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DaS Verhältniß des freien Staates zur Kunst und Wissenschaft.
'' $ Wiesbaden, 28. März. Man hört oft die Befürchtung aussprechen, wenn die demokratischen Prinzipien siegten, so würde die Kunst untergehen, die ungebildete Masse, die dann das Ruder in die Hand bekäme, würde nur die Befriedigung der materiellen Interessen im Auge haben, und Alles, was das Leben verschönert und veredelt, werde von der Erde verschwinden. Wir glauben, daß man sich in dieser Beziehung nicht die mindesten Sorgen zu machen braucht, denn so lange die Masse des Volkes noch so roh ist, daß ihr die feineren geistigeren Bedürfnisse und Genüsse fremd sind und der Werth der Kunst und Wissenschaft von ihr nicht erkannt und geschätzt wird, so lange wird sie auch nicht im Stande sein, das Heft in die Hände zu bekommen. Um sich selbst zu regieren, hat das Volk einen bestimmten Grad der Bildung nöthig. Fehlt dieser Bildungsgrad, so fehlt die erste Bedingung der Selbstregierung, die Basis der Demokratie, so sinkt das Volk, wenn es auch durch eine Revolution einmal das Joch abschüttelt, unausbleiblich wieder unter die Bevormundung zurück. Ein Volk dagegen, welches seine Freiheit zu erringen und zu behaupten versteht, wird auch der Kunst und Wissenschaft ihre gebührende Stelle im ^taatslebeu anzuweisen und zu wahren wissen.
X Wir glauben, daß die civilisirten Völker Europa's sich zu dieser Stufe der Entwicklnug erhoben haben, oder eben jetzt sich zu derselben erheben.
So lange ein Volk sich nicht selbst regiert, sondern sich beherrschen läßt, sind seine Beherrscher Alles in Allem, nicht allein die Regierer des Staats, sondern auch die Pfleger und Beförderer der Künste und Wissenschaften. Der König Frankreichs, welcher sagte: l’état c’est moi (der Staat bin ich), welcher die Herrschaft des Absolntismus in seinem Lande durchführte, er sammelte die ganze freiere Bildung der Zeit um sich, sein Hof bildete den Brennpunkt, in welchem die Strahlen des Geistes in Kunst und Wissenschaft zusauuneu- liefen, und von welchem aus sich die verfeinerten Sitten, Moden, Lebensgenüsse re. über Europa verbreiteten und zwar zunächst immer wieder an die Höfe der Fürsten. Der Hof Friedrichs des Großen war der Sammelplatz der ausgezeichnetsten Geister der Zeit, obgleich dies damals nur Franzosen waren. Weimar aber war' ein ächt deutscher Musensitz. Die zarte Pflanze der Poesie konnte nur unter den Strahlen des Fürstenglanzes und in der Hoflust gedeihen. Die Dichter waren Minister, die Theater —Hoftheater.
Lndw ig Kossuth.
' Europv schläft, röchelt — stirbt? Wer kann es sagen! Es liegt im Fieber. Die Russen und die Reaction sind das Friefel, das in ihm steckt. Wird es davon genesen und die Krisis, in der wir uns befinden, zum Tod oder zum Leben führen? Werden die Ungarn und die Italienern siegen? Wer weiß es! Werden sie fallen und wir mit ihnen? Wer weiß es! Nur so viel ist gewiß: Koj- suth ist beinahe der einzige M a n n an einem Staatsruder in Europa; Kossuth, der die Armeen aus dem Boden stampft und das Feuer der Begeisterung in sie gießt
Wir glauben des Interesses unserer Leser gewiß zu sein, wenn gerade eben aus einem bei J. P. Grohe in Mannheim erschienenen Schriftchen: „Ludwig Kossuth, der Dictator von Ungarn, 1849" einige Details über dessen Leben, so wie eine Probe seiner Beredtsamkeit mitthcilen. Wie sehr Kossuth auf eine Allianz mit Deutschland d. h. dem freien Deutschland hält, beweist die Absendung von Deputirten nach Frankfurt nach der Einberufung des Parlaments, in welcher Beziehung er auch in einer seiner Reden sagt, daß er fühle: „die ungarische Nation sei berufen, mit der freien deutschen Nation und die deutsche Nation sei berufen, mit der freien ungarischen Nation in innigen und freundschaftlichen Verhält
I Und es war gewiß eine der besten Arten von Geldverwendung, wenn die Fürsten die Staatseinkünfte, über welche sie zu der Zeit, da es noch keine Civil- listen gab, ziemlich unbeschränkt verfügten, zu solchen Zwecken verwendeten. Es hing auf diese Weise freilich Alles von der Willkür und der Persönlichkeit der einzelen Fürsten ab; indesseil, da wir in Deutschland so reichlich mit denselben versorgt sind, so fand sich doch immer ein Plätzchen, wo unter den Fittichen eines kunstliebenden Mannes die verachteten Musen eine Zufluchtsstätte fanden.
Dieses Verhältniß dauerte fort bis auf die neueste Zeit, wo noch der Dichter-König von Bayern die Pflege der Kunst als eineHauptlebcus- aufgabe betrachtete. Doch au ihm und durch ihn wurde auch der Wendepunkt offenbar, der in der ganzen Richtung der Zeit eintreten ist. König Ludwig beschützte und beförderte die Kunst, aber nur die romantisch? (die mittelalterliche) im Gegensatz zu der freien, modernen Kunst; er zog die Restauration des Mittelalters, die Koryphäen des Ultras montanismus an die Universität München; er baute Klöster und schloß Luther von der Walhalla aus. Ebenso trat Fri e d r i ch W i l h e l in IV. von Preußen als entschiedener unerbittlicher Gegner der freieu Wrssen- scha ft auf, deren Vertreter er von allen preußischen Hochschulen removirte, wogegen die Schelling, Leo, Hengstenberg, Stahl, Savigny u. s. w. besondere Gnade fanden. Die Höfe haben sich gegen die moderne Kunst und Wissenschaft gewendet, sie haben damit sich selbst das Urtheil gesprochen, sie haben damit erklärt, daß die freie Kunst und Wissenschaft ihres Schutzes nicht mehr bedarf. Die Kunst und Wissenschaft, welche ' in ihrem Wesen, welche innerlich frei geworden i ist, muß auch äußerlich frei da stehen, darf nicht mehr von der Willkür eines zufälligen Mäcenas ab- I hängig sein. Die Sorge für Wissenschaft und Kunst ! wird und muß in Zukunft Sache des Volkes, des Staates sein. Der Absolutismus (und, was dasselbe ist, der Scheinkonstitutionalisinus) kann sich nur nod) halten im Gegensatz zu der freien Bildung der Zeit. Der Vorkämpfer des österreichischen Absolutismus, Fürst Windischgrätz, läßt den Philosophen Jellinek und den Musiker Becher erschießen, und ver- urtheilt den Verfasser der „Reimchronik", den Dichter M 0 r i tz H a r t in a n n, zur Assentirung; der freie Staat hat an der modernen Wissenschaft und Kunst seine Haupt- 1 stütze, ja seine theoretische Grundlage und Voraussetzung; er würde einen Muttermord begehen, wenn er Kunst und Wissenschaft vernachlässigte oder zu Grund gehen ließe.
1 Wenn man die in Vorstehendem dargelegten Grund
nissen zu leben und vereint zu wachen übcr die Civilisation des deutschen Ostens." Nicht minder bedeutsam dürfte dagegen auch folgende, dem Hause Oesterreich eröffnete Aussicht sein: „denn ich sage es offen heraus, wenn die Reaction auch nur einen Augenblick siegen sollte, oder daß es auch nur den Anschein gewonnen, daß sich bei dem deutschen Volke Zweifel gegen die Aufrechthaltung der coustitmionellen Freiheit regen würde, so wäre die-Folge davon, daß das Haus Oesterreich a u 6 dem Reiche der H e r r sch e rf a m i l i cn v e r s ch w i n den iv ü rde " —
In obigem Schriftchen heißt es:
Ludwig Kossuth ist im Jahre 1806 in einem kleinen Dorfe der Rempliner Gefpauschaft im nördlichen Ungarn von adeligen Eltern geboren und von slovakischer Abstammung. Seine juristischen Studien vollendete er zu Pesth, wo er eine Zeitlang in drückender Armuth lebte, bis mehrere Deputiere ihm die Geschäfte, welche sie für verschiedene Comitate zu besorgen hatten, übertrugen. Auf diese Weise war Kossuth in die Lage gesetzt, sich denjenigen Studien, zu welchen er die meiste Hinneigung und Vorliebe hatte, mit Muße hingeben zu können; dessenungeachtet versäumte er nicht, die ihm zu Theil gewordenen Geschäfte und die damit verbundene Correspon- denz mit gewissenhafter Genauigkeit und unermüdlichem Fleiße zu führen. So lebte er eine Weile mit vielfachen Stadien beschäftigt, bis verschiedene Deputiere auf die vielen und großen Talente, welche in ihm schlummerten,
satze als die richtigen anerkennt, so lassen sich von diesem Standpunkt aus viele praktische Fragen unserer Zeit auf eine leichte und prinzipielle Weise entscheiden. Auf, die Pflege der Wissenschaft uhd Kunst muß in einem freien Staate ein Hauptaugenmerk ge- tichtet werden; es kann dieselbe daher nicht mehr dem Belieben des Regenten überlassen werden. Dieser bedarf also auch nicht mehr der bedeutenden pekuniären Mittel, welche erforderlich waren, so lange nur von solchen hochstehenden Mäcenaten in der genannten Beziehung etwas gethan wurde. Also: niedrige Ci- v i l liste n, einzig und allein auf eine Unterhaltung der fürstlichen PeZoueu berechnet. Die Gesichtspunkte, welche von manchen Seiten immer noch geltend gemacht werden wollen, daß großartige Kunstanstalten, Prachtgebäude, Parks und dergleichen Unternehmungen, rvojit es den Privaten an Mitteln fehle, von den Fürsten unterhalten werden müßten, oder daß durch die Höfe „Geld unter die Leute gebracht werde," — solche Rücksichten dürfen nicht mehr in Betracht kommen. Der freie Staat muß es selbst in die Hand nehmen, „Geld in Umlauf zu bringen," sowie Kunst und Wissenschaft zu schützen. Es wird dies dann auch auf eine zweckmäßigere, umfassendere und stetigere Weise geschehen können, als wenn Alles von dèr' zufälligen Einsicht und dem guten Willen eines Einzelnen abhängt. Aber — dies ist das zweite praktische Ergebniß unserer Erörterung — der Staat muß dann aber auch sofort das bisherige Amt der Höfe übernehmen, er muß, so weit es die Verhältnisse gestatten, für Kunst und Wissenschaft sorgen. So lange freilich der jetzige, in Folge der Revolution eingetretene Geldmangel andauert, kann der Sinn der Revolution in dieser Hinsicht nur sehr unvollkommen zur Verwirklichung gelangen.
So lange die stehenden Heere der Soldaten und Beamten den größten Theil der Staatseinkünfte verschlingen, kann keine Rede davon sein, neue Institute in der fraglichen Beziehung zu gründen, oder auf eine Hebung der bestehen den-bedacht zu sein. Aber das Bestehende muß vor dem Untergang bewahrt, muß auf bessere Zeiten erhalten werden. Wollte man die einmal vorhandenen wissenschaftlichen und Kuustanstalten zu Grunde gehen lassen, so würde man sich nicht nur eines bedeutenden Mittels der Bildung und des Fortschritts berauben, sondern es würden auch später doppelte Kosten erfordert werden, um (was doch nothwendig geschehen mußte) das, was man hatte verfallen oder untergehen lassen, wieder neu ins Leben zu rufen. Die „freie Akademie der Wissenschaften", wie sie von der Frankfurter Versammlung den Männern der Wissenschaft projektirt worden ist, wird frei-
aufmerksam wurden und ihn beauftragten, die Verhandlungen des ungarischen Reichstages in einer neugc- gründeten lithographirten Zeitschrift zu besprechen. Bis ! zu jener Zeit erschienen durchaus keine Besprechungen des Landtages und Alles, was man darüber erfahren konnte, bestand in einem kurzgefaßten Nesum« der wich- tichsten Verhandlungen. welches in den ceufirten politischen ' Journalen abgebrueft wurde. Mit einer bis dahin uu- ' gekannten Freimüthigkeit besprach Kossuth die Verhand- lnngen, und die Opposition war erfreut darüber, endlich ein Organ zu haben, welches ihre politische Handlungs» weise Angesichts der ganzen Nation vertreten könne. Die Regierung suchte so oft als möglich dieses litho- graphirte Journal zu confiöciren, indem sie behauptete, auch Lithographien gehörten in das Fach der Drucksachen und müßten eben so wie diese censirt werden. Allein nichtsdestoweniger vermehrte sich Kossuth die Zahl seiner Handschreiber, kümmerte sich weder um die Confiscation noch Censur und fand seine Bemühung reichlich dadurch belohnt, daß sein Journal eine ziemlich große Verbreitung im ganzen Lande fand. *
Seine mit übcrsprudelndcr Freiheitsbegcistcrung und leidenschaftlich geschriebenen Artikel schienen denn doch der Regierung zu gefährlich und Kossuth wurde endlich verhaftet und in ein schweres Gefängniß geworfen, da er mit verbundenen Augen in seinen Kerker geführt und auf eben solche Weise seiner Haft entladen wurde, |o i|„ es ungewiß, in welchem Gefängniß und auf welcher