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Kmc Zeitung.

Freiheit und Recht!"

Wiesbaden. Sonntag, 8. April

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Die Revolution von 1848.

J Von der Hochstraße. Wir sind kein Freund vom Revolutiomren des Revolutionirens wegen, aböt wir verdammen auch nicht, wie gewisse Leute, die bei derartigen Ereignissen immer nur die allenfallsigen Henkerlisten herausreißen, jede Revolution des Schat­tens wegen, welcher der natürliche Begleiter des Lichtes ist. Wir sind im Gegentheil begeistert für jede ver­nünftige und weise Revolution, weil wir darin eine kräftige Lebensäußerung eines Volkes, eine Aner­kennung des Fortschrittsprinzips, eine Erhebung der Fortschrittspartei gegen reaktionäre und konservative Elemente, das einmal bestehenden Verhältnissen oft einzig erfolgreiche Mittel sehen, den Staatsor­ganismus von Zeit zu Zeit von dem Schlamme zu reinigen, der seine edleren Kräfte zu ersticken droht, weil wir in ihr den vor der Vernunft hinreichend ge­rechtfertigten Akt der Nothwehr eines Volkes gegen feindliche Gewalten erkennen, um sich ein freies Ter­rain zu erkämpfen, das nachher einen friedlichen Ent­wicklungsgang gestattet. Revolutionen dürfen demnach nie Zweck, sondern müssen Mittel zu höhern Zwecken sein, Mittel, um zeitgemäße, d. h. für die Mehrheit nothwendig gewordene Reformen auch möglich zu machen. In diesem Sinne sind sie uns die Garantie der ruhmreichen Eristenz und Zukunft eines Volkes, das einzige Mittel, wodurch dasselbe den Makel 100* jähriger Knechtschaft und stumpfsinniger Schlafsucht urplötzlich von sich abwaschen kann.

Demgemäß ist auch die Revolution von 1848 höchst achtungswerth. Mag sie gelungen sein oder nicht, immerhin bleibt sie eine großartige Erscheinung.

Sie, die nicht unvorhergesehen kam, die ihr vorausgehende Schwüle ließ den Ausbruch eines Un­gewitters ahnen; der in Masse angehäufte Zündstoff bedurfte nur eines Funkens um zur Weltflamme zu werden, und dieser zündende Funke ging von unserm heldenmüthigen Nachbar- und Brudervolk, den Fran­zosen aus sie trug im Anfang einen schönen, wahr­haft großartigen Charakter; sie proklamirte dem Worte nach wenigstens die wahrsten Grundsätze der Mensch­heit. Wen begeisterte nicht der von Frankreich herüber­tönende Ruf: Freiheit, Gleichheit, Brüder­lichkeit. Dieser ewig und einzig wahre Wahl­spruch des Christenthums, die ewige Losung der Mensch­heit! Gleiches Recht aller Völker auf Freiheit, und wenn es nothwendig Befreiung allen ge­knechteten Völkern!

Es stürzte auf diesen allmächtigen Freiheitsruf, dem Ausdruck des VolkswiUens, und der Volks­wille ist immer allmächtig! ein Donnerton für alle Tyrannen der morsche Thron eines stolzen Bür­gerkönigs; es erhoben sich, wie von einem Geiste durch­zuckt, alle Stämme und Völker Deutschlands Frei­heit und Einheit war ihre Devise Italiens, Un­

garns und Polens! Größer schienen in diesen Zeiten die Einzelnen wie die Natidnen. In schöner und wür­diger Begeisterung schlugen die Herzen dem, wie man glaubte, herangebrochenen Tage entgegen; von dem der Dichter singt:

Bald erscheint der neue Täufer,

Der Messias, der die Käiiser

Und Verkäufer aus dem Tempel jagt!"

Aber rohe, barbarische Hände haben die Märzsaa­ten unserer Freiheit gemäht, noch ehe sie Frucht ge­bracht. Die Anfangs glorreiche Revolution ist miß­lungen, und Schmach, daß man es sagen muß, die Völker selbst tragen die meiste Schuld.

In Frankreich haben sich unberufene Hände der Zügel bemächtigt, um die Revolution nach Belieben zu lenken. Diese aber macht es, wie störrige Pferde. Wenn man ihnen nicht freien Lauf läßt, so drehen sie stch im Kreise um. Die Begebenheiten in Frankreich haben einen Kreis beschrieben unv sind darum nicht von der Stelle gewichen. Der letzte Minister des ver­jagten Louis Philipp ist erster definitiver Minister der französischen Republik.

In Deutschland hat sich die Versammlung, welche frei von allem fremden und feindlichen Einfluß seine Zukunft schaffen sollte, zu einer Vereinbarungskommis­sion herabgewürdigt, und Freiheit und Einheit sind leere Phrasen. Polen hofft umsonst auf Erlösung von Völkern, welche sich selbst nicht helfen können, weil die dermalen herrschende Partei es nicht mag. Sie sind an ihm zum Lügner geworden, wie an Ungarn und Italien, an welchen man bald vielleicht zu of­fenen Verräthern wird.

Diese beiden Völker übrigens sind allein auf revo­lutionärem Boden stehen geblieben. Ungarn insbeson­dere hat sich gegen eine unverhältnißmäßige Uebermacht glänzend geschlagen, so daß wir Deutsche, wäre der Michel nicht zu schläfrig, ähnlich jenem griechischen Helden schamroth ausrufen müßten:Die Siege der Ungarn benehmen uns den Schlaf!"

Wir bemühen uns nun, nachdem wir die Umrisse und leitenden Motive der Revolution flüchtig gezeich­net , die Hauptursachen ihres Mißlingens aufzustellen, können uns aber dabei um so eher auf das uns zu­nächst Liegende, also auf Deutschland beschränken, da das von ihm Gültige mit geringen Modifikationen auch auf das Ausland anwendbar.

Der nächste Grund davon ist die damalige politi­sche Unvorbereitung des deutschen Volkes, verbunden mit einer falsch verstandenen und angewandten Großmuth

die sogenannteHumanität der Schwäche." Die Donnerschläge der französischen Revolution weckten auch den guten Michel auf. Er fühlte, daß seine drückenden Verhältnisse anders werden müßten; er fühlte auch, daß jetzt die bequemste Zeit sei, um sich seiner Fesseln zu entledigen. Aber es fehlte ihm das klare Bewußtsein, wie es werden müsse. Dazu war er zu unvorbereitet. Verargen kann man es ihm

nicht. Seine bisherigen Gewalthaber tragen die Schuld davon. Ein Volk, das bisher die Segnungen der freien Presse und des Vereinsrechtes entbehrte, dessen Schulen knechtische und geknechtete Organe zweier gleich feindlicher Gewalten des Despoten- und Pric- sterthums waren, kann unmöglich sehr politisch gebildet sein. Und das war die Ursache, warum die Deutschen inmitten der über sie entbrechenden Stürme verblüfft, rath- und thatlos da standen und ein Opfer offener und verkappter Feinde wurden. Seine Haupt- femde, die heuchlerischen Beamten, ränkesüchtigen Di­plomaten und nach irdischer Macht dürstenden Pfaffen kannte unser Volk nicht ober es übersah sie. In den Tagen des Märzes lagen sie im erbärmlichen Gefühle ihres Nichts, ihres Unrechts und ihrer Laster im Staube vor ihren Siegern. Sie waren in deren Ge­walt und sie, die in den Tagen des Glanzes nie Schonung gekannt, hofften auf kein Erbarmen. Die falsche Großmuth des Volkes hatte genug, sie gede- müthigt zu sehen und schonte ihrer. Es unter­handelte mit ihnen, die nie Treue und Wort gekannt und gehalten; es schloß Friesen mit ihnen, und sie jubelten; denn nun waren sie, dte Geschlagenen, für den Augenblick wieder Sieger und um so eher, als offener Verrath und bornirte Mittelmäßigkeit aus dem Volke selbst sie unterstützte. Die offenen Verrä- ther, d. h. die Anhänger der offenen Reaction und ihr Einfluß sind nur zu bekannt. Jeder kennt die Thaten eines Windischgrätz, Wrangel und Anderer ihres Gelichters.

Sie hätten aber nie wagen können, was sie gethan, wären sie nicht unterstützt gewesen durch diese sogenann­ten H a l b l i b e r a l e N. So nennen wir diejenigen, welche bis zu einem bestimmten Grade das Princip der Revo­lution anerkennen, sich aber scheuen oder sträuben, alle Consequenzen daraus zu ziehen. Ihre Führer sind die Theilhaber am Profefforenclub in der Pauls- kirche, die sammt und sonders vormärzliche Oppositions­männer und zum Theil Märtyrer ihrer Grundsätze waren, die das absolute Königthum allerdings hassen, sich aber ein künstliches System gemacht, von dem ab­zuweichen, ein falscher Ehrgeiz sie hindert, trotz dem daß der fortgeschrittene Zeitgeist sie vorwärtsdrängt. Darum gehen sie lieber Hand in Hand mit der Reak­tion, arbeiten ihr wenigstens in die Hand.

Ihr Anhang im Volk sind e n g h e r z i g e F e i g l i n g e oder egoistische Krämerseelen. Den Ersten geht die Ruhe über Alles, sie fürchten die Opfer, mit denen der Freiheit ächtes Gold allerdings stets erkauft wer­den muß. Darum scheuen sie den wagenden Schritt vorwärts. ' Sie sind die gemüthlichen Philiste . Die Letzteren nehmen freilich ein größeres Maß von Frei­heit für sich in Anspruch, aber sie sind weit entfernt, dieselbe auf die Allgemeinheit ausgedehnt wissen zu wollen; sie verwerfen das absolute Königthum, aber sie beben noch mehr vor der reinen Volksherrschaft, weil sie die Gleichberechtigung aller nicht mögen. Sie

Der deutsche Kaiser.

Don Louise Dittmar.

Der Deutsche fuhr ums Morgenroth Empor aus schweren Träumen, Bist untreu Freiheit oder todt," Wie lange willst du säumen? Die Freiheit nach der Hermannsschlacht, Gegangen in die dunkle Nacht, Sie hattte nicht geschrieben, Wo sie seitdem geblieben.

Der Deutsche hier, der Deutsche dort Ward müd' an sie zu schreiben, Jagt' endlich die Minister fort Die Antwort zu betreiben;

Und Petition um Petition Bewilligt man von weitem schon, Und mancher Kugelregen Sprach Amen zu dem Segen.

O deutscher Michel, überklug, Willst endlich Dich erheben, Dem keine Freiheit frei genug, Was wirst Du noch erleben! O Deutschland, Deutschland, was Dich brennt, Das lindert Dir das Parlament, Das Parlament wird geben Den Todten wieder Leben.

Und überall, allüberall, Auf Wegen und auf Stegen, Zog Alt und Jung mit Jubelschall Dem Kommenden entgegen. Gottlob! rief mancher gläub'ge Christ, Gottlob! rief laut der Pietist, Gottlob! rief der Minister, Gottlob! die Amtsgeschwister.

Und hin zur alten Kaiscrstadt, Geschmückt mit grünen Reisern, Zog nun des Reichstags Apparat, Begrüßt aus Hütt' und Häusern: Der Popularitätentrupp, Der Nationalitätenklubb, All', die für Freiheit fechten, Die Linken und die Rechten.

Kaum hieß es dort: was thut uns Noth?

Drauf Einer sehr behende: Schlagt gleich das Alte mausetodt Und sagt Euch permanente; Verloren ist davon kein Schlag, Selbst nicht am hohen Bundestag." Doch siebzehn Herren netto Behielten was in petto.

Und so die Einheit fort sich spann Nach alter deutscher Weise, Und als die edle Zeit verrann Wünscht man ihr gute Reise. Wer siegen will, bleibt auf dem Platz, Das ist ein vielberühmter Satz, Den kannten auch nicht minder Des alten Bundes Kinder.

Geboren hat der Berg die Maus. Die Pathen, Herrn vom Berge, Sie laden ein zum Kindtaufschmaus Jn's Mausloch Fuchs und Zwerge. Die Freiheit in der Reichscoutrol', Die Einheit in dem Kaiserzoll, Das ist's, was wird erstrebet! Was Michel nicht erlebet!

Ach, Michel, Michel, hin ist hin!

Verloren ist verloren!

Ach, nur der Spott ist dein Gewinn! Wie wachsen Dir die Ohren! Vom Parlament kam's trapp! trapp! trapp! Und klirrend stieg der Kaiser ab Mit Kirchenbuß nnd Psalter, Weither vom Mittelalter:

Hallo! Hallo! wach auf mein Kind! Schläfst Michel oder wach'st Du? Wie bist' noch gegen mich gesinnt, Und weinest oder lachst Du?

Hah sieh, ha sieh, im Augenblick Der Freiheit Koller Stück für Stuck, Huhu! ein deutsches Wunder! Fiel ab wie mürber Zunder.

Was klang dort für Gesang und Klang? Was flatterten die Raben? Horch, Bundesmacht, horch, Todtensang: Laßt uns den Leib begraben." Grant Michel auch? Der Tag scheint hell, Der todte Kaiser reitet schnell; Graut Michel auch vor Todten ?

Ach, laßt sie ruh'n die Todten!"