„âeiheit und Reckt!"
JS lOO. Wiesbaden. Samstag, 28. April Z8âW.
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^ Die Ansichten des nassauischen Regie- rungsblattes über die politische Reife des nassanischen Volkes.
Das offizielle Organ der dermaligen nassauischen Regierung befindet sich wegen des Berfasiuugswerkes in einer traurigen Verlegenheit. In den ersten Tagen nach der Veröffentlichung des Entwurfes der Regierung (dessen Verfasser, beiläufig gesagt, Herr Schepp, Herzoglicher Regierungsrath und Stellvertreter des Bevollmächtigten bei der Eentralgewalt in Frankfurt am Main fein soll), verkündigte das Regierungsblatt denselben als das Muster konstitutionellen Freisinnes und forderte in siegesgewissem Tone auf, die ganze konstitutionelle Partei, welche die überwiegende Mehrheit des Landes sei, möge sich dafür erheben, „wie Ein Mann." Nun trat aber das sonderbare Ereig- niß ein, daß sich, mit Ausnahme einiger Mitarbeiter der „Nassaulscheu Allg. Zeituug" und vielleicht auch (?) des „Deutschen Vereins" (früher „Verein für Freiheit, Gesetz und Ordnung" genannt), bis jetzt Niemand erhoben hat, so daß es den Anschein gewinnt, als ob jene „konstitutionelle Partei" im Sinne der „Nass. Allgem. Zeitung", welche die überwiegende Mehrheit bilden und sich erheben soll, „wie Ein Mann", nirgends eristire, als in dem Kopfe (?) der „Nass. Allg. Zeitung". Statt dieser Erhebung der Allg. Zeitung trat ein anderes Ereigniß ein, welches die gute „Allgemeine" in Nummer 94 mit folgenden Worten zu schildern versucht:
„Es laufen bereits Petitionen von diesem oder jenem Dorf bei den Landständen ein, welche gegen das Zweikammer-System protesttren. Diesen annoch zerstreuten Plänklern wird bald das Gros der Armee nachrücken, nämlich gleichlautende Petitionen zu Dutzenden, vielleicht zu Hunderten."
Statt daß also die überwiegende Mehrheit des nassauischen Volkes sich im Sinne der konservativen Partei für den Entwurf der Regierung erhoben hätte, wie die „Allgemeine" erwartete und weissagte, ist, wie das Regierungsblatt selbst zugibt, grade das Gegentheil eingetreteu, die Mehrheit des Volks spricht sich im Sinne der demokratisch - konstitutionellen Partei gegen den Regierungsentwurf aus. Die Allgemeine Zeitung hat das Volk selbst aufgefordert, sich über das Verfassungswerk auszusprechen. Sie erwartete, dasselbe würde sich im Sinne des Regierungsentwurss aussprechen; und wenn das Volk dies gethan hätte, so würde sie ohne Zweifel davon vollen Gebrauch gemacht, der Regierung daraus eine Stütze gezimmert und der Oppositionspartei vorgeworfen haben, daß sie nicht die geringste Wurzel im Volk habe. Da nun das Blättchen sich gewendet, da sich das Volk gegen den Regierungsentwurf ausgesprochen hat, hätte man von der „Nass. Allgem. Zeitung" ehrlicher Weise das Bekenntniß erwarten sollen, daß sie sich geirrt habe,
und daß die Mehrheit des Volkes mit dem System der Negierung keineswegs einverstanden sei. Allein diese Erwartung ist nicht in Erfüllüug gegangen. Es geht der guten Allgemeinen wie dem Prinzen Alerander in der bekannten Fabel. Als ihm der Bauer erzählte: „Mein Knecht hat Euern Hund erschlagen", ward der Prinz rasend und versprach die strengste Strafe. Als aber der Bauer erklärte, er habe sich verredet: des Prinzen Knecht habe des Bauern Hund erschlagen, da heißt's
„Ah, war die Antwort Alexanders, Mein lieber Mann, das iw was Anders!"
So geht es grade der „Allgemeinen^. Hätte sich das Volk für den Regierungsentwurf ausgesprochen, dann wäre das ein Zeichen politischer Einsicht und Bildung, eine Aeußerung der freien Ueberzeugung, gewesen. Da sich aber das Volk gegen den Entwurf der Regierung ausspricht, so schreit die „Allgemeine":
„Da kommt zu den Bauern irgend ein Volks- freund und predigt ihnen etwas vor, — der Bauer kann nicht Gründe gegen Gründe abwägen und unterschreibt flugs eine Petition gegen das Zweikammer-System."
„Als man in Bausch und Bogen vor einem Jahr die einzige Kammer einführte, vermochten die Wenigsten scharf zu denken, und die es vermochten, wagten es nicht zu sagen."
Sie sagt:
„Man wisse ja, auf welche Art dergleichen Petitionsstöße zusammengebracht würden."
„Die Bauern petitionirtesi bloß aus Unverstand, weil man ihnen in perfider rabulistischer Weise anfgebuuven habe, das Zweikammer-System bedeute die^Wiedereinführung der alten Herren- bank."
Sie nennt alle diese Petitionen:
„Wüstes Geschrei falsch berichteter Massen."
„Strudelnden Strom des politischen Unverstandes", u. bergt mehr.
Das sind die abgenutzten Kunststücke jener politischen Partei, welche mit einem Ertract der Minderheit und mit Hülfe der Bajonnette die Mehrheit terrori- siren will.So regieren Brand enbrirg- Manteuffel in Potsdam und Berlin. Spricht sich einmal das Volk oder die Kammer für sie aus, so ist das ein Vertrauensvotum, auf welches man pocht. Spricht sich aber Volk und Kammer so entschieden gegen sie aus, daß sie nach konstitutionellem Gebrauche abtreten müßten, so hat das nichts zu sagen, sie regieren fort und lachen über die Mißtrauenserklärung. Sagt das Volk Ja, dann ist es reif, dann hat es politische Bildung und Ueberzeugung. Sagt es aber einmal auch Nein, dann ist es nicht reif, dann ist es eine „unreife, ungebildete Masse, ein Inbegriff des politischen Unverstandes."
Es gibt nur zwei Wege. Entweder ist das
Volk reif und mündig (—unb das glauben wir —) dann muß seine und seiner Vertreter Stimme geachtet werden, sie mag sich für oder gegen uns aussprechen; es muß ihm sein Antheil an der gesetzgebenden und seine Ueberwachung der vollziehenden Gewalt gesichert werden."
Oder es ist unreif nnd unmündig, dann wäre alles konstitutionelle Staatswesen (nicht bloß das demokratisch-konstitutionelle, sondern auch daskonservativ- konstitutionelle) ein unnöthig, zeitraubend und kostspie- lig Ding, wir müßten uns unter die absolutistische Knute beugen. und den Czaren von Rußland zum Kaiser wählen.
Nur zwischen diesen beiden Wegen ist die Wahl.
Daß man aber, wenn uns die Aeußerungen des Volks in den Kram paffen, sagt: „das Volk ist rei.f"; — und wenn sie uns nicht in den Kram passen, sagt: „das Volk ist eine ungebildete Masse voll politischen Unverstandes", — das mögt Ihr konstitutionell nennen ober staatsmännisch; wir nennen es so nicht, sondern mit einem ganz andern Namen, welchen wir aus Höflichkeit nicht hierher setzen wollen.
Wenn endlich die „Nass. Allg. Zeitung" behauptet, die Petitionen gegen das Zweikammer-System seien auf den Grund falscher Berichte, in Folge perfider (treuloser) und rabulistischer (ränkesüchtiger) Aufschneidereien u. s. w. zu Stande gebracht worden, so bitten wir sie, hierfür auch Gründe und Ben eise anzuführen. Denn ein ehrenhaftes Blatt schleudert nicht solche Beschuldigungen in die Welt, wenn es sie nicht Punkt für Punkt beweisen kann.
Die von dem Reichstagsabgeordneten Günther redigirte Neichstagszeitung schreibt:
Frankfurt, 26. April. Die Nationalversammlung hat heute für immer ihr moralisches Todesurtheil in der Meinung des Volks unterschrieben. Sie hat sich, dem Beispiel des deutschen Volks gegenüber, das, trotz der von derselben ihm zugefügten vielen und mannigfaltigen Unbilden, für sie thatkräftig und entschlossen gegen die perfide Fürstengewalt in die Schranken zu treten entschlossen war, — sie hat sich Angesichts solcher Kundgebungen nicht zn dem Schatten eines Entschlusses aufschwingen können. Alle Anträge, die nicht auf wirkliches Handeln — wer hatte das von einer solchen Majorität erwartet — nein die nur auf das Aussprechen des festen Vorsatzes, nöthigenfalls handeln zu wollen, hinaus liefen, wurden verworfen und diejenigen angenommen, welche das selbstausgestellte Zeugniß der völlig geistigen und materiellen Ohnmacht sind. — Von heute an hat das deutsche Volk nichts mehr zu
Die Profesforenflotte.
Was man in Bremen schon früher behauptete, wird jetzt auch von Hamburg aus zugcstanden: die in Ham- burg für die deu tsche Flöt te gkauften Schiffe taugen Nichts und das Geld ist hiuauSge- wo rfen. Die Hamburger „Börsenhalle" sagt darüber:
„Der erste Versuch, eine Marine 311 gründen, ist von Hamburger Privaten ausgegangcn, mußte aber als ein gänzlich verfehlter angesehen werden ; denn zwei Kauffahrteischiffe ausrüsten, um Fregatten zu bekämpfen, kann nur — ein Fehlgriff fein. Dennoch wurde diese beiden Schiffe für Rechnung der deutschen Marine gekauft. DaS eine, welches 14 Kanonen zwischdcckS und unerhörter Weise eine Tvplast von 18 Kanonen auf dem obern hat, nannte man eine Fregatte, während in der Wirklichkeit ein so bewaffnetes Schiff, nämlich mit 32 Kanonen auf zwei Decks, in gar seine Klasse gehört. DaS andere Schiff wurde mit 14 Kanonen bewaffnet und (Korvette genannt, obgleich eS in den letzten 50 bis 60 Jahren nirgends eine Corvette gegeben hat, die weniger als 22 Kanonen führte, und heutzutage werden Schiffe von 30 bis 36 Kanonen, die sonst Fregatten waren, nur Corvette» genannt.
Ferner wurden drei Dampfschiffe, ebenfalls nicht für den Krieg, gebaut, gekauft unb bewaffnet; doch blieben, wie jeder Sccknndige vorauSsehc» konnte, diese fünf, für
schweres Geld gekauften und zugcrichtete» Schiffe vor Hamburg liegen, und eben so ruhig setzten die Dänen die Blokade der Elbe fort.
Der Stand dieser Angelegenheit ist jeyt folgender: Die zwei in Hamburg ausgerüsteten Schiffe liegen abgetakelt und ohne Bemannung im Hafen, und dem größeren soll, wie gesagt wird, die obere Batterie abgenommen werden. So lange eine dänische Fregatte vor der Elbe ist, werden diese Schiffe doch nicht in See gehen. — Zwei von den hier gekauften Dampfern sind ebenfalls unthätig ; der dritte liegt auf der Weser ohne Kessel, der erst in 'zwei bis drei Monaten fertig sein soll."
Somit beschränkt sich der Gewinn, der bis jetzt von der deutschen Flotte gezogen wurde, auf den, welcher sich auS dem Verkaufe alter Schiffe an die Eentralgewalt ergebe« hat, eine Speculativu, eben so fein, und patriotisch, als jene, welche uns den f(eiubcut|d)cn Sonderbund als Deutschlands Einheit aufschwatzen möchte.
(Frf. Z.)
Iwan und Wanda.
(Aus den „Memoiren des Grafen de la Garde", deutsch'von Eichler)
(Fortsetzung.)
— Stumm,, unbeweglich, hat Iwan Wanda nicht kommen hören. Er wendet sich um, er gewahrt ihre
Verwirrung und ihren aufgeregten Zustand, das Erstaunen der Gruppe von Bauern und Bedienten, welche sie umgeben. Eilig nähert er sich ihr.
— „Theure Wanda, Sie hoffte ich nicht um diese Stunde hier zu sehen," sagte er; „Elisabeth und ich hofften Ihnen den Schmerz eines zweiten Scheidens zu ersparen."
— „Die Ausflucht ist glücklich gewählt," erwiederte Wauda mit einem bittern Lächeln; aber niemals ist cs u spät, treulose Absichten zu vereiteln; und wenn es für Meineidige Haß giebt, so giebt es Verachtung für niedere Seelen. Denn dies ist daS einzige Gefühl, welches Sie mir einflößen."
— „Bin ich es, Wanda, mit dem Sie so reden?" ftogte Iwan mit einem aus Schmerz und Stolz gemischtem Erstaunen.
— „Ja, Sie Iwan; zu Ihnen rede ich so. Und ich befehle Ihnen, mir augenblicklich die Papiere und das Kästchen zu geben, das Sie von meiner Cousine erhielten."
— „Wanda, Sie irren sich, kommen Sie, folgen Sie mir; hier ist nicht der Ort, noch sind hier die Leute, die Zeugen eines solchen Auftrittes sein dürfen."
— „Ich irre mich? Es ist wahrscheinlich? Lange wurde meine Geduld gemißbraucht. Dem sei wie ihm wolle, ich wiederhole Ihnen den Befehl, mir jene Papiele herauszugeben! Wollen Sie gehorchen?"
— Der Ton, womit Sie dieselben von mir^ vei- langen, würde mir ein hinreichender Grund sein, sie Ihnen