„âriHeit und Recht!"
Wiesbaden. Donnerstag, 26. April
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DaS Personal der Kreisämter.
Az. Wiesbaden, 22. April. Dank dem Entwurf der Regierung und der Mehrheit der Kammer, welche demselben in den wesentlichen Stücken beigetreten ist, läßt die zu erwartende innere Organisation der Kreis- ämter so viel zu wünschen übrig, daß das Land von den Früchten, welche es sich von der Trennung der Verwaltung von der Rechtspflege und von der Verbindung der Kreisbehörde mit einem volkstümlichen Beirath versprochen hat, wahrscheinlich wenig oder gar nichts genießen wird. Dabei aber ist die ganze Einrichtung der Kreisämter auf einem sehr kostspieligen Fuß angelegt. Jedes Kreisamt soll einen Amtmann, einen Sekretär und einen Accessisten, sowie einen Kreisrevisor haben. Das Personal der Justizämter wird auch keine große Verminderung erleiden, so lange wir noch das alte Prozeßwesen haben. Es kommt also bei der Geschichte statt einer Ersparnis eine Vermehrung der Kosten und, statt einer Verminderung, eine Verstärkung des „stehenden Heeres der Beamten" heraus. Dazu noch die Landjäger, deren Kosten fürs erste Jahr an 60,000 Gulden betragen! Konnten und wollten doch die Herren am Ministerium und die Mehrheit der Kammer einmal einen Blick in den Beutel des Volkes werfen und dessen Leere bewundern, dann würde ihnen das Vergnügen an solchem Beamten- und Po- lizei-Lurus vergehen. Man munkelt davon, die Stellen der Kreisbeamten seien bereits vergeben. Die Liste, welche darüber zirkulirt, ist folgende: Regierungsrath Werren — Kreisamtmann in Wiesbaden; Amtmann von Wintzingeroda in Idstein — Kreisamtmann tu Höchst; Regierungsrath von Gagecn — nach Rüdesheim; Justizrath Spieß in Usingen — nach Idstein; Justizrath Kissel in Runkel — nach Herborn; Amtmann Knisel in Weilburg — nach Hadamar; Amtmann Müller in Nastätten — nach Hachenburg; Amtmann vonLangen in Limburg —Kreisamtmann daselbst; Polizei-Sekretär Ferger dahier — Kreisamtmann in Langenschwalbach, und endlich Amts- Sekretär Wirth (dermaliger Präsident der Kammer) — Kreisamtmann in Nassau.
Bekanntlich hat der Abg. Lang in der letzten Sitzung der Kammer dem nassauischen Ministerium den Vorwurf gemacht, daß es bei Versetzungen der öffentlichen Diener öfters eine politische Verfolgung ausübe, und bei Beförderungen nicht auf die Befähigung, sondern auf die Unterwürfigkeit und politische Nach- beteret sehe. Wenn die oben mitgetheilte Liste richtig ist, so wird man wohl theilweise danach beurtheilen können, ob die Anschuldigung Lang's richtig ist, oder nicht. — Wirth müßte sich dann einer neuen Wahl unterwerfen, wenn man ihm nicht vielleicht die Stelle provisorisch überträgt, damit er, wie der provisorische Seminar-Direktor, doch^in der Kammer bleiben kann.
Nationalversammlung zu Frankfurt.
205, Sitzung.
Nach Eröffnung der Sitzung verliest der Präsident eine Zuschrift, worin der von der wurttembergischen Kammer gefaßte Beschluß mitgetheilt wird. In Begig auf denselben wird von Feher unv Bischer von Tübingen ein dringlicher Antrag gestellt, dahin gehend 1) zu erklären, daß die wurttembcrgische Kammer, sowie bas Württembergische Volk überhaupt, durch ihre Haltung den Erwartungen und dem Willen der deutschen'Nation entsprechen, und 2) von dieser Erklärung die wurttemberglsche Kammer in Kenntniß zu setzen. Beinahe einstimmig wird dieser Antrag als dringlich erkannt und beinahe einstimmig ohne Diskussion angenommen.
An der Tagesordnung ist Fortsetzung der Berathung des Berichts des DreißigerauSschuffes.
Vogt spricht sich zunächst über die Spaltung in der Linken aus, die ihren Grund nicht in Prinzipien, sondern lediglich in den Ansichten über die Zweckmäßigkeit der zu ergreifenden Maßregeln habe. Er vertheidigt sich und seine Freunde gegen die Beschuldigung, als ob sie mit wehender Fahne in das erbtaiserliche Lager übergegangen seien und nun für dasjenige streiten, was sie früher als ein Verderben bezeichnet haben. Der Smndpuukt den er und seine Freunde einnehmen, sei derjenige der Durchführung dessen, was von der Nationalvecsamnüuug einmal un Namen der Boiks- souveränetât beschlossen worden sey. Bis ans den letzten Augenblick sei dec Ecbluhec von ihnen bekämpft worden, aber jetzt, wo dieser -einen Bestandtheil der Verfassung bilde, bleibe nichts übrig, alS an ihm feüzuhalten. Mit der Verfassung, auch wenn sie nicht in allen ihren Theilen gut sei, werde doch eine feste Stufe errungen, von der man weiter zorlschreiten könne. Wir wollen die Verfassung nicht weil, sondern obgleich sie den Erbkaiser enthält. Sich gegen die Rechte wendend, erinnert der Redner daran, daß auf dem bisher eingejchlagenen Wege gegenüber den bestehenden Gewalten noch nichts burchgefuhrl worden sei. Wenn man etwas durchsetzen wolle, so müsse man sich felbn zu einer politischen That ei heben und nicht Alles den Ereigniffea überlasten. Es genüge nicht, wie die Leute der deutschen Zeitung, einen „Flusler- verem" zu bilden und fort und fort seinen Klubern in die Ohren zu flüstern: die Verfassung, die Verfassung und nichts als die Verfassung". Es genüge nicht die Rachlmutze über die Ohren zu ziehen und für sich zu sagen: „ich halte fest an der Verfassung". Man muß selbst thatkräftig voraugehen, wenn die Nation thatkräftig folgen soll. Der Reimer darchgeh: Hierauf die Opposition der größeren Fürsten gegen die Verfassung. In Bezug aus die Ereignisse in Württemberg, wo der Befehl zum Rückmarsch der Retchstruppen jetzt durch ein »Kanzleiversehen" bemäntelt werde, wünscht der Redner, daß der Kriegsminister gestern erklärt hätte, welche Maßregeln er zu ergreifen gedenke, um diejenigen, die den Rückmarsch veranlaßt haben, wenn auch ein Prinz darunter wäre, zur Strafe zu ziehen und damit zu zeigen, daß das Ministerium wirklich die «Zuergie habe, deren es sich immer gerühmt. Die ganze Geschichte in Württemberg zeige, daß noch überall hinter dem 9i liefen der verantwortlichen Minister die Fäden der alten Kabi- netSpolitik fortgesponnen werden. So lange wir noch solche Fürsten haben, ist kein wahrer Bundesstaat möglich. Der Trotz derselben muß gebrochen werden; hat die Nationalversammlung nicht die Kraft dazu, so wird sie auch ihren Bundesstaat nie erhalten. In Preußen, wo jetzt das Ministerium bestimmt erklärt hat, daß die Regierung die Verfassung nicht annehme, während die Kammer die Verfassung als enbgiltig anerkennt, glaubt der Redner nicht an eine Kammerauflösung. Man werde die Kammer ruhig sprechen lassen und nach wie vor mit Bajonetten regieren. Man habe damit wieder „eine Blüthe des konstitutionellen Systemes." In eine Kritik der Anträge der Mehrheit eingehend, fragt er die Herren, die handeln wollen, aber behaupten, daß der richtige Zeitpunkt noch nicht da sei: wann denn dieser Zeitpunkt kommen soll. In Süddeutschland steht man an der Scheide der Revolution, in Norddeutschland erwartet man ein kräftiges Vorangehen der Nationalversammlung, überall sind Konflikte da und Sie wollen die
Hande in den Schooß legen und warten, was das Volk thun wird? Die N ition hat Sie hierher geschickt in der Meinung, daß Sie die Einsichtsvollsten seien und Sie, die Einsichtsvollsten, sagen: „es ist an der Nation, zu handeln;" Sie entziehen der Nation Ihren Rath und lassen diese planlos handeln. Wenn die Nation ihre Führer nicht in der Paulskirche findet, so wird sie dieselben außer der Paulskirche suchen und auch finden. Wollen Sie — schließt der Redner — die Durchführung der ReichSverfassung ds, Ungarn überlassen, so thun Sie es, aber gestehen Sie, daß Sie nichts gethan haben. (Lang anhaltender Beifall.)
Pla thn er vertheidigt die Anträge der Mehrheit, indem er die Zuversicht hegt, daß, wenn die Nationalversammlung nun bei ihrer ruhig en Haltung beharre, „keine Regierung wagen werde, sie wegzuoktroyiren" (!!).
Wichmann spricht sich entschieden gegen die Politik deS Zögerns aus, die in den Anträgen der Mehrheit liegt, kann sich indeß weder dem ersten noch dem zweiten Minderheitserachten anschließen, sondern möchte eine Verschmelzung derselben. Francke erkennt zwar den „Verrath" des preußischen Ministeriums an dir deutschen Sache an, ist auch überzeugt, daß alles Blut in Schleswig-Holstein nur vergossen wird, „um Schleswig-Holstein zu zerreißen", aber will am Ende — auf den Donnersberg anspielend — „nicht donnern, wenn wir keinen Blitz haben." (!!)
M. Riohl begründet seinen Antrag der dahin geht: 1) die Reichsversammlung genehmigt die von ihrer Deputation nach Empfang der Antwort deS Königs von Preußen an das preußische Ministerium abgegebene Erklärung; — 2) dieselbe beauftragt demnach den jüngstgewählten Ausschuß, ihr wegen anderweitiger Regelung der Oberhauptsfrage Anträge in kürzester Frist zu erstatten; — 3) zugleich beschließt sie, daß derselbe Ausschuß ihr für die Durchführung der Verfassung Vorschläge zu machen habe.
Wie häufig — fragt er — sollen wir noch dem König von Preußen die Krone anbieten ? Wie viele Fußt.ritte sollen wir uns noch geben lassen? (Beifall.)
Nachdem vorher dreimal der von der Linken ausgehende Antrag auf Schluß der Diskussion abgelehnt worden , wird jetzt der aus der Rechten gestellte Antrag auf Vertagung angenommen.
Ministerpräsident von Gagern ergreift das Wort in einer persönlichen Angelegenheit. In der Antwort des Königs von Würtemberg an die Deputation der Kammer kommt folgende Stelle vor: „Der König von Preußen hat die ReichSverfassung noch nicht anerkannt, er hat die Kaiserwürde abgelehnt, noch heute wird Herr Camphausen mit Herrn v. Gagern über die Abänderung der Verfassung in Unterhandlung treten." Er — v. Gagern — wisse nicht aus welcher Öuels<> Se Majestät bbr König von Würtemberg diese ganz unrichtige Angabe geschöpft habe, aber so viel wisse er, daß weder Herr Camphausen, den er als einen Ehrenmann kenne und hochachte, noch er selbst die geringste Veranlassung dazu gegeben. Wiederholt spreche er seine Ueberzeugung auS, daß die Verfassung so wie sie vorliegt zur Verwirklichung kommen muß. (Beifall.) In Bezug auf die Vertagung wird aus der Rechten das Verlangen gestellt, die nächste Sitzung erst am Donnerstag zu halten. Hiergegen erhebt sich Simon von Trier, der nicht warten will bis das „gemeinsame Schlagwort" von Preussen , Oesterreich und Rußland gesunden ist. „Wir (Simon und seine Freunde) haben uns nicht den Verdächtigungen unserer eigenen Partei ausgesetzt, um wehrlos mit Ihnen überfallen zu werden." Riefser motivirt das Verlangen auf Vertagung bis Donnerstag. Jeder Tag könne etwas Neues und Entscheidendes bringen; ein voreiliger Beschluß könne auf verderbliche und störende Weise in den heilsamen Gang der Ereignisse eingreifen (!!!). Die Vertagung lasse sich daher vor dem Vaterlandc verantworten. (Lebhafte Aeußerungen des Unwillens.) Venedey, Raveaur und Discher von Tübingen sprechen gegen die Vertagung bis Donnerstag. Durch einen energischen Beschluß der Versammlung — meint Raveaur — kann das Ministerium Brandenburg gestürzt werden. Je länger dagegen die Versammlung zögert, desto eher wird das Ministerium im Stande sein, sich zu kräftigen. Bei der Abstimmung wird beschlossen, morgen Sitzung zu halten.
(N. D. Z.)
Iwan und Wanda.
(Aus den „Memoiren des Grafen de la Garde", deutsch von Eichler)
Sie haben ohne Zweifel, erzählte der Graf, von dem Palatin Bro .. ky, der eben so berühmt war dnrch seine Beredsamkeil, als durch seinen unermeßlichen Reichthum, reden gehört? Seine Gemahlin hatte die Geburt einer Tochter Wanda mit ihrem Leben erkaufen müssen. Der Graf gab seiner Tochter die Frau eines seiner Leibeigenen aus der Ukraine zur Amme, die er mit ihrem Sohne nach seinem Schlosse kommen ließ. Der Mann diente in einem nach dem Kaukasus geschickten Regimeute.
Die beiden Kinder mit derselben Milch gesäugt, wurden auch zusammen erzogen. Die Erziehung, welche Iwan erhielt, entwickelte in ihm den Keim der schönsten Fähigkeiten. Der Graf, welcher je mehr und mehr feine Schützlinge liebte, schickte diesen jungen Mann später nach der Universität Wilna, welche bereits durch die Fürsorge des Fürsten Adam Czartorinsky für eine der berühmtesten Europas galt. *
Iwan zeichnete sich hier durch ein musterhaftes Betragen und außerordentliche Fortschritte aus. Bald hatte er die Liebe seiner Mitstudirenden und die Achtung seiner Professoren gewonnen. Bei seiner Rückkehr gab ihm der Graf, da er kaum zwanzig Jahre zählte, um ihm seine Zufriedenheit und sein Vertrauen zu .beweisen, die
Ober-Verwaltung seiner Güter, und von jetzt an machte sich Iwan ein Glück aus der Erfüllung seiner Pflichten. Er erfüllte sie so gewissenhaft und gewandt, daß er, indem er das LooS der Vasallen verbesserte, zugleich die Einkünfte der Domaine vermehrte.
Die ausgezeichnetsten Lehrer wurden herbeigerufen, um die Erziehung Wanda's zu vollenden. Clisabeth Pe... ka war mit ihr erzogen worden, der Graf, ihr Oheim und Vormund, lebte auf seinen Gütern, in der Provinz Cherson, wovon Elisabeths Vater Gouverneur gewesen war Die beiden Cousinen, gut und gefühlvoll, hatten einen verschiedenen Charakter ohne daß dies irgend wie auf ihre gegenseitige Neigung von schädlichem Einfluß gewesen: Wanda, schön, lebhaft, bisweilen sehr ungestüm, bereute so schnell ein Unrecht und klagte sich desselben mit so viel Aufrechtigkeit an, daß man ihr wohl verzeihen und sie vielleicht nur um so mehr lieben mußte; Elisabeth mehr interessant, als schön, bisweilen zerstreut oder schwermüthig, schien geboren um zu lieben und zu leiden.
Ihre Erziehung war völlig vollendet, als Iwan von Wilna zurückkam. Vor mehreren Jahren schon hatte er seine Mutter verloren. Sein Vater lMte nie etwas von sich hören lassen. Man vermuthete, daß er todt sei, oder, durch die Cirkassier zum Gefangenen gemacht, nicht habe entfliehen können').
*) Wenn die Cirkassier Gefangene machten, hielten sie dieselben als Sklaven zurück, und um sie an der Flucht zu ver-
So wurde denn das Schloß des Grafen das einzige Asyl dieses Verwaiste«, wie seine Wohlthäter seine einzige Familie wurden. Wenn das Schicksal Iwan in einer niedrigen Mcnschcuklasse hatte geboren werden lassen, so hatte ihn die Natur hingegen entschädigt, indem sie ihn mit einer ungemeinen Schönheit begabte, aber mehr noch indem sie damit jene kostbaren Eigenschaften verband, welche die Zuneigung beherrschen, ohne Neid zu erwecken.
Das durch den Grafen häufig wiederholte Lob des jungen Mannes konnte auf das Gemüth der beiden Freundinnen nicht ohne Emflnß bleiben. Ohne Zwang neben ihm lebend, waren sie von Kindheit auf gewohnt, ihn als einen Bruder zu betrachten. Noch wußten sie nicht was Liebe war, als beide schon ihre Süßigkeiten empfanden. Wanda lebte der Hoffnung, daß die blinde Zärtlichkeit für sie und ihre Neigung für Iwan die Kluft, welche sie trennte, beseitigen würde. Elisabeth ihrerseits nährte als Herrin ihrer selbst und ihres ungeheuern Reichthums mit stillem Glück die Hoffnung, Iwan für die durch die Natur an ihm begangenen Unbilden in Betreff seiner Geburt zu entschädigen. Dieser Gedanke läuterte die Liebe in ihren Augen.
hindern, machten sie ihnen Einschnitte in die Hacken, in welche sie fein zerschnittenes Pferdchaar steckten. Wenn die Wunde geschlossen waren, konnte der Gefangene nicht fest am den F P stehen, ohne lebhafte Schmerzen zu empfinden, und die Flucyr war somit unmöglich.