Freiheit und Recht!"
Wiesbaden. Sonntag, 23. März
1849.
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Die kreisende Panlskirche. |
F ParturimU montes, nascctur ridiculus muss è Wiesbaden, 23. März. Wie sie sich abmühen in der Paulskirche, um etwas Großes, etwas Neues ‘ zu Staude zu bringen! Und wie abermals alle Anträge, einer nach dem andern, verworfen werden! So ; muß es kommen, weil — der rechte Antrag noch nicht gestellt ist! Alle bis jetzt gestellten Anträge müssen durchfallen, damit die deutsche Nationalversammlung ein getreues Bild der deutschen Zustände werde. Die gegenwärtige Lage Deutschlands ist so, daß die Einheit desselben nicht zu Staude kommen kann. Es mag ein Direktorium oder ein Triumvirat, ein Statthalter oder ein Präsident, ein Kaiser oder ein Reichsverweser, ein erblicher oder ein sterblicher, ein wählbarer oder ein wechselnder, ein 12- oder 6 jähriger, oder endlich ein Kaiser aufFüudigung „an die Spitze" gestellt werden: er steht nur dem Namen nach an der Spitze; die Einheit kommt dadurch um keinen Fuß weiter. Es wäre die neue Würde nur nominell, nur ein Titel. Die Einheit kann für jetzt nicht gegründet werden, weil die Freiheit nicht gegründet worden ist. Die Einheit Deutschlands ohne die Freiheit ist eine Chimäre, ein barer Unsinn, weil die Freiheit die Mutter der Einheit ist. Dies hat sich in dem Jahre, ■ das hinter uns liegt, klar herausgestellt; die Einheit Deutschlands kann gegenwärtig schlechterdings nicht zu Stande kommen! Und so treibt der Geist der Geschichte, der diesmal als ein nückischer Dämon, als der Geist der Komödie über der, von dem Welcker'schen Anträge erthrönenden, Paulskirche schwebt, die wild durchemauder wogende Versammlung dahin, daß sie nichts beschließen kann. O es ist köstlich, wie diese Ironie der deutschen Geschicke uns, wider Willen, zur Wahrheit treibt. Nur Wahrheit, Wahrheit, und „das Vaterland" ist wenigstens aus dem Selbstbetrug, aus der Lüge „gerettet!" Nur Wahrheit, die volle Wahrheit! Ein Königreich um ein Wort Wahrheit ! Ihr Männer der Linken, warum sprecht Ihr das Wort der Wahrheit nicht afid, da Euch doch all' Eure Abstimmungen darauf hinstoßeu? Warum redet ihr immer noch die Sprache der Diplomaten, die Sprache der Noten, der östreichischen und preußischen Noten, die was Anderes sagen, was Anderes wollen, die in erfreulicher Harmonie von einem Neuen reden, und ein Altes damit meinen, die von dem „Direktorium" sprechen und — den Bundestag darunter verstehen? Ja, das ist das wahre Wort, das ist der rechte Antrag. Den stellt! Der fällt nicht durch! Den Bundestag, den Bundestag! wir fordern den Bundestag, damit Wahrheit sei zwischen Euch und
uns! damit Niemand mehr sich etwas vorlügen kann ] über unsere Lage, damit Niemand mehr sich berauschen kann in eitlen Träumen von Deutschlands „Wiedergeburt"! damit es Niemand mehr ableugnen kann, daß wir zu dem Anfangspunkt unserer Revolution zurück- gekehrt sind, damit es auch den Blinden sonnenklar wird, daß wir unsere Revolution vergebens gemacht haben! Wahrheit gewonnen, Alles gewonnen! Lüge zerstört, die Zukunft gebahnt! Im Namen der Wahrheit, die dem Volke noch heilig ist, die dem Volke allein wieder Achtung vor Euch einflößen kann, gebt uns den Bundestag! Ihr habt die leeren Titel ja abgeschasit: so gebt uns die Sache auch unter dem ; rechten Namen, und denn könnt Ihr nach Haus gehen! ; Dann bricht die Sonne durch den Nebel der Täuschung, i und getröstet resignirend rufen wir: „Der Bundestag ist todt, es lebe der Bundestag!"
Nationalversammlung zu Frankfurt.
192. Sitzung.
Ein Antrag von Heinrich Muller und Genossen geht dahin, daß über die ganze Vorlage nach Beendigung der Abstimmungen eine Schlußabstimmung stattfinde. Dieser Antrag wird von Plathner, Zachariâ, Waitz bekämpft; von Raum er ck utib Anderen unterstützt. Der Muller'sche Antrag, für die ganze Verfassung eine Endabstimmung vorzubehalten, wird mit großer Mehrheit verworfen, und sodann zur Abstimmung über Abschnitt 1, „vuS Reich" geschritten. Artikel 1. §. 1. lautet nach dem Antrag des VerfassungsauSschussis: „Das deutsche Reich besteht auS dem Gebiet deS bisherigen teutschen Bundes. Die Theilnahme der österreichischen Bundesländer an den reichsverfassungSmäßigen Rechten und Pflichten bleibt Vorbehalten. Die Festsetzung der Verhältnisse des Herzogthunis Schleswig bleibt vorbehalten." Der erste Satz wird angenommen, über den zweiten namentlich abge- stiinmt, und derselbe mit 290 gegen 240 Stimmen verworfen. Ein Zusatz von M. Mohl und 50 Andern, also lautend: „Die Aufnahme weiterer Lauder in das deutsche Reich kann durch ReichS- gesetze erfolgen" wird bei namentlicher Abstimmung mit 2d 8 gegen 259 Stimmen abgelehnt. Die Abgeordneten Esterle, Mar- signi und Gazzoletti wiederholen ihre bei der ersten Lesung eingelegte Protestation gegen den § 1, insofern er das italienische Tyrol als integrirenden Bestandtheil des deutschen Reichs erklärt und die nationalen Rechte desselben verletzt. Ueber §. 2. „Kein Theil des deutschen Reichs darf mit nichtdeutschen Ländern zu einem Staate vereinigt sein," wird namentlich abgestimmt und derselbe mit 266 gegen 265 St. verworfen. Zwei Mitglieder haben sich der Abstimmung enthalten. Reh bemeikt, auf diese Weise wäre eine der wichtigsten Bestimmungen der deutschen Verfassung mit einer Stimme Mehrheit verworfen. Da aber die drei Mitglieder aus Wälschtyrol gegen den §. 1 protestirt und erklärt hatten, nicht zu Deutschland gehören zu wollen, so seyen sie ancy nicht berechtigt gewef.-n, mltzuf.immen. (Lebhafter Widerspruch links und anhaltende Bewegung in der Versammlung.) Präsident Simson bemerft, nachdem mit Muhe die Rube hergesteUt worden, die Frage wegen deS Stimmrechts der drei Abgeordneten aus Wälschtyrol müsse selbstständig entschieden werden. Der § 2. sei in dieser Abstimmung mit 266 gegen 265 verworfen. Da durch werde aber einem spätern Beschluß über die Gültigkeit der
Abstimmung nicht prâjudizirt. (Neuer Widerspruch links.) Der Präsident erklärt ferner, daß er die Frage wegen des Pretestes der drei Abgeordneten aus dem italienischen Tyrol in der Nach- nuttagssiKiing zur Berathung bringen werde. (F. I.)
Nassauischer Landtag.
91 te Sitzung vom 24. März.
Präsident: Gergens; auf der NegierungSbank: Werren.
Unter den Eingaben an die Kammer befindet sich auch Henle eine schwulstige und phrasenreiche Berti auensadreffe von Diezer Männern für den Abgeordneten Zoll mann. Diese VertrauenS- adreffe behauptet, daß eine „Minorität" mit dem Abgeordneten Zollmann (der aufgefordert wird, so wie bisher zu wirken) unzufrieden sei. O zarte Blume des Vertrauens: wie schön nimmst du dich aus aus dem Mistbeete des deutschen hundertjährigen Jammers und Elends. D ihr beneidenSwelthen kindlichdeutschen Bursche: wie harmlos und glücklich lebt ihr doch dahin und habt keine Ahnung von dem Vielen, „waS unS noch noththut". Habt nur immer fort so Vertrauen wie bisher und erwäget, daß den Einfältigen daS Himmelreich — wenn auch nie des Erdenreich gehört.
Der Reg ernngscommiffär übergibt sodann der Kammer zur Berathung und Be,chlußuahme drei Gesetzentwürfe:
1) über die Abkürzung der Verjährungsfrist bei einigen Arten von Forderungen;
2) über die Regulirung des Hausirhandels ;
3) über die Organisation der Eentrulmrwaltung.
Nachdem diese Entwürfe den betreffenden Ausschüssen überwiesen worden, ergreift Lang daS Wort zu einer Interpellation. Er fragt nämlich bei der Regierung an: warum das z.hnte Stück des Reia-sgesetzblatleS nicht ausgegeben worden sei. Werren gibt zur Antwort, er werde in einer der nächsten Sitzungen Antwort geben.
Lang erwiedert, daß dies Verschieben auffallend sei, da er doch vorher die Reg erung von seiner heutigen Interpellation in Kenntniß gesetzt habe. Werren: er sei n cht bevollmächtigt, heute weitere Auskunft zu geben.
Der Abgeordnete Schlemmer erstattet sodann Bericht über die Wahl von Braun in St. Goarsh nisen. Die Wahl wird nach der Berichterstattung einstimmig für gültig erklärt. Auf der Tagesordnung steht ferner: Bericht deS Ausschusses, über das Einführungsgesetz, betreffs der neuen Lokalverwaltung. DaS Einfuh- rungsgesetz bestimmt, daß das Gesetz über die Trennung der Justiz von der Verwaltung mit dem 1. Juni ins Leben treten solle, und ordnet die nothwendigen Wahlen auch für die Zukunft im Monate Mai an. Der Ausschuß schlägt vor, die betreffenden Wahlen der Wahlmänner künftig im Dezember, und diejenigen der KreiSrâthe im Anfang Januar eines jeden JahreS vorzunehmen. Letzterer Vorschlag wird einstimmig von der Kammer gebilligt, im Uebrigen aber daS sragliche Gesetz ohne wesentliche Modifikationen angenommen.
Ein Rumpelkammerantrag deS Abg. Bertram, die Ersatzmänner ste'S durch die alten Wahlmänner wählen zu lassen, wird von der Kammer, nachdem der genannte Antrag seinem Wassergehalte nach von dem Abgeordneten Braun vollkommen leleuch- tet worden, abgelehnt. Gegen 10 Stimmen ward ebenfalls ab- gelehut, die Jnbetrachtnahme deS folgenden Zusatzparagraphen r<S Abg, Braun: „die Regierung solle dann, wenn bei der Regu i- rung der neuen Kreisämter, sich unbesiegbare Schwierigkeiten darböten, die Eintheilung, wie sie die Kammer beschlossen, durchzufuhren, befugt sein, einzelne Gemeinden nach Wunsch zuzutheilen, sowie auch noch einige (2—3) neue KreiSâmter zu errichten."
Neveille.
Melodie der Marseillaise.
Frisch auf zur Weise von Marseille Frisch auf ein Lied mit hellem Ton! Singt es hinaus als die Neveille Der neuen Revolution!
Der neuen Revolution!
Der neuen, die mit Schwert und Lanze Die letzte Feffel bald zerbricht — Der alten, halben singt es nicht!
Uns gilt die neue nur, die ganze! Die neue Rebellion!
Die ganze Rebellion!
Marsch, Marsch'.
Marsch, Marsch!
Marsch — wär's zum Tod!
Und unsre Fahn' ist roth! (bis.)
Der Sommer reift des Frühlings Saaten, Drum folgt der Juni auf den März. O Juni, komm und bring' uns Thaten ! Nach frischen Thaten lechzt das Herz! Nach frischen Thaten lechzt das Herz!
Laß deine Wolken schwarz sich ballen, Bring' uns Gewitter Schlag auf Schlag! Laß in die ungesühnte Schmach Der Rache Donnerkeile fallen!
Die neue Rebellion!
Die ganze Rebellion!
Marsch, Marsch! Marsch, Marsch! Marsch — wär's zum Todt ! Und uns're Fahn' ist roth! (bis.)
An uns're Brust, an uns're Lippen, Der Menschheit Farbe, Heil'ges Roth! Wild schlägt das Herz uns an die Rippen — Fort in den Kampf! Sieg oder Todt! Fort in den Kampf! Sieg oder Todt! Hurrah, sie sucht des Feindes Degen, Hurrah, die ew'ge Fahne wallt!
Selbst aus der Wunden breitem Spalt Springt sie verachtend ihm entgegen! Die neue Rebellion!
Die ganze Rebellion!
Marsch, Marsch! ...
Marsch, Marsch!
Marsch — wär's zum Todt !
Und uns're Fahn' ist roth ! (bis.)
(A. d. N. Nh. Z.)
F. Freiligrath.
Heinrich von Gagern
(Aus der „Neuen Zeit.")
(Fortsetzung)
Principitlifragen in Bezug auf das Volk, lagen völlig auf die utopischen Inseln. Es handelte sich nur um ein Minimum von Concessionen, um das Festhalten einiger dünnen Rechtsfädcu. Wir können daher schon aus diesem Grunde nicht der Behauptung beistimmcu, daß G. sich besonders bei den Diskussionen über Principicufragen betheiligle und auSzeichnete. Wie schwach er gerade in diesem Punkte ist, wie wenig er von dem Grundgedanken der Neuzeit, von dem Princip der Demokratie jemals berührt gewesen sciu kann, beweist er zur Genüge in der Gegenwart. „Obgleich für die Parole unserer modernen Zeit: freie Presse, Volksmündigkeit, echtes Staatsbürger- thum, unabhängige Gerichte und würdige Gesetze, ist er doch auch Principien der Ritterlichkeit und Aristokratie, durch Geburt, Erziehung, später geknüpfte Verhältnisse und Neigung zugewandt/' dadurch veiläuguct er aber gerade die Consequenzen jener Parole. Wir müssen den Schlüssel zu seiner Berühmtheit, den Grundstein seiner Erhöhung in dem Denkmale suchen, das ihm in der Glanzperiode seines Lebens gesetzt wurde, deren Verhältnisse wir oben bezeichnet haben, und wobei seine Geburt, seine Familie, seine Stellung und Erlebnisse nicht die geringsten Zufälligkeiten abgebcn. Unter diesen hebt sich sehr