkes vernrtheilt die Fürsten. Wer sich auf ihre Seite stellt, der ist mit ihnen ver- urtheilt. Täuschen Sie sich nicht. Es ist keine Rechtssache, die Ihnen hier vorgelegt wird. Es ist eine Staatsangelegenheit. Sie werden keinen Urtheilsspruch innerhalb anerkannter Normen thun, sondern Sie werden über politische Geschicke entscheiden.
Nach dieser Ausführung geht der Redner zn seinem politischen Glaubensbekenntniß über:
„Monarchisch, sagt er, und aristokratisch ist Alles, was geschieht, um durch die Armuth, Rohheit und Knechtschaft der Mehrzahl die Herrschaft einer Minderzahl aufreckt zu halten. Republikanisch aber ist der Grundsatz: ,, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit"; oder, wie wir sagten: „Wohlstand, Bildung und Freiheit für Alle. Darum will ich, um Alles zusammenzufassen, sein zerrissenes, verrathenes, von Russenfreun- ' Jen und cvnstitntionellen Taschenspielern und Geldaristokraten unterjochtes, und ausgesogenes, sondern ein einiges, untheilbares, demokratisch und socialrepublikanisches Deutschland von der Schlei bis >u den Alpen, und vom Rhein bis zu den Grenzen des wiederhergestellten Polens. Dieses Deutschs, welches die Sache der Völker für geianimtverbhfM hält soll dann im Bunde mit einem demokratischen Frankreich, Italien, Ungarn und Polen den großen gemeinsamen Zug von Westen nach Osten machen, um deu Rückhalt alles Despotismus, die asiatische Macht Rußland, in Trümmer zu zerschlagen, den Osmann aus Europa zu vertreiben, und Griechenland wieder aanr aufzurichten. Dann wird der Welt die Möglichkeit der Freiheit sein. — Wenn ich in jener Zeit, meine Herren Geschwornen, noch einmal vor Sie träte, dann würde ich Ihnen meine politischen und socialen Grundsätze schärfer und reiner sagen und ein weitergehendes Glaubensbekenntniß geben können. Für heute gelingt, was ich bisher sagte.— Hat Jemand Lust, diese Grundsätze roth republikanisch zu nennen, so werde ichs ihm nicht wehren. Es kommt mir nicht auf die Worte, nur auf die Sachen an. , .
Doch was predige ich politische Prinzipien? Was rede ich da? Ich sehe Leichenfelder vor mir, blutbefleckte Diademe, und den Kosacken vor den Thoren — was rede ich da! Schon haben wir feine Wahl mehr. Der gespenstische Maskentanz zwischen Revolution und Reaktion hat eine Pause gemacht. Es ist Mitternacht. Die Masken müssen fallen. Ein neuer Tanz geht au, und die Musik ist: , . „Republikanisch oder kosacklsch U Meine Herren Geschwornen! Ich komme zum Schluß. Vielleicht hätte ich Manches besser sagen sollen. Aber ich muß in der That gestehen, daß ich nur widerwillig redete, obgleich es sich um mein ganzes Lebensglück handelt. Das Elend unserer Nation ist ,o groß, daß ich glaube, es muß es jeder Pich ohne viel Worte fühlen und kennen. Und ich hasse die Unterdrücker unseres Vaterlandes so glühend, daß lch ^ e, meine Herren Geschwornen. zu b-l«d>a->> -^' ich noch weiter in dem Register.""“** *
forifohren m,d dadurch einenZwelstst » f» ’ “ äußern. Ich beschäftige mich lAt «m Urtheilspruch, den Sie fallen werde:.