Nacken dem Henkerbeil dar, weil sie wissen, daß gegen den ewigen Rathschluß der Götter die Sterblichen umsonst ankämpfen. Rasp all legte vom Gesichtspunkt der ruhigen Vernunft aus, im Hinblick auf die ewig unveräußerlichen Rechte der Menschheit, in einer würdevollen Rede Einspruch gegen die Competenz des Gerichtshofes ein; er deduzirte mit einer äußerst scharfen Logik die Nothwendigkeit, daß der Hof, im Hinblicke auf die Geschichte seiner Entstehung, vor dem Amte zurückschrecken müßte, welches eine dem von den Angeklagten vertretenen Prinzipe feindliche Partei ihm aus leicht zu begreifenden Gründen auferlegt habe, und zwar mit Verletzung eines Rechtes, welches selbst die barbarischsten Zeiten noch geachtet hätten. Er erinnerte den Hof daran, daß man ihn acht Monate nach Begehung des ihm und seinen Schicksalsgenossen zur Last gelegten Verbrechens geschaffen und ihm die Macht beigelegt habe, mit seiner strafenden Hand in die Vergangenheit zurückzugreifen, um auf diese Weise ein Vergehen zu ahnden, welches gar nicht gegen die von ihm aufrecht zu erhaltenden Gesetze begangen worden sei. Blanqui bekämpft diese „Retro ak- tivität" mit der ihm eigenen Leidenschaftlichkeit, mit jener Schärfe, welche sich seinem Charakter durch die langen, harten Verfolgungen beimischen mußte, die er während so vielen Jahren unter der Tyrannei des Hingeschiedenen Königthums erduldet hat. Jedes Wort dieses seltsamen Anachoreten, dessen Geist in der Einsamkeit der Kerker eine so düstere Färbung angenommen, sprang mit der Elastizität eines von guter Sehne geschnellten Pfeiles hervor und traf mit einer Sicherheit, welche seine Gegner in die schrecklichste Verlegenheit bringen mußte. Blanqui stifte sich auf den Buchstaben des geschriebenen Gesetzes ; er kennt keine Gefühlserschütterung, er appellirt nicht an den innern Menschen, sondern er zwingt dasRechtsbewußtsein vor die Schranken, gegebener, anerkannter Gesetze und vernichtet seinen Gegner durch die Deductionen, welche er aus diesen gegebenen Momenten ableitet. — Barbes, den man mit Recht den Bayard der Demokratie genannt hat, erinnert in seinem ganzen Wesen an jene großen Männer, welche die erste französische Revolution der Nachwelt zur Bewunderung aufgestellt hat. Wie Danton erscheint er vor seinen Richtern mit einer Resignation, in welcher er sich in stolzem Bewußtsein über die er- bärmlichen Kreaturen erhebt, welche berufen sind, einen Mann zu richten, der in seinem weiten Herzen eine ganze glückliche Welt trägt, aber dieses Herz nicht öffnen maß, weil er den Markt verachtet, vor dem er seine Ideale aufstellen müßte. Barbes ist ein edler großer Charakter; er ist eine jener Naturen, welche die Jahrhunderte so selten hervorbringen, damit sie eine verkommene Generation zu sich in die Sphäre ihrer Gewöhnlichkeit herabziehen, und unter dem Fluche, der auf ihr lastet, vernichten muß. Sein ganzes Leben legt ein Zeugniß für diese Behauptung ab. Unermüdlich in dem Kampfe gegen das Königthum, unbeugsam unter den harten Schlägen, welche ihm dieser stete Kampf gebracht, behielt er in den Kerkern, auf den Galeeren die ganze Frische seines schöpferischen Geistes bei, durch welche er sich die Bewunderung der Gegenwart und noch weit mehr der Zukunft gesichert hat. Barbes vertheidigt sich nicht vor dem erceptio- uellen Gericht zu Bourges; mit folgenden, ewig denkwürdigen Worten legte er seinen Protest gegen das „Ausnahme-Gericht" nieder und erwartet das Urtheil, durch welches seine Feinde ihn zu vernichten gedenken: „Meine Herren! Mit welchem Rechte glauben Sie mich richten zu dürfen? Offenbar nur mit dem Rechte des Stärkeren! Denn wenn die Männer, welche am 15. Mai nach dem Stadthause zogen, Herren des Tages geblieben wären, so würden Sie ihre Herrschaft mit Beifalljauchzen begrüßt haben, wie Sie ja auch die vom 24. Februar angenommen haben. Ja die Gewalt, nichts als die Gewalt hat Sie zu unseren Richtern gemacht, wie das denn immer die Rolle ist, welche sich die siegende Partei beilegt, während sie die
besiegte zu Angeklagten stempelt. Sie sind ausersehen, , mich zuverurtheilen. Sie, ein Ausnahme-Gericht, j Sie hat man berufen, und um desto sicherer zu sein, daß Ihr Arm das Opfer nicht fehle, welches man ihm überwiesen, hat man Sie aus den Elementen zusammengesetzt, die dem von uns vertretenen Prinzip am feindlichsten gegenüberstehen. Sie, „Anbeter der Rechte des Capitals" — wie ja auch ehemals die Heiden, nur mit weniger Schlechtigkeit, den Jupiter und Merkur verehrten, bis Christus kam, um der Welt eine neue Religion zu geben — welche Freude werden Sie empfinden, daß es ihnen gegönnt ist, Socialisten durch Ihren Urtheilsspruch zu vernichten. — Zwischen Euch und ihnen besteht in der That ein Kampf auf Tod und Leben! ein Kampf, den wir gegen Euch führen, um Euer Idol von dem Altare herabzustoßen und -die ganze Menschheit mit den Gütern zu beglücken, die unsere Zeit verspricht, ein Kampf, den Ihr dadurch erwiedert, daß Ihr uns gleichsam mit Wollust in den Kerker werft und uns das Haupt abschlagen ließet, wenn nicht die Februarrevolution diesem Gelüste ein Ziel gesteckt hätte. — Bei Gott! ich zürne Ihnen deshalb nicht. So will es ja das Geschick, welches sich au diejenigen klammert, die berufen sind, untergehende Institutionen zu vertheidigen; sie hegen einen unbegreiflichen Haß gegen die Verbreiter neuer Ideen, sie fühlen das Bedürfniß, ihre Gegner durch rohe Gewalt zu vernichten, sie dem Henkerbeile zu überliefern! In jener grauenvollen Junischlacht, deren Kanonenschläge ich unter Todesqualen hinter dem Eisengitter meines Kerkers vernommen, hat Ihre Partei Drei Tausend Menschen nach dem Kampfe hsingeschlachtet!! Drei Tausend Menschenleben einem Moloche geopfert, den Sie „Capital" nennen. Wissen Sie, meine Herren, daß Sie mit weit, weit weniger Opfern Italien hätten befreien können? — Und dennoch werfen Sie unsern Vätern jeden Tag vor, daß sie Frankreich durch Grausamkeiten gerettet, die neben den von Ihnen begangenen in nichts zerfallen! O! weit sei der Gedanke von mir entfernt, jene Zeiten wieder zurückführen zu wollen! Erhabenes — grauenvolles 93! — Du hast mein Vaterland gesehen, wie es mit der einen Hand sein eigenes Herz zerriß, und mit der anderen die verbündeten Könige von Europa auf die Knie zwang! Dein hohes Werk ist für alje Zeiten vollendet: wie ja auch jene gewaltige Erderschütterungen nur einmal stättsinden, damit sie den Erdball durchdringen und für das Leben der Menschheit vorbereiten sollten, deren Geburt der Zeiger an der Weltenuhr verkündet hatte! — Wer heute noch von dir träumen wollte, wäre in der That wahnsinnig. Eben so gut sonnte man wünschen, die Natur möge wieder zu jener Periode zurückkehren, in welcher die Meere noch nicht in ihre endlose Becken eingeschlossen, mit den Vulkanen im Kampfe lagen, die sie durch ihre Gluthen zum tobenden Aufstande zwangen! Wir sind in das zweite Alter der Revolutionen eingetreten, wo sie weit mehr der Vernunft, der Wissenschaft als des Schwertes zu ihrem Triumphe bedürfen. Aber wollten Sie, m. H., zu jenen gewalt- thätigen Repressalien reizen, die eine müde gehetztes Volk endlich ergreift, um seine Unterdrückung niederzuwerfen — könnten Sie wohl einen bessern Weg betreten, als der ist, auf dem Sie sich befinden? — Wie, Sie verweigern das „Recht auf Arbeit" jenen ersten Schritt zur Anbahnung einer besseren Zukunft; Sie antworten mit Kanonendonner in den Straßen auf die Stimme des Elendes und des Hungers! Sie verhangen den Belagerungszustand auf unbegrenzte Zeiten über unsere Städte! Sie werfen tausende der besten Bürger aus autocratische Polizeiverordnungen hin auf die Pontons, während Sie andere durch Ihre Kriegsgerichte wie Räuber und Mörder verurtheilen! Sie zwingen Frankreich, seine Pflichten den Nationen gegenüber zu , vergessen, indem sie es gleichsam offiziell herabwürdigen, wie das zu Zeiten eines Louis Philipp der Fall gewesen; und endlich als geschehe es zum Hohne, fom- j
men Sie, m. H., vielleicht Royalisten — um ein Ur- i theil über die erprobtesten Soldaten der Demokratie zu fällen, ohne zu bedenken, daß all dieser Schmerz, all diese Schmach sich im Herzen des Volkes ansam- melt und vielleicht die überfüllte Schaale zum Ueber- schäumen zwingen wird! — Ich halte inne. Ich will nicht, daß man von mir sagen könnte, ich habe an dieser Stelle meine Zuflucht zu Drohungen genommen. Mein einziger Gedanke war, Ihnen zu sagen, daß ich Sie nicht als meine Richter anerkenne und daß ich nicht beabsichtige, mich vor Ihnen ^u vertheidigen. „Zu vertheidigen! — Und weshalb denn?" — Unzweifelhaft deshalb, daß ich während meines ganzen Lebens ein Republikaner gewesen bin. Es ist natürlich, daß Sie mich dieses Verbrechens wegen verurtheilen werden. Indem ich aber den Nacken ohne Widerstreben Ihren: Henkerbeile hinhalte, habe ich wenigstens den Vortheil, daß ich Ihnen nicht gestatte, das Nechtsbewußtsein im Geiste des Volkes durch diesen Sch ein Proceß zu vergiften!! Ich erkläre daher, daß ich keinen Antheil an den Verhandlungen nehmen werde, welche in diesen Räumen stattfinden und bitte, man möge mich in mej- Kerker zurückführen." —
Nationalversammlung zu Frankfurt.
19 L Sitzung *).
Es wird mit der Abstimmung über die verschiedenen Amendements hinsichtlich des Welckcr'schen Antrags fortgefahren. Zuerst wird über den Antrag des Abgeordneten Hildebrand abge- gestimmt. Er lautet:
Für h. wird folgende Fassung beantragt:
„das deutsche Reich besteht aus dem Gebiete des bisherigen deutschen Bundes. Die Festsetzung der Verhältnisse des Herzogthums Schleswig bleibt Vorbehalten."
Nach Ib. ist als dritte Modifikation unter c. einzuschalten: „c. daß in den §§. öl nud 108 die Bestimmungen über das Veto der Kaisers in der Fassung beibchaltcn werden, wie sie aus der ersten Lesung hervorgcgange» sind; unter 3) ist Lit. b, welche die geheime Wahl in eine öffentliche verwandelt, ganz wegzulassen."
Dieser Antrag wird mit 487 gegen 6 Stimmen v er- worfen.
Der Abg. Bresgen nimmt seinen Antrag, wornach daS Reichsoberhaupt den Titel Reichsstatthalter führen, auf 6 Jahre, eventuell lebenslänglich durch den Reichstag in vereinigter Sitzung beider Häuser mit absoluter Stimmenmehrheit gewählt werden solle rc. zurück.
Der Antrag des Abg. R ado Witz, welcher lautet:
Die deutsche konstituirende Nationalversammlung, in Erwägung der dringlichen Lage der vaterländischen Verhältnisse, beschließt:
1) Die gesammte deutsche Neichsverfassnug, so wie sie jetzt nach der ersten Lesung und nach möglichster Berücksichtigung der Regierungen von Dem Verfassungsausschusse re- di girt vorliegt, wird einschließlich des Wahlgesetzes, jedoch mit Den durch den Verfassungsausschuß vorgeschlagenen Modifikationen, durch einen einzigen Gesammtbeschluß angenommen,
2) Dem nächste» nach Einführung der Verfassung zusammen- tretenden Reichstage wird das Recht Vorbehalten, in seiner ersten Sitzungsperiode Aenderungen einzelner Bestimmungen der Verfassung in Gemeinschaft mit der Reichs- regierung in den Formen der gewöhnlichen Gesetzgebung zu beschließen.
3) Die sämmtlichen deutschen Regierungen werden eingeladen, diesem Beschlusse zuzustimmen und ihn in Ausführung zu bringen.
4) Mit denjenigen deutschen Staaten, welche der ReichSver- fassung nicht beizutreten erklären, besteht das Bundesverhältniß fort, welches durch die Akte vom 8. Juni 1815 festgestellt worden. Die durch die veränderten Umstände gebotenen Modifikationen in derselben bleiben einer unverzüglichen Revisiion Vorbehalten.
5) Nach eingegangener Erklärung sämmtlicher Regierungen über ihren Beitritt wicv die Wahl deS Reichsoberhauptes erfolgen.
wird mit großer Majorität verworfen.
Der Abgeordnete Eisenstnck erklärt, daß er seinen Antrag, in Anbetracht, daß darin die Annahme deS Wahlgesetzes, wie eS aus der ersten Lesung hervorgegangen, ausgelassen sei und der Heckschec'sche im Wesentlichen mit dem seinigen ubereinssimme, aber den angeführten Mangel nicht besitze, zuruckziehe. DiejGegnipartei
*) Durch ein Versehen deS Setzers ist die SitzungSzahl in einigen vorhergehenden Blättern unrichtig angegeben, was mit der heutigen dahin berichtigt wird.
fein Verfahren in der Kammer. Von nun an wurde fein ; Name zum Aushängeschild der durch die Regierung unter- drückten Fortschrittspartei. Eine radikale gab es damals j nicht und so sammelten sich alle Parteien, welche nicht dem unbedingten Stillstand huldigten, unter diesem Banner. Das Verdienst der Uneigennützigkeit in gemeinen Dingen, in untergeordnetem Vortheil gebührt G. unbedingt. Um so mehr müssen wir ihm dies in Bezug auf Anerkennung derselben streitig machen. Als junger, talentvoller Mann, in der Fülle der Kraft und der Gesundheit, der sich überdies früher entschieden gegen das Pcnsionircn solcher Beamten ausgesprochen, würde es sich wenig mit seiner Eonsegnenz und seinem ritterlich militärischen point d'honeur vertragen haben, von seinem Feinde seinen Lebensunterhalt anzunehmen. Er zog es vor, die moralische Niederlage desselben durch Verachtung seiner üb- riggebliebenen Macht noch mehr zu demüthigen und seinen eigenen Triumph dadurch zu vergrößern. Daß er die Unterstützung des Volkes ausschlug, um sich von keiner Partei für seine Gesinnung bezahlen zu lassen, war eben so ehreuwerth als taktvoll, und kommt ihm jetzt sehr zu Stätten, nachdem sich die Stimme des Volkes in so verschiedene Parteien getheilt hat, daß schwerlich mehr eine Majorität seiner damaligen Verehrer ihn als ihren Vertreter betrachten möchte. Gagern war schon damals der gefeiertste Name der Residenz Darmstadt und cs ist schwer zu entscheiden, ob ihm bei dem männlichen oder weiblichen Geschlechte mehr und enthusiastischere Ver
ehrung zu Theil wurde. Er war gewissermaßen zum Cultus bei dem gebildeten und freisinnigen Theil Darmstadts geworden. Seine intimeren Freunde huldigten ihm unbedingt nnd die verschiedenartigsten Charaktere fesselte er ebenso sehr, wie er sie ohne Anstrengung, mitunter wohl ohne Wissen beherrschte. Selbst die der seinen völlig entgegengesetzten Naturen unterwarfen sich seinen Aussprüchen wie einem Orakel. So wenig wir ihm die dieser Auszeichnung zu Grunde liegenden Vorzüge bestreiten wollen, liegt doch in dieser alleinigen und einstimmigen Anerkennung eine Anklage und ein Mißtrauensvotum gegen das Urtheil jener Zeit, die einen Platen mit Hohn und Spott verfolgte und dadurch bewies, daß in ihr eine radikale Natur, ein selbstbewußter hoher Genius weder zur Anerkennung noch znr vollen Uebung seiner Kraft gelangen konnte, eine Zeit, die talentvolle und selbständige Eigenthümlichkeiten meist um das Bewußtsein ihres Werthes brachte oder sie zur Verzweiflung am Leben, zur Verleugnung ihres Vaterlandes, einsam an fremden Gestattn hinsterben ließ.
Nnr ein die Schwächen der Zeit vermittelnder, der Halbheit adäquater Charakter mit eben solchen äußern und innern Vorzügen geschmückt, vermochte jener Zeit zu imponiren. Nur ein solcher konnte die von Gagern gerühmte Macht auf die Elite einer Gesellschaft ausüben, die wohl etwas Licht varträgt, aber von großer Helle geblendet wird; die eine Eigenthümlichkeit zu schätzen weiß, welche der ihren überlegen ist, aber nicht ent
fernt genug, um sich nicht zeit- und tbcilweise zu ihr empor zu schwingen ; eine Eigenthümlichkeit, die Alles besitzt, was den Geist fesselt und hebt ohne den Schwächer» zu nahe zu treten: die selbst mit Anmuth unD Talent begabt, für das Schöne, Edle, selbst für das Ungewöhu- liche Sinn hat, wenn es sich bereits vollendet, in entsprechenden Formen und fanctionirten Verhältnisse dar- ftedt; kurz eine Erscheinung, die über dem Niveau der Alltäglichkeit steht und dem Alltäglichen fRedmung trägt. Dieselbe Begabung mit großen markirten Charakterzügen hervvrtretcnd, hat von jeher ein entgegengesetztes Schicksal gehabt, sie wird stets von der Menge angefeindet, konnte sich nur über Trümmer Bahn brechen; sie hat überall nur Haß und Mißverstand gcerudtct, bis sie durch die llcbcrmadn ihres Geistes die kleinlichen Leiveu- schaften ihrer Gegner zum Schweigen brachte.
Als G. als Volksvertreter in der Hess. Kammer glänzte, war man über das Wesen eines Volksmannes noch sehr im Finstern.
(Fortsetzung folgt.)