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Freiheit und Neckt!"

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Ein Wort über dengesetzlichen Fort- ( schritt "

^ Aus der Provinz. Was bedeutet das Wort gesetzlich"? Ihr werdet wissen, wie man im vorigen Jahre, nach den ersten Anfängen der Revolution, in Einem fort von Gesetz unb Ordnung schwatzte. Man setzte Beide der Revolution entgegen, man be­rief sich, gegenüber der bisher beherrschten Klasse, die durch die Revolution, b. h. durch eine ungesetzliche, gewaltthätige Empörung zum Herrschen gelangt war, auf die alten Kriminalbücher, die alten ständischen Verfassungen, die alten Befugnisse der Polizei und der Magistrate. Weil das Alles so geschrieben stand, nannte man cs Gesetz. Und weil es Gesetz war, hielt man cs allen Anhängern der Revolution entgegen. Was ist denn aber Gesetz oder vielmehr wer macht die Gesetze? Die Antwort lautet in jedem einzelnen Falle verschieden: im Allgemeinen aber ist Gesetz immer die Meinung der herrschenden Klasse, worin sich ihr jedesmaliges Interesse ausspricht. In Rußland ist der Czaar Selbstbeherrscher aller Reu­ßen. Sein Interesse geht dem aller Andern vor. Er macht darum die Gesetze so, wie sie seinen Interessen angemessen sind, b. h. seiner Herrschsucht und seiner Habsucht. Er stützt sich dabei auf einen Theil der Bevölkerung: den Adel, die hohen Beamten, deren In­teresse mit dem (einigen verbündet ist, b. h. die Alle ihren Vortheil dabei finden, dem Czaar zu dienen. Das Volk, die Masse der Bürger und leibeigenen Bauern, hat sich unbedingt zu unterwerfen; es gehorcht dem Gesetze, weil es im Weigerungsfälle nach Sibi­rien geschickt und mit der Knute gezüchtigt wird; es gehorcht, obgleich es sich vielleicht gar nicht wohl un­ter diesen Gesetzen befindet, aus keinem andern Grunde, als weil es eben der schwächere Theil ist. In England ist Gesetz, was der Grundadel und die reichen Fabrikherrn und Kaufleute beschließen. In der Schweiz und in Nordamerika, was die Mehrheit der gesummten Bevölkerung, mit Ausschluß der Minder­jährigen und der Frauen, beschließt. So ist das Ge­setz in allen andern Ländern der Welt veeschieden, überall entspricht es aber den Interessen der Klasse, welche eben die Gesetze macht. Nun fragt es sich aber, ist in einem Lande eine Klasse des Volkes, darum weil sie jetzt herrscht, weil ihr Interesse jetzt das regieranbe ist, berufen für alle Zeiten zu herrschen, ihr Interesse über das der Andern zu setzen? Die Geschichte verneint cs, wie sich denn auch der gesunde Menschenverstand dagegen sträubt. Es gab eine Zeit, da regierten die Grafen und Ritter von ihren Bur­gen,. wiederum eine, da herrschten die Pfaffen von ih­ren Klöstern, und wiederum kam eine Zeit, da mach­ten die Bürger in ihren Städten unabhängig von Adel und Pfaffen sich ihre Gesetze. Nichts währt ewig. Die Gesetze einer Klasse oder Kaste hören auf und ver­

modern, wenn diese Klasse oder Kaste selber vermodert, wenn ein neuer Theil des Volkes sein Recht, sein In­teresse geltend macht. Weicht jene Klasse nicht gut­willig, so wird sie durch Gewalt verdrängt. Also er­ging es dem französischen Adel und der französischen Geistlichkeit vom Jahre 1789 an. Also erging es den deutschen Junkern, Beamten und Pfaffen im Jahre 1848, also wird es allen Denen ergehen, die es wa­gen, sich dem Rade dieser Revolution, dem Willen des ganzen Volkes, wor allem dem des arbeiten­den, das in dieser Revolution sein Recht geltend macht, entgegen zu werfen. Haben wir so gesehen, was das Wort Gesetz bedeutet, so fragen wir nun ferner, ob ein gesetzlicher Fortschritt möglich ist. Alle Gesetze sind so eingerichtet, daß sie vor Allem das Interesse der Klasse wahren, und die Macht in Derer Hände legen, von welchen eben die Gesetze ausgegangen sind. So reduzirt sich also aller Fortschritt innerhalb der Ge­setze lediglich auf die weitere Entwicklung dieser herr­schenden Interessen. Was über die Vortheile der Privilegirten hinausgeht, was neue Massen des Volks zur Theilnahme an der Regierung und am öffentlichen Wohle beruft, hat auf keine Gnade der Privilegirten zu rechnen Aber während nun die herrschende Klasse aUmälig abstirbt, übermüthig gemacht durch langes, ungestörtes Glück, innerlich zerfressen und verfault durch die während der langen GlückSdauer bis zur Stufe der thierischen Genußsucht und Wollust angelaugten Selbstsucht, moralisch getodtet durch die Macht der Auf­klärung, welche, bis zu den bisher nicht privilegirten Schichten herabgedrungen, diese ihr Elend erkennen läßt, und ein Masse neuer und nie geahnter Bedürf­nisse herbeiführt, während die Gesetze und Einrichtun­gen jener Kaste nur noch wie gespensterartige Ruinen in die Gegenwart hineinragen: währenddem ist die Zeit reif geworden für die Revolution! Durch das Schwert stirbt, was gutwillig nicht sterben will, die alte Schlangenhaut wird durch den innern Entwick­lungsprozeß abgestreift, unb ein neuer Leib steht da, die Aera einer neuen Zukunft ist angebrochen.

Luther und der Reformation stand kein anderes Recht zur Seite, als die innere Berechtigung und Wahrheit der freien Glaubenssache, und weil das Ge­setz gegen sie war, mußte die Gewalt entscheiden. Louis Philipp wurde gewaltsam vertrieben, obgleich er gegen kein Gesetz gefehlt hatte. Und wir stehen im Heerlager der Revolution, weil wir das ewige heilige Recht, das in der Menschen Brust geschrieben steht, jenen tyrannischen Gesetzen einer vermoderten Zeit und einer von uns für schmachvoll erkannten Vergangen­heit, entgegenhalten. Der erste Akt jeder Revolution ist ein gewaltthätiger, und schmerzhaft, wie die Geburt des Kindes. Aber wenn nun die Schlacht der Barri­kaden vorüber ist, wenn die durch die Revolution ein­gesetzten Behörden nun Neues schaffen, das Alte ver­nichten, die alten Behörden stürzen, revolutionäre an ihre Stelle setzen sollen, gerade dann, wenn die revo-

lutionäre Energie am meisten noth thut, dann kommen jene Eulen aus ihren Schlupflöchern, und krächzen von Gesetz" undOrdnung", und gewinnen die Spieß­bürger und die Ruhefanatiker, und bethören die Un­entschiedenen, und ziehen die Schwankenden zu sich herüber, und drängen sich wieder in die alte Macht, und ehe man sichs versieht, steht das Gebäude des Ab­solutismus wieder fester denn je, und in der Farbe der frischesten Gesundheit, da. Alle jene Schreier von ge­setzlichem Fortschritt, was sind sie anders, als Anhän­ger der alten Wirthschaft, Gegner der Revolution, Leute, deren Interesse es ist, daß die alte Regierungs­welse, wenn auch mit einigen unwesentlichen Aenderun­gen, bleibe; kurz, was anders, als Anhänger des tont re revolutionären Rückschritts? Em Bei­spiel für Alle: man hat euch von gleicher V er­theil ung der Steuer gesprochen: wo ist sie ge­blieben? Und wem habt ihr das jetzige Misere an­ders zu danken, als jenen gesetzlichen Fortschritts­freunden? Bis zum Ueberdruß haben wir jene Worte gehört. Wir haben sie gehört am Anfang der Revo­lution: Geld- und Spießbürgerthum wetteiferten, den Mund am vollsten zu nehmen. Wir haben sie gehört, so oft die Chancen nur einigermaßen günstig für die revolutionäre Partei standen. Freilich verkennen wir nicht, daß auch Dummheit und Verblendung ihr gut Theil dazu beitragen. Wenn Beamte, Professoren unb Geldsäcke solch Geschrei erheben, so tritt der wahre Grund sofort Jedermann vor Augen. Der Beamte hat in einer revolutionären Umwälzung nur zu ver­lieren: vor Allem in einem Staate, den inan bisher vorzugsweise den bürokratischen genannt hat. Richt viel anders steht es mit den vielgenannten Professoren. Im Dienste des Absolutismus ergraut, gewohnt, in ihren Hörsälen nichts Anders vorzutragen, als die versteinerten Staats- und Religionöbildungen längst vergangener Zeiten, während ohne sie und trotz ihnen die lebendige Wigenschaft emporblüht, die eben in den Fesseln des Universitätszwangs nicht gedeihen kann, dieseDämmerungsnachtfalter",die nur das Vergangene zu begreifen und zu rechtfertigen wissen (weshalb sie sich auch vor allen faits accomplis (vollendeten That- fachen] beugen), zum Bessermachen aber stets zu spät kommen": wie soll man von ihnen verlangen, daß sie sich an die Spitze der Revolution stellen, deren Konsequenzen am Ende auch die abgestorbenen Akade- miegestaltungen stürzen, und die fetten Pfründen nicht mehr dein Katzenbuckel der in Hofrathstonart schmei­chelnden Söldlinge des Absolutismus, sondern der wahren, freisinnigen Wissenschaft zuerkennen würden? Und nun vollends die Gelvsäcke: sie begreifen wohl, welche Bedeutung die gegenwärtige Revolution hat; daß wir nicht erst vor dem Jahre 1789 stehen, die letzten Reste des Mittelalters, die Privilegien von Adel und Geistlichkeit zu beseitigen haben, sondern daß die Revolution eine soziale ist. Wir nannten eben Adel und Geistlichkeit. Wir zählen sie auch zu unsern

General Bvm.

(N. O. Z )

Joseph Bèm, geboren 1795 zu Tarnow in Galizien, stammt aus einer adeligen Familie, welche seit 400 Jahren in Krakau und Lemberg bekannt ist, und also trotz ihres ausländischen Namens als eine echt polnische be­trachtet werden muß. Bem besuchte erst die Universität zu Krakau, nach dem Jahre 1809 aber, als genannte Stadt Dem Großherzogthume cinverleibt ivurbe, vermochte er seinen Vater, welcher Advokat baffe (bft war, ihn in die Militärschule nach Warschau zu bringen, an deren Spitze damals der französische General Pelletier stand, und aus welcher er nach beendigtem Cursus bei der rei­tenden Artillerie eintrat. Bei Eröffnung des Feldzuges von 1812 gegen Rußland sehen wir Bein als Lieutenant erst unter den Befehlen des Marschalls Davoust, dann unter denjenigen Macdonalds, welcher Letztere nach der Moskauer Kalamität sich in die Festung Danzig warf. Bem stand daselbst 13 Monate bis zur Kapitulation, nach welcher er mit seinen Landsleuten nach Polen ge­schickt wurde, da die Russen den Punkt derselbe», die Polen nach Frankreich ziehen zu lassen, nicht hielten. So blieb er denn im elterlichen Hause bis zur Zeit der Reorganisation der polnischen Armee unter dem Kom­mando des Großfürsten Konstantin (1815), wo er wie­der in Dienste trat. Da aber die neue Gestaltung der Dinge in ihm nichts weniger als einen folgsamen Junger

der Petersburger Politik fand, so sah er sich bald Ver­folgungen aller Art ansg sitzt, die endlich Ungnade unb Außerdienstsetzung herbeiführten. Bem kam um seinen Abschied ein/ um im Aue laute seine militärische Lauf­bahn zu verfolgen; da man sah, daß ihm Ernst damit war, so suchte man ihn zurückzuhalten, and Furcht, einen so tüchtigen Offizier zu verlieren. Er" entschloß sich endlich 1819, eine CapitainSstelle mit Den Funktionen eines Adjutanten deS Generals konternd und zugleich den Titel eines Prvfessolö Der ncuvrgani- fntcu Militärschule anznuchmen. Er beschäftigte sich nun vorzugsweise mit Der Einführung Der Brandraketen bei der polnischen Armee, schrieb eine Abhandlung dar­über und wurde nach Jahresfrist zum ersten Hauptmann befördert. Da Die zu befolgende Richtung a'S Professor Bem's militärischer Neigung im Wege stand, so suchte er um eine Veränderung nach; doch gerade dieser Schritt wurde wieder eine Quelle von neuen Verfolgungen von Seiten deS Großfürsten, welcher Bem nie seine Vater­landsliebe und seinen Abscheu gegen den russischen Des­potismus verzeihen kannte. Umsonst wandte BontemS seinen ganzen Einfluß bei dem Bruder bey Ezaren an, um seinem Adjutanten Ruhe zu verschaffen. In den Jahren 1820'26 wurde Bem unter mancherlei Ver­wand zweimal verabschiedet, dreimal vor ein Militärtri­bunal gefordert und eben so oft in einen scheußlichen Kerker geworfen, wo er, deS LichtS und der Luft beraubt, alle Stadien Der raffinirtesten Barbarei und russischen

Rache durchlaufen mußte. Da das Kriegsgericht Bem in Betreff mehrerer Staatsverbrechen, welche ihm zur Last gelegt wordt u waren, für nicht schuldig befunden hatte, so berief Konstantin ein anderes, fügsameres, dessen Sentenz auf zwei Monate Gefängniß lautete, welche der Verurtheilte in ihrer ganzen Strenge burchmachcn mußte. Ein schrecklicher Kerker öffnete sich dein polnischen Pa­trioten, und eine schwere Krankheit war die Folge dieser neuen Prüfung. Kaum genesen wurde er nach einer kleinen Stadt verbannt und unter die spezielle Aufsicht dcr Po­lizei gestellt. Nach dem Tode Alexanders bat Bem den neuen Ezaren um seine Entlassung. Sie wurde ihm be­willigt, und er reiste sofort nach Lemberg, wo er einige Jahre verweilte, sich viel mit Mechanik beschäftigte und in polnischer Sprache ein Werk über die Dampsmaschieuen herausgab.

Kaum hatte Bem von der Erhebung Polens am denkwürdigen 29. November 1839 Kunde erhalten, als er nach Warschau eilte und sogleich daselbst zum Major mit dem Commando einer Batterie reitender Artillerie ernannt wurde. Er nahm Theil an dem Treffen bei Iga nie, wo 800 Polen über 20,000 Russen siegten, und seine 16 Geschütze 40 feindliche zum Schweigen brachten und wurde noch auf dem Schlachtfelve zum

Oberstlieutenant befördert.

(Schluß f.lgt)