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Freiheit nnb kerbt!"

JK 75. Wiesbaden. Donnerstag, 29. März ISW.

DieFreie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des MontagS, täglich in einem Bogen Der AbonnementsprriS betragt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 fr., auswärts DUr* die Poft bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem £rf0löe< Die Znserationögcbuhren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.

Bestellungen auf das mit dem 1. April beginnende neue Quartal beliebe man baldigst zu machen; hier in Wiesbaden in der H. W. Ritter sehen Buchhandlung, auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern.

in der Nass

Ciu Vertheidiger des Zensus Kammer.

C.L. Wiesbvden, den 27. März. In dem von der Freien Zeitung" ausführlich mitgetheilten Vortrage, welchen Müller II. in der Kammersitzung vom 15. März gegen den Zensus und zur Vertheidigung des Proletariats hielt, wieß derselbe unter andern: auch darauf hin, daß die Barrikadenkämpfer an d:e Thüren der ReichenHeilig sei das Eigenthum" schrieben. Der Abgeordnete Großmann glaubte sich berufen, das Mißtrauen gegen das Proletariat aufrecht erhalten zu müssen, indem er entgegnete:es wäre nur gut, wenn - es bei diesem Schreiben an die Thüren geblieben wäre, allein man hat auch die Thüren, wie^ wir alle wissen, geöffnet!" Was uns betrifft, so wißen wir nur, daß man die Thüren der Waffenläden und Zeughäuser ge­öffnet hat, um sich zum Kampfe zu bewaffnen. Und wenn man das nicht gethan hätte, so würde der Abg. Großmann schwerlich jetzt in einer mit durch das Proletariat gewählten Kammer sitzen und für den Zen­sus plädiren. Over hat der gestrenge Ankläger des Proletariats vielleicht die Brodunruhen von 1847 im Auge? Wahrhaftig, wenn die Proletarier damals in der Lage des Hrn. Abgeordneten Großmann ge- wefen wären, so würden sie keinen Bäckerladen ge­plündert haben! , .

Es war die Noth, es war die Gewalt des furcht­barsten Hungers, welche sie dazu trieb, was man selbst in Preußen durch Ertheilung einer Amnestie anerkannt hat. Daß nur der Hunger, nur die Verzweiflung jene Verletzungen des Eigenthums hervorgerufen, das bewies das Proletariat grave durch seine Haltung in den Revolutionskämpfen des vorigen Jahres, wo das­selbe die Waffen in der Hand hatte und thun konnte, was ihm beliebte, und dennoch die Geldsäcke Derer, die vor ihm zitterten, nicht nur unangetastet ließ, son- dern sogar beschützte. Ohnehin ist es klar, daß eine Klasse der Gesellschaft, welche eine Revolution macht, über die Stufe der vereinzelten Selbsthilfe, d. h. über die Stufe des Stehlens hinaus ist. Wer stiehlt, der macht keine Revolution, der läuft bei einer solchen höchstens als Beutelschneider hintendrein, was freilich einzelne Lnmpenproletarier thaten, die aber auch dafür, wie bekannt, häufig auf der Stelle standrechtlich verurtheilt wurden/ während andere Leute, die auch als Beutelschneider in anderem Sinn hinter der Revolution herschlichen, und den Profit davon zogen, bis jetzt unangefochten geblieben sind! Wer sich zur Revolution erhebt, der erhebt sich für eine Idee und wird von dieser beherrscht, sodaß die niedern Motive des Handels schweigen. Die Arbeiter, die am 18.

Heinrich von Gagern.

(Aus derNeuen Zeit.")

(Fortsetzung und Schluß.)

Wie er überall am Hergebrachten und Festgestellten hält, wie er nie am frischen Born vcs Lebens zu schöpfen, nie den noch frei emporsprudeluden Quell zu fassen weiß, so sieht er auch in allen Bestrebungen der Linken nur Ueberschreitnng ver Ufer, er läßt cs geschehen, daß ins­besondere nach der Waffenstillstandstragödie die moral­ische Macht der Linken in der Paulskirche völlig ver­nichtet wird; er hat kein Wort gegen die Phalanx der Majorität, Vie sich seitdem rückhaltlos jedem Antrag ver Linken widersetzt, die es konsequent vurchseyt, selbst nicht einmal dieBegründung" jener Anträge zuzulassen; er tritt dem aufs Tiefste verletzten Ehrgefühl der demo­kratischen Partei mit Ven WortenFrechheit" entgegen, wenn sich dies Gefühl in einer nur allzubegrünveten An­klage gegen die Majorität auöspricht.

In der Waffenstillstandsfrage gab sich G. eine große Blöße. Er hatte bis zum Schluß der Debatte präsidirt und nur kurz vor der Abstimmung das Präsidium an Soiron übergeben und alsdann mit der Majorität für Annahme ves Waffenstillstands gestimmt. Seine Ent­schuldigung auf Vie ihm deßhalb gemachte Anklage war ungenügend; er durfte hier nicht derMenge der auf- geschriebencu Redner" weichen, er mußte, wenn er der

September auf den Frankfurter Barrikaden standen, erklärten denjenigen, welche sie auf die Hoffnungslosig­keit ihres Kampfes hinwiesen:wir wollen für die Ehre Deutschlands sterben"; und sie sagten das nicht blos, sie thaten es! Daß aber Jemand, der für eine Idee das Leben einsetzt, zugleich die Absicht habe, durch Aneignung fremden Eigenthums für sein Leben zu sorgen, das ist psychologische Unmöglichkeit. Oder ihr Herrn, die ihr meint, der Mann in der Bluse werde von andern psychologischen Gesetzen regiert, als

der in Frack und Manschetten, blicket auf die Wiener Arbeiter, die, obgleich selbst bedrängt, in ihrer rühren­den Gutmüthigkeit ihren von Geld entblödten Führern, den Akademikern, 5 kr. von ihrem Taglohn anboten, die, obgleich die Herren derStadt, dennoch das Eigen­thum selbst ihrer schwarzgelben Feinde respektirten, die mitten unter den größten Anstrengungen und Entbeh- rungen nur die große Sache, für welche sie kämpften, vor Augen hatten,

Der Mann der Arbeit, Mann der Noth,

lächelnd trägt er seine Wunde,

Und scherzend geht er in den Tod.

Und Keiner weiß, daß er ein Held

Und daß er trägt ein Heilges Leiden,

Und wenn ihn eine, Kugel fällt,

Geht er zum Tode ein bescheiden.

Sie, kämpfen, weil sie kämpfen wollen

Für das, was ihnen groß und heilig

Nicht weil in der Ge,chichte Rollen

Sie prangen wollen flammenzeilig;

Sie kämpfen für den Gott der Freiheit,

Für Deutschland und der Zukunft Tage."

So spricht dieNeimchronik" von dem Proletariat, uud so, wie oben erwähnt, spricht der Abgeordnete Großmann von demselben. Grade die Claye der Gesellschaft, in welcher Vie sittliche Kraft noch unver­dorben und ungebrochen lebt, welche durch ihren, in den letzten Revolutionen an den Tag gelegten Hel­densinn, es sattsam dokumentirt hat, daß hauptsächlich auf ihr die Zukunft der Menschheit beruht, diese Classe wagt man jetzt noch zu verdächtigen! Diese Classe möchte man abermäls gerne von dem Genusse der politischen Rechte ausschließen, wenn dies, wie der Abgeordnete Großmann bedauernd sich ausdrückte, nur nicht sounpopulär" wäre! Nun wenn die Reaktion auf dem jetzigen Wege fortschreitet, so wird ein kluger Mann auch bald diesesZartgefühls," das man jetzt noch derPopularität" gegenüber hegt, sich entledigen!

Deutschland.

S. Vom Westerwald, 24. März. Wie traurig sieht es doch 'hier auf dem Lande aus! In unsere

Rechtmäßigkeit der Sache Glauben schenkte, wenn er durch die Gewalt der Ucberzeung genug siegen wollte, Alles anfbieten, was zur Aufklärung und Begründung beitragen konnte. Kein Mensch, der auf den Ruf der Unparteilich­keit,der Unbestechlichkeit seiner Handlungen und seines Urtheils Gewicht legt, durfte für diese Sachen stimmen, ohne Vies zu begründen.

Der Verdacht, das Heer zurückzuführen, um eS gegen Vas eigene Dosk zu gebrauchen, scheint sich nur allzusehr zu bestätigen. Ueberdies konnte sich G. bei diesem Ver­trage nicht mehr über Vie Sondergelüste und Sonderbe­schlüsse Preußens täuschen, und gewiß empfand er leb­haft Vie seinem Schooßkinv angethane Blamage, die Nicht­achtung der nichtssagenden Centralgewalt. Aber hier kam er in Conflict mit seinen Grundsätzen, hier handelte es sich um Aufrechthaltung stiner Principien. Man hatte nur Vie Wahl, nachzugeben oder sich auf dasdeutsche Volk" zu stützen. Nur unter dem unmittelbaren Schutz des Volkes konnte man den dynastischen Interessen cnt- gegentreten. Als es galt, dem weltcrvberndcn Napoleon Vie Spitze zu bieten, da erhob sich Preußen, gestützt auf Vas deutsche Volk. Wer mit dem Volk geht, wird durch das Volk siegen. Als es galt, das Interesse des Volkes, die Volksgewalt zu erobern mit Hülfe des Volkes, da verließ man sich lieber auf die Negierungen. Man machte es wie damals beim Vorparlament.

Sein Benehmen bei Herbeiziehung des Belagerungs­zustandes ist nicht zu rechtfertigen. Die kleinste An­

kahlen, heute wieder mit Schnee bedeckten Berge scheint weder die lächelnde Frühlingssonne, noch können wir uns so an dem Lichte des Fortschritts erfreuen, als unsere Brüder in den südlichen Gauen. So lesen wir mit Erstaunen in Nr. 67 derNassauischen Allgemei­nen" in einer Correspondenz aus Wiesbaden, daß für dort die Sonne für Medicin al-Reform bereits aufgegangen sei, indem dieser Correspondent von einer ' niedergesetzten bestehenden Commission für Revi­sion unseres Medicinalwesens" weiß; ja, indem die­ser Correspondent sogar die Mitglieder zu kennen scheint, indem er sie alsMänner von anerkannter Tüchtig­keit" bezeichnet, und bedauert, daß Herr Reuter nicht Mitglied dieser Commission ist. Wie haben wir schon gestrebt und gearbeitet, iTm eine solche Commission, übrigens notabene aus freier Wahl! zu Stande zu bringen; wir haben in öffentlichen Blättern die Noth­wendigkeit hervorgehoben, und in Petitionen an die Stände darum gebeten. Alles blieb stumm, bis der Correspondent derNass. Allg." uns so im Vorbeigehen das Bestehen einer solchen Commission meldet. Freilich liegen wir auf dem Westerwalde so und so viel nördlicher, hier scheint erst spät die Sonne. Wir bitten aber den Korrespondenten derNass. Allgem." uns doch ja recht ausführlich über diese Commission baldigst auf­zuklären.

Wir freuen uns sehr, daß es uns endlich gelungen daß die Theilnahme an unsrer Medicinal-Reform sich durch häufigere Artikel ausspricht, und deßhalb ist ein Beleuchten des Einen wie des Andern höchst wünschens- werth. Wenn aber der Verfasser der Correspondenz vom Rhein vom 24. Februar in derNass. Allgem.", der für die Biebricher Versammlung, das Biebricher Programm und die cirkulirende Petition an die Stände sich zum Lobredner aufwirft, die Frage thut, warum so wenig jüngere Aerzte die Biebricher Versammlung besucht hätten, und warum kaum Einer von ihnen den Mund aufthat"? so wollen wir darauf nur das ant­worten, daß es gerade die jüngeren Aerzte sind, die die Medicinal-Reform beantragten, daß es vielmehr geschah, eine Versammlung zu halten, weil die jüngeren ungestüm nach zeitgemäßen Reformen drangen, als weil sie die ältern als Bedürfniß erkannt hätten. Wenn aber keiner von ihnenden Mund aufthat", so war dieß nicht nöthig, weil ihn die andern zu viel aufthaten. Und wenn sogar aus Barmherzigkeitsgefühl der Wunsch ausgesprochen wurde, die Regierung möchte diewahrhaft bedräugte Lage der jungem Aerzte" berücksichtigen, da war es unmöglich,den Münd auf- zuthun." Uebrigens bedürfen die jüngern Aerzte gerade der Reform; denn jedes Subordinationsverhält­niß ist erträglich, wenn es vorübergehend ist. Das

strengung, eine Anrede ans .Volk, der ernstliche Wille, die Stimme des Volkes zn hören und sich aussprechen zu lassen, konnte das ganze Unglück verhüten. Aber man geht den Geschäftsgang, man bleibt ruhig auf dem Präsiventenstuhl uuv stellt sich unter den Schutz der Kanonen, um die Interessen des Volkes zu berathen. Man richtet die Kaonen gegen das Volk, nm die Rechte des Volkes zu wahren, insbesondere das freie Stimm­recht, die freie Wahl seiner Vertreter.

Die Barrikaden konnten bekanntlich durch einehcrum- ziehende Patrouille" verhindert werden. Doch wenn auch Alles beabsichtigt und erfolgt wäre, was man diesem improvisirten und führerlosen Aufstand zu .Grunde legt, liegt es nicht in der Vatur der Sachs, ist es nicht so klar wie die Sonne, daß sich kein Volk der Erde er­heben würde, um gegen Die zu kämpfen, von denen es Hülfe und Beistand hofft? Muß es nicht ganz ohne Vertrauen in seine Vertreter sein und dieses Mißtrauen allgemein und wohlbeg rundet wähnen, wenn sich ein Theil desselben erhebt in der festen Voraussetzung, daß ihm die Andern folgen?! Aber zu solchen Folgerungen wird G. nie gelangen, sie passen nicht ,ii seinenPrincipien."

G. ist nicht nur kein Volksmann, der die Gabe be­sitzt, in unmittelbarem Verkehr mit dem Volk zu wirken; er ist auch kein Mann für das Volk, das endlich zur vollen Anerkennung gelangen will, das in der Halbheit der constitutionellen Phraseologie nur die Abwehr des Des potismus, keineswegs die Garantien der Demokratie