„âeiheit nnd NeeSt!"
Jtë9O.
Wiesbaden. Dienstag, 17. April
ISS»
Die „Freie Zertung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. — Der ^ vurch die Post bezogen mit vcrhaltmßmäßigem Aufschläge. - Inserate werden bereitwillig ausgenommen unb ffnh R^ betragt vierteljährig hier in Wiesbaden i a . "I““
Erfolge. - Die Zlsseratwnsgebuhren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer b b großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stet/ p^ ^^^^
Wer soll die Salarirung der Volksschul- i bildete Bürger in seinen Rechten vielfältig aefränft
lehrer übernehmen? ' ....... " gekrankt
WS. Man sah bei der Organisation des Schulwesens im Jahr 1818 ein, daß die Schullehrerbesoldung von den Betheiligten in Geld oder Naturalien geleistet und von den Lehrern erhoben viele Nachtheile für den Unterricht, die Schulgemeinde und die Lehrer habe, und traf daher damals die Bestimmung, daß das auf den Kopf schulpflichtiger Kinder berechnete Schulgeld aufhörte und die Besoldungen aus der Eom- munalkasse bezahlt wurden. So dankeuswerth dieser Schritt war und so sehr diese Einrichtung dazu beitrug, die Schulen zu heben, so wenig kann jedoch diese Einrichtung jetzt genügen. Denn einestheils gehen die Auszahlungen nicht überall regelmäßig vonStatten, besonders wenn ungünstige Verhältnisse im bürgerlichen Leben eintreten, anderutheils sieht man den Lehrer schief an oder gibt es ihm Schuld, wenn sich Die Gemeindebedürfnisse vermehren.
Die Erfahrung, besonders in neuerer Zeit, hat traurige Belege für diese Behauptungen geliefert. Doch bei der bald ins Leben tretenden freien Geineiudever- Waltung gestaltet sich die Sache voraussichtlich noch weit schlimmer- Man wird nunmehr hauptsächlich darauf sehen, daß den einzelnen Gemeindenutgliedern mehr persönliche Vortheile, als bisher, zufließen, namentlich wird mehr Holz, das seither zum Besten der Ge
meindekasse versteigert wurde, zu persönlicher Verthei- lung kommen, wodurch die Einnahmen für die Gemeindekasse eine große Schmälerung erfahren werden. Man braucht nun gerade keine Divinationsgabe zu haben, um zu wissen, daß diese Beschränkung in den Gemeindeeinkünften die nachtheiligsten Folgen auf die Entrichtung der Lehrerbesoldung haben werde: ja nicht wenige Gemeinden werden geradezu außer Stande kommen, die bisherigen Besoldungen auszubezahlen. Unter Erwägung des Gesagten erscheint es daher wünschenswerth, daß man jetzt einen Schritt weiter gehe als 1818, und die Lehrerbesoldnngen aus der Staatskasse, mit verhältnißmäßiger Betheikigung der Gemeindekassen, leiste. Ich glaube aber, daß der Staat hierzu sogar rechtlich verbunden ist, und finde diese Schuldigkeit in Folgendem begründet.
1) Jeder Staatsbürger muß wünschen, daß in allen Gemeinden, die zu einem Staate verbunden find, die Jugend zur Menschlichkeit, Ordnung und Pflichttreue, überhaupt zur Moralität und allen bürgerlichen Tugenden erzogen werde. Nur so werden Müßiggang, unordentliches Haushalten, Bettelei, Dieb- und Räubereien möglichst verschwinden und Sicherheit, Ruhe und Ordnung erhalten werden. Oder kann es einer Gemeinde gleichgültig sein, wenn in den Nachbar- gemeinden Erziehung und Unterricht vernachlässigt werden und die Kinder daselbst wie Karaiben oder Beduinen aufwachsen V Würde nicht dadurch der ge-
z - - —I—a“‘"l,u werden und der biblische Ausspruch: „Wo ein Glied leidet, leiden auch die andern Glieder mit!" hier seine volleAnwendung finden? Ich glaube also, jeder Ein- zelue und jede Gemeinde hat das Recht, an den Staat die Forderung zu stellen, daß er für normalmaßige Bildung aller seiner einzelnen Glieder gleiche Sorge trage, und daß der Staat nur hierdurch seinen höchsten und heiligsten Zweck, die Wohlfahrt des gesamm- ten Staatskörpers zu begründen, erreichen kann. „Nimmt aber der Staat", wie Regierungsrath Graff sagt, „die Sorge für Erziehung seiner künftigen Bürger über sich, so muß er auch für die dazu erforderlichen Mittel, für den Unterhalt der Lehrer sorgen, und bei der Anlegung seines Etats hierfür ebenso die nöthige Summe auswerfen, wie für das stehende Heer und die Anlegung von Kunststraßen."
Der Staat hat es bisher allenthalben für seine Pflicht gehalten, diejenigen Personen, welche dem Staatszwecke hindernd im Wege standen, entweder zu bessern oder zu bestrafen, oder für die Gesammt- masse unschädlich zu machen. Er unterhielt daher Straf-, Arbeits- und Zuchthäuser, und hat hierzu nicht unbedeutende Summen verwendet. Wenn er es aber für seine Schuldigkeit gehalten hat, durch die ge- nannten Einrichtungen unmittelbar für die Ruhe, Sicherheit und das Wohl der einzelnen Staatsglieder zu sorgen, ist es denn nicht auch seine Pflicht, dieses mittelbar zu bewerkstelligen? Es kann aber mit Zahlen aus allen Staaten nachgewiesen werden, daß da die meisten Verbrecher sind, wo man die Schulanstalten vernachlässigt hat, und umgekehrt diejenigen Staaten am wenigsten für Gefängnisse zu sorgen haben, in denen Unterrichts- und Erziehungsanstalten am meisten blühen. Folglich hat der Staat aber auch die Obliegenheit, Diejenigen, welche ihm zur Erreichung staatlicher Zwecke so brauchbare Werkzeuge sind, d. h. die Lehrer, zu salariren.
2) Diese Pflicht muß aber um so mehr als Schuldigkeit betrachtet werden, wenn man erwägt, daß nach den Bestimmungen des Lüneviller Friedens der Staat für die Säkularisirung der Bisthümer und Klöster gehalten sein soll, einen Theil von den hierdurch erhaltenen Einkünften für Schulen und fromme Zwecke zu verwenden. Wie wenig man jedoch von Seiten des Staats in Deutschland überhaupt dieser Verbindlichkeit nachgekommcn ist, mag daraus erhellen, daß sich in verschiedenen Ständekammern Abgeordnete veranlaßt gesehen haben, dieserhalb die Regierungsbehörden zu interpelliren. So äußerte einmal ein bayerischer Abgeordneter, Freiherr v. Steinbach, in dieser Beziehung: „74 in Baiern säkularisirte Abteien und Stifter besaßen, ohne Mobilien, wenigstens 66 Millionen Werth in Grundgütern. Ein Theil sollte nach dem Reichsdeputationsbeschluß für Schulen und fromme Zwecke verwendet werden, — und nicht einmal die Armuth vertritt der Staat im Schulgelde." Ich führe
dieses deßhalb hier an, um zu zeigen, wie gerade hierdurch die Eiunahmen des Staates sich hie und da vermehrt haben, ohne daß derselbe bisher daran gedacht hat, einen Theil hiervon seiner ursprünglichen Bestimmung gemäß zu verwenden. Was haben diese Güter in Nassau eingetragen? Jetzt, da die Domänen zu ^vtaatseigenthum erklärt sind, ist es wohl erlaubt, diese Frage einer Untersuchung zu unterwerfen. Wenn nun gleich Nassau auf Antrag seiner Volksvertreter armen Gemeinden für Schulbedürfnisse Zuschüsse aus allgemeinen Staatsmitteln zukommen ließ, was immerhin eine daukeuswerthe Anerkennung verdient; so dürfte es doch jetzt an der Zeit sein, daß der Staat die Besoldung der Volksschullehrer in der Art übernähme, daß die einzelnen Gemeinden hiezu verhältniß- mäßige Beiträge, ähnlich wie zu den Besoldungen der Oberförster und Medizinalbeamten, leisteten. Haben wir darum das Vertrauen $u unsern Volksvertretern und unserer Regierung, die bisher bei dem Bestreben für zeitgemäße Reformen auf dem Gebiete des Schulwesens den ersten Regierungen Deutschland's nicht nach- gestauden hat, daß das, was zur Hebung des Schulstandes und somit zur Emporbringung eines genügenden Volksunterrichtes noth thut, die bereitwilligste Berücksichtigung finden werde.
, —-z • » »» V»
0 Höchst, 14. April. Der in der „N. D. Ztg." enthaltene und auch in die „Freie Ztg." übergegangne Artikel aus Höchst vom 10. April d. J. ist insofern zu berichtigen, als darin erwähnt wird, es sei wegen der in Rede stehenden Rauferei zwischen preußischen und nassauischen Soldaten nichts geschehen. Auf die, wie aus unterrichteter Quelle erzählt wird, am 11. April d. J. bei dem Amte Höchst eingegangene Anzeige des Bürgermeisters ist sofort eine genaue Untersuchung der am 9. d. M. stattgehabten Rauferei eingeleitet werden, welche Untersuchung unausgesetzt betrieben wurde.
Im klebrigen ist der Inhalt des Artikels vom 10. April d. J. vollständig mit den Erzählungen uube- theiligter Leute übereinstimmend, welche namentlich bestätigen, daß die Rauferei nicht von den nassauischen Soldaten, sondern vielmehr zuerst von einigen preussischen Soldaten begonnen wurde und daß letztere sich der Säbel bedienten, während die nassauischen Soldaten das nicht gethan haben. Uebrigens ist keine der in Folge der Raufereien enftandencu Wunden lebensgefährlich.
Schon öfters ist mit größtem Rechte verlangt worden, daß der Soldat, falls er nicht im Dienste sei, keine Waffen zu tragen habe: mancher grobe Erceß, manche rohe Brutalität, würde dann vermieden worden sein; bis jetzt sind aber solche gerechte Wünsche nicht berücksichtigt worden. Hoffentlich wird die Zeit
/X Der Hexenbaum-
Eine Westerwâlder Dorfgeschichte.
flamm bewohnt das kleine Städtchen E. Rüstige ^lckers- und eifrige Gewcrbslente bilden den Kern Der Einwohnerschaft ; vor nicht langer Zeit lebte auch da ein Kaufmann , von renvmmirter Haltung und der ganzen Gegend bekannt. Seit einigen Jahren war er abwesend und hatte seinen Sohn — des Vaters Stol. — Peter, den frischen nalurkräfligen Westerwaldes Sohn, znrück- gelassen. Peters Freund war aber Konrad, der sein geben einem braven Ackersmann aus dem Nackbardörf- chen W. verdankte. Wacker wie sein Vater bebaute er mit dem, Der ihm das Leben gab, rüstig und stark len nothdürftig lohnenden Boden, sorgsam mit der Ausdauer des Wcstcrwälters. Blieb auch nach Jahresschluß Con- i ravs Vater nichts übrig als Die Erinnernug an daS lieben betreffen , die in seiner Nähe wohnen. Dieser ehr- schwer verarbeitete Jahr, dessen Schweiß kaum hinreichte würdiaen Reck ckulhbearabcncr Wäidi-N orhr^ ..-r. -** — ^" ^"^ ‘
Wer kennnt sie nicht diese altehrwürdige Buche, Sprößling vergangener Jahrhunderte, trotzend den Stürmen, die Orkane des Westerwaldes spaltend, kühn allen Elementen widerstehend, wie sie erhaben über der Menschen niedrigem Gewühle, stolz von ihrer Warte auf des Bewohners armseliges Alles herabblickt, die Jahre zählend, die vergangenen und die noch kommen werden.
Wer kennt ihn nicht diesen alten ehrwürdigen Baum, dessen Runenrmde Zeugniß gibt von dem was sich von lange her begeben und die Schicksale sah, cie die Sterb-
würdigen Rest flut begrabener Wälder 'erhebt noch sein Alterhaupt stolz empor und ungeschwächt, erfabrui^- re.ch überblickt er die Stätten der Menschcuwohuuugcu die Menschenflciß in seine Nähe baute. Auf der Mark-
sch'id- des HödebergrückwS zwischen Emmerichmham festes aewnrren
und Rennerod steht dieser Buchenbaum, dem die Erin
nerung auS alter Zeit den Namen ^Hexenbaum" ge- leibt werden sollten, als eines TagS um die MittagS-
geben, weil der Sage nach Hexen in seiner Nähe vcr- stunde der Stadtschueider mit wichtiger Miene, Bedeu-
' rannt worden sein sollen. Mag er auch diese Scenen tendcS ahiien lassend , mit einem Packe unter dem Arm
mittetalteUichen Fanatismus einst als jünglingfrisches
, mit einem Packe unter dem Arm ! eintraf. Er fragte nach Herrn Peter Obstman. Die Bäumchen schauernd überblickt haben, a'lö Greis noch Bauern, des Ausdrucks „Herr" ungewohnt, stutzten, ^^in^ «• -^7 ^;^;. ..„^ ^..p”*1 ; doch wiederholtes dringendes Fragen überzeugte sie
Ein frischer nvrdgewohntcr Menschen- , bald, daß kein anderer Herr als Obstmanns Peter ge-
überschattcte er ticfanfathmcnde Seufzer aus gepreßten Liebesherzen.
um die Staats-, Kirchen- und Reichssteuer zu decken, so krönte aber Zufriedenheit ihr Loos. Peter und Conrad waren also Freunde, sie liebten sich wie Brüder; gemeinsam ausgewachsen war ihr Band ein zntranlich
Es war im Jahr 18:* die Zeit war allmählig herangerückt wo beide dem Militär cinver-
meint sein konnte. Man wies ihn zurecht und nun entleerte der gesprächige glatte und elegante Stadtherr seinen Pack, worin sich ein nagelneues Stadtkleid nebst einem Briefe für Peter fand. Trenherzig bewunderte Freund Conrad den neuen Anzug und zeigte sich keineswegs eifersüchtig; allein PeterS Herz hatte nicht widerstanden, sogleich nahm er eine Miene der Uebcrlcgcn- Heit an, die unsern Conrad tief verwunderte. Von nun an zeigte sich Peter ganz verändert, betrachtete sich im Spiegel und die übrige Welt mit gnädiger Herablassung.
Wieder bald Darauf kam ein Kammerdiener per Post an und brachte einen zweiten Brief an Herrn Peter Obstmann, worin ein reichgewordener Onkel ihm anricth sogleich zu ihm in die Stadt zu kommen. Peter stieg in den Wagen, reichte Conrad mit einem Protectionslächeln die Hand und fort! war er mit all' dem Pompe seines neuen Glückes. Conrad aber fühlte sich verlassen und weinte.
Fragst du lieber Leser, wie es kommen mag — dieses schnelle Wechseln des Glückes, Diqeè Hinschminden geschworener Freundschafts-Rechte, die,er Verfall jngend- licher HcrzenSneigung? so blicke hin auf den Strnndcl in der Welt, nirgends findest du mehr jene alte treue Sitte wo Manneswort freier Deutschen weithin als das Sym- pol der Aechrheit galt. Verschwunden ist die Wahrheit der Freundschaft, nur das lose Wort des Mundes plappert cs ohne Gefühl dem Mitmenschen in's Gesicht. Die Zeiten haben sich gewaltig geändert. —